
Durchblick 8+ – Azur und Asmar – Michel Ocelot – Frankreich 2006 – 95 min.
Jenseits aller spannenden Inhalte handelt es sich bei „Azur und Asmar“ formal betrachtet um einen abendfüllenden Animationsfilm, weshalb hier einige allgemeine Hintergrundinformationen zum Thema Trickfilme gegeben werden:
Der grundlegende Unterschied vom Trickfilm gegenüber dem Realfilm besteht darin, dass die Bewegungsabläufe von Figuren und Objekten nicht in Echtzeit gefilmt sondern Bild für Bild künstlich geschaffen, also erst zum Leben erweckt, nämlich animiert werden, weshalb man auch vom Animationsfilm spricht. Als Bilderfolge schnell hintereinander abgespielt, erzeugt der Trickfilm beim Betrachter die Illusion von echter Bewegung. Ein 90 Minuten langer Film enthält rund 129.600 Einzelbilder. Da die Anzahl der Einzelbilder so groß ist, versucht man im Animationsfilm mit technischen und künstlerischen Tricks den Arbeitsaufwand geringer zu gestalten.
Von Beginn der Trick-Filmgeschichte bis heute werden Animationsfilmtechniken ständig weiterentwickelt. Dabei bringt jede Technik ihre eigene Ästhetik hervor. Die Entscheidung für eine bestimmte Animationstechnik wird heute vor allem unter kommerziellen Gesichtspunkten getroffen, wodurch der Großteil von Trickproduktionen entweder aus Zeichentrick oder 3D-Computeranimation besteht, weil diese beiden Techniken sich am ehesten für die industrielle Produktion mit ihren vielen spezialisierten Arbeitsabläufen eignen. Alle anderen werden eher im künstlerisch ambitionierten Kurzfilm oder auch in der Werbung eingesetzt.
a) Stop Motion
Dazu zählt der Puppentrickfilm, bei dem Puppen innerhalb eines Bühnenbildes in kleinen Schritten von Bild zu Bild bewegt werden, damit sie sich im fertigen Film flüssig bewegen. Wie im Film gesehen, besitzen sie in der Regel ein Skelett mit schwergängigen Gelenken, damit sie die Pose, in die der Animator sie biegt, beibehalten. Bekannte Beispiele sind „Das Sandmännchen“ und Tim Burtons „The Nightmare Before Christmas“. Beim Knetfigurenfilm bestehen die Filmhelden aus Knetgummi oder Ton, inzwischen auch teilweise aus Kunststoffen. Nick Parks „Wallace & Gromit“ und die „Pingu“-Serie für kleine Kinder zählen beispielsweise hierzu. Beim so genannten Brickfilm werden Figuren aus Lego-Bausteinen gebaut und in Einzelbildern gefilmt. Marionetten- und Handpuppenfilme allerdings (wie etwa die „Muppet Show“) gehören nicht dazu, da sie in Echtzeit abgefilmt werden.
b) 2D-Animation
Dazu zählt natürlich der Zeichentrickfilm mit seinen vielen Einzelzeichnungen, die sich Bild für Bild minimal voneinander unterscheiden und, in der entsprechenden Reihenfolge auf Film aufgenommen, eine flüssige Bewegung erzeugen. Heutzutage scannt man sie üblicherweise ein und bearbeitet sie digital weiter. Ein jüngeres Beispiel dafür ist „Hexe Lilli – der Drache und das magische Buch“. Natürlich kann man die fertig kolorierten Zeichnungen auch direkt mit der Kamera aufnehmen, wobei alle möglichen Zeichen- und Maltechniken denkbar sind.
Künstlerisch wirkungsvoll ist die Sand-auf-Glas-Animation. Dabei wird Sand auf einen Leuchttisch gestreut, der im Bild schwarz erscheint. Mit der Hand oder mit Gerätschaften verändert man den Sand einzelbildweise, was sehr weiche Formen und Bewegungen ergibt. Bei der Öl-auf-Glas-Animation arbeitet man ebenfalls auf einem Leuchttisch. Mit Ölfarbe wird direkt auf das Glas gemalt. Die Farbe bleibt lange weich, kann weggewischt, übermalt und mit Werkzeugen bearbeitet werden. Beim fertigen Film entsteht oft ein fließender, sehr poetisch wirkender Effekt. Beispiele dazu sind Produktionen von Aleksandr Petrov oder Jochen Kuhn. (Letzterer unterrichtet an der Ludwigsburger Filmakademie.)
Eine andere Technik besteht darin, mit Folienstift und Folienfarbe direkt auf blankes Filmmaterial zu zeichnen oder mit Nadel und Messer auf schwarzes Filmmaterial zu kratzen.
