
Bundesverband Jugend und Film e.V. – Durchblick 6+ – Thema Märchen
Der Begriff „Märchen“ kommt von dem mittelhochdeutschen Wort „Maere“ = "Kunde, Bericht, Erzählung" und steht für fantasievoll ausgeschmückte Prosaerzählungen, in denen die Gesetze der Natur aufgehoben sind und Wunder geschehen. Obwohl Märchen zu allen Zeiten und bei allen Völkern zu finden sind, konnte erst mit Beginn der Märchenforschung, die im 19. Jh. mit den Brüdern Grimm begründet wurde, der Begriff „Märchen“ als Literaturgattung definiert werden.
Märchen haben sich vermutlich aus Mythen entwickelt, Erzählungen von urzeitlichen Vorgängen zwischen Göttern, übernatürlichen Mächten und gottähnlichen Helden. In den Schriftzeugnissen aller frühen Hochkulturen finden sich märchenhafte Züge. Bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. sind in Babylon Spuren von Märchen zu erkennen. Das Gilgamesch-Epos, das zu den ältesten schriftlichen Aufzeichnungen gehört, enthält Erzählungen, deren Motive auch in Märchen vorkommen. Das alte Ägypten war reich an Zauber- und Tiergeschichten. Die Epen des griechischen Dichters Homer und andere Sagen zeugen vom Märchenbesitz der Griechen. Indien wird eine vermittelnde Rolle zwischen den sehr alten Erzähltraditionen des Fernen Ostens und des Vorderen Orients zugeschrieben. Für die europäische Märchentradition wurden die Beziehungen zum Orient, die über Byzanz und Nordafrika verliefen, von größter Bedeutung. Kreuzfahrer und Kaufleute, Pilger und Seefahrer brachten Stoff für Märchen nach Europa. Dort sorgten Spielleute für deren Verbreitung.
Schon im 16. und 17. Jahrhundert schufen die Italiener G. Straparola und G.B. Basile ganze Märchenzyklen. Die so genannten Feenmärchen waren im Frankreich des 17. Jahrhunderts sehr beliebt als Unterhaltung für den Adel. Ab 1704 erschloss die Übersetzung der „Geschichten aus 1001 Nacht“ von A. Gallands neue Märchenwelten. Bereits 1697 hatte Ch. Perrault eine französische Märchensammlung vorgelegt. Perraults Sammlung nahm großen Einfluss auf die Volksmärchen der Grimms, die diese später mit Ausