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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 6+   –   Dornröschen   –   Arend Agthe   –   D/A 2008   –   80 min.

1. Zum Film

1.4. Der Filmemacher Arend Agthe

Arend Agthe

Arend Agthe, geb. 1949 in Rastede bei Oldenburg, nach dem Abitur Studium der Germanistik und Politik in Marburg und ab 1972 Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Frankfurt am Main, neben dem Studium experimentelle Theater- und Kurzfilmarbeit sowie freie Mitarbeit beim satirischen Magazin „Pardon“, 1974 erste Fernsehregie „Die Hau Schau“ (Unterhaltungsshow, ZDF), ab 1975 Arbeit als Autor, Regisseur und Kameramann für Kinder- und Jugendsendungen von ARD und ZDF (u. a. „Sesamstraße“, „Löwenzahn“). Kinderfilme (Auswahl): „Flussfahrt mit Huhn“ (1983), „Küken für Kairo“ (Fernsehfilm, 1985), „Der Sommer des Falken“ (1987/88), „Wunderjahre“ (1992), „Karakum“ (1995) folgten.

Arend Agthe ist einer der erfahrensten Autoren und Regisseure von Kinderfilmen in Deutschland. Mit seinen Arbeiten hat er Standards gesetzt, die wesentlich dazu beitrugen, dass man hierzulande von einer Kinderfilmkultur sprechen kann.

1988 bekam er für „Der Sommer des Falken“ den Bundesfilmpreis und den „Lucas“ des Internationalen Kinderfilmfestivals in Frankfurt am Main. 1988 erhielt er den Grimme-Preis für „Brausepulver“ – „Die Mine“. Beim Kinderfilmfest der Berlinale 1994 wurde sein Film „Karakum“ mit dem UNICEF-Preis ausgezeichnet. Es folgte im gleichen Jahr der Amsterdamer Cinekid Film Award, ebenfalls für „Karakum“. 1995 kam für den gleichen Film noch der Preis der Kinderjury beim Festival Goldener Spatz dazu.

Arend Agthe drehte aber nicht nur Kinderfilme, sondern unter anderem auch einige Folgen für den „Tatort“.

Weitere Informationen zu Arend Agthe unter:
de.wikipedia.org/wiki/Arend_Agthe


Seine Kinderfilme

Bei allen seinen Kinderfilmen hat Arend Agthe nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Kollegen, geschrieben.

„Flussfahrt mit Huhn“ ist einer der erfolgreichsten Kinderfilme aus bundesdeutscher Produktion. Fast 1.100 000 Kinder haben die Verfolgungsjagd entlang der Weser bereits gesehen und waren einer Meinung mit der Filmkritik, die Arend Agthes Abenteuerstreifen allgemein als frischen Wind in der Kinderfilmflaute Westdeutschlands begrüßte.

In „Küken für Kairo“ geht es um den Transport von 200.000 Küken nach Kairo, aber nur 199.999 kommen an. Wo ist das fehlende Küken?

„Der Sommer des Falken“ ist ein actionreicher Abenteuerfilm über Rick und Marie, die es in ihren Sommerferien mit einem Gangster aufnehmen, der es auf das Gelege eines Falken abgesehen hat.

„Karakum“: Blendend weiße Salzwüste, ausgedehnte Dünen, unendliche Sandflächen, in die einzig der Wind seine Spuren fräst; eine Landschaft voller Gegensätze - das ist Karakum, die große Wüste in Turkmenistan, im Süden der ehemaligen Sowjetunion. Die Idee, in dieser harten, unerbittlichen Landschaft einen Film zu drehen, kam Regisseur Arend Agthe, als er seinen turkmenischen Kollegen Usman Saparov kennenlernte. Gemeinsam schrieben sie das Drehbuch über die deutsch-turkmenische Freundschaft zweier Jungen, die gemeinsam ein gefährliches Abenteuer bestehen müssen. Doch bis mit den Dreharbeiten begonnen werden konnte, musste man noch einmal fünf Jahre warten: Bei einer Zusammenarbeit zwischen einem so hochorganisierten Land wie Deutschland und einem Staat im Umbruch (Mitte der 1990er Jahre) wie Turkmenistan trafen zwei Kulturen mit manchmal auch sehr unterschiedlichen Ansichten aufeinander, z.B. wie man denn nun einen Film dreht.

