
Bundesverband Jugend und Film e.V. – Durchblick 6+ – Thema Märchen
Funktion und Bedeutung von Märchen
Vieles haben Märchen aus der Türkei gemeinsam mit europäischen, insbesondere deutschen Märchen bzw. Märchen aus aller Welt. Die wesentlichen Merkmale sind:
Wünsche, Fantasien und Ängste stehen häufig im Mittelpunkt der Erzählung.
Das Böse wird immer besiegt und das Gute kann sich – manchmal ganz am Schluss der Geschichte – durchsetzen.
Die Natur ist Gefährtin des Menschen, in der Regel gibt es keine Gefährdung durch sie. Hiermit unterscheidet sich das Märchen von anderen Geschichten und Erzählungen, in denen die Natur als bedrohlich und ängstigend dargestellt wird.
Böse Zauber werden in der Konsequenz immer gebrochen.
Der Held, d.h. der Gute, gewinnt immer.
Intelligenz und Schläue, aber auch Menschlichkeit sind wichtiger als Äußerlichkeiten, wie z.B. schönes Aussehen.
Neben diesen Gemeinsamkeiten gibt es aber zwischen deutschen bzw. europäischen Märchen und Märchen aus der Türkei formale wie inhaltliche Unterschiede:
Ein erster Unterschied ist, dass die Märchencharaktere in der Türkei entweder Personennamen tragen wie Keloglan, Nasreddin Hoca oder Ayse oder man charakterisiert sie durch ihren Beruf wie Padischa (König), Agha (Fürst), Degimenci (Müller) oder Berber (Friseur, Barbier).
Ein zweiter Unterschied besteht darin, dass in der Türkei nicht nur übernatürliche, zauberhafte Geschichten als Märchen bezeichnet werden, sondern auch realistische und alltäglich anmutende Erzählungen. Phantasie und Zauber spielen jedoch auch in den Märchen der Türkei eine große Rolle. So tauchen auch in diesen Geschichten Riesen und Zwerge auf, und manche dieser Märchen können auch als lehrreiche Fabeln und Ratgeber fürs Leben gelten.
In vielen Märchen aus der Türkei findet auch ein fiktiver, poetischer Ausgleich für irdisches, d.h. reales Elend und Armut statt. Zugleich wird damit aber auch ein Protest gegen eine Welt formuliert, in der die Eigentumsverhältnisse äußerst ungerecht verteilt sind. Hier besitzen wenige Reiche fast alles, die vielen Armen so gut wie nichts. Im Märchen werden diese Verhältnisse mit Hilfe einzelner Figuren, mit denen sich der Leser bzw. die Leserin identifizieren kann, umgedreht. Aus Armen werden Reiche, und manchmal verliert der Reiche alles. Märchen sind somit Quellen der Hoffnung, da sich Wünsche erfüllen und eine Chance bieten, Gerechtigkeit für alle zu bewirken.
Traditionelle und originäre Märchenstoffe in der Türkei
Türkische Märchen wurden in der Vergangenheit meist mündlich überliefert, die Schrift hat sich in der Türkei erst spät entwickelt und verbreitet. Deshalb wurde in der Zeit des osmanischen Reiches zwar die Schrift in der Umgebung des Palastes genutzt, die breite Bevölkerung war jedoch nicht in der Lage, selbst zu lesen geschweige denn zu schreiben. Die schriftlich festgehaltenen Geschichten wurden auch als Divan Edebiyat (Divan-Literatur) bezeichnet. Alle mündlich weiter gegebenen Texte nennt man Halk Edebiyati (Volksliteratur). Märchen aus der Türkei sind in der Regel Volksliteratur und stammen nicht aus dem Bereich der „Herrschenden“. In der Türkei kann man alle originären türkischen Märchen, in denen die Figuren Keloglan, Nasreddin Hodscha und Dede Korkut vorkommen, als originäre türkische Märchen bezeichnen. Außer diesen Märchen gehören auch Tepegöz (Polyphem) und alle Derwisch-Erzählungen (asketische Mönche) zu dieser Gruppe.
Mündlich überlieferte Märchen
Mündlich überlieferte Märchen wurden von zahlreichen Erzählern vorgetragen, jeder von ihnen setzte seine Akzente bzw. Schwerpunkte. Dies ließ Grundmotive sich dann in vielen Variationen entwickeln. Solche Änderungen – von Erzähler zu Erzähler, von Dorf zu Dorf und von Land zu Land – ließen immer neue, ausgeprägtere Varianten des Grundmotivs eines Märchens entstehen.
Mündlich überlieferte Märchen wurde von einem Erzähler, Meddah (Geschichtenerzähler) oder von einem Vaganten (einem Umherstreifenden) erzählt. Der Vagant erzählte seine Geschichte in der Regel mit einem Musikinstrument (z.B. Saz, d.h. einer Art von Laute): Wollte man diese Erzählweise von damals mit heute vergleichen, so ließe sich das vielleicht als eine Art von Hip-Hop bezeichnen.
