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Die Farbe der Milch

Pubertät und Sexualität – wie passt das zusammen?

Sexuelle Zwitterwesen und Naturkatastrophen – Selma ist in der Pubertät

Selma wäre am Liebsten ein menschliches Zwitterwesen. Sie erklärt dem Zuschauer: „Die Menschen in zwei Geschlechter zu teilen, war ein Fehler, weil es nicht funktioniert, das hätte man sich von Anfang an sparen können. Wir sollten wie einzellige Organismen geschaffen werden, solche die sich in der Mitte teilen, wenn sie mehr von sich produzieren wollen. genau, kein Sex, nur Teilung.“ Selmas Bedürfnis ein Zwitterwesen zu sein, rührt von einer empfundenen inneren Widersprüchlichkeit: Etwas in ihr macht sie unzufrieden. Ihre Gefühlswelt ist durcheinander, sie fühlt sich uneins mit ihrer Umwelt. Die Eltern, aber auch ihre Freundinnen verstehen nicht, was in ihr vorgeht. Selma sieht ihre Umwelt plötzlich mit anderen Augen und aus einer großen Distanz, als ob sie auf einem anderen Planeten wäre. Selma versucht, diese Veränderung mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu begreifen. Sie sucht Halt in einer naturwissenschaftlichen Ordnung angesichts des Chaos, das die beginnende Geschlechtsreife in ihr auslöst. So zeugen Selmas Widerwille und ihre Abwehr auch von der Angst vor der Sexualität, die sie als Naturkatastrophe bezeichnet: Ihre Mutter ist bei ihrer Ge­burt gestorben. Diese Angst vor der Sexualität empfinden viele Jugendliche in der beginnen­den Pubertät.

Für die Filmemacherin Torun Lian ist die Angst der Kinder vor den Veränderungen, die mit der Entwicklung einer erwachsenen Sexualität einhergehen, kein modernes Phänomen. Sie ist tausende von Jahren alt und kam in sehr unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften vor. Torun Lian versteht sie als menschliche Grundangst vor der körperlichen und seelischen Hingabe. Die Filmemacherin kam darauf, als sie sich mit Hochzeitsriten aus der vorchristlichen Zeit beschäftigt hatte: „Die Farbe der Milch war ursprünglich eine Kurzgeschichte, die im 8. Jahrhundert vor Christus angesiedelt war. Damals wurde den jungen Mädchen zu ihrer Hochzeit ein Leichentuch geschenkt, weil so viele von ihnen während der Geburt ihres Kindes starben. Zu lieben hat ihr Leben tatsächlich gefährdet. Ich habe darin ein äußerliches Bild für eine ganz wesentliche Wahrheit über die Menschen gesehen. Eine mythische Wahrheit. Die Wahrheit, die mit der Angst, sich jemandem hinzugeben zusammenhängt, und dem Kummer, der die befällt, die das zu tun versäumen. Ein richtiges Paradox.“ In der Geschichte wird aber auch deutlich, dass die Jugendlichen auf die körperlichen und seelischen Veränderungen in der Pubertät sehr unterschiedlich reagieren. So verhält sich Selma nicht nur anders als die Jungen, sondern gerade in der Frage, ob küssen nun erlaubt sei oder nicht, auch anders als Elin oder Ingun.

Pubertät und Adoleszenz

„Du bist so schlecht aufgelegt, bist Du in der Pubertät?“ Diesen Spruch von Nora hören viele Jugendliche im Alter zwischen 10-14 Jahren, egal ob Mädchen oder Junge. Sie reagieren sicher ebenso genervt wie Selma. Doch was passiert da wirklich? Was meint Nora mit „Pubertät“ und wie erleben Jugendliche diese Phase des Lebens?