Es geht um den 13jährigen Robert, der in den Ferien seinen Vater besucht, der als Ingenieur bei einem Erdgasprojekt in der Wüste arbeitet. Er wird von einem turkmenischen Lastwagenfahrer und seinem Neffen Murad abgeholt. Doch der Lastwagen bleibt liegen und die beiden Jungen müssen sich, nachdem der Lastwagenfahrer nicht mehr zurückkommt, alleine durch die Wüste schlagen.

In einem Interview aus dem Jahr 1984 zu seinem Film „Flussfahrt mit Huhn“ sagt Arend Agthe über seine Art Kinderfilme zu machen, dass er Kinder oftmals in ein Ghetto gedrängt sehe, wie Kindergärten, Schule oder bestimmte Fernsehleisten. Er sehe im Kind schon immer ganz viel Erwachsenheit, wie er auch im Erwachsenen etwas Kindliches erkenne, was vielleicht verschüttet ist, was er aber gerne durch den Kinderfilm mobilisieren wolle.

In einem Interview aus dem Jahr 2007 bricht er eine Lanze für Filme, denen Originalstoffe zu Grunde liegen. Diese haben es in der Förderung nicht leicht, da vielfach auf „Marken“ gesetzt werde und Stoffe nach markstrategischen und nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten beurteilt würden.

Doch wir bräuchten in einer Zeit, die durch die fortschreitende Globalisierung zu vereinheitlichen droht, einfach wieder mehr Qualität und Vielfalt.

Die vollständigen Interviews mit Arend Agthe aus den Jahren 1984 und 2007 sind in der Kinder- und Jugendfilmkorrespondenz nachzulesen unter:
www.kjk-muenchen.de/archiv/index.php?id=696
www.kjk-muenchen.de/archiv/index.php?id=1771

Weitere Interviews mit Arend Agthe zu seinen Filmen sind hier zu finden:
www.kjk-muenchen.de/archiv/index.php?id=1391
www.kjk-muenchen.de/archiv/index.php?id=80
www.kjk-muenchen.de/archiv/index.php?id=1014

 

Interviews mit Arend Agthe zu seinem Film „Dornröschen“

Interview anlässlich der Weltpremiere von Dornröschen auf dem Münchner Kinderfilmfest 2008 in der Kinder- und Jugendfilm-Korrespondenz Ausgabe 115-3/2008

Dies ist nach „Rotkäppchen“ (2005), „Hänsel und Gretel“ (2006) und „Rumpelstilzchen“ (2007) die vierte von sechs geplanten Neuverfilmungen der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm.

KJK: Wie war die Zusammenarbeit mit dem ZDF und der Redakteurin Dagmar Ungureit, die diese Märcheninitiative gestartet hat?
Arend Agthe: „Es war vor allem von Vertrauen geprägt. Dagmar Ungureit hat mir bei meiner Arbeit viel Freiheit gelassen.“

Hatten Sie von Anfang an bestimmte Vorstellungen, wie Sie es machen bzw. nicht machen wollten?
„Nachdem ich mir einige Märchenverfilmungen angesehen hatte, fand ich manches vom Ansatz nicht so geglückt – einiges war mir zu humorlos, anderes zu dicht der Symbolik verhaftet, oder 'bleiern' ernsthaft. Ich hatte es dadurch natürlich leichter, bestimmte Fehler zu vermeiden.“

Wann haben Sie sich erstmals mit der Märchenverfilmung von Dornröschen beschäftigt?
Vor etwa fünf bis sechs Jahren, als ich in einer Autorengruppe für das Projekt ins ZDF eingeladen worden war. Damals durfte ich mir aus den sogenannten 'Grimmschen Kernmärchen' eines aussuchen. Ich habe damals alle durchgelesen und meine Wahl fiel zielgerichtet auf 'Dornröschen'. Ich war überrascht, dass kein anderer Autor dieses Märchen optiert hatte.“

Können Sie sich vorstellen, warum das so war?
„Nicht wirklich! Allerdings fand ich beim Lesen einen Aspekt des Märchens unbefriedigend: die Geschichte des Prinzen. Bei Grimm ist er ein 'Hans im Glück', nicht gerade mit viel Intuition und Intellekt ausgerüstet. Einfach einer, der blind den Sirenenklängen der Liebe folgt und in die Dornenhecke rennt. Nur hat er das Glück, dass in diesem Moment die hundert Jahre um sind. Dadurch überlebt er. Ich fand das als Schwachstelle und wollte einen Prinzen, der aktiv um seine Liebe kämpft.“