Mündlich überlieferte Märchen sind in der Regel kurz, und ihre Handlung besteht nur aus ganz wenigen Fakten. Es kann aber eine Verknüpfung von verschiedenen Fakten sein, die dann sehr schnell erzählt werden, ohne dass sich der Erzähler auf psychologische Momente und lange Beschreibungen einlassen muss. Manche Erzähler ziehen ihre Märchen in die Länge, schmücken sie aus, damit die Spannung noch länger anhält. Die meisten dieser Märchen dauern jedoch erzählt nur 10 bis 15 Minuten. Einige Märchen sind aber auch so lang, dass sie eine bis eineinhalb Stunden im Vortrag dauern.
Gleichgültig, ob mündlich oder schriftlich überliefert: Türkische Märchen haben einen festen sprachlichen Rahmen. Am Anfang steht eine Einleitungsformel (Bir varmis, bir yokmus), das entspricht etwa dem deutschen „Es war einmal“. Diese Form kann durch ein tekerleme erweitert werden. Dann beginnt das eigentliche Abenteuer bzw. die Geschichte mit einer kurzen Einleitung, die den Helden schildert, also über seinen Stand, sein Leben oder auch seine Geburt, seine Kindheit und seine Jugend berichtet. Im Anschluss beginnt das eigentliche Märchen. Am Ende steht eine Schlussformel. Der Erzähler äußert oft den Wunsch: Onlar ermis muradina, biz de erelim muradimiza („Sie erreichen das Ziel ihrer Sehnsucht und wir wollen es auch erreichen“). Deutsche Märchen enden – vor allen Dingen bei den Brüdern Grimm – häufig mit der Wendung: „…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
Bei türkischen Märchen muss man beachten, dass sie einen interkulturellen Hintergrund haben. Denn in diesem Land lebten und leben außer Türken auch Kurden, Armenier, Pontus etc., die ihre kulturellen Spuren in der Märchenkultur bzw. im einzelnen Märchen hinterlassen haben.
Die Tradition der mündlichen Überlieferung von Märchen ist auch in der Türkei seit längerer Zeit weitgehend ausgestorben. Die ursprünglich mündlich überlieferten Märchen wurden vor einigen Jahrzehnten in Schriftform gebracht.
Schriftlich fixierte Märchen
Schriftlich fixierte Märchen basieren in der Regel auf Volksmärchen, die in früheren Jahrhunderten mündlich überliefert wurden. Die handschriftlichen Sammlungen sind meist erst ganz spät, nämlich in den Jahren 1944 und 1945, zusammengestellt worden. Es ist schwer festzustellen, wann eines dieser Märchen zum ersten Mal literarisch belegt ist und wie es sich im Lauf der Jahrhunderte verändert hat. Bekannt ist nur, dass viele türkische Märchen nicht nur im ehemaligen osmanischen Reich, wie in Syrien, Mesopotamien und Palästina verbreitet waren, sondern in ähnlicher Weise auch im damaligen Persien und Indien sowie auf dem Balkan und in anderen Gebieten Europas. Zweifelsohne sind viele Märchen von Indien nach Anatolien gekommen, bevor sie weiter nach Norden kamen. Tatsache ist, dass die Märchenwelt in der Türkei bisher noch kaum erforscht wurde.
Im Jahr 1953 wurden etwa 2.600 Märchen zusammengestellt. Ein Schwerpunkt der Märchen beschäftigt sich z. B. mit Geschichten, in denen eine Heirat mit einem übernatürlichen Tier oder Geist vorkommen bzw. Märchen, in denen Tiere oder Geister einem Menschen helfen. Darüber hinaus geht es um Motive, in denen kluge, gerissene und geizige Männer und Frauen auftauchen, Märchen über dumme und faule Männer und Frauen, Märchen, in denen ein Mädchen den Geliebten oder umgekehrt, in denen ein Jüngling die Geliebte gewinnt. Darüber hinaus gibt es die Motive über Eifersucht und Verleumdung oder Märchen, in denen zauberkundige Menschen auftauchen. Hingegen spielen Fabeln eine untergeordnete Rolle.
Die türkischen Märchenhelden: Keloglan, Nasreddin Hoca und Dede Korkut
Keloglan bedeutet auf Deutsch: „Kahlköpfiger“. Keloglan ist jung und klug, aber auch manchmal naiv, arm und etwas verrückt. Manchmal ist dieser Held eine sympathische Person, aber nicht unbedingt ausgesprochen gutwillig und gutmütig. In manchen Märchen kommt vor, dass Keloglan Böses tut, dass er gerissen, hartherzig, mitleidslos, hässlich oder frech ist. Das Besondere dieser Figur ist, dass Keloglan im Märchen zugleich den Helden und den Anti-Helden verkörpern kann.