Pubertät bedeutet die geschlechtliche Reifung. Mit diesem Begriff wird die Ausbildung der geschlechtlichen Organe und körperlichen Merkmale eines Menschen zwischen Kindheit und Jugend bezeichnet. Die Pubertät ist aber nur ein Teil in der Entwicklung eines Jugendlichen zu einer eigenständigen, erwachsenen Persönlichkeit. In der Pubertät beginnt die Ablösung von den Bezugspersonen der Kindheit. Die körperlichen Veränderungen gehen mit seelischen, psychosozialen Verunsicherungen einher und werden von Mädchen und Jungen unterschiedlich erlebt. Die Jugendlichen sind gefordert, eine eigenständige soziale Rolle in der Gesellschaft zu finden. Sie müssen in Abgrenzung zu ihren bisherigen sozialen Vorbildern, den Eltern oder anderen Erwachsenen, zu einem eigenen Selbstverständnis auch in ihrer zukünftigen Rolle als Frau oder Mann finden. Die psychosozialen Veränderungen und Herausforderungen, mit denen sich Jugendliche konfrontiert sehen, werden in Abgrenzung zur Pubertät als der geschlechtlichen Reifung oft auch mit dem Begriff Adoleszenz bezeichnet.

Der Verlauf der Pubertät setzt nicht abrupt ein. Bei den meisten Kindern sind bereits am Ende der Grundschulzeit Zeichen der Vorpubertät erkennbar, die meist zwei oder drei Jahre andauert. Die Kinder stellen bisherige Konventionen des Zusammenlebens in Frage und pochen verstärkt darauf, nicht als „Kleinkinder“ behandelt zu werden. Der Wunsch nach körperlicher und sozialer Nähe ist zwar noch da, doch möchten die Kinder nun mehr und mehr für sich oder einfach nur ungestört sein. Gleichaltrige oder die Clique werden wichtige Vertrauenspersonen. Danach setzt die Hochphase der Pubertät ein, in der Regel zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr. In dieser Zeit müssen die Mädchen und Jungen mit sehr großen körperlichen und seelischen Veränderungen fertig werden. Sie werden nun geschlechtsreif. Die Verwandlung des eigenen Körpers wird oft als „peinlich“ empfunden. In dieser Zeit verlieben sich viele Jugendlichen zum ersten Mal. Sie machen Erfahrungen mit Küssen, Petting oder manche auch mit Geschlechtsverkehr. Die Eltern sind nach wie vor wichtige Leitbilder, vor allem in der Orientierung für die eigene Geschlechterrolle – auch wenn sie oft als „Gegenmodell“ herhalten müssen. Denn in dieser Zeit nehmen die Konflikte mit den Erwachsenen zu. Die Jugendlichen möchten sich der alltäglichen Kontrolle entziehen und fordern mehr Selbständigkeit.

Wenn sich die Situation für die Jugendlichen wieder etwas entspannter gestaltet, ist das ein Anzeichen für den Abschluss der körperlichen Veränderungen. In der Phase der Spätpubertät geht es vor allem um die psychosoziale Entwicklung der Jugendlichen, um das Hineinfinden in die Identität als Erwachsener und darum, wie man die eigene Sexualität leben kann. Hier gibt es keine Patentrezepte. Die Konflikte und Ablösungsprozesse gestalten sich individuell sehr unterschiedlich. Entscheidend ist auch, wie sich das Verhältnis des Jugendlichen vor dem Einsatzen der Pubertät zu seiner Umwelt gestaltet hatte, wie viel Liebe, Halt oder soziale Sicherheit er bereits erfahren konnte.

Mädchen in der Pubertät

In der Phase der Frühpubertät werden die Hüften der Mädchen breiter und es formen sich erste Brustansätze. Gesteuert durch das Gehirn produzieren die Eierstöcke verstärkt weibliche Geschlechtshormone um die körperliche Entwicklung anzuregen. Die Brüste beginnen langsam zu wachsen. In der Hochphase der Pubertät erfolgt ein großer Wachstumsschub der Geschlechtsorgane. Das Becken wird ausgeformt, die Vagina vergrößert sich und wird langsam behaart. Die Gebärmutter bildet sich aus. Dann setzt die Menstruation ein. Der Zeitpunkt dafür ist bei Mädchen sehr unterschiedlich und liegt zwischen 11 und 14 Jahren. Ungefähr mit 17 Jahren ist das Wachstum bei den Mädchen abgeschlossen. Mit ihrer Körpergestalt sollten sie sich so bald als möglich anfreunden, denn so werden sie auch als Erwachsene aussehen.