Geht es also in Ihrem „Dornröschen“ um die Kraft der Liebe?
„Auch. Und ums Erwachsenwerden, um erste erotische Gefühle und die Ängste, die damit verbunden sind. Und um die Angst der Eltern, besonders die der Mutter, ihr Kind zu verlieren. Es gibt ja diese doppelte Mutterfigur im Märchen. Die gute Mutter, die behütende, die ihr Kind nicht loslassen kann und die böse, die 13te Fee, die das Kind verstößt und verflucht.“

Eine originelle Idee ist auch, das Märchen im 18. Jahrhundert zu starten und im 19. Jahrhundert zu vollenden ...
„Ich fand es schön, mit Dirk Bach und Christine Urspruch ein mittelalterlich anmutendes Bilderbuch-Königspaar zu zeigen, das sich so sehr ein Kind wünscht. Im Gegensatz dazu die Welt des Prinzen, die bereits der Moderne verhaftet ist. Es macht den 100-jährigen Zeitsprung für den Zuschauer deutlich.“

Herausgekommen ist ein Arend-Agthe-Film mit eigener Handschrift. Wie viele Drehtage standen zur Verfügung?
„Zwanzig. Wir mussten es schaffen, denn wir hatten weniger Geld zur Verfügung als ein normales Fernsehspiel. Der Film war, für das was er bietet, extrem preiswert, 1,17 Millionen. Eigentlich waren ursprünglich 26 Tage veranschlagt.“

Hat das Wetter mitgespielt? Denn es ist ja auch ein sommerlicher Film ...
„Da hatten wir wirklich unwahrscheinliches Glück. Wir drehten 1200 Meter hoch im österreichischen Mauterndorf. Da fiel Anfang September bereits ein Meter Schnee. Das sahen viele als schlechtes Omen. Aber dann kurz vor dem Dreh wurde es wieder sommerlich warm und der Schnee taute weg.“

Welche Vorgaben gab es für das Märchen, welche Kriterien sollten erfüllt werden?
„Der Film sollte möglichst eng an der Märchenvorlage bleiben. Mit erkennbaren Elementen, z. B. Original-Zitate. Aber es war uns allen klar, dass man die Original-Märchen, die ja bei Grimm relativ knapp erzählt sind, nicht so einfach auf neunzig Minuten bringen kann. Es mussten zusätzliche Episoden und Handlungsstränge erfunden werden. Als ich mir darüber Gedanken machte, bin ich auf den 'Jules Verne-Ansatz' gekommen. Der Prinz als Erfinder und Pionier, der mit Katapulten, Stabhochsprung und einem Gasballon versucht, die Dornenhecke zu überwinden. Übrigens, die kleine Kamera, mit der die Taube Luftaufnahmen macht, ist wirklich zeitgemäß nachgebaut. Sie wurde im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erstmalig an Tauben ausprobiert.“

Märchenfilm ist ein Genre, das man nicht mit dem Namen Arend Agthe verbindet, was hat Sie veranlasst, dieses Angebot anzunehmen?
„Genres, die ich noch nicht ausprobiert habe, interessieren mich, sie beflügeln die Phantasie ... Aber ich hatte mich schon einmal mit einer Märchenadaption beschäftigt, mit dem 'Fischer und siner Fru'. Das Werk scheiterte allerdings an den Kosten. Es war nämlich als Open-Air-Eis-Show geplant. Für die Produzenten als Realfilm einfach zu teuer und zu aufwändig.“

Wie bei vielen Kinderfilmen spielt auch hier ein Kind des Regisseurs mit. Wie kam es dazu?
„Unser Sohn David hatte Herbstferien und besuchte uns am Set und da hatte er Lust mitzumachen. Er spielt ein Kind am Hofe von Königin Margarete, die übrigens von meiner Frau, Bettina Kupfer, dargestellt wird.“

