zum Anfang des Inhalts
Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 6+   –   Dornröschen   –   Arend Agthe   –   D/A 2008   –   80 min.

1. Zum Film

1.2. Kritiken

 

Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz Ausgabe 115-3/2008

Es war einmal – ein liebevolles Königspaar, das sich von ganzem Herzen ein Kind wünschte. Ein Frosch im märchenhaft schimmernden Teich sagt der traurigen Königin, dass ihr Wunsch schon bald in Erfüllung gehen wird. Wie ist die Freude groß, als Rosa auf die Welt kommt. Boten künden im ganzen Reich vom Glück des Herrscherpaars: „ein Mädchen!“ jubeln der Hof und das Volk. Bei der Taufe dann passiert Verhängnisvolles: Nur weil ein goldener Teller fehlt, wird eine von 13 guten Feen zur bösen.

Wie es weitergeht, ist bekannt. Dornröschen und alle anderen Schlossbewohner fallen von einem Augenblick zum anderen in tiefen Schlaf, sogar die Hühner kippen im Stehen um. Eine unüberwindliche Dornenhecke, die alles verschlingt, was sich einen Weg bahnt, überwuchert das Gemäuer. Doch eines Tages kommt der anmutige junge Prinz, ein Forschergeist, der sich trotz der schwierigen Finanzlage seiner Eltern nicht verkuppeln ließ, weil ihm einfach keine Heiratskandidatin gefiel. Das Bild des schlafenden Kindes, das ihm seine Brieftaube übermittelt hatte, ließ ihn nicht ruhen. Und am Ende dieser dornenreichen Geschichte bekommt Prinz Frederik sein Röschen, das nicht nur hübsch anzusehen ist, sondern auch seine Interessen teilt.

Arend Agthe zeichnet für Drehbuch und Regie dieser von Dagmar Ungureit für das ZDF produzierten Märchenverfilmung. Und auch in diesem Genre zeigt sich wieder einmal sein Talent, für Kinder gute Filme zu machen. Er führt niemanden vor, sondern fühlt sich ein in die Geschichte, die er ausgebaut hat. Denn während Dornröschen schläft, dreht sich die Welt weiter, bleibt die Zeit nicht stehen – es ist die Zeit der großen Erfindungen. Hier macht der Filmemacher einen geschickten Schachzug, indem er die Geschichte im 18. Jahrhundert beginnen lässt und ein Mädchen vorstellt, das sich nicht nur für sich und ihre Kleider interessiert. So liest Dornröschen vor dem Einschlafen gerne in einem Buch über Michelangelo. Dann kommt der Zeitsprung ins 19. Jahrhundert. Prinz Frederik, von Arend Agthe mit einem besonderen Charakter versehen, trägt die Geschichte weiter. Dieser Prinz ist ein Forscher- und Erfindergeist, der fürs Leben am Hofe mit seinen Spielregeln nur wenig Interesse zeigt. Ein Privatlehrer führt ihn ein in die modernen Wissenschaften mit ihren neuesten Erfindungen, denen der junge Prinz einige hinzufügt, Stabhochsprung zum Beispiel, Ballon fahren, Luftaufnahmen.

Arend Agthe gelingt es, dem alten Märchen neues Leben einzuhauchen, es zu erwecken; ein Kinderfilm für Heranwachsende, denn es geht auch um die erste Liebe, um Sehnsucht und bisher nicht gekannte Gefühle. Alles in allem eine gelungene Märchenverfilmung, die die Vorlage respektiert, poesievoll erweitert, mit Phantasie und Witz neue Akzente setzt und die nicht nur Kindern Vergnügen bereitet.

Gudrun Lukasz-Aden

 

Dokumentation der Filmvorführung am 26.6.08 beim 26. Münchner Kinderfilmfest in Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz Ausgabe 116-4/2008

Reaktionen während der Vorstellung

Die mit 109 Zuschauern knapp ausverkaufte Schulvorstellung im Vortragssaal der Bibliothek des Gasteig besuchten Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 13 Jahren (5. und 7. Klassen).

Während des gesamten Films herrscht hohe Aufmerksamkeit, was angesichts der für Märchen eigentlich etwas zu „alten“ Altersgruppe der Besucher zunächst erstaunen mag. Lediglich bei den längeren Dialogszenen wie z. B. zwischen Prinz Frederik und seiner Mutter, Königin Margarete, lässt die Konzentration vorübergehend nach und es wird unruhig im Saal. Am besten kommen die „Action“-Szenen an, vor allem die waghalsigen Flugversuche des Prinzen und seine spektakuläre Prinzessinnen-Errettungsmission. Hier werden sogar Kommentare an das Leinwandgeschehen gerichtet, etwa warnende „Nein!“-Rufe, wenn Frederik auf die todbringende Hecke zugeht. Erleichtert klatschen einige Kinder Beifall, sobald die Hecke unter dem Schwert zerfällt.