Jungen in der Pubertät

Auch bei den Jungen werden in der Frühpubertät vermehrt männliche Geschlechtshormone produziert. Dazu werden die Hoden durch das Gehirn angeregt, um die Ausbildung der Geschlechtsorgane in Gang zu bringen. Die Hoden werden langsam größer und dabei verfärbt sich der Hodensack. Die Schamhaare wachsen etwas später. Während des heftigen Wachstumsschubes wird der Penis länger und dicker. Im Körperinnern reifen die Geschlechtsdrüsen, die Prostata und Bläschendrüsen. Die Schultern verbreitern sich und die Muskelmasse wird größer. Wann der erste Samenerguss erfolgt, kann bei Jungen sehr unterschiedlich sein. Meist erleben sie ihn im Alter zwischen 11 und 16 Jahren. Etwas später setzt dann der Stimmbruch ein als Folge des Wachstums des Kehlkopfes. Der Stimmbruch ist bei Jungen viel ausgeprägter als bei den Mädchen. Der Bartwuchs kommt meist am Ende der Wachstumsphase. Ihre endgültige Körpergestalt erhalten die Jungen etwas später als die Mädchen, etwa im Alter von 18/19 Jahren.

Bei Jungen wie auch bei den Mädchen kommt es zu unangenehmen Begleiterscheinungen, die die Abwehr gegen den sich verändernden Körper verstärken, wie unreiner Haut oder Körpergeruch.

Chaos der Gefühle und Gedanken

Doch um die Gefühlsachterbahn in der Pubertät zu verstehen, muss man wissen, dass das Gehirn in der Pubertät völlig anders als in der Kindheit und auch anders als in der späteren Erwachsenenzeit funktioniert. Die Dichte der Nervenzellen im Hirn nimmt rapide ab. Etwa 30.000 Synapsen, die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen, gehen pro Sekunde unter. Das Gehirn wird damit umstrukturiert. Im Gegensatz zum kindlichen Gehirn mit seinen vielfachen und kleinen Verbindungen zwischen den Nervenzellen, werden die Verbindungen jetzt stärker. Zudem wächst die Schutzhülle um die Nervenzellen, was wiederum eine schnellere Vermittlung von Informationen entlang der Nervenzellen zur Folge hat. Das Gehirn kann nach diesen Veränderungen komplexere Denkprozesse umsetzen. Die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen wird erhöht. Die Umstrukturierungsprozesse der neuronalen Systeme wirken sich vor allem auf das Fühlen aus. Denn die neuronalen Systeme vermitteln hemmen­de oder erregende Impulse. Sie befinden sich zum einen im vorderen Hirnbereich, der für Entscheidungsprozesse und zielgerichtetes Verhalten verantwortlich ist, zum anderen im Mandelkern des Gehirns. Dieser Bereich ist verantwortlich für die emotionale Bewertung der ankommenden Reize. Diese bisher bekannten Umstrukturierungen im Gehirn während der Pubertät haben ähnlich starke Auswirkungen auf die Stimmungen, Gefühlslagen und das Verhalten der Jugendlichen wie die hormonellen Veränderungen, denen sie ausgesetzt sind. Allerdings ist die Forschung auf diesem Gebiet noch am Anfang.

Pubertät und Adoleszenz als Erfahrungen neuer Gemeinsamkeiten

Pubertät und Adoleszenz erfordern auch, dass Jugendliche ihre körperlichen und seelischen Veränderungen nicht nur in der Distanz zu den Erwachsenen sondern auch als gemeinschaftliche Erfahrung erleben können, ob in der Clique, mit den Freundinnen oder mit einer ersten Liebe. Oft kommt es in dieser Phase auch zu neuen Freundschaften oder zum Bruch mit den alten „Sandkastenfreunden“.

Selma erlebt mit Andy im Film zwar noch nicht den ersten Kuss, aber sie macht mit ihm die für ihr emotionales Selbstwertgefühl sehr wichtige Erfahrung: „In mir sind so viele Gedanken, über die ich sprechen möchte. Du bringst mich dazu, Dinge zu verstehen. Durch dich fange ich an, klarer zu denken. So klar, dass ich anfange, mich selbst immer mehr zu mögen. Hab ich auf dich die gleiche Wirkung?“

 

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