Wer suchte die Kinder aus?
„Britt Beyer, eine Casterin aus Berlin. Sie hat viele Vorschläge gemacht. Die haben wir dann genau in Augenschein genommen. Es blieben am Ende zehn bis zwölf junge Paare; mit denen machten wir Probeaufnahmen. Ich empfinde Moritz Schulze als Prinz Frederik eine Entdeckung. Er hat so etwas Altmodisches, spielt wach und sehr intelligent. Bei der Besetzung der erwachsenen Rollen lief es anders. Viele hatte ich bereits beim Schreiben im Kopf.“

Brauchen Kinder Märchenfilme?
„Wenn damit fantasievolle Filme gemeint sind, die archaische, menschliche Grundkonflikte ansprechen, würde ich sagen: ja.“

Warum steigt das Fernsehen so sehr auf Märchen ein?
„Ich vermute, weil sie gerade in Mode sind. Schließlich ist es mehr als 30 Jahre her, dass Märchenfilme in großer Anzahl produziert worden sind. Sie sind also in gewisser Weise wieder 'dran'. Sie passen wunderbar in unsere gegenwärtige 'restaurative' Zeit. Solche Epochen gibt es offenbar immer wieder. Sie sind gekennzeichnet durch Risikolosigkeit und Ausblendung von gesellschaftlichen Problemen. Man könnte heute doch so viele zeitgemäße Themen filmisch behandeln, dass einem schwindlig wird. Stattdessen wird im Kinderfilm weitgehend Unterhaltung gemacht. Allerdings spüre ich langsam ein Ende dieser Phase. Es wird wieder mehr gewagt.“

Was bedeutet das für den Kinderfilm?
„Dass man möglicherweise wieder anders an Stoffe herangeht. Die, die sich als 'Marke' eignen, sind ja nur begrenzt vorhanden. Und was das Produzieren angeht, kann man für weniger Geld als üblich gute Filme machen. Es gibt andere Formen, die auch für Kinder interessant sind. Man könnte sich semi-dokumentarische Formen vorstellen, mit real existierenden Kindern. Was die Märchen angehen, denke ich, dass in ein, zwei Jahren eine Müdigkeit einsetzen wird, weil einfach zu viele produziert worden sind.“

Was ist Ihrer Meinung nach die optimale Länge für Kinderfilme?
„80 bis 85 Minuten. Auf jedem Fall unter 90. Das Kinderfilm Publikum hat sich verjüngt. Wer heute einen Kinderfilm macht, muss die Altersgruppe tiefer ansetzen; zwischen 6 und 10 Jahren, da heute mit 10 meistens schon die Pubertät einsetzt."

Zurück zu „Dornröschen“, wie sieht die Zukunft dieser Märchenverfilmung aus?
„Der Film läuft in diesem Jahr zu Weihnachten im Fernsehen. Wir werden vorher noch durch einige Festivals gehen, Hamburg, Starnberg, Wien.“

Aber ein Verleih wäre ihm zu wünschen.
„Ja, das wäre schön!“

Interview: KJK-Redaktion

 

 

Interview von Friedemann Schuchardt mit Arend Agthe zu seinem Film „Dornröschen“ während der Berlinale am 7. Februar 2009

Frage:
Du hast deine Tätigkeit mit Kinderfilmstoffen begonnen. Dein erster Spielfilm „Flussfahrt mit Huhn“ wird heute noch gezeigt.
Nachdem du anschließend einige kürzere Produktionen für Kinder gedreht hast, folgten Filme für Erwachsene, z.B. „Tatorte“. Wie kamst du jetzt nach so langer Zeit dazu, wieder einen Stoff, der für Kinder und Familien geeignet ist, zu drehen?

Antwort:
Das hat mit meiner eigenen Entwicklung zu tun, und der Entwicklung, die das Fernsehen in den letzten Jahren genommen hat und mit den Erfahrungen, die ich mit dem neueren Fernsehen gemacht habe. Ich merke, dass bei Stoffen immer weniger Wert gelegt wird auf Originalität, auf Eigenleistung von Autor und Regisseur. Diese Identität gibt es im Grunde genommen im normalen Fernsehen kaum noch. Der Regisseur ist dort weitgehend zurückgedrängt worden auf die reine Funktion und hat bitte schön das zu drehen, was man ihm sagt oder im Drehbuch steht.
Es hat natürlich auch mit dem Producer-Wesen zu tun, die sich oft als die eigentlichen Kreativen des Films sehen. Ich finde, dass das heutige Fernsehen zu wenig innovativ ist und sich in einer dauernden Wiederholungsschleife befindet. Ich fand manche Arbeiten, bis auf wenige Ausnahmen (Tatorte, einzelne Fernsehspiele) unattraktiv. Da habe ich gedacht – obgleich es furchtbar anstrengend war, Kinderfilme zu drehen, weil sie immer unter notorischem Geldmangel standen – ist es doch hundertmal besser und befriedigender. Deshalb habe ich gerne das Angebot angenommen „Dornröschen“ zu schreiben und zu drehen.