Der Humor des Films funktioniert gut, die Schüler lachen gern und oft, z. B. wenn das Baby bei der Taufe niest, über den Namen des als Skelett im Dornengestrüpp wieder gefundenen Urgroßonkels Ottokar, oder wenn Frederik und der Professor einander missverstehen („Pest“ statt „Süd-Südwest“). Die Schüler reagieren ebenfalls mit vergnügtem Lachen auf die Bruchlandung im Heuhaufen oder die Slapstick-Gags, wenn das Schloss erwacht (von der Leiter fallen usw.).

Es wird intensiv mitgelitten und -gefühlt: Während bei Frederiks Versuchen, die Hecke zu überwinden, die einen laut über den Ausgang spekulieren, kauen ein paar Kinder aufgeregt auf ihren Fingernägeln. Beim Sinkflug des Heißluftballons hält sich ein Junge Augen und Ohren zu, wofür vermutlich auch die bedrohliche Musikuntermalung mit verantwortlich ist. Die Aufregung im Publikum ist groß, wenn Prinz und Professor im Wald notlanden, es wird viel getuschelt. Interessanterweise ruft zu Beginn der Geschichte das Spindelverbot, das von einem singenden Barden erzählt wird („Als alle Spindeln brannten“), bei mindestens einem Jungen Angst hervor.

Die Reaktionen auf die Liebesgeschichte fallen erwartungsgemäß aus: So wie für ein paar der Kinder schon feststeht, „jetzt verliebt er sich“, als Frederik mit seiner Laterna Magica das Bild der schlafenden Prinzessin sieht, so ruft der finale Kuss begeisterte Ablehnungsbekundungen („Iiih!“) hervor. Ein Großteil der Schüler applaudiert aber auch dem Happy End, wie es im Film selbst getan wird.

Verwendbarkeit des Films für die Kinderkulturarbeit

Arend Agthes „Dornröschen“ ist eine intelligente und gleichermaßen poetische Adaption des Grimmschen Märchens. Phantasievoll und frisch umgesetzt, ohne die ursprüngliche Geschichte zu verraten oder ihren romantischen Reiz einzubüßen – so sind Handlung und Orte des Geschehens im 18. bzw. 19. Jahrhundert belassen – erfahren Figuren und Handlung eine moderne Interpretation. Prinzessin Rosa ist nicht einfach märchenhaft schön, sondern auch ein wahrer Wildfang, der Turniere reiten will und ansonsten DaVinci verehrt und Apparate erfindet – eine emanzipierte Persönlichkeit ersetzt den schablonenhaften Prinzessinnenstatus. Ebenso wird Prinz Frederik mit einem eigenen Charakter ausgestattet: Er ist dem modernen Zeitalter der Wissenschaft entsprungen, liest lieber Bücher statt das traditionelle Kriegshandwerk zu erlernen, ist ein Forscher, der sich speziell für Flugapparate begeistert – ein junger Jules Verne, wie Drehbuchautor und Regisseur Agthe selber über seine Figur sagt (siehe Interview). Damit bügelt die Adaption die (genretypischen) Schwächen des Märchens aus, in dem der Zufall regiert und Handlungen nicht hinterfragt werden.

Man erfährt zum Beispiel die Hintergründe dafür, warum Frederik heiraten soll: eine wirtschaftlich „gute Partie“ soll das bankrotte Königreich retten. Noch gravierender ist die Motivation, die der Ausgang der Handlung erfährt: Prinz und Prinzessin werden nicht durch die bloße Errettung und ihren Status ein (fremdbestimmtes) Paar, sondern aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten und gegenseitig erwiderten Gefühle. Diese moderne Auslegung gehört zu den stärksten Argumenten für dieses „Dornröschen“. Hinzu kommt, dass der Humor alle Altersgruppen anspricht und erfreulicherweise ohne Blödeleien und Zoten auskommt, wie es sonst so häufig der Fall ist.

Für Kinder ist das altbekannte Märchen vom Dornröschen neu, dabei vor allem spannend, lustig und abwechslungsreich erzählt und schön anzusehen. Die Länge von 81 Minuten und das Erzähltempo überfordern auch das jüngere Publikum nicht, wobei sich, wie die Vorstellung gezeigt hat, auch die etwas Älteren nicht langweilen, sondern durchaus auf ihre Kosten kommen.

Für die Kinderkulturarbeit ist der Film „Dornröschen“ sehr geeignet und wird für Kinder ab 6 Jahren empfohlen.

Ulrike Seyffarth

 

Zum Ausdrucken:

Download dieser Seite im PDF-Format - Rechte Maustaste: Ziel speichern ... PDF-Dokument