
Durchblick 6+ – Dornröschen – Arend Agthe – D/A 2008 – 80 min.
Warum will kein Kind kommen?
Königin und König haben ein großes Problem, sie bekommen kein Kind. Das ist ein Drama für jedes Paar, das sich sehnlichst ein Kind wünscht. Kinderlosigkeit bedeutet, dass die „Erneuerung des Lebens nicht stattfinden kann. Der lebendige seelische Prozess ist blockiert, was meist ein Grundgefühl von Leere, Langweiligkeit und unerträglicher Sinnlosigkeit bewirkt“ (Jacoby 1994, S. 176).
Warum wünscht sich das Königspaar so sehr ein Kind? Was fehlt den beiden? Vielleicht haben sie zu wenig füreinander übrig – zu wenig Zeit miteinander, zu wenig Gefühl an Geborgenheit?
Die Königin nimmt ein Bad. Das Wasser ist das Element der Reinigung und des Unbewussten. Ausgerechnet ein Frosch erlöst dann das Paar von ihrem Leidensdruck und erfüllt der Königin den Wunsch nach einem Kind.
Der Frosch (meist als glitschig, eklig, kalt und widerwärtig wahrgenommen) galt schon immer als ein Geburtshelfer (nackte Haut, Feuchtigkeit, Schleim), und er steht für (männliche) Sexualität sowie ein langes Leben.
Hatte das Königspaar vielleicht ein Problem mit der Sexualität? Der Frosch verkörpert Wunsch und Abwehr zugleich, womit er den wunden Punkt dieser Beziehung möglicherweise getroffen hat, nämlich „ein gestörtes oder fehlendes Verhältnis zur Sinnlichkeit, zur Sexualität, zum Animalischen“ (Feldmann 2009, S. 95).
Das Königspaar bekommt endlich eine Tochter
Für den König stellt sich jetzt eine völlig neue Situation ein: Der Mann muss als Vater seine Frau als Mutter akzeptieren:
„Folglich muss er das neugeborene Mädchen lieben, um von seiner Gattin geliebt zu werden ... Sie liebt ihn in diesem Kind, er liebt sie, indem er dieses Kind für sich gewinnt“ (Drewermann 2005, S. 21).
Das schöne Kind muss gefeiert werden, und keine geringeren werden eingeladen als die dreizehn weisen Frauen. Übrigens: in diesem Märchen wimmelt es nur so von Frauen (ganz im Gegensatz zu den Märchen Der Froschkönig, König Drosselbart, Das tapfere Schneiderlein oder Tischlein deck dich, in denen die Mütter schon gar nicht erst auftauchen). Der König allein unter lauter Frauen – und er kommt ganz durcheinander, als er merkt, dass er nur zwölf goldene Teller hat. Also muss er die dreizehnte Frau ausladen, denn die Dreizehn ist bedrohlich und bewirkt Angst.
Was aber ist das für ein König, der es nicht schafft, einen dreizehnten goldenen Teller zu beschaffen? Leidet er am Ende unter dem Zwang formaler Perfektion und Konvention?
Auf jeden Fall wird ihm diese Ablehnung und Zurückweisung noch teuer zu stehen kommen, denn die dreizehnte weise Frau gibt der Tochter eine selbsterfüllende Prophezeiung als Geschenk mit auf den Lebensweg: an in ihrem fünfzehnten Geburtstag werde sie sich an einer Spindel stechen und tot umfallen. Ein Fluch sowie ein Segen können nicht rückgängig gemacht werden.
Vermeidung und Verdrängung sind schlechte Ratgeber
Der König macht nun genau das, was man in einer solchen Situation nicht machen sollte, er setzt sich nicht mit diesem Fluch auseinander, er verdrängt das alles und er möchte unbedingt verhindern, was ihm von dieser Frau geweissagt wurde. In seiner Verwirrung fällt ihm nichts Besseres ein, als im ganzen Land alle Spindeln verbrennen zu lassen, ohne Rücksicht auf Verluste der anderen Menschen. Was aber will er eigentlich vermeiden und verbieten?
Die Spindel symbolisiert den Vorgang einer geschlechtlichen Vereinigung, und beim ersten Mal tut es auch weh und es blutet. Die Spindel als Zeichen der männlichen Sexualität muss von der Tochter fern gehalten werden („Was ist das für ein Ding, das so lustig herum springt“). Des Königs Fürsorge wird zur einzigen Sorge um das Kind, aber er klärt das Kind nicht auf, er spricht nicht mit dem Kind. Er hält es von der (männlichen) Wirklichkeit fern, zeigt der Tochter nicht den Umgang mit der Welt und den Männern.