Nasreddin Hoca bedeutet: „Sieg des Glaubens“. Die erste Erwähnung einer Lehrgeschichte von Nasreddin Hoca findet man in der „Saltukname“, einer Sammlung von Legenden über Sari Saltuk, einem Heiligen des 13. Jahrhunderts. Diese Sammlung wurde von Ebülhayr Rume im Jahre 1480 nach sieben Jahren Vorarbeit herausgegeben. Vermutlich hat Nasreddin Hoca im 13. oder 14. Jahrhundert in Anatolien oder im damaligen Persien gelebt. In Konya und im heutigen Iran befindet sich wahrscheinlich auch seine letzte Ruhestätte. Nasreddin Hoca ist in vielen Ländern der Welt bekannt, darunter im Iran, in Albanien, Rumänien, Italien, Griechenland, Bulgarien, Bosnien, Usbekistan, Kasachstan. Nasreddin Hoca ist witzig und sehr schlau, seine Witze sind eine bunte Mischung aus Volksweisheit und Schläue, manchmal sind sie aber auch derb oder anzüglich. Einige seiner Witze wurden in Derwisch-Kreisen allegorisch gedeutet.
Dede Korkut ist ein türkischer Erzählzyklus, der aus zwölf Geschichten besteht. Er umfasst die ältesten überlieferten Elemente oghusischer Erzähltradition und ist eines der bekanntesten türkischen Sprachmomente. Benannt wurde dieses Epos nach der Hauptfigur, die in jeder Geschichte auftaucht: Dede Korkut, d.h. Großvater Korkut, der Erzähler dieser zwölf Heldengeschichten. Es sind kurze Geschichten voller Relikte der mündlichen Erzähltradition, voller Details aus dem Leben einer nomadischen Kultur. Es sind Geschichten von unbeherrschbaren und manchmal unbeherrschten Helden, von starken Vätern und noch stärkeren Söhnen, vom Krieg mit andersgläubigen Nachbarn, aber auch von Brautwerbung und selbstbewussten und kampfgewandten, schönen Töchtern und von stolzen und ehrwürdigen Müttern. Die Figur des Dede Korkut erinnert stark an Dichter und Magier der schamanistischen Ära. Sie verkörpert die Erfahrung und die Vernunft der Ahnen. Dede Korkut ist immer neutral und wird von Freund und Feind respektiert. Meist taucht er in der Pointe oder am Ende einer Geschichte auf, um Konflikte zu entwirren, Ratschläge zu erteilen oder um mit dem Feind zu verhandeln. Schließlich leitet er mit einem Plädoyer das glückliche Ende einer Geschichte ein, musiziert und singt auch gelegentlich. Einige Geschichten sind in der türkischen Folklore in leicht veränderter Form noch lebendig. Zwei Geschichten (Tepegöz und Del Dumrul) zeigen frappierende Ähnlichkeiten mit den griechischen Legenden über Zyklopen und der Figur des Admetos (Quelle: Wikipedia).
In der Türkei sind europäische Märchen wie die von Aesop, Jean de Lafontaine und Hans-Christian Andersen oder Brüder Grimm bekannter als die eigenen vorgenannten türkischen Märchen. Der Grund dafür ist, dass viele dieser traditionellen Märchen in der Türkei sehr lange nur mündlich verbreitet wurden. Hingegen wurden europäische Märchen schon viel früher durch Kinder- oder Schulbücher verbreitet. So waren die Fabeln von Lafontaine die ersten europäischen Märchen, die in die türkische Sprache übersetzt wurden.
Brüder Grimm in der Türkei
Soweit feststellbar sind die meisten Übersetzungen von Märchen aus Deutschland bzw. den europäischen Ländern zunächst in Kinderzeitungen erschienen, die jedoch nur in den großen Städten wie Istanbul oder Ankara Verbreitung gefunden haben. Dies gilt auch für die Märchen der Brüder Grimm. Das genaue Datum, wann diese Märchen übersetzt wurden, lässt sich nicht feststellen.
Fast alle Nasreddin Hoca, Dede Korkut und Keloglan-Märchen sind in türkischen Familien, die in Deutschland leben, bekannt. Wenn die Elter bzw. Kinder in der Türkei die Schule besucht haben, kennen sie auch die Märchen der Brüder Grimm, die von Hans-Christian Andersen oder die bereits erwähnten Fabeln von Lafontaine. Beispiele dieser europäischen Märchen finden sich generell in türkischen Schulbüchern. Die Generationen, d.h. die Kinder von Migrantenfamilien, die hier geboren bzw. aufgewachsen sind, kennen die türkischen Märchen in der Regel höchstens aus Schulbüchern des muttersprachlichen Türkisch-Unterrichts. Die mündliche Märchentradition ist der jungen Generation fremd.
Sengül Yalcin-Ioannidis und Friedemann Schuchardt