
Durchblick 8+ – Azur und Asmar – Michel Ocelot – Frankreich 2006 – 95 min.
Der Animationsfilm „Azur und Asmar“ bietet, was Inhalte und Machart anbelangen, viele Anknüpfungspunkte im Schulunterricht genauso wie in der außerschulischen Filmarbeit. Hinweise auf Schulfächer finden sich unter „Filmcredits, Kurzbeschreibung, Einsatzmöglichkeiten“. Die „thematische Filmanalyse“ gibt eine ausführliche Interpretationshilfe und beschäftigt sich dabei mit den Fragen nach Geborgenheit und Fremdsein, Aberglaube und Vorurteilen, Toleranz und Zusammenhalt sowie zwei Ländern – zwei Sprachen, eben den Themen, die den Film bestimmen. Für interessierte Französischsprachige gibt es hierzu neben dem Text zur Regisseur Michel Ocelot noch den Infobogen: Interview mit Michel Ocelot zum Film „Azur et Asmar“ für Französischlehrer/innen.
Am besten erkundigt man sich vor der Filmvorführung bei den Schülerinnen und Schülern unabhängig von ihrem Alter nach ihren Trickfilmerfahrungen. Vermutlich gucken die Kinder vor allem Serien im Fernsehen an wie etwa „Spongebob“ und verfügen über wenig Kinoerlebnisse mit Animationsfilmen, selbst wenn pro Jahr davon immer mehr die große Leinwand erreichen, darunter durchaus auch deutsche Literaturadaptionen wie „Urmel“, „Das doppelte Lottchen“ oder „Die drei Räuber“. Dann kurz andeuten, worum es in diesem Film geht, dass er in zwei verschiedenen Ländern spielt und von zwei Jungen und ihren Abenteuern handelt – kurz: die Kinder neugierig stimmen.
Nach dem Anschauen des Films bieten sich folgende Fragen zur inhaltlichen Vertiefung an:
Was meint ihr, wie ging es Azur und Asmar, als sie noch kleine Kinder waren?
Im Anschluss kann der Arbeitsbogen Fragen zum Film – Thema „Vorurteile“ ausgeteilt und bearbeitet oder als Hausaufgabe mit auf den Weg gegeben werden.
Das Thema „Fremdsein – wie fühlt sich das an?“ kann noch vertieft werden, etwa über ein Spiel: Je nach Gruppengröße werden vier Schüler und Schülerinnen vor die Tür geschickt. Die anderen denken sich einen „Verhaltenscodex“ aus. Sie legen fest, welche Körperhaltungen und Bewegungen sie bei den gleich wieder Hereinkommenden akzeptieren und welche sie ablehnen („verboten“ ist zum Beispiel die Hände in die Hosentaschen zu stecken, die Haare zurückzuwerfen o.ä.). Die Kinder werden hereingeholt und die Gruppe gibt ihnen durch Kopfschütteln, empörte Ausrufe etc. unmissverständlich zu verstehen, welche Geste, Bewegung erlaubt ist und welche nicht. Mit unterschiedlichen Versuchen müssen die Ahnungslosen die Regeln erkennen. Es sollten mehrer Durchgänge gemacht werden, bis alle Schülerinnen und Schüler die Erfahrung kompletter Unsicherheit gemacht haben. Dann gemeinsam besprechen, wie sich das anfühlte, hereinzukommen und Entsetzen auszulösen ohne zu wissen, aus welchem Grund. Wie empfanden die SchülerInnen den Versuch herauszufinden, welches Verhalten hier „das Richtige“ ist?
Bei einem anderen Spiel (Fremd sein) werden drei Kinder der Gruppe aufgefordert, einen kleinen Kreis zu bilden, ohne sich dabei anzufassen. Nach einer Weile fordert die Lehrperson vier weitere Schülerinnen und Schüler auf, den kleinen Kreis ruhig erst ein paar Mal zu umrunden und dann hineinzugehen, Teil des Kreises zu werden. Das geschieht ohne Worte, nur durch Blickkontakt und Gesten. Nach einer Weile kommen wieder einige hinzu, bis schließlich alle Anwesenden in dem nun großen Kreis versammelt sind. Seitens der Lehrperson sollten keine Kommentare kommen wie „der Kreis öffnet sich, vergrößert sich“. Es reicht zu sagen: „Um den bestehenden Kreis herumgehen, ihn betrachten und dann Teil des Kreises werden, der jetzt aus ... Personen besteht.“ Im Anschluss über die Erfahrungen sprechen: Wo stehen nun die, die den Anfang gebildet haben? War der kleine Kreis angenehmer oder der große? War es leicht oder schwer hineinzukommen? Wie habt ihr euch euren Platz ausgesucht?
