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Durchblick 8+ – Azur und Asmar – Michel Ocelot – Frankreich 2006 – 95 min.

5.2 Hintergrundinformationen: Märchen

Märchen allgemein

Das Wort „Märchen“ ist eine seit dem 15. Jahrhundert bezeugte Verkleinerungsform von „Mär“, was aus dem mittelhochdeutschen „mære“ stammend soviel wie Kunde, Bericht, Erzählung bedeutet. Durch die weltberühmte Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm (1812/15) wurde der Ausdruck populär und auch in andere Sprachen für ursprünglich mündlich überliefertes Erzählgut übernommen. Eingebürgert hat sich daneben die Bezeichnung „Volksmärchen“ im Unterschied zu „Kunstmärchen“. Gegenüber dem lebendiger Tradition entsprechend weit gefassten Begriff der Brüder Grimm, der auch Tiergeschichten, Fabeln, Legenden, Schwänke etc. mit einbezog, versteht die Forschung unter „Märchen“ meist eine mehrepisodische Geschichte wunderbar-übernatürlichen Inhalts, nämlich die besonders in Europa verbreitete Gattung des Zaubermärchens. Die weitgehend schematische, einsträngige Handlung lässt die in typischen Eigenschaften wie gut – böse, schön – hässlich, tapfer – feige, schlau – dümmlich kontrastierenden Figuren in räumlich unbestimmter Sphäre zwischen Wirklichkeit und Zauberwelt ohne reale zeitliche Bindung agieren. In naiver Selbstverständlichkeit treten Verwandlungen, sprechende Tiere und Pflanzen, Zwerge, Riesen, Hexen, Feen, Drachen und andere Fabelwesen auf. Die Handlung ist oft durch symbolische Zahlen wie „drei Wünsche“, „sieben Raben“ bestimmt und zielt in der Regel auf die glückliche Lösung von Konflikten, wie sie dem Wunschdenken von Erzählern und Zuhörern und deren Vorstellungen von einer in der eigenen sozialen Umwelt vorenthaltenen ausgleichenden Gerechtigkeit entspricht. Doch ist das Märchen nicht ohne Realitätsbezug und in mancher Hinsicht als kultur- und sozialgeschichtliche Quelle zu werten. Märchen waren ursprünglich keine Kindergeschichten, sondern Unterhaltung für Erwachsene an langen Winterabenden oder bei eintönigen Gemeinschaftsarbeiten wie in Spinnstuben, auf Reisen oder auch wie heute noch partiell im Orient in Kaffeehäusern und auf öffentlichen Plätzen.

Tausendundeine Nacht

Die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ (arabisch: „Alf laila wa–laila“) sind eine anonyme arabische Erzählsammlung, die zwischen dem 8. und 16. Jahrhundert entstanden ist. Zum historischen Kern der Sammlung, die Stoffe aus dem ganzen Vorderen Orient enthält, zählen die indisch-iranischen Erzählungen der „Hazar Afsana“ („Tausend Erzählungen“), die im 8. Jahrhundert aus dem Persischen ins Arabische übertragen wurden und in immer stärker islamisierten Fassungen Verbreitung fanden. Deutlich erweitert wurde die Sammlung, deren Titel sich im 12. Jhd. unter türkischem Einfluss in „Tausendundeine Nacht“ wandelte, zunächst in Bagdad und dann in Kairo (13. Jhd.). Die abschließende, aber letztendlich doch nie ganz fertige Form entstand vermutlich im 16. Jahrhundert in Kairo. Den verschiedenen Quellen und Überlieferungen entspricht ein eigentümlicher Mischcharakter, der sich auch in einem Wechsel zwischen klassischem und idiomatischem, einem anspruchsvolleren und bescheideneren Arabisch niederschlägt. In der berühmten Rahmenhandlung ist Schahriyâr, König einer ungenannten Insel „zwischen Indien und Kaiserreich China“, so schockiert von der Untreue seiner Frau, dass er sie töten lässt und seinem Wesir die Anweisung gibt, ihm fortan jede (in einigen Versionen: jede dritte) Nacht eine neue Jungfrau zuzuführen, die jeweils am nächsten Morgen ebenfalls umgebracht wird. Nach einiger Zeit will Scheherazade, die Tochter des Wesirs, die Frau des Königs werden, um das Morden zu beenden. Sie beginnt, ihm Geschichten zu erzählen; am Ende der Nacht ist sie an einer so spannenden Stelle angelangt, dass der König unbedingt die Fortsetzung hören will und die Hinrichtung aufschiebt. In der folgenden Nacht erzählt Scheherazade die Geschichte weiter, unterbricht am Morgen wieder an einer spannenden Stelle und so weiter. Nach tausend und einer Nacht hat sie ihm in den orientalischen Druckfassungen drei Kinder geboren, und der König gewährt ihr Gnade. Eingebettet in diese Rahmenerzählung indischen Ursprungs finden sich zahlreiche nicht nur inhaltlich sondern auch nach Umfang, literarischer Gattung und Lebensanschauung unterschiedliche Geschichten. Es gibt Ritter-, Seefahrer, Liebes-, Schelmengeschichten und vieles mehr sowie Sagen, Legenden, Fabeln, Gedichte und Gedichtfragmente. Die Einteilung in Nächte ist äußerlich und entspricht nicht dem inhaltlichen Aufbau. Einzelne Teile waren im Abendland schon im 14. Jhd. bekannt. Die erste europäische Übersetzung des Gesamtwerks stammt von Antoine Galland und ist zwischen 1704 und 1717 auf Französisch entstanden. Die Einflüsse der Sammlung oder auch einzelner ihrer Teile auf Weltliteratur, Kunst und Film sind nahezu unüberschaubar.