Das Imperium des Unbewussten schlägt immer zurück
Die dreizehnte Fee verkörpert „alles Verdrängte und Ausgegrenzte: Leidenschaft, Gefühle , Sexualität, vibrierendes Leben, Mut zum Risiko“ (Feldmann 2009, S. 96).
Der Vater hatte ja allem Anschein nach selbst Schwierigkeiten mit der Erotik und Sexualität – bei ihm musste ja sogar ein Frosch nachhelfen. Doch seines Verhaltens unbewusst macht er für seine Tochter die Welt zum Tabu. Das aber ist ein schlechtes Beispiel, denn auf solche Weise kann man die Integrität und Autonomie der Tochter nicht fördern und wahren.
Mit dem Verbrennen der Spindel hält der König die dunkle Seite des Lebens von seiner Tochter fern und verbaut ihr eigene Erfahrungen mit den Gleichaltrigen. Doch die Erfahrung zeigt, was verboten ist, reizt umso mehr. Das einfache, normale Leben sowie das einfache Glück darf für die Tochter in den Augen des Vaters nicht sein. Wie aber soll unter solchen Umständen das Mädchen die Möglichkeiten der Entfaltung und die Reifung zur Frau einlösen sowie Vertrauen zu sich selbst gewinnen können?
Die Königstochter allein zu Hause – Wer hat nur den verrosteten Schlüssel stecken lassen?
Die Königseltern treiben die Angstvermeidung auf die Spitze: Ausgerechnet am fünfzehnten Geburtstag sind die Eltern nicht zu Hause (in der Verfilmung fahren sie weg, um für die Tochter ein schönes Pferd als Geschenk auszusuchen, ein Pferd steht symbolisch für Kraft und Macht). Vielleicht glaubten sie, es würde schon nichts passieren? Aber es passierte doch – vielleicht hatten sie auch heimlich gehofft, dass es geschehen würde, nur wollten sie damit nichts zu tun haben.
Der fünfzehnte Geburtstag stand in alten Zeiten symbolisch für geschlechtliche Reifung und erwachende bzw. erwachte Sexualität. Ferner steht für die Tochter die Ablösung von den Eltern an sowie das Rebellieren gegen die Autorität. Der innere wie äußere König muss endlich entthront werden, das Ich muss es dem Über-Ich zeigen.
Die Eltern sind weg, eine gute Gelegenheit, endlich mal das eigene Haus ohne väterliche Kontrolle und Verbot kennen bzw. den eigenen Körper bewohnen zu lernen. Sie steigt die Treppen im Turm hoch (ein hoher Turm assoziiert eine sexuelle Begegnung). Beim Treppensteigen entsteht starkes heftiges Atmen, ähnlich wie beim Höhepunkt sexueller Lust. Treppensteigen heißt aber auch: einen höheren Standpunkt des Bewusstseins zu erreichen, immer auf eine neue höhere Stufe zu gelangen. Sie entdeckt die Kammer und ist neugierig auf den äußeren und inneren Raum ihres Körpers und ihrer Seele. Die Kammer muss geöffnet werden, in dessen Sch(l)oss ein verrosteter Schlüssel steckt.
Mit der verbotenen Kammer erschließt sich die Tochter selbst und entdeckt eine Stelle, die bisher für sie noch nicht erschlossen war. Die alte Frau (dreizehnte Fee) klärt das Mädchen auf und zeigt ihr, wie es ist, sich zu öffnen, sich zu berühren, um dann vom anderen berührt und geöffnet zu werden (sinnlich, erotisch, sexuell). Dornröschen nahm dann die Spindel und wollte auch spinnen, dabei stach sie sich, so dass das Blut floss.
Die Initiationsriten für die Heranwachsenden waren immer mit Schmerz verbunden, insbesondere durch Beschneiden oder Ritzen der Haut. Warum aber verfällt Dornröschen nach dem Stich der Spindel in einen langen Schlaf?
Angst lässt einen versteinern
Warum auf einmal diese Ohnmacht und Blockade? Warum muss auf einmal die Zeit anhalten? Kinder spielen gerne „Versteinern“ oder „Sich tot stellen“. Töchter in der Pubertät bzw. Adoleszenz haben oft mit einem negativen Mutterkomplex zu kämpfen: die eigene erwachende Weiblichkeit wird innerlich abgelehnt, die eigene Entwicklung kann nicht bejaht werden:
„Der Stich an der Spindel bedeutet somit, dass die Möglichkeit, eine reife Frau zu sein und auf einen Mann zu ‚spinnen’, traumatisierend wirkt. Die Spindel verwundet, was psychologisch bedeutet: Einbrechende erotische Phantasien und Impulse mobilisieren lähmende Angst“ (Jacoby 1994, S. 186).
