
Durchblick 6+ – Choo Choo 1 - 3 – Garri Bardin – Russland 1997-2005 – 80 min.
Eifersucht
In seinem dritten Film zeigt Bardin die andere Seite der Liebe. Wenn sich der Wunsch nach Zuneigung und Aufmerksamkeit plötzlich in Neid und Hass verwandelt. Um das zu erreichen, führt er eine neue Figur ein und bildet damit ein Trio. Um keine Zweideutigkeit über die Absichten dieses neuen Hauptdarstellers aufkommen zu lassen, setzt er einen Welpen ein, ein Bild von wahrer Unschuld und Treue. Das Kind ist zu allem bereit, um sein Kindermädchen nicht teilen zu müssen und seinen Rivalen loszuwerden. Er lügt und lässt Choo Choo im Glauben, dass er krank ist. Er tut alles, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er stößt den Hund mit einem Besen, zeigt ihm immer wieder die Tür und versucht zweimal, ihn im Wald auszusetzen. Weit weg von dem engelhaften Bild des ersten Teils stellt Bardin ein Porträt der Wünsche aber auch der Grausamkeit von Kindern dar. In zahlreichen Nahaufnahmen spielt er mit der Mimik der Figuren und macht für jeden ihre Gefühlslage deutlich.
Doch Bardin bleibt nicht einfach bei der reinen Darstellung der Emotionen. Er geht weiter und zeigt auch die Folgen der Eifersucht und ihre Opfer. Choo Choo steht zwischen dem Jungen und dem Hund. Sie ziehen und zerren an ihr und werben um ihre Aufmerksamkeit. Sie rennt hin und her bis sie zusammenbricht. Das Hin und Her hat schließlich auch psychische Folgen für Choo Choo. Sie kann sich zwischen den beiden nicht entscheiden und weiß nicht mehr weiter. Weinend bricht sie zusammen.
Den anderen akzeptieren
Der Film zeigt jedoch nicht nur, dass Eifersucht ein Problem ist. Bardin bietet eine Lösung an. Der durch die langen Verfolgungsjagden zwischen den Figuren aufgebaute Film erreicht seinen Höhepunkt in der Szene im Wald. Nachdem sich der Junge des Welpen schließlich entledigt hat, findet sich das Kind allein im Wald wieder. Es ist dunkel, ein Sturm kommt auf und die Bäume werden plötzlich zu lebendigen Monstern, die ihn gnadenlos verfolgen. Plötzlich sieht er sich einer riesigen Kuh gegenüber. Angesichts dieser neuen Gefahr hat er keine Wahl und stellt sich ihr mutig. Und in dieser ausweglos erscheinenden Situation nähern sich das Kind und der Welpe schließlich an. Aus Rivalen werden Verbündete, die mit vereinten Kräften kämpfen. Sie ziehen nun beide an der Kuh hin und her, wie sie es kurz zuvor bei Choo Choo getan haben, nun aber mit einem gemeinsamen Ziel. Bardin bietet hier ein gutes Beispiel für eine mimetische Rivalität, die Annäherung an jene, die man eigentlich hasst, weil man sich doch in bestimmten Punkten gleicht und es dadurch möglich ist, sich vom dem anderen etwas anzunehmen und ihm sogar näher zu kommen. Beide wünschen sich die Liebe von Choo Choo, beide stehen aber auch der Kuh in einer Art Stierkampfarena gegenüber. Obwohl der Junge den Hund ausgesetzt und an einen Baum gebunden hat, eilt der ihm zu Hilfe. Gemeinsam schaffen sie es, die Kuh zu besiegen. Als der Kampf beendet ist und der Junge nach Hause will, stellt er plötzlich fest, dass sich der Hund am Seil verfangen hat, mit dem sie die Beine der Kuh zusammengebunden haben. Nach kurzem Zögern entscheidet er sich, über seinen Schatten zu springen und dem Hund zu helfen. Das Kind gelangt zu einer neuen Einsicht und beweist Reife. Choo Choo muss in einer allerletzten Traumszene sie nur noch in die Arme schließen und zu einer neuen Familie vereinen. Der Film endet wie gewohnt mit der Szene des Zubettgehens. Hier zeigt sich noch einmal die Einsichtigkeit des Jungen, indem er den Hund in seinem Bett schlafen lässt und ihm damit signalisiert, dass er ihn endgültig akzeptiert hat.