
Die Farbe der Milch
Am Ende des Films, kurz bevor „alles gut“ wird – zumindest für den Augenblick – sagt Selma zu Andy am Telefon: „Ich wollte nur sagen, dass man nicht immer gleich weiß, wer für einen der richtige ist, erst später.“ Zu dieser Einsicht kommt nicht nur Selma. Fast alle Figuren „finden sich“ gegen Ende des Films. Einige verlieben sich vorher noch in jemand anderen, andere müssen sich zuerst miteinander streiten, bevor sie richtig zusammen sind. Einzig Papa und Annelise sind von Beginn an zusammen.
Das Suchen und Finden der Liebe wird im Film auch damit ausgedrückt, dass die Personen und die Paare in ständiger Bewegung sind: Selma und Andy laufen während ihres Kennenlernens über die Felder und fahren gemeinsam auf dem Fahrrad, nachdem sie sich gefunden haben; Nora und Ricard laufen oder fahren mit dem Auto voneinander weg. Weitere Sinn-Bilder rund um die Liebe und die Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern haben mit der Natur (das Meer, die Schlange, die Milch, der Mond) und vor allem mit dem Rätsel „Welche Farbe hat die Milch?“ zu tun.
Wer ist der Richtige für Selma?
TC: 17:04 „Der nackte Schwede“
TC: 1:00:24 „Andy und Selma am Strand“
Der Schwede ist das erste männliche Wesen, für das sich Selma interessiert. Sie ist fasziniert von seiner Ausstrahlung und von seinem Körper. Selma fühlt sich von ihm angezogen, obwohl sie in seiner Gegenwart kein Wort herausbringt und wie erstarrt ist. Es ist auch das Geheimnisvolle an seiner männlichen Aura, das sie herausfordert. Dramaturgisch wird dies mit dem Rätsel „Warum ist die Milch außen weiß und innen schwarz?“ ausgedrückt, das der Schwede ihr stellt. Das Rätsel und seine Lösung versinnbildlichen Selmas Suchen und Finden der Liebe. Die Milch ist ein altes Symbol für das Leben und die Heilung. Denn Milch ist die erste lebensnotwendige Nahrung für die Neugeborenen. In diesem Zusammenhang gilt sie auch als seelische und geistige Nahrung, der magische Heilungskräfte zugesprochen werden. Das Rätsel um die Farbe der Milch zu erfahren, bedeutet für Selma auch Heilung von ihrem Ur-Schmerz darüber, dass die Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist.
Diese heilsame Wirkung ist eng verbunden mit dem Finden der Liebe zu Andy. Denn Andy ist letztlich derjenige, der das Rätsel löst. Zusammen machen sie das Experiment: ein Glas Milch im Dunkeln, nur von der Taschenlampe angestrahlt. Als beide am Strand liegen und Selma richtig glücklich ist, kommt Andy auf die Lösung: nur ohne Licht ist die Milch innen schwarz.
Ein weiteres Symbol für das Finden der Liebe zwischen Andy und Selma ist das Meer. Das erste außergewöhnliche Zusammentreffen zwischen beiden geschieht im Meer, unter Wasser. Es ist Andy, der Selma am Fuß hinunter in die geheimnisvolle Welt des Wassers zieht. Im Naturelement des Wassers, das auch Sinnbild für das menschliche Leben ist, offenbart sich für Selma eine Vorahnung um das Geheimnis von Liebe und Sexualität. Die Körper erscheinen in einem anderen Licht und in einer anderen Konsistenz. Etwas später sind beide wieder vom Wasser umgeben: es regnet. Selma muss ihr Fahrrad schieben, da ihr die Jungs das Ventil herausgeschraubt haben. Dann kommt Andy, um ihr zu helfen und sie schickt ihn wütend weg. Doch als er geht, versteckt sie sich, um ihm neugierig nachzusehen. Vorher hat noch Elin zu ihr gesagt: „Was sich liebt, das neckt sich.“ Damit sind das einander Necken und der Streit als für das Finden der Liebe notwendige Begleiterscheinungen eingeführt. Und den kleinen Streitereien folgt noch ein großer Streit, die entscheidende Krise, die von Selmas Angst vor der Sexualität und dem Erwachsenwerden ausgelöst wird.
Als in einer weiteren Szene Selma zu Andy sagt: „Du weißt, dass Du innen ein bisschen gelee-artig wirst.“, ist dieser Satz eine der wenigen Anzeichen dafür, dass sie kapiert hat, dass Andy sich in sie verliebt hat. Es ist auch die einzige direkte sexuelle Anspielung von Selma. Sie zeigt damit, dass sie das Vorhandensein dieser Gefühle realisiert hat, auch wenn sie sich noch davon distanziert. Zu einem ersten Kuss, kommt es zwischen den beiden auch am Ende des Filmes nicht. Das Äußerste ist eine Art Vorspiel für einen „kalten Kuss“, als Selma Andy einen Löffel ihres Eises in den Mund schiebt, in Anspielung auf die „kalten Küsse“, die Nora und Rikard austauschen.
