
Durchblick 8+ – Azur und Asmar – Michel Ocelot – Frankreich 2006 – 95 min.
Als kleine Jungen wissen Azur und Asmar noch nichts von Fremdheit und Anderssein. Sie leben beschützt in der Obhut einer Frau, die dem einen, Asmar, die leibliche Mutter ist, dem anderen die Amme. Mit leisem Witz vermittelt uns gleich die Eingangsszene die Situation. Die schöne, warmherzige Orientalin hält rechts und links einen der Buben im Arm. Wir sehen in die riesigen blauen Augen von Azur, dem sie das Wort „Amme“ beibringen möchte. Doch es kommt immer ein „Anne“ aus seinem Mund. Wenn sie Asmar dann „Mama“ vorspricht, echot auch der erst einmal „Anne“, wie zuvor mehrmals vom „Bruder“ gehört. Begriffe haben noch keine Bedeutung für die zwei Kleinen, wohl aber die Geborgenheit, die beiden gleichermaßen vermittelt wird. In einer etwas späteren Szene, wenn aus Azur und Asmar schon miteinander balgende und streitende Lausbuben geworden sind, wetteifern sie auf Kinderart. Asmar beleidigt Azur, woraufhin der sagt, „aber du hast noch nicht einmal einen Papa“. Der kontert, „ja, aber du keine Mama.“ Nachdenklich erwidert Azur: „Deine Mama ist auch meine Mama“, was von Asmar energisch bestritten wird.
Zu diesem Zeitpunkt dürfen sie schon nicht mehr alles miteinander teilen. Die unbeschwerten Kindheitsmomente zu dritt, in denen ausschließlich die Mutter beziehungsweise Ziehmutter für sie da war, arabische Lieder mit ihnen sang, gerecht Leckereien zwischen ihnen teilte, sie ins Bett brachte und ihnen wundersame Geschichten aus ihrer fernen Heimat jenseits des Meeres erzählte, sind vorbei. Azurs strenger Vater sieht nur eine Dienstbotin in Asmars Mutter, die zudem noch seinem Sohn den Kopf mit Unsinn vollgestopft hat, und dringt auf Distanz. Sein Junge soll nicht mehr in der gemütlichen Kammer neben Asmar schlafen, sondern allein in seinem prächtigen Zimmer, und herrschaftliche Dinge wie Tanzen, Fechten und Reiten lernen. Von all dem bleibt Asmar ausgeschlossen. Man sieht nur, wie er den „Bruder“ bei seinen Übungen aus der Ferne beobachtet, auf einer Mauer den Reitrhythmus mitwippt und gelegentlich über dessen Ungeschicklichkeiten spottet. Kannten die Jungen zuvor nur Liebe und Gerechtigkeit, die ihnen gleichermaßen geschenkt wurden, lernen sie jetzt die gesellschaftlichen Unterschiede in dem mittelalterlich anmutenden Frankreich kennen und dass sie nicht über dieselben Rechte verfügen. Doch die selbstverständliche menschliche Wärme ihrer Kleinkindertage verleiht ihnen hinreichend Charakterstärke, um sich davon nicht anfechten zu lassen. Bei jeder Gelegenheit stecken sie zusammen. Ihre Streitereien sind ein natürliches Kräftemessen, wie es Buben in diesem Alter entspricht. Und wenn Azurs Vater ihn wütend wegzerrt und ohne Abendessen ins Bett schickt, bringt Asmar ihm nachts heimlich etwas.
Die „brüderlichen“ Bande sind stärker als die kalten Versuche des Vaters, Azur zu einem „nützlichen“ Mitglied der Gesellschaft zu erziehen, das die Verhältnisse zementiert und andere, die nicht seinen Stand haben, mit Verachtung straft. Das ahnt auch sein Vater und führt eine jähe Trennung herbei. Sein Sohn wird Hals über Kopf mit einem Lehrer in die Stadt verfrachtet, um dort zu lernen, während er die Amme und Asmar umgehend aus dem Haus jagt. Was das für den hier aufgewachsenen Asmar bedeutet, lässt sich erst ermessen, als die drei sich in dem maghrebinischen Heimatland von Azurs Ziehmutter wieder finden. Asmar, schön wie ein Prinz gekleidet, empört sich auf Arabisch über den Vagabunden am Tisch seiner Mutter. Sie hingegen stellt sofort in Azurs Sprache klar, dass es sich um seinen Bruder handle, dessen Land nicht dreckig sondern wunderschön sei und der niemals Unglück über sie gebracht habe.
