
Durchblick 8+ – Azur und Asmar – Michel Ocelot – Frankreich 2006 – 95 min.
Im Film „Azur und Asmar“ wird der Maghreb nicht explizit genannt, so wie hier generell Zeit und Ort in gleichsam märchenhafter Schwebe bleiben. Dennoch spielt Nordwestafrika eine Rolle, so dass ein paar Hintergrundinformationen zum Maghreb sinnvoll erscheinen:
Das aus dem Arabischen stammende Wort „Maghreb“ bedeutet schlicht „Westen“ und bezeichnet den Westen der arabisch-muslimischen Welt. Heute gelten die Länder Marokko, Algerien und Tunesien als eigentliche Maghrebstaaten. Sie werden mit Libyen und Mauretanien geografisch und kulturell zum so genannten „Großen Maghreb“ zusammengefasst. Das hat mit der 1989 gegründeten „Arabischen Maghreb-Union“(AMU) zu tun, einer Organisation arabischer Länder, die zwischen den Mitgliedsstaaten in den Bereichen Wirtschaft, Kultur, Militär und internationale Angelegenheiten engere Bindungen fördern soll. Deren Rat – außer Algerien, Marokko, Tunesien und Mauretanien arbeitet zeitweise auch Libyen mit – tritt zweimal im Jahr zusammen; das Amt des Vorsitzenden wird nach dem Rotationsprinzip jeweils für eine Periode von sechs Monaten vergeben. Die AMU hat ihren Sitz in Tunis.
Klimatisch und landschaftlich lassen sich im Maghreb von Nord nach Süd drei Naturräume unterscheiden: der Küstenstreifen mit mediterranem Klima, gefolgt vom Atlasgebirge mit kontinentalem Klima und die nördlichen Sahara mit ihrem Wüstenklima.
Seit etwa 3000 v. Chr. wanderten altlibysche Gruppen von Osten her in den Maghreb ein und vermischten sich mit den ansässigen Gesellschaften. Um 1000 v. Chr. begannen die Phönizier entlang der Küste Handelsstationen einzurichten. Neben den phönizischen Hafenstädten entstanden auch Handelszentren wie Fès im Landesinneren. Zunächst konnte die Wüste noch mit Ochsenkarren durchquert werden, mit zunehmender Ausbreitung der Wüste führten die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr. Kamele als Transportmittel ein. Die Römer hatten sich in den Punischen Kriegen gegen die Phönizier die Vorherrschaft über die Region gesichert. Bis 400 n. Chr. hatten sie in Nordafrika, das ihnen im 1. und 2. Jahrhundert als Kornkammer diente, sieben Provinzen errichtet. Durch sie verbreitete sich das Christentum in der Region. Mit dem Niedergang Roms bemächtigten sich nach 429 erst die Vandalen, dann die Byzantiner und letztendlich die Berber der Vorherrschaft.
Im 7. und 8. Jahrhundert begannen arabische Eroberer von Ägypten her nach Westen vorzudringen; bis 711 wurde der gesamte Maghreb dem Omaijadenreich angeschlossen. Vom Maghreb aus gelang den Arabern dann bis 714 die Einnahme der Iberischen Halbinsel. Anders als bei den vorhergegangenen Invasionen und den nachfolgenden durch die europäischen Kolonialmächte gelang es den Arabern, die Region durch Islamisierung und Arabisierung nachhaltig zu verändern. Die größtenteils christliche Bevölkerung übernahm dabei den Islam ohne nennenswerten Widerstand, während sich judaisierte Gruppen in vielen Gegenden bis heute erhalten haben. Zur Stärke der jüdischen Gemeinden trug auch bei, dass nach der christlichen Reconquista im 15. Jahrhundert in Spanien Juden und Muslime vor der Inquisition nach Nordafrika geflohen waren, und dort den Kern der Handelsbourgeoisie bildeten und bis heute bilden. Trotz verschiedener einander ablösender berberischer und maurischer Herrscherdynastien blieben die arabische Sprache als Handelssprache und der Islam als verbindende Religion die wichtigsten Elemente einer sich immer mehr vereinheitlichenden maghrebinischen Kultur.
Mit Beginn des 16. Jahrhunderts geriet der Maghreb wirtschaftlich in immer stärkere Abhängigkeit vom europäischen Handelskapital; produziert wurde, was für die europäischen Handelsgesellschaften rentabel war. Dadurch wurde der Maghreb in den europäisch dominierten Welthandel einbezogen. Die europäische Kolonisierung im 19. Jahrhundert sollte dauerhaft die Interessen der europäischen Mächte, hauptsächlich Frankreichs, im Maghreb sichern helfen. Das Zugehörigkeitsgefühl zur islamisch arabischen Nation trug ungeachtet der Versuche seitens der Kolonialverwaltungen, Berber gegen Araber auszuspielen, zum Erfolg der Befreiungsbewegungen in ihrem Kampf um Unabhängigkeit bei, die sie in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erreichen konnten.
Nah und fern zugleich ist die nordwestliche Gegend Afrikas. Als Teil des Mittelmeer-Kulturraums ist der Maghreb eingebunden in die vielfältigen Austauschprozesse, die seit alters her die Kulturen des europäischen Mittelmeerraums mit denen des afrikanischen Ufers verbinden. Aus europäischer Sicht zählt er mit seiner vorwiegend arabischen und islamischen Prägung zur fremden Welt des Orients, ist Gegenstand exotischer Sehnsüchte, aber auch vorurteilsbeladener Ängste.
Durch die französische Kolonialisierung Algeriens während des 19. Jahrhunderts kam der Maghreb unter den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss Frankreichs. Er wurde zu einem frankophonen Kulturraum, in dem Okzident und Orient sich mischten, beeinflussten und bekämpften. Selbst heute, weit mehr als vierzig Jahre nach Ende der Kolonialzeit, wirken diese Prozesse fort. Sie beeinflussen nicht nur das Leben in den maghrebinischen Staaten, sondern auch den Alltag in Frankreich, wo ca. 4,3 Millionen Maghrebiner, Immigranten und ihre Nachkommen sowie ungefähr 1,2 Millionen Algerierfranzosen, so genannte „pieds noirs“, ihre in Nordafrika geprägten Gewohnheiten in den französischen Alltag integrieren. Diese engen Verflechtungen können im Französischunterricht für interkulturelles Lernen genutzt werden.
Quellen: msn; Zeitschrift „Unterricht Französisch“ Nr. 86: Le Maghreb - Interkulturelle Landeskunde