Es sind mehr die Gesten der Verbundenheit, die Selmas Zuneigung zu Andy als Jungen repräsentieren: die Eröffnung Selmas am Strand, wie sehr ihr die Gegenwart Andys in ihrem Denken und „klarem Sehen“ gut tut. „Ich bin glücklich“ sagt sie zu Andy. Am Ende umschlingt sie mit ihren Armen seinen Körper, als sie hinter ihm auf dem Fahrrad sitzt, und schmiegt ihren Kopf an seinen Rücken. Diese Geste der Verbundenheit erinnert an die Szene, in der Selma auf dem Weg zum „Mond“, zu dem Platz ihrer Mutter, den Kopf an die Schulter des Vaters legt. Die Liebe zu Andy ist damit in den Lebenskreis von Selma integriert.
Ein weiteres Indiz dafür, dass es letztlich Andy ist, der zu Selma gehört, ist die Aura der Verbundenheit, die das Element des Lichts schafft. Denn die Faszination des Schweden geht vom Geheimnisvollen des Dunklen und des Mondlichts aus, wie auch in der letzten Einstellung, als er sich in der Dämmerung über ihr Bett beugt. Doch „bei Lichte“ läuft Selma zuerst vor ihm weg, um dann zu erkennen, dass der Schwede mit einem anderen Mädchen weggehen wird. Die Szenen mit Andy sind dagegen im Hellen, oft unterstützt durch die Spiegelung des Lichts durch das Wasser.
Ist Nora die Richtige für Rikard?
TC: 32:43 „Die Liebe ist die Hölle“
TC: 1:14:38 „Die Liebe, heftige Gemütsbewegung für zwei, im Dunklen.“
Die Verbundenheit von Nora und Rikard wird letztlich besiegelt durch die Liebeserklärung von Rikard an seine Frau Nora während der Hochzeitsfeier: „Nora Du bist wunderschön, diese Frau haben die Götter mir geschenkt. (...) Ich habe nichts von dem bekommen, was ich mir gewünscht habe. Und ich bin zutiefst dankbar, denn nur, wenn man sich etwas erkämpfen muss, lernt man dazu. Dann hat man die Chance, ein besserer und großzügiger Mensch zu werden. Ohne Frieden, kein Himmel, (...) gib mir, so lange ich lebe, immer Frieden, bleib so, liebe mich, bleib so und zeige mir die Liebe, zeig mir die wahre Liebe, die wild voller Kummer und Sehnsucht ist, eine heftige Gemütsbewegung für zwei, im Dunkeln, ich liebe Dich.“
In dieser Liebeserklärung lösen sich auch die heftigen Konflikte auf, die das Zusammensein der beiden vor der Hochzeit als scheinbar Ewiges auf und ab bestimmt hatten. Das gemeinsame Kind ist noch kein Symbol der Liebe. Rikard denkt mit seiner Liebeserklärung über den Sinn der Streitereien nach. Dieser liegt für ihn darin, dass er dadurch zu Nora gefunden hat. Hier wird auch das Motiv der „Naturkatastrophe“ für die Liebe deutlich, die Rikard als „heftige Gemütsbewegung“ beschreibt. Auch das Motiv des Dunklen kehrt hier wieder. Die Liebe verbindet beide „Gemütsbewegungen“ und überwindet das Dunkle. Nora zeigt durch ihr Weinen, wie sehr sie von den Worten Rikards und ihren tiefen Gefühlen zu ihm bewegt ist. Als das Hochzeitsfoto vor der Kirche gemacht wurde, stehen sie direkt neben dem Friedhof. Hier schließt sich auch für Nora und Rikard der Kreis des Lebens, da sie zur ihrer Liebe gefunden haben.
Wer ist der Richtige für Fräulein Christensen?
TC: 1:02:51 „Petting in den Dünen“
TC: 1:18:46 „Fräulein Christensen und der Schwede“
Das Fräulein Christensen steht ihrem Alter und ihrem Reifeprozess nach zwischen Selma und Nora. In ihren Erfahrungen mit Sexualität und Liebe ist sie schon weiter als Selma. Denn sie und nicht die noch am Beginn ihrer Pubertät stehenden 12jährigen Mädchen wird gezeigt als Frau, die Jungs und Männer sexuell anregt. Und auch sie ist es auch, die sexuell aktiv wird und zwar mitten in der „Natur“, in den Dünen am Meer. Sie hat die Pubertät hinter sich und versucht nun herauszufinden, welchen Stellenwert Liebe und Sexualität in ihrem erwachsenen Leben haben können. Eine erste wichtige Erfahrung kann sie an Nora weiter geben: „Es ist nicht immer so leicht zu wissen, wen man ..., zuerst ist es der eine, und dann ist es der andere, und dann wird alles etwas schwierig. Ich konnte doch nicht mit beiden was haben, mit beiden zur gleichen Zeit.“ Ob nun nach dem Cousin der Schwede der Richtige für sie sein wird, so wie Rikard für Nora, ist noch ungewiss. Denn der Schwede wirkt im Film wie der „lonesome Cowboy“, der eine erotische Anziehung auf alle Frauen ausübt, aber selbst keine heftige „Gemütsbewegung“ oder „Naturkatastrophe“ erfährt.