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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 6+   –   König Drosselbart   –   Sibylle Tafel   –   D 2008   –   59 min.

2.7 Vergleich Originaltext und Verfilmung

Als Literaturverfilmung bezeichnet man einen auf einem literarischen Werk basierenden Film. Die Grundlage für eine filmische Adaption bietet meist ein Roman. Es gibt aber auch Verfilmungen aus Erzählungen, Kurzgeschichten, Comics oder wie in diesem Fall aus einem Märchen. Das Drehbuch weicht in der Regel von der Literaturvorlage ab. Da eine Geschichte im Film kürzer und knapper erzählt werden muss, als beispielsweise in einem Roman, kommt es häufig vor, dass Handlungsstränge fehlen oder vereinfacht dargestellt werden. Auch kommt es vor, dass manche Dialoge und Personen gar nicht erscheinen oder nur bestimmte Textteile der Vorlage umgesetzt werden, entweder weil sich andere Textteile besser filmisch umsetzen lassen oder aus dramaturgischen Gründen. Denn ein Film funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Buch. Zudem hat jeder Regisseur seine eigenen künstlerischen Ansprüche und individuellen Ideen und Interpretationsansätze. Märchenverfilmungen sind dahingehend etwas Besonderes. Im Gegensatz zum Roman, ist die Literaturvorlage sehr kurz und knapp. Die Figuren werden nur oberflächlich beschrieben, Ort und Zeit sind nicht festgelegt. Märchen vermitteln ihre Botschaften sehr direkt. Dazwischen gibt es sehr viel Raum für Phantasie und Interpretation. Über Motive und Gefühle der Märchenfiguren, warum sie so und nicht anders handeln, erfährt man in den Überlieferungen oft wenig. So ergeben sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, was sich in der Vielfältigkeit an Märchenverfilmungen deutlich widerspiegelt. Während bei Romanverfilmungen Handlungsstränge verkürzt werden, werden bei Märchenfilmen Handlungsstränge ausgedehnt oder oft neue dazu erfunden. Neue Figuren und Dialoge werden eingeführt und die Sprache im Märchenfilm wird oft modernisiert.

 

König Drosselbart

Im Wesentlichen orientiert sich der Film an seiner literarischen Vorlage, nimmt sich aber an einigen Stellen erzählerische Freiheiten heraus. Die klassische Geschichte einer hochmütigen und zickigen Prinzessin, die von einem weisen König lange planmäßig gezähmt wird und erst dann zur Belohnung heiraten darf, wurde etwas modernisiert.

So wurde aus dem sehr erwachsen wirkenden König ein etwas unbedarfterer Prinz, der sich Hals über Kopf in die Prinzessin verliebt und mehr von seinen Emotionen getrieben wird, als dass er planvoll vorgeht und am Ende sogar über sein Ziel hinausschießt. Außerdem wurde eine weitere, emanzipierte Frauenfigur dazu erfunden, die ihm gelegentlich auf die Finger klopft, sodass nicht nur die Prinzessin, sondern auch König Drosselbart etwas zu lernen hat. Der Film übernimmt zwar aus dem Originalmärchen die Lektion in Sachen Demut, verbindet sie aber mit einer vielgestaltigen Fabel über die Liebe, falsche Erwartungen an sie sowie lehrreiche Erkenntnisse über überholte Geschlechterrollen.

Im Gegensatz zum Märchen haben die Hauptcharaktere frei erfundene, lustige Namen. Die Prinzessin heißt Isabella von Geranien und König Drosselbart Richard von Begonien. Somit bekommen die Figuren mehr Persönlichkeit und werden einzigartig in ihren ganz eigenen Charaktereigenschaften.

Auch in den einzelnen Lebensstationen der Prinzessin, von denen das Märchen berichtet, sind im Film immer wieder Veränderungen und Erweiterungen der Vorlage zu finden.

Während das Märchen direkt mit der Beschreibung der Prinzessin und der Brautschau beginnt, beschreibt der Film zu Beginn die Figuren und ihr soziales Umfeld näher und lässt sie bereits vor der Brautschau aufeinander treffen. Die Charaktereigenschaften der Figuren werden klar herausgearbeitet. Richard hat sich unsterblich verliebt, doch Isabella ist hochmütig und zickig, was der Prinz heimlich mitbekommt. Zudem sind beide Königreiche eigentlich verfeindet.

In der Darstellung der Brautschau orientiert sich der Film dann aber stark an seiner Vorlage und verwendet teilweise auch die alte Sprache des Märchens.