Kurz zuvor noch fühlte sich Azur als Fremder im Land seiner Kinderträume, von dem die Ziehmutter ihnen beiden soviel erzählt hatte. Als Schiffbrüchiger an Land gespült, getrieben von der Sehnsucht in seinem Herzen, erfährt er zunächst nur Ablehnung. Graubraun erscheint die Landschaft; arm, krank und voller Vorurteile begegnen ihm die ersten Menschen hier. Doch je er mehr er sich auf das Fremde einlässt – anfangs mit geschlossenen Augen, was aber ja bekanntlich die anderen Sinne schärft – desto deutlicher erkennt er, dass es wie daheim Schlechtes und Gutes gibt. Und näher wird einem das Unbekannte dadurch, dass man Gefährten, Freunde findet. Wobei die leichter unter denjenigen anzutreffen sind, die selbst schon die Erfahrung des Fremdseins gemacht haben.
Ängstlich und verzweifelt ist Azur gestimmt, als er erkennt, welch Entsetzen seine blauen Augen hier auslösen, weil viele glauben, Helläugige seien verflucht und würden Unglück über andere bringen. Das Faszinierende an dieser einfachen Idee des Filmemachers ist natürlich, dass niemand etwas für sein Äußeres kann, es nicht wirklich zu ändern vermag und das alles nichts über Charakter und Wertvorstellungen eines Menschen aussagt. Dafür erzählen Vorurteile so manches über diejenigen, die sie haben. Das vermittelt Michel Ocelot nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger, sondern eher augenzwinkernd an der schillernden Figur Crapoux. Auch er hat blaue Augen, die er konsequent hinter einer Art Taucherbrille verbirgt. Nur in zwei Szenen zeigt er sie kurz. So verinnerlicht hat er das angebliche „Stigma“, dass er sich nicht einmal im vertrauten Kreis davon zu lösen traut. Aber natürlich schimpft er über den albernen Aberglauben, nur um kurz darauf hastig einer schwarzen Katze von links aus dem Weg zu gehen. Denn dass die Unglück bringe, sei schließlich erwiesen.
Auf dem Weg in die Stadt, den Azur mit geschlossenen Augen gleichsam als „Blinder“ mit ihm zurücklegt, erleben wir als Zuschauer den Zauber des Landes mit üppigen Blumen, wunderbar, fast ornamental gezeichneten Palmen, leuchtenden Farben und schließlich den duftenden Gewürzen auf dem Markt. Doch die Kommentare von Crapoux gegenüber Azur zielen immer ins Negative. Nur was er von daheim kennt, zählt für ihn. Das führt zu witzigen Diskrepanzen, wenn er ständig vor sich hinschimpft oder Azur etwas beschreibt: „Palmen, das sind Bäume, ziemlich hässlich, wie alles hier. Es gibt hier nicht einmal Tannen.“ Oder das Geräusch eines wegspringenden grazilen Tieres so kommentiert: „Eine Gazelle, ein Tier mit viel zu langen Beinen. Hier gibt’s nicht mal Kaninchen.“ Er ist es auch, der gegenüber Azur zum ersten Mal die Prinzessin Chamsous Sabah erwähnt, die klug sein soll, aber niemand wisse es genau, weil keiner sie je gesehen habe. Denn sie sperrten sie in ihr Schloss, wahrscheinlich weil sie hässlich sei, so wie alle Mädchen hier. Dabei gelangen die zwei an einen Brunnen, der von bildhübschen jungen Frauen umlagert ist, die den beiden Bettlern zudem sofort einige Münzen zustecken. Gleichzeitig aber wächst Crapoux im Umgang mit dem höflichen, ehrlichen und zudem gescheiten Azur. Es steckt ein guter Kern in ihm und als er auf dessen Fürsprache hin bei Azurs Ziehmutter eingeladen wird, gibt er zu, dass er das Land durchaus mag, die Freigiebigkeit der Menschen zu schätzen weiß und gerne hier lebt.