Die Angst der Eltern hat sich über den Körper und die Seele ihrer Tochter wie ein Kokon gelegt und zeigt sich bei ihr nun in Müdigkeit, Mattheit, Schlaf. Die Erfahrung in der Kammer müsste die Tochter eigentlich ermuntern, sich ein eigenes Leben einzugestehen. Doch das Schloss wird vom Schlaf befallen, und selbst die sonst wachsamen Eltern schlafen mit, und sind möglicherweise jetzt zufrieden, – die Tochter schläft ja nur, wie es die zwölfte weise Frau gesagt hatte.
„Was tut ein Mädchen, wenn ein Teil in ihm leben will, ein anderer aber das Frausein fürchten muss, wie den Tod?“ (Drewermann 2005, S. 46).
Die Königstochter steht zwischen Verführung, Abwehr und Trauer. Am besten ein „Heilschlaf hinter der Dornenhecke“, eine Reifung ohne Beziehung mit anderen Menschen, lieber schlafen als das Ich weiterentwickeln.
„Pubertierende brauchen viel Schlaf“ (Feldmann 2009, S. 100), Pubertierende müssen sich oftmals „gesund schlafen“, sich auf sich selbst konzentrieren, sich verweigern, sich zurückziehen (können). Dornen symbolisieren, dass die Seele (des Träumenden) unter etwas leidet, sich gefangen oder eingesperrt fühlt. Die Dornenhecke kann aber auch für die „Angst vor Sexualität“ stehen.
Das Fehlende im Anderen erblicken
Durch das Land ging die Nachricht vom schlafenden Dornröschen. Königssöhne wollten mit aller Gewalt durch die Hecke in das Schloss eindringen, doch sie kamen zu früh, sie kamen nicht zum rechten Augenblick, sie hatten keine Sensibilität, mit der Dornenhecke entsprechend umzugehen und starben eines jämmerlichen Todes.
Doch es gab einen Prinzen, der zwar Dornröschen noch nie gesehen hatte, und dennoch ein Seelenbild von ihr in sich trug, eine Anima.
„Niemand wird sich für einen anderen Menschen sich selbst ganz riskieren, wenn er diesen anderen nicht in gewisser Weise als einen Teil seiner selbst empfindet. Etwas im anderen muss etwas Eigenes zutiefst anrühren, doch ist dieses „Etwas“ gerade nichts, das man selber besäße, es ist ganz im Gegenteil das, was einem selber am meisten fehlt; und so muss man sich aufmachen, dieses fehlende Eigene im anderen zu suchen, um selber wieder ‚ganz’ zu werden“ (Drewermann 2005, S. 51).
In der Verfilmung wird dieser unbewusste Vorgang durch den Erfindergeist des Prinzens veranschaulicht: Er baut sich eine Spezialkamera, bindet sie an eine Brieftaube, und diese macht bei ihren Flügen eine Aufnahme vom schlafenden Dornröschen.
Die Taube ist Symbol für die Liebe, und eine Liebesbeziehung ist nichts anderes als eine „Suche nach der verlorenen Einheit“, eine Suche nach Ergänzung. Der Prinz muss sich von seiner Mutter und seinem Vater absetzen, denn sie wollen ihm alles vorschreiben, was er entsprechend der königlichen Etikette zu tun hat. Er widersetzt sich den elterlichen Erwartungen, er lässt sich keine Prinzessinnen vorführen, sondern widmet sich unter Anleitung eines älteren weisen Mannes seinen Studien und Experimenten. Sein Wissensdurst wird dann ergänzt durch den Hunger nach Liebe und seelischer Ergänzung.
Die Kunst des rechten Augenblicks
„Versuche zur Beschleunigung verbluten an der Dornenhecke. Die Zeit muss reif sein – und zur Reifung benötigt die Natur eine bestimmte Zeit“ (Jacoby 1994, S. 191).
Entwicklung und persönliche Reifung lassen sich nicht beschleunigen. Eine Olive, die man ständig zupft, wird nicht schneller reifen. Der Prinz kommt zum richtigen Augenblick, er kommt sozusagen genau zum „Stichtag“, denn für ihn und das Dornröschen war es endlich „an der Zeit“.
Der Prinz hat sich Zeit gelassen: er hat sich gebildet, ein Bild von der Welt gemacht und auch ein Bild von seiner zukünftigen Frau, die gefangen in der Welt des Vaters und ausgeschlossen von der Welt der Menschen im Schloss verhaftet war.