Zum Schluss gemeinsam ein zweigeteiltes Plakat erstellen mit Gedanken und Bildern zu „Fremd sein – Fremde unter uns“.
In den Hintergrundinformationen „Animationsfilm“ gibt es Basisinformationen zu verschiedenen Trickfilmtechniken. Wichtig ist, dass die Schüler den grundlegenden Unterschied zum Realfilm verstehen, nämlich dass die Bewegungsabläufe hier nicht in Echtzeit gefilmt, sondern Bild für Bild künstlich geschaffen, also animiert werden (vgl. Arbeitsbogen: Was ist ein Trickfilm?). Je nach Alter und Schulfach bieten sich für praktische Erfahrungen das beliebte Daumenkino an (also ein Abblätterbuch, das sich den Stroboskopeffekt zu Nutze macht, und dem Betrachter ermöglicht, eine Sequenz von Einzelbildern als fortlaufende Bildfolge zu betrachten) oder auch die ganz unaufwändige Variante des „Streifenkinos“ (vgl. Arbeitsbogen: Mini-Trickfilm).
Als interdisziplinäres Projekt von Deutsch- und Kunstunterricht könnte gemeinsam ein kleiner Trickfilm gestaltet werden. Für jüngere Kinder bietet sich an, die KIKA-Trickboxx auszuleihen, entweder direkt (mit langer Voranmeldung) beim Sender oder über größere Medienzentralen, die meist über Exemplare verfügen. Die „Trickboxx“ ist eine gut ausgeleuchtete Aufnahmekiste mit fest installierter Digitalkamera, die man so einstellen kann, dass sie bei jedem Auslösen gleich drei Bilder macht. So entstehen einfache Animationsfilme auf Mini DV, die anschließend auf dem Computer z. B. mit Premiere weiter bearbeitet werden können, aber auch ohne Nachbearbeitung wirken, weil der Übergang vom statischen zum bewegten Bild einfach eindrucksvoll ist.
Es gibt natürlich auch die Möglichkeit mit Videokamera, PC oder Mac und einfacher Software zu arbeiten, was teilweise in Schulen vorhanden oder ebenfalls als „Medienkoffer“ bei kommunalen Medienzentren ausleihbar ist. Wichtig ist, den Gedanken der Teamarbeit zu betonen und die einzelnen Schritte sorgfältig zu planen. Soll es ein Zeichentrick-, Legetrick-, Knetfiguren- oder Brickfilm werden? Unabhängig davon sollte der Film (je nach Zeitvolumen und Alter bzw. Durchhaltevermögen der Kinder) nicht länger als drei, vier Minuten sein. Man kann eine kleine Geschichte erfinden oder ein Gedicht oder Lied verfilmen. Dann wird ein Storyboard entwickelt und los geht’s. Die fertige Produktion sollte natürlich unbedingt eine „Filmpremiere“ mit anderen Schulklassen und Eltern erfahren.
Befindet sich in der Nähe der Schule ein Kinderfilmhaus oder ein Filmmuseum, in dem Kinder selbst Filme herstellen können, empfiehlt sich in diesem Zusammenhang ein Besuch. Im Kinderfilmhaus in Ludwigsburg beispielsweise (vgl. Medientipps) führen Studierende der Filmakademie anhand eigener Filme, Zeichnungen, Puppen und Modelle durch das kunterbunte Kinderfilmhaus. Sie zeigen mit Originalmaterialien, wie ein Film entsteht - ein sehr sinnvoll aufbereitetes Filmhaus, in dem Kinder einen guten Einblick in die Filmproduktion bekommen.
Die Bildungspläne für die Grundschulstufe 4 sehen in so gut wie allen Bundesländern vor, dass die Schüler im Fach Deutsch (Lesen und Verstehen) lernen, Textarten zu unterscheiden und charakteristische Merkmale eines Textes zu erkennen. Märchen eignen sich hierfür besonders gut, zumal vermutlich einige Schülerinnen und Schüler bereits welche kennen und Vorstellungen dazu entwickelt haben. Man könnte den Unterricht mit einem Stuhlkreis beginnen und die Lehrperson liest entweder ein Märchen aus „Tausend und eine Nacht“ vor oder spielt eines von einer Hör-CD vor. (Letzteres hat den Vorteil, dass CDs mit weiteren Klängen oft sehr atmosphärisch gestaltet sind.) Dann wird nach der Textart und besonderen Merkmalen gefragt. Die Antworten notiert man auf Karteikarten und legt sie in der Mitte des Kreises aus. Danach wird das Märchen nochmals vorgespielt, wobei die Kinder auf die notierten Merkmale besonders achten sollen. Im Anschluss erkundigt sich die Lehrperson, welche anderen Märchen bekannt sind und stellt eine Filmvorführung für einen Projektnachmittag in Aussicht.