Die zentralen Sätze des Animationsfilms werden Azurs Ziehmutter in den Mund gelegt. Als er in der zu Wohlstand gekommenen, respektierten Frau, die jetzt auch einen Namen trägt, nämlich Jenane, seine frühere Amme wieder erkennt, schlägt er seine leuchtend blauen Augen zu ihr auf und sie umarmt ihn. Besorgt fragt er, ob sie ihn trotz seiner hellen Augen bei sich haben möchte und sie entgegnet energisch: „Hör zu, mein Sohn, ich kenne zwei Länder, zwei Religionen, spreche zwei Sprachen und deshalb weiß ich zweimal mehr als die anderen. Und weil ich nicht wie die anderen diese dumme Angst vor blauen Augen und schwarzen Katzen habe, bin ich erfolgreich und verdiene viel Geld. Ich will diesen Blödsinn, dass blaue Augen Unglück bringen, nie wieder hören!“ Man erfährt weiter nichts darüber, wie sie sich mit Asmar von Frankreich aus zurück in ihr Heimatland durchgeschlagen hat und hier zu einer angesehenen Kauffrau wurde als das, was in diesem Ausbruch steckt. Und vielleicht lässt ihn gerade das umso wirkungsvoller erscheinen. Die ihr nahen Menschen denken und handeln ähnlich wie sie.
Da gibt es den weisen Yadou, in Frankreich geboren und aufgewachsen, aber dann hierher gekommen, wo seine Väter ihre Wurzeln hatten. Ganz leicht klingt da ein Vertriebenenschicksal an, wenn er zu Azur sagt, er sei auch hier ein Fremder, aber zumindest würde man ihn nicht quälen. Und dann natürlich die kleine Prinzessin Chamsous Sabah, die sowohl Jenane als auch Yadou sehr schätzen. Denn sie lebt so ganz anders als es üblich scheint. Zwar darf sie nicht draußen herumtollen, wie schon angedeutet wurde, aber niemand aus der auch in diesem Land bestehenden Herrschaftselite ahnt so recht, was für ein fein gebildetes, sehr tolerant denkendes Wesen da heranwächst. Ihre Mutter und Yadou unterrichten sie. Männliche Nachkommen leben keine mehr. Deshalb ruht auf ihr die Hoffnung ihrer klugen erwachsenen Freunde, dass sie dieses Land einmal zum besseren hin gestalten wird. Sehr hübsch deutet sich das an, als sie nachts gemeinsam mit Azur die Stadt von den Wipfeln eines Baums aus betrachtet und glücklich auf Moschee, Kirche und Synagoge verweist. Ganz selbstverständlich erscheint ihr ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Religionen. Neben dem weltoffenen verfügt sie auch über einen sozialen Sinn, wenn sie stolz das Krankenhaus anspricht sowie das Gebäude, das Reisende empfängt.
Was Jenane den beiden Jungen, als sie noch klein waren, an Urvertrauen eingeflößt hat, steckt auch noch in den jungen Männern und ihrer grundsätzlich offenen Haltung. Bei Azur wird das nicht nur durch die große Reise übers Meer deutlich, sondern genauso in Details wie etwa in seinem freundlichen Umgang mit Crapoux, dem der sich schließlich auch würdig erweist. Asmar bleibt anfangs auf Distanz und stört sich daran, dass Jenane ganz selbstverständlich beide „Söhne“ für die Abenteuerfahrt zur Fee der Djinns gleich ausstattet. Dabei handelt es sich nicht um die frühere kindliche Eifersucht, als sie sich noch um das größere Stück Kuchen stritten. Er verbindet die Verletzungen, die ihm und seiner Mutter zugefügt wurden, mit der Heimat von Azur und dadurch mit ihm selbst. Doch je Dramatischeres sie erleben, desto enger wird ihre brüderliche Verbundenheit wieder. Obwohl sie in dieser Situation Rivalen sind, hilft einer dem anderen, statt allein dem Ziel entgegen zu streben. Dieses Verhalten kulminiert in einem edlen Wettstreit, bei dem jeder dem anderen den Erfolg für die Befreiung der Fee zuspricht. Und weil sie jetzt erwachsen sind, kann selbst die Mutter die Situation nicht mehr für sie klären – genauso wenig wie die anderen Freunde, von Crapoux hier liebevoll-witzig als „kleine Familie“ bezeichnet. Denn Liebesentscheidungen trifft man nicht mit dem wachen Verstand, sondern mit dem Herzen. Wenn aber beides zusammengeht wie hier, Dank des guten Einfalls der selbstbewussten Fee, die ihre Elfenkusine zu ihnen holt, darf man auf eine glückliche Zukunft hoffen.