Märchenhafte Elemente in „Azur und Asmar“

Die Bilder und Teile der Geschichte von „Azur und Asmar“ muten wie ein farbenprächtiges europäisch-orientalisches Märchen an, aber letztlich spielt Michel Ocelot eher mit märchenhaften Elementen als dass er wirklich eines erzählt. Oder anders gesagt: er variiert Märchentraditionen und ersinnt eine ganz eigene Geschichte, die die Gattungsform des Märchens sprengt.

Die Tradition des Geschichtenerzählens greift er von Anfang an auf. Jenane scheint den beiden Jungen, als sie noch klein sind, ständig Geschichten zu erzählen, vor allem die von der Fee der Djinn, die eines Tages von einem Prinzen befreit werden wird. („Djinn“ oder „Dschinn“ aus dem Arabischen bedeutet „Geist“ und „Dämon“.) Umherschwirrende winzige, bunte Wesen bewachen auch den Schlaf der zwei kleinen Buben, wie wir in einer der ersten Szenen sehen. Dabei gibt es ein arabisches Lied zu hören, das Azurs Schicksal vorwegzunehmen scheint. (Es ist übrigens die einzige Szene in arabischer Sprache, die mit Untertiteln versehen ist). Die Djinn tauchen dann erst ganz am Schluss wieder auf in der Höhle des Lichts, als die Fee aus ihrem Kristallkäfig befreit ist. Anfangs beschützend pusten sie hier ihren magischen Staub zur Heilung über die beiden jungen Männer. Azur fragt als Kleinkind seine Amme, ob es auch bei ihnen in Frankreich Djinn gäbe. Sie antwortet, dass man sie hier Elfen nennen würde. Elfen, auch Alben oder Elben genannt, sind Lichtgestalten oder Naturgeister, die ursprünglich aus der nordischen Mythologie stammen. Am Ende des Films schwebt als Kusine der orientalischen Fee die blonde Elfenkönigin aus dem Norden ein und in den gemischten Paaren, die sich schließlich finden, drückt sich die Hoffnung auf ein zukünftig tolerantes Miteinander aus. Da findet sich dann Ocelots spezielle Märchenform, die hinausgeht über das Lösen der Probleme von Individuen in einer ungerechten Welt und gleich eine Utopie für alle anklingen lässt – das aber ganz verhalten und ein bisschen mit einem Augenzwinkern, wie es dem zurückhaltenden Stil des Films entspricht.

Über weite Strecken erzählt der Film ganz handfeste Episoden von sich „kabbelnden“ kindlichen „Brüdern“, Standesunterschieden, Fremdheit, Vorurteilen und neuen Begegnungen in einer anderen Kultur. Einzig durch ihre Vagheit, was Ort und Zeit anbelangen, erinnern sie an Märchen. Nur am Rand taucht das Motiv, die Fee der Djinn befreien zu wollen, immer mal wieder auf. Und ganz nebenbei findet Azur auf dem Weg von der Küste in die Stadt zwei der drei magischen Schlüssel. Den dritten hält Asmar bereit, als sie sich im letzten Drittel des Films auf ihre abenteuerliche Reise begeben, die eben nicht nur mit der Befreiung der Fee endet, sondern darüber hinausweist. Die magischen Elemente, etwa mit den drei Toren, werden viel schneller abgehandelt als die „realer“ erscheinenden Szenen, in denen sie gegen Verfolger kämpfen; nahezu ohne Magie übrigens (abgesehen vom „Nebelstreuen“ zu Beginn des Films), die erstreckt sich neben den Fähigkeiten der Djinns und ihrer Fee auf den Umgang mit den fantastischen Wesen des roten Löwen und des Regenbogenvogels. Auch hier scheinen vertraute Märchenformen gegen den Strich gebürstet, wenn Azur und Asmar die vermeintlichen Ungeheuer weder besiegen noch überlisten, sondern nur kurz in respektvollem Umgang gemeinsam mit ihnen der guten Sache dienen. Überhaupt die Magie: sie wird immer wieder durchbrochen. Etwa die hilfreichen Gegenstände, die Azmar von der Prinzessin erhält, wie die Feder. Sie fliegt ihm weg. Er braucht sie auch nicht. Sein Bruder Asmar besaß vermutlich ebenfalls eine und hat damit den Regenbogenvogel besänftigt – wie ihm das gelang, bleibt wie so manches andere unserer Fantasie überlassen. Hübsch ist auch die Idee mit dem doppelten Eingang zum Kristallkäfig der Fee: es gibt ein Tor der Finsternis und eins des Lichts. Man muss sich entscheiden, wenn man so weit vorgedrungen ist. Es wird gemunkelt, dass beide ins Dunkel führen, wie Crapoux an einer Stelle erwähnt und von Yadou darin bestätigt wird. Der Witz dabei ist, dass beide in die „Höhle des Lichts“ führen – und die couragierte Fee der Djinn ganz unmärchenhaft selbst entscheidet, von wem sie sich „befreien“ lassen will, indem sie das Licht erstrahlen lässt.

Keinem der Protagonisten haftet etwas Schwarzweißes an. Sie sind wirkliche Charaktere und niemals nur schematische Figuren, mal schillernd, mal bewundernswert, mal aufbrausend, mal weise, mal überfragt – und machen Entwicklungen durch. Es ist die raffinierte Komposition von märchenhaften Elementen und einer abenteuerlichen Geschichte aus vergangenen Zeiten, deren Grundthemen und Probleme in unserer Zeit immer noch nach Lösungen harren, die uns so berührt und bezaubert.

Quellen: Metzler Literaturlexikon; Wilpert, Lexikon der Weltliteratur; Wikipedia

 

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