Beim Legetrickfilm, auch Flachfigurenfilm genannt, legt man ausgeschnittene Formen, etwa Körperteile wie bei einem Hampelmann, unter der Kamera zurecht. Eine Sonderform davon bildet der Scherenschnittfilm. Hier sind die Elemente wie beim Schattenspiel nur als dunkle Silhouetten erkennbar. Berühmte Beispiele aus der Filmgeschichte sind die Produktionen der Trickfilmpionierin Lotte Reiniger. Ihr Scherenschnittfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926) war der erste abendfüllende Trickfilm und der erste lange Märchenanimationsfilm.
Durch die Möglichkeiten der Computeranimation verschwimmen manche Techniken. Viele 2D-Animationen entstehen heutzutage mittels spezieller Software ganz oder teilweise im Computer, oder das in klassischer Manier aufgenommene Material wird digitalisiert und dann erst im Computer weiterbearbeitet. Seit etwa 1980, als sowohl Vorlagen eingescannt werden konnten als auch die entstehenden Datenmengen technisch handhabbar wurden, erfährt diese Technik eine rasante Entwicklung und kommerzielle Erfolgsgeschichte. Längst Animationsfilmalltag ist die CGI-Technik Technik („Computer Generated Images“), die es ermöglicht, auf jegliche reale Vorlage zu verzichten und sämtliche Bildobjekte komplett im Rechner zu erzeugen. Die Ausgangsbasis bilden meist Vektordaten der Objekte, je nachdem in zwei oder drei Dimensionen. Informationen über das Aussehen und die Bewegungen sämtlicher Objekte werden zusammengefügt, bis schließlich jedes nötige Einzelbild berechnet und in der gewünschten Bildauflösung in Szene gesetzt werden kann. Die Bewegungen einer Figur werden vergleichbar mit den Fäden einer Marionettenpuppe über die Computermaus gesteuert. Dabei lässt sich auch die Mimik des Wesens verändern. Das Raffinierte daran ist, dass man für den Bewegungsablauf der Figur eine Anfangs- und eine Endkörperhaltung eingeben kann und der Computer die vielen notwendigen Zwischenbilder selbst erzeugt.
Dann gibt es das „Motion Capture“. Diese „Bewegungserfassung“ ermöglicht menschliche Bewegungen so aufzuzeichnen und in ein von Computern lesbares Format umzuwandeln, dass dieser die Bewegungen zum einen analysieren, zum anderen auf im Computer generierte 3D-Modelle übertragen kann. Mittlerweile wurde es längst um das „Performance-Capture-Verfahren erweitert. Dabei filmt man Schauspieler real und überträgt ihre Darstellung, Mimik und Gestik akkurat auf die digitalen Filmfiguren, was erstmals 2004 bei „Der Polarexpress“ angewandt wurde. Tom Hanks ist der nominelle Star des Films und spielt fünf verschiedene im Computer erschaffene Charaktere.
Im Zusammenhang mit der Animation am Computer unterscheidet man prinzipiell zwischen zwei Techniken: Keyframe-Animation und Bild-für-Bild-Animation. Bei der Keyframe- oder auch Schlüsselbild-Animation werden Werte der zu animierenden Objekteigenschaften zu bestimmten Zeitpunkten in der Animationssoftware festgelegt, so genannte „Keyframes“. Die Objektwerte für die zwischen den Keyframes liegenden Zeitpunkte werden mit Hilfe mathematischer Interpolation von der Animationssoftware berechnet. Bei der Bild-für-Bild-Animation erstellt man die Bilder wie beispielsweise bei „Hexe Lilli“ einzeln.
Auch „Azur und Asmar“ entstand am Computer. Auf den ersten Blick zwar wie eine 2-D-Animation wirkend, deren Figuren weich in die Hintergründe übergehen, eine Einheit mit ihrer Welt bilden, um immer wieder mit sehr plastischen Effekten aufzuwarten, sind die Grenzen zwischen 2-D- und 3-D-Animation hier letztendlich aufgelöst, was die Unzulänglichkeit solcher Begriffe für die Beschreibung künftiger Fantasiewelten deutlich macht. Sehr eindrucksvoll zeigt sich das bei den Szenen auf dem Markt. Wie zweidimensionale Farbtupfer inmitten des dreidimensionalen Treibens wirken die Bilder über das Färberviertel. Auffallend ist auch, wie behutsam hier animiert wird. Vor oft statischen, immer sehr fein entworfenen Hintergründen vollziehen sich die meist ruhigen Bewegungen der Figuren. Dann gibt es auch ganz andere Momente, wie etwa das hektisch die Klingen wetzende Eisentor, an dem Azurs Messer sofort zerbricht. Unabhängig von den technischen Entwicklungen, mit denen der Allrounder Michel Ocelot hier experimentiert, fasziniert einfach seine künstlerische Vielfalt, etwa die exotische Ornamentik oder das Spiel mit den Farben.