Bei dieser Gelegenheit werden die Kärtchen nochmals zur Erinnerung ausgelegt, verbunden mit der Aufforderung, während des Films „Azur und Asmar“ darauf zu achten, ob es solche Merkmale gibt (vgl. Hintergrundinformation Märchen). Im verdunkelten Klassenzimmer mit Laptop und Beamer dann gemeinsam den Film anschauen. Danach kann der Arbeitsbogen Fragen zum Film – Thema „Märchen“ beantwortet und besprochen werden. Als Hausaufgabe ließe sich der Arbeitsbogen Märchen – Kreativaufgabe mitgeben, worin es darum geht, eine Episode, die nicht im Film gezeigt wird, selbst weiterzuspinnen. Statt der Idee, sich auszudenken und zu beschreiben, wie Asmar sich wohl den Regenbogenvogel zum Unterstützer gemacht hat, gäbe es auch die, zu überlegen, auf welche Weise Asmar an den „schneidenden Schlüssel“ gelangte, mit dem er auf dem Weg zur Fee das dritte Tor öffnen kann.
Im Kontext des im nächsten Abschnitt vorgeschlagenen Projekts über einen „marokkanischen Markt“ im Klassenzimmer, könnten an einem der Stände auch orientalische Märchenbücher in französischer Sprache ausliegen, zu denen die Schülerinnen und Schüler ihren MitschülerInnen aus anderen Klassen, die zu Gast sind, Zusammenfassungen erzählen.
Da die Durchblick-DVD „Azur und Asmar“ auch die französische Originalfassung beinhaltet, bietet sich zum Beispiel über das Thema Maghreb (vgl. Hintergrundinformationen Maghreb) interkulturelles Lernen in Verbindung mit der französischen Sprache an. Man könnte etwa als Projekt in der Sekundarstufe I, ausgehend von den Bildern im Film, einen marokkanischen Markt (Souk) im Klassenzimmer einrichten (vgl. Infobogen: Der marokkanische Souk).
Austausch und Kommunikation, Essen und Gewürze – sinnlich, emotional und pragmatisch können Schülerinnen und Schüler beim Projekt „Souk“ Erfahrungen sammeln, die sich nicht aus Büchern herleiten lassen. Das vermag Vorurteile abzubauen und durch die aktive, entdeckende Beschäftigung mit lebensnahen Bereichen Neugier gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen zu schaffen. Wenn es Schülerinnen und Schüler aus dieser Region gibt, ist das vorteilhaft, weil sie eigene Erfahrungen einbringen können. In jedem Fall trägt das Projekt zu Toleranz und Offenheit für andere Kulturen innerhalb der Klassengemeinschaft bei.
Marokko wird den meisten Schülerinnen und Schülern unbekannt sein, weshalb es wichtig ist, an die eigene Lebenswelt anzuknüpfen: Kochen und Essen bieten sich hier an, denn auf einem Souk werden neben vielen anderen Dingen Lebensmittel verkauft und es gibt jede Menge Imbissmöglichkeiten. Offene Methoden in arbeitsteiligen Gruppen bieten sich an. Ein Souk als Projekt meint auch, das Klassenzimmer zu verändern und eine andere Lernumgebung zu schaffen. Es fordert die Schülerinnen und Schüler auf, sich zunächst intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, damit zu arbeiten und schließlich die Ergebnisse an einem eigenen Stand zu präsentieren und den Mitschülern Aufgaben zu stellen („lernen durch Lehren“). Hier finden sich zwei Vorschläge für Gruppenarbeit, die nach Bedarf ergänzt (etwa um „Körperpflege und Schönheit“, Stichworte: Henna, Heiltees) oder auch doppelt belegt werden können. Beide Gruppen erhalten einen Arbeitsbogen mit Aufgaben („Le buffet des saveurs“ bzw. „Cuisine et manger au Maghreb“). Zur Erarbeitung wird teilweise im Internet recherchiert – bei diesen angeleiteten Recherchen sollten Websites von der Lehrperson vorgeschlagen werden. Dann stellen die Gruppen Plakate her, auf denen sie ihre Ergebnisse präsentieren. Außerdem richtet jede Gruppe einen Stand im Klassenzimmer ein, der nicht nur als Ausstellungs-, sondern auch als Erfahrungsort beim anschließenden Rundgang, den „Besuch des Markts“ dient. Dazu werden Mitschülerinnen und Mitschüler aus anderen Klassen eingeladen.
