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Durchblick 6+ – Choo Choo 1 - 3 – Garri Bardin – Russland 1997-2005 – 80 min.

3.2 Die Themen des Films „Choo Choo 1“

Ein Weihnachtsmärchen
„Choo Choo 1“ bedient sich der Elemente des klassischen Weihnachtsmärchens. Die Handlung entwickelt sich in der Weihnachtsnacht, im Herzen eines großen Hauses mit schneebedecktem Garten. Der Weihnachtsbaum glänzt im Zimmer des Kindes und die Gäste bringen Geschenke mit. Der kleine Junge scheint so rein und unschuldig, die Eltern dagegen wirken fremd und kalt, während Choo Choo die Zärtlichkeit und die Zuneigung verkörpert. Vor allem im Aufbau lehnt sich der Film an Weihnachtsmärchen an. Nach einem anfänglichen Bruch in der Familie (die Eltern lassen ihr Kind am Weihnachtsabend allein), führt Bardin ein magisches und heilendes Element ein (das magische Kindermädchen), das nicht nur die Erwartungen des Kindes erfüllt (sie verwandelt das Weihnachtsessen in ein unglaubliches Abenteuer), sondern auch die Eltern an ihre Aufgaben erinnert und somit die Ordnung innerhalb der Familie wiederherstellt. Dank der Zauberei an diesem Abend endet der Film dann in der friedlichen Stille der schneebedeckten Landschaft.

Die Familie
Auch wenn das Weihnachtsmärchen als Hintergrund für die Geschichte benutzt wird, bleibt ein wesentliches Thema des Filmes die Familie. Für den kleinen Jungen sind seine Eltern von großer Bedeutung. Ganz aufgeregt sitzt er am Fenster und freut sich auf den Besuch, um gemeinsam mit ihnen das Weihnachtsessen zu feiern . Doch weit weg von den Klischees einer glücklichen Vater-Mutter-Kind-Familie stellt Bardin eine Familiensituation dar. Er zeigt Eltern, die ihr Kind ignorieren und wegschicken, damit sie den Abend mit ihren Freunden verbringen können. Das Kind wiederum bittet um einen Moment der Zuneigung und ein wenig gemeinsame Zeit. Auf verschiedenen Wegen versucht es ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Zunächst erkämpft es sich den Weg durch die vielen riesenhaft wirkenden Beine der Erwachsenen, um gemeinsam mit den Eltern zu tanzen. Doch diese schimpfen nur und stoßen ihn zur Seite. In einem zweiten Versuch setzt er sich eine Weihnachtsmannmaske auf, tanzt und spielt den Gästen etwas vor. Doch keiner beachtet ihn. Als alle am Tisch sitzen und gemeinsam essen, kriecht er verärgert unter den Tisch, bindet heimlich alle Schnürsenkel der Gäste zusammen, räumt anschließend die vielen Teddybären zusammen und verlässt traurig das Esszimmer. Selbst die Tatsache, dass beim Aufstehen alle Gäste übereinander stolpern, kann ihn nicht aufheitern. Stattdessen lachen alle nur und feiern weiter. Aber keiner schaut nach ihm. Traurig und einsam zieht er sich in sein Zimmer zurück. Um den bedrückenden Charakter dieses Momentes noch zu verstärken, entwickelt Bardin seine Figur im Halbdunkel. Der Raum wirkt durch die Beleuchtung wie „zerdrückt“.

Plötzlich hört der Junge etwas von draußen. Durch das Fenster beobachtet er einen Vater mit seinem Kind. Sie laufen gemeinsam Schlittschuh und haben sichtlich Spaß dabei. Diese Szene spiegelt deutlich den Wunsch des Kindes wider. Das zugefrorene Fenster, durch das er nur an einer kleinen Stelle, an der seine Hand einen Abdruck hinterlässt, hinausschauen kann, ist Symbol für die Unerreichbarkeit dieses doch eigentlich einfachen kleinen Wunsches. Um ihn sich doch zu erfüllen bleibt ihm nichts anderes übrig, als in seine Fantasiewelt zu flüchten. Mit ihrer Hilfe schafft er eine Figur, die fähig zu sein scheint, ihm gute Laune, Liebe und Zärtlichkeit zurückzubringen, die er von seinen Eltern aktuell nicht bekommt. Aus den Wünschen des Kindes entstanden, begnügt sich das Kindermädchen Choo Choo aber nicht damit, nur ein Ersatz für die elterliche Liebe zu sein. Sie symbolisiert zugleich die Verbindung, die die Familie zusammenhält. Deutlich wird dies in der Szene mit dem Eisbären im Garten. Choo Choo hilft als Dank dafür, dass er den Jungen gerettet hat, dem Eisbären aus seiner Einsamkeit und führt die Teddybärenschaar zusammen. Glücklich über die neue Bärenfamilie verabschieden sich alle. Hier zeigt Bardin symbolhaft, dass es für den Jungen nicht nur wichtig ist, die Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern betont auch die Bedeutung des Zusammenhaltes innerhalb der Familie.

Es war ein langer Tag und der kleine Junge schläft glücklich in den Armen seines neuen Kindermädchens ein. Choo Choo bringt ihn zurück ins Haus, zieht ihm liebevoll den Schlafanzug an und legt ihn ins Bett. All das, was eigentlich die Eltern machen müssten. Es wird deutlich, dass Vater und Mutter ihrer Rolle als fürsorgliche Eltern in dieser Geschichte nicht gerecht werden. In der Szene auf dem Dach wird diese Unaufmerksamkeit besonders augenfällig. Während der kleine Junge an der Dachrinne hängt und abzustürzen droht, bekommen die Eltern im Haus davon nicht das geringste mit. In einer Großaufnahme sind nur die wippenden Beine der beiden zu sehen, die dem Zuschauer zu verstehen geben, dass sie gerade so beschäftigt sind, dass sie nicht mitbekommen, was auf dem Dach vor sich geht. Der letzte Ausweg ist Choo Choo, die sofort zu Hilfe eilt. Erst spät am Abend, als alle Gäste gegangen sind, sehen die Eltern zum ersten Mal nach ihrem Kind. Dabei zögert Choo Choo nicht lange, den Eltern ihr Fehlverhalten deutlich zu machen, und lässt sie durch ihre Magie ein Stück weit ihre Kindheit wieder erleben, indem sie beide für kurze Zeit in Kinder verwandelt und ihnen somit ermöglicht, das Geschehene auch aus der Sicht von Kindern zu betrachten.

Choo Choo steht also nicht nur für den Wunsch nach Zuneigung, Aufmerksamkeit und gemeinsamer Zeit mit den Eltern, sondern auch für den Wunsch, die Situation in der Familie zu verbessern. Das Kind fühlt sich unverstanden, ausgegrenzt und einsam. Der Wunsch, dass die Eltern die Situation auch einmal aus seinem Blickwinkel betrachten, liegt nahe.
Trotz seiner neuen Freundin hängt der Junge stark an seinen Eltern. Diese grundlegende und unerschütterliche Liebe zeigt sich darin, dass er vor dem Schlafengehen Mutter und Vater auf einem Foto zärtlich einen Kuss gibt.

 

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