 

Frage:
Wie war denn das jetzt bei diesem Stoff? Bist du auf dieses Märchen selber gekommen? Oder war es die Idee des ZDF, eine weitere Märchenverfilmung zu machen?

Antwort:
Beides! Es ging so: Das ZDF kam auf eine Gruppe von Autoren zu und sagte: ‚Wir wollen klassische Grimmsche Märchen machen, und zwar keine Adaption, sondern wirklich den klassischen Grimm verfilmen, so wie es das früher mal gab, aber mit einem moderneren Gesicht. Habt ihr Lust dazu?‘ Ich wurde zu einer Autorenkonferenz eingeladen; das war vor ca sechs Jahren. Die Märchenstaffel war ursprünglich von Leo Kirch geplant, als Koproduktion zwischen verschiedenen europäischen Ländern (Österreich, Italien, Schweiz) mit relativ großem Etat. Als die Firmengruppe von Leo Kirch zusammenbrach, war auch erst mal das Märchen-Konzept vom Tisch. Es ist der ZDF- Redakteurin Dagmar Ungureit und dem Produzenten Ernst Geyer zu verdanken, dass das Projekt, wenn auch in einem kleineren Rahmen, dann doch stattfinden konnte. Geplant waren sechs Filme. Dafür gab es sechs Autoren, die sich in Absprache miteinander und mit der Redaktion auf bestimmte Märchen festlegten. Ich hatte mich in dieser ersten Begegnung bereits auf „Dornröschen“ festgelegt. Warum, kann ich nicht mehr so genau sagen, aber ich hatte im Vorfeld alle bekannten Märchen von Grimm durchgelesen und meine Wahl war sehr spontan auf „Dornröschen“ gefallen. Ich denke weil ich da eine Möglichkeit gesehen habe, etwas Zusätzliches zu erzählen und trotzdem dem Märchen treu zu bleiben .

 

Frage:
Nun ist ja gerade für viele Mädchen „Dornröschen“ DAS Märchen! Warum hast dann Du und nicht eine Regisseurin, diese Verfilmung übernommen?
Und – hat dich als Kind dieses Märchen der Brüder Grimm in besonderer Weise gepackt?

Antwort:
Ehrlich gesagt: Nein! Für mich war „Dornröschen“ immer ein „Mädchen Märchen“. Und zwar eines das das Mädchen als etwas Besonderes, Schützenswertes verklärte, das hinter dieser furchtbaren, wunderschönen Dornenhecke auf ihren Erweckungskuss wartet. Dieser ewige Schlaf – das hatte für mich etwas Heiliges, auch was leicht Kitschiges. Wenn man die Märchen der Brüder Grimm auf ihre Emotionen hin untersucht, gehört „Dornröschen“ neben „Schneewittchen“ zu den großen Gefühlsbildern. Anders als „Hänsel und Gretel“, wo eine unheimliche Härte drin ist, dass die Hexe verbrannt wird und dass die Kinder zu verhungern drohen. Aber ich habe sofort erkannt, dass die Verklärung des Mädchens, als Jungfrau hinter der Dornenhecke, stellvertretend steht für die Sehnsucht des Mannes. Früher als Kind habe ich das natürlich nicht erkannt, aber im Grunde genommen ist es die Projektion des Mannes, der Blick auf die unberührte Frau. Ich habe gedacht: Das ist interessant zu erzählen. Allerdings musste ich dazu einen Nebenstrang zu einem Hauptstrang machen. Dadurch kommt eine neue Perspektive in den Film, die die Geschichte des Prinzen erzählt. Ein Zufall spielt ihm die Vision des Mädchens zu und er verliebt sich unsterblich in sie. Diese Liebe verleiht ihm Flügel und die Kraft über alle Grenzen zu gehen...