Gruppe 1: Le buffet des saveurs
Ein besondere Rolle spielen zunächst die typischen Gewürze wie Kreuzkümmel, Kurkuma, Ingwer, Safran, Zimt, Pfeffer, Paprika und Kräuter (Petersilie, Koriander, Minze, Rosmarin) sowie die Harissa, eine scharfe Chili-Sauce aus Tunesien. Sie alle werden im Maghreb vielfältig und oft anders als in der deutschen und französischen Küche eingesetzt. Sie sollten in größeren Mengen, in Schüsselchen oder auf Tellern aufgehäuft, vorhanden sein. Hier ließe sich zu „Sehen – Riechen – Schmecken – Rätseln“ ein Spiel an einem Stand entwickeln. Ziel wäre, bekannte Gewürze wieder zu erkennen und neue kennen zu lernen. Die Gewinner könnten in Form von Süßigkeiten wie dem marokkanischen Nougat belohnt werden. Falls jüngere Kinder „auf den Markt“ eingeladen werden, kann hier auch der Arbeitsbogen „Die Farben von Kräutern und Gewürzen“ eingesetzt werden.
Gruppe 2: Cuisine et manger au Maghreb
Rezepte und Kochbücher zur maghrebinischen Küche sind zumindest in französischer Sprache leicht zu finden (vgl. Medientipps). Je nach Gegebenheiten in der Schule könnte man ein Menü oder einzelne Gerichte auswählen und zubereiten. Dazu wird ein Speiseplan oder eine Rezeptstellwand in französischer Sprache erstellt. Das Ambiente der Stände ist wichtig fürs Gelingen des Projekts. Viele marokkanische Familien sitzen heutzutage zum Essen wie die Europäer auf Stühlen um einen Tisch. Es gibt aber auch die bürgerlich-städtische Kultur, an einem niedrigen Tisch auf bequemen Sofas zu sitzen oder in ländlichen Gebieten auf dem Boden auf Kissen sitzend zu essen. Die Wahl darüber, wie die Sitzecke gestaltet wird, sollte den Schülerinnen und Schülern überlassen werden.
Da normalerweise im Unterricht der Blick mehr auf Immigration und die damit verbundenen Probleme gerichtet ist, öffnet sich vielleicht gerade durch solch ein Projekt eine andere Sichtweise, die einerseits den Abbau von Klischees und Vorurteilen und andererseits einen bereichernden Umgang mit der französischen Sprache vermittelt.
Weiteres Arbeitsblatt zum Thema Maghreb, auch für den Sachkundeunterricht an Grundschulen geeignet: Arbeitsbogen: Der große Maghreb.
Hier sind die Filmbilder aus den Kapitelbeschreibungen aufgeführt, die „Marktbilder“ aus einem der Arbeitsbögen sowie weitere Filmstills. Außerdem gibt es einfache schwarz-weiße Umrisszeichnungen von Michel Ocelot. Mit der Bildergalerie auf der Videoebene lassen sich die Fotos einzeln mit dem Beamer auf die Wand projizieren. Prägnante Beispiele können für Unterrichtsgespräche etwa zu den Themen „Geborgenheit und Fremdsein“ sowie „Aberglaube und Vorurteile“ genutzt werden. Eine andere Möglichkeit wäre, die Schülerinnen und Schüler aufzufordern, die Szenen zu erzählen, die zu den Bildern gehören, eine weitere, eigene Ideen für ein Filmplakat zu entwickeln.
Bei letzterem Vorschlag sollte vorher über den Sinn eines Filmplakats gesprochen werden:
Die Zeichnung der Mutter mit den beiden Buben auf dem Schoss kann man als Vorlage für ein Bilderbuchkino nehmen, indem sie den Kopf abwechselnd dem einen oder dem anderen Jungen zuwendet. Bei jüngeren Schülerinnen und Schülern ließe es sich auch als Vorlage einsetzen, die bemalt wird – z.B. mit orientalisch- ornamentalen farbigen Mustern auf ihrem Kleid oder um Hintergründe ergänzt werden soll.
Collagen: Mit Hilfe selbst ausgesuchter oder vorgegebener Materialien können Aspekte des Gesehenen, die besonders beeindruckend oder provozierend waren, künstlerisch verarbeitet und in visueller Form dargestellt werden.
Bei den Medientipps finden sich zum Großteil kommentierte Medienhinweise zu den Themen Märchen, Maghreb und Animationsfilm. Unter den Literaturhinweisen für PädagogInnen sind auch Buchbeispiele zu den Themen interkulturelle Erziehung, Fremdsein und Toleranz verzeichnet.
Quellen: Elisabeth Buck: Religion in Bewegung. Sekundarstufe I, Vandenhoeck & Ruprecht, 2005. / Ina Hochreuther: Begleitkarte zu „Willi will’s wissen - wer trickst für den Trickfilm?“, DVD, hrsg. v. FWU, Grünwald 2009. / Nicola Heimann-Bernoussi: Hören, sehen, riechen, schmecken. In: Unterricht Französisch Nr. 86, Erhard Friedrich Verlag, 2007