Von Anfang an weben sich zwei Kulturen durch „Azur und Asmar“ und zu keinem Moment werden sie gegeneinander ausgespielt. Aber es zeigt sich, wie das Blinzeln über den eigenen Tellerrand hinaus Toleranz und ein friedliches Miteinander fördert. Durch die zweisprachige Jenane lernen die Jungen von Klein auf spielerisch, sich in beiden Sprachen auszudrücken. Wenn sie alleine sind, wechseln sie genauso unbefangen hin und her wie im Zusammensein mit Jenane. Und selbst wenn Azur das Arabische nicht mehr recht geläufig ist, als er in die Heimat seiner Ziehmutter gelangt, findet er schnell wieder hinein in die vertrauten Klänge. Asmar hingegen hat das Französisch seiner Kinderzeit nie verlernt, er lehnt es nur ab, weil die schlimmen Erinnerungen an Frankreich lange die glücklichen in seinem Kopf überlagern. Azur reagiert überrascht und erfreut, als er ihn in dieser Sprache vor dem Hinterhalt der Banditen warnt, die ihn schon in ihrer Gewalt haben. „Es ist auch meine Sprache“, erwidert Asmar nur und bestätigt so nochmals in Worten, was schon sein Handeln zeigte und Azur spürte: die Mauer ist durchbrochen, er fühlt sich dem „Bruder“ wieder nah, denn es verbindet sie viel mehr als sie trennt. (Einen schlichten praktischen Grund hat seine Sprachwahl natürlich auch, weil ihre Gegner so die Hinweise nicht verstehen können.) Das Spiel mit der Sprache bezieht den Zuschauer mit ein. Weder im französischen Original noch in der deutsch synchronisierten Fassung des Animationsfilms werden die arabischen Teile untertitelt. Man soll sich ruhig ebenfalls ein wenig fremd fühlen oder auch den Sinn intuitiv erfassen. Genau wie Jenane einmal sagt: manchmal müsse man eine Sprache nicht verstehen, um zu wissen, was gemeint sei.
Die orientalischen Lieder und Erzählungen von Jenane prägen Azur und Asmar auf unterschiedliche Art. Beiden wird die Heimat der „Mutter“ zum Sehnsuchtsziel. Bei Asmar dürfte mehr die in Frankreich erfahrene Zurücksetzung und schließlich Verachtung eine Rolle gespielt haben, während er Dank der Tüchtigkeit seiner Mutter im Maghreb ein gutes Leben führt. Bei Azur steht die Sehnsucht nach Wärme, nach den Menschen, die ihm Liebe gezeigt haben, im Vordergrund, selbst wenn er gar nicht auf ein Wiedersehen hoffen kann. Aber allein schon das zu erleben, was er nur aus Geschichten kennt, bringt sie ihm nahe. Das dürfte seine Motivation gewesen sein, übers Meer zu reisen. Die Idee, die Fee der Djinn zu befreien, ist auch, wenn sie märchenhaft ausgeführt wird, letztendlich nur ein Symbol dafür. Als er seinem Vater den Entschluss mitteilt, sagt dieser: „Das Gift der Sarazenin steckt also immer noch in dir.“ Damit meint er, dass Azur die gesellschaftliche Ordnung nicht anerkennt und Asmar und Jenane als seinesgleichen betrachtet. Aber es geht um mehr: durch ihre mütterliche Liebe und ihre heitere Akzeptanz beider Kulturen hat Jenane Azur zu einem weltoffenen, kritisch denkenden und empathiefähigen Menschen erzogen – alles Eigenschaften, die nicht in die starre Ordnung seines letztendlich unglücklichen Vaters passen. Aber es sind welche, die unsere Welt ein Stück voranbringen können.