 

Frage:
„Dornröschen“ ist ja mehrfach verfilmt worden im Osten bei der DEFA wie im Westen. Es ist also die „xte Verfilmung“. Du hast dir wie bei aktuellen Theater- und Opern-Inszenierungen üblich die Freiheit erlaubt, die Vorlage zu aktualisieren, indem du den Prinzen mit einer Lochkamera versiehst oder die Prinzessin gleich zu Beginn als emanzipiert darstellst, als eine junge Frau, die nicht in der Sie-Form mit ihren Eltern redet bzw. brav am Tisch sitzt und die Autorität des Vaters akzeptiert.

Antwort:
Also nicht als emanzipiert, sondern eher in einer Vorstufe der Emanzipation. Im Grunde genommen als ein Mädchen mit starkem Willen. Sie hat zwei liebende Eltern, die relativ schwach sind, ihr Wünsche abzuschlagen, also eher ein vorpubertärer Zug.

 

Frage:
Was hat dich denn bewogen, diese „vorsichtig“ aktualisierten Szenen“ reinzubringen,“ z.B. den Prinzen mit einem Hobby. Was war der Grund, dass Du Dornröschen“ nicht in der heutigen Zeit ansiedelst?.

Antwort:
Das ist es. Genau das ist schwierig. Wenn man das auf heute übertragen würde, würde Dornröschen geschützt werden durch eine psychopathische Mutter. Also im Grunde genommen wäre dann das moderne Dornröschen ähnlich wie im amerikanischen Film „Reifeprüfung“ mit der hysterischen Mutter, die ihm verbietet, mit der Tochter Kontakt aufzunehmen.

 

Frage:
Aber wie kamst du dann auf den Prinzen und sein Hobby mit der Lochkamera?

Antwort:
Zweierlei Sachen sind gleichzeitig passiert. Einmal brauchte ich ein Bild für die 100 Jahre, die vergehen. Und um die 100 Jahre deutlich zu machen, habe ich mir überlegt: Ich skizziere die Welt der Prinzessin als mittelalterlich und die Welt des Prinzen als das 19. Jahrhundert, den Anbruch der Moderne. Trotzdem wirken beide Königreiche altertümlich. Also für Kinder sind beides alte Welten. Das war das Reizvolle daran. Dadurch bleibt die Geschichte „märchenhaft“. Und dadurch, dass ich den Prinzen zum Erfinder machen konnte, konnte ich behaupten, er experimentiert mit der Fotografie, und der Zufall spielt ihm das Bild der schlafenden Prinzessin zu, in das er sich verliebt.

 

Frage:
Der Prinz bekommt ja im Gegensatz zum Märchen aber relativ breiten Raum an Entwicklung eingeräumt.

Antwort:
Das musste so sein, sonst wird die Geschichte nicht klar. Ursprünglich ist es ja auch bei Grimm angelegt im Motiv der Dornenhecke, im Kampf der Männer gegen die Hecke. Da heißt es dass schon viele Ritter ausgezogen waren und in dieser Hecke ihr Leben ließen. Eine Hecke voller männlicher Skelette. Wenn man sich diese Geschichte richtig vor Augen hält, dann wird deutlich wie viel Energie historisch von Männern in Richtung Frau gegangen ist. Es geht bei dem Märchen um das Erwachen der Sexualität sowohl bei ihr als auch bei ihm und es geht um die beiderseitige Energie die zueinander will. In der menschlichen Geschichte sind viele Kriege gefochten worden, ist viel Leid über die Welt gekommen, nur weil jemand eine bestimmte Frau wollte, z.B. unter den früheren Königshäusern.

 

Frage:
Es kommen in deinem Film sehr bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler vor. War das Auflage des Senders oder Dein Wunsch? Und wie bist Du auf Dirk Bach als König gekommen bzw. Christine Urspruch als Königin? Wolltest Du damit auch zeigen, dass die Tochter den Eltern über den Kopf gewachsen ist.