Das Vertrauen zu einem Partner muss wachsen – und dieser Prinz als Partner „muss keine Kämpfe bestehen, keine Gefahren überwinden, keine Rivalen aus dem Feld schlagen, er muss überhaupt nichts tun, – außer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein“ (Feldmann 2009, S. 92). In einer Liebesbeziehung bedarf es keiner Haudegen, die immer etwas beweisen müssen, es bedarf nur eines natürlichen Empfindens für die „rechte Zeit“, für das Prinzip des Kairos (ein Begriff aus der griechischen Mythologie, der „günstiger Zeitpunkt“, „entscheidender Augenblick“ bedeutet).
Es ist nun Zeit für den Kuss
In ihren Schlafträumen sehnt sich Dornröschen nach erotischen Erfahrungen und nach einer Beziehung mit einem festen Freund/Partner. Der Prinz wiederum hat an sich gearbeitet; er hat die Ablösung von den elterlichen Vorstellungen und Vorschreibungen geschafft. Er hat die unbewussten Teile seiner eigenen Weiblichkeit erkannt und angenommen, und für die Begegnung mit dem weiblichen Geschlecht eine entsprechende Sensibilität sich angeeignet.
Der Prinz ist aufmerksam und achtsam: er begeht erst einmal das ganze Schloss, um sich gleichsam ein Bild von der Lage zu verschaffen, sich aber auch die Erlaubnis zu holen, der Königstochter in der Kammer zu begegnen.
Der Kuss steht für den Beginn einer Paarbeziehung. Der Kuss des Prinzen ist ein Versprechen: Er erlöst Dornröschen aus der Erstarrung und damit aus der väterlichen Vereinnahmung. Beide können nun den Weg der weiteren Persönlichkeitsentwicklung gemeinsam gehen.
Jede Familie hat einen Schatten
In einer Paarbeziehung lassen sich Wünsche nicht von den Augen ablesen, doch man kann Wünsche dem anderen gegenüber äußern. Was man dem Anderen sagt, kann ins Bewusstsein treten. Dies jedoch haben die königlichen Eltern dieser Märchengeschichte versäumt, denn es fehlte in den Familien von Dornröschen und dem Prinz an der „Qualität: Integrität“:
„Persönliche Integrität als zentraler Wert des Familienlebens ist also die Summe aus Gefühlen, Werten und Gedanken des Einzelnen sowie dem Respekt, den man selbst und die anderen ihm entgegenbringen“ (Juul 2008, S. 55).
Eltern können ihren Töchtern und Söhnen kein Leben ermöglichen, das frei von Konflikten, Problemen und Schmerzen ist. Im Auflehnen und Rebellieren gegenüber elterlichen Vorstellungen und Autoritäten gelten die Ansichten und Regeln von Vater und Mutter nicht mehr. Dann ist es für die Heranwachsenden wichtig,
„einen Menschen zu haben, der den Schatten nicht nur sieht, sondern auch anerkennt, wie unendlich kränkend eine solche Schattenidentifikation ist, welches Leiden sie verursacht. Durch den Blick einer anderen Person auf das Unverschattete, auf das Helle und durch deren Empathie gewinnen der eigene Blick und die eigene Empathie Gültigkeit – und wir können uns verändern. Das muss aber alles im richtigen Moment erfolgen: dann, wenn der notwendige innere Entwicklungsschritt vollzogen ist“ (Kast 2002, S. 107/108).
Dafür aber steht beispielhaft der Prinz mit seinem Verhalten – und mit seinem Kuss konnte er die weitere Persönlichkeitsentwicklung von Dornröschen sowie von sich selbst besiegeln.
Dr.Jürgen Barthelmes
Drewermann, Eugen (2005): Dornröschen. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Düsseldorf und Zürich
Feldmann, Christian (2009): Dornroschen. Was hinter der Dornenhecke passiert. In: Feldmann, Christian: Von Aschenputtel bis Rotkäppchen. Das Märchen-Entwirrbuch. Gütersloh, S. 87–106
Jakoby, Mario (1994) : Dornröschen und die böse Fee. Zum Problem des ausgesperrten Bösen. In: Jacoby, Mario/ Kast, Verena/ Riedel, Ingrid: Das Böse im Märchen. Freiburg, Basel, Wien, S. 175–193
Juul, Jesper (2008): Was Familien trägt. Werte in Erziehung und Partnerschaft. Weinheim und Basel
Kast Verena (2002): Der Schatten in uns. Die subversive Lebenskraft. München (5. Auflage 2008)
Waiblinger, Angela (1988): Dornröschen. Auch des Vaters liebste Tochter wandelt sich zur Frau. Zürich