Während die Geschichte von der Zähmung der Prinzessin im Märchen sehr kurz und knapp erzählt wird und eher davon berichtet, wie ungeschickt sich die Prinzessin bei der Arbeit anstellt, wird dieser Teil im Film stark erweitert. Dabei wird darauf verzichtet, dass sich bestimmte Handlungsschritte wie im Märchen wiederholen und viel mehr Wert darauf gelegt, die Gefühlswelt der Prinzessin und den allmählichen Prozess der Veränderung dem Zuschauer näher zu bringen. Wie geht es der Prinzessin in der für sie völlig fremden Umgebung? Wie erfolgt die Veränderung? Mit welchen Schwierigkeiten und auch inneren Widerständen hat die Prinzessin zu kämpfen? Das sind Fragen, mit denen sich der Film auseinandersetzt.

Zunächst nimmt die Prinzessin die Situation überhaupt nicht an. Statt sich mit ihrer neuen Rolle abzufinden, flüchtet sie sich in ihre königliche Welt und lässt sich in der Stadt wie eine Prinzessin bedienen, bis sie auf den harten Boden der Realität zurückgeworfen wird. Im Gegensatz zum Originaltext wird sie auch nicht als völlig unfähig für die Arbeit dargestellt. Mit der Zeit bemüht sie sich, kocht gut, melkt die Ziege und wäscht Wäsche, wenn auch zunächst mit großem Widerwillen. Auch nähern sich beide an ihrem Geburtstag vorsichtig an. Obwohl sie langsam ihre Fehler zu erkennen beginnt und sich auch an einfachen Dingen erfreut, fällt sie immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück.

Auch die Szenen auf dem Marktplatz und in der Schlossküche weichen vom Original etwas ab, um den Charakteren gerecht zu werden. Nicht etwa aus der Not heraus (wie im Märchen beschrieben) wird Isabella auf den Markt geschickt, sondern weil sie eine Marktfrau beleidigt hat. Spontan entscheidet Prinz Richard, dass sie dort die Arbeit der Marktfrauen schätzen lernen soll. Als sie auch dort ihren Hochmut nicht ablegen kann, schießt er über das Ziel hinaus, zerstört ihre Töpferwaren und lässt sie in ihrer Verzweiflung allein zurück. Im Märchen geht er viel planvoller vor. Obwohl er auch dort die Töpferwaren zerstört, bleibt er weiterhin im Haus wohnen. Zudem entscheidet er selbst, wann er das Spiel beendet und die Prinzessin aus der Armut entlässt. Im Film dagegen hat Richard seine Prinzessin aufgegeben. Erst als er zufällig ihre Selbstlosigkeit beobachtet und somit einen Beweis bekommt, dass sie sich wirklich geändert hat, überdenkt er seine Entscheidung. Hier wird deutlich, dass der Prinz nicht gezielt vorgeht, sondern von seinen Emotionen geleitet wird.

Auch das Ende des Films ist deutlich modernisiert worden. Während die Prinzessin im Original vor Scham und Demut am liebsten im Erdboden versinken würde, tritt sie im Film trotz ihrer Veränderung selbstbewusst auf und zeigt dem Prinzen deutlich, dass auch er einen Fehler gemacht hat, indem er sie die ganze Zeit über belogen hat. Am Ende lernt auch der Prinz etwas dazu und beweist dies, indem er seiner Schwester ihren Wunsch erfüllt und sie entgegen der klassischen Geschlechterrollen zum Ritter ernennt.

Trotz zahlreicher Veränderungen wurde an einigen zentralen Merkmalen des Märchens festgehalten.

Die Dreizahl:

Im Film wie im Märchen gibt es drei wichtige Handlungsorte: Das Schloss des König von Geranien ist der Ort, in dem Prinzessin Isabella aufgewachsen ist und lebt. Das einfache Haus im Wald und der Marktplatz sind die Orte, an denen ihr ihre Fehler aufgezeigt werden und wo sie sich langsam verändert. Auf dem Schloss des Königs von Begonien beweist Prinzessin Isabella schließlich, dass sie sich geändert hat.

Der Ablauf der Märchenhandlung/ Prozess der Veränderung:

Zu Beginn befindet sich die Märchenheldin in einer schwierigen Situation. Prinzessin Isabella wird auf Grund ihres Verhaltens von ihrem Vater mit einem armen Spielmann verheiratet und vom Schloss verjagt. Im Laufe der Zeit gewöhnt sie sich langsam an ihr neues Leben und lernt auch die einfachen Dinge zu schätzen. Am Ende ist sie geläutert und wird Königin. Indem der Vater sie aus dem Schloss jagt, beginnt für Prinzessin Isabella eine Reise. Sie geht in ein fremdes Königreich, lebt in einem einfachen Haus im Wald, muss auf dem Markt Töpferware verkaufen und landet in der Schlossküche.

Raum und Zeit:

Er werden auch im Film keine genauen Orts- und Zeitangaben gemacht. Der Zuschauer sieht zwar die Schlösser, das einfache Haus des Spielmanns und den Marktplatz, kann diese aber zu keinem bestimmten Ort und zu keiner bestimmten Zeit zuordnen.

 

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