Antwort:
Gegen Dirk Bach gab es von Seiten der Produktion anfänglich Vorbehalte, weil er als zu klamaukig galt, und als zu wenig glaubwürdig. Er hatte bei einigen Märchenparodien den König gespielt und der Produzent sah die Gefahr, dass er sich in den Augen der Zuschauer verbraucht hatte. Ich hatte schon mit ihm gedreht und dabei die Erfahrung gemacht, dass er ein hervorragender Schauspieler auch in kleinen Nuancen ist und dass man mit ihm toll arbeiten kann. Und ich habe an die Vision geglaubt, dass er und Christine Urspruch ein ideales Bilderbuch-Königspaar ergeben würden: Er eine kleine runde Kugel, sie auch kleinwüchsig. Aber zusammen bringen sie etwas Besonderes zustande: eine wunderschöne, hoch gewachsene makellose Tochter. Und zwar auf Grund ihrer Liebe und auf Grund dessen, dass sie sie wollen. Sie sehnen sich schon so lange nach einem Kind, und sie werden in der Interpretation von mir im Grunde genommen dadurch belohnt. Das ist auch der Grund, warum sie nicht autoritär und patriarchalisch sind, wie es eigentlich einem Königspaar geziemt, weil sie ihr Kind einfach lieben und ihm viel durchgehen lassen. Das ist auch toll, weil das der Schwachpunkt in der Geschichte ist. Im Grunde lassen sie sie ja auch in der entscheidenden Stunde unbeobachtet. Dann passiert das Unheil.

 

Frage:
Gleich zu Beginn kommt die Szene mit der Prinzessin, in der sie mit ihren Freunden spielt: sehr burschikos, überhaupt nicht weiblich. Die Eltern sitzen beim Abendessen und sie „platzt herein“. Das könnte eigentlich auch die Tochter von Leuten sein, die in einem Mietsblock wohnen. Da gibt es ja eigentlich gar keinen Unterschied. Der Unterschied kommt dann sprachlich oder inhaltlich, als es dann auch darum geht: wie es mit ihr weiter geht.

Antwort:
Ja, natürlich. Z.B. in dem Lied davor, in dem ja die Zeit gerafft erzählt wird, ging es mir darum, zu zeigen, dass dieses liebe kleine Mädchen, das da heran wächst, alles andere ist, als „lieb und klein“. Im Film hatte ich nicht viel Zeit das auszuspielen. Ich musste versuchen, es in eine Szene zu packen.

 

Frage:
War es für dich relativ einfach, diese Form der Aktualisierung, diese Form der Dramaturgie beim Sender, durchzuhalten bzw. durchzusetzen?

Antwort:
Ich hatte immer die volle Unterstützung der Redaktion. Dagmar Ungureit und ich entwickelten die Geschichte ja von der ersten Ideenskizze, über Exposé und Treatment hin bis zum Buch in enger Diskussion und Absprache. Bei der Produktion bestanden anfänglich eher wirtschaftliche Zweifel, z.B. ob Ballonflüge wirklich finanzierbar wären. Oder ob sie unseren kleinen Etat sprengen würden. Im Vorfeld musste da einiges an Überzeugungsarbeit geleistet und beim Drehen mussten natürlich auch Kompromisse gemacht werden.

 

Frage:
War das ein Problem im Vorfeld der Produktion oder musstest du auch viel Vermittlungsarbeit bei den Dreharbeiten leisten?

Antwort:
Als die Dreharbeiten begannen, lief es wie am Schnürchen, bis auf die Dornenhecke. Die erwies sich wirklich als schwierig und als objektives Problem. Wir drehten ja so spät im Jahr. Da hatten die Büsche keine Blätter mehr. Wir hatten uns geeinigt, Hagebuttenbüsche zu benutzen, die später mit Mitteln der Tricktechnik erweitert werden sollten. Vor Ort erwies es sich als schwer, vernünftiges Pflanzenwerk zu bekommen. Wir haben halt improvisieren müssen und die Endbearbeitung an der Hecke hinterher wurde aufwändiger.

 

Frage:
Gab es im Zusammenhang der Entstehung des Projektes Überlegungen, den Film zunächst ins Kino zu bringen, einen Stoff, der ja familientauglich wäre?

Antwort:
Nein, leider nicht.

 

Frage:
Auch nicht, als der Film fertig war?

Antwort:
Es ist da nie eine Initiative von Seiten des Produzenten gemacht worden, an Verleiher heranzutreten. Vielleicht wäre das sogar gegangen, denn inzwischen kann man ja Digi-Beta wunderbar im Kino projizieren. Wir haben im Abaton Kino in Hamburg in der Vorweihnachtszeit zwei Benefiz-Premieren gemacht und dort den Film vorgestellt. Da hat man die Kinotauglichkeit von „Dornröschen“ gesehen.

 

Frage:
Der Film ist an Weihnachten im ZDF ausgestrahlt worden. Was weißt du von den Reaktionen?

Antwort:
Ich habe einiges an Resonanzen bekommen, durch Leute, die mich nach dem Film anriefen (ich hatte im Vorfeld bei Freunden und Familienmitgliedern ein bisschen Werbung gemacht) – von daher hatte ich einiges an Rückläufen.

 

Frage:
Du hast du erzählt, dass du mehrere Preview-Vorführungen gemacht hast, neben Hamburg in Ravensburg, in Würzburg oder in Münster beim Kinderfilmfest. Wie war denn da die Reaktion der Kinder? Und wie war die Reaktion von Erwachsenen? Gab es da Unterschiede?

Antwort:
Es gab tolle Diskussionen hinterher. Das war wunderbar. Bei den Erwachsenen wurde eigentlich immer angemerkt, dass es kunstvoll gelungen sei, das Märchen zu erweitern. Also die haben immer gesagt, das fänden sie ganz toll, dass ein Element dazugekommen ist, das eigentlich zum Märchen gehört. Bei den Kindern war es so, dass alle festgestellt haben, dass der Film spannend ist und keine Langeweile aufkommt, obwohl er auch gewisse szenische Längen hat im Vergleich zum Tempo anderer Kinderfilme.

 

Frage:
Wurde denn dann auch gefragt, ob der Film anschließend ins Kino kommt?

Antwort:
Das wurde fast immer gefragt.

 

Frage:
Also die Bestätigung, dass er eigentlich auch kinotauglich ist.

Antwort:
Ja! Gerade in Würzburg wurde das bestätigt und gefragt, welcher Verleih den Film rausbringt. Diese Frage kam öfter.

 

Frage:
Spielte denn in den Diskussionen die Frage der Mehrbödigkeit des Märchens eine Rolle? Z.B. die psychoanalytische Deutung eines Bruno Bettelheim? Du hast diese Sichtweise vorhin aufgegriffen: Es geht in „Dornröschen“ im Prinzip um die Pubertät und beginnende Sexualität.

Antwort:
In Hamburg gab es eine psychoanalytisch orientierte Besucherin, die sich sehr in dieses Thema hinein verstrickte und sagte: Es seien da zwei Mutter-Figuren im Märchen, die gute und die schlechte Mutter, so wie z.B. bei Hänsel und Gretel auch die schlechte Mutter existiert. Und das ist die Mutter, die sie beschützen will aus z. T. guten Impulsen, aber die Mutter, die das auch überzieht und die eigentlich töten will, also die aufkeimende Sexualität ihrer Tochter nicht akzeptiert.

 

Frage:
Ist dein Sohn David auch dein Filmkritiker?

Antwort:
Ja, manchmal. Bei Dornröschen hat er eine kleine Rolle mitgespielt, den Hausdiener.

 

Frage an David:
Wie ist denn für dich der Film?

Antwort:
Ich finde ihn sehr gut. Was ich irre fand, dass ganz viele Kinder im Kino fragten, wie denn der Frosch gemacht würde, ob der Ballon echt war. Sie wussten nicht, was 3 D war. Wir hatten ja für den Film sehr wenig Geld, und da finde ich ihn sehr gut gemacht. Andere haben für Filme 3 Mill. Euro und machen daraus nichts.

 

Frage an David:
Wie war denn das, mit deinem Vater zu drehen? Ist es das erste Mal gewesen?

Antwort:
Ja.

 

Frage:
Und wie ist das so, wenn der Vater der Regisseur ist, mit 'ner Mütze und einem Regie-Stuhl?

Antwort:
Das spielte keine Rolle – ich finde das cool. Es gab keinen Stress.

 

Frage:
Hast du denn vorher, als dein Vater das Drehbuch entwickelt hat, ab und an zu hören bekommen: Da mach ich was?

Antwort:
Ich habe zu hören bekommen, wie die Geschichte sein soll.

 

Frage:
Hat er dich auch mal um Rat gefragt?

Antwort:
Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Frage:
Hat er dir bei „Dornröschen“ bestimmte Szenen des Drehbuchs zur Beurteilung gegeben?

Antwort:
Kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber das macht er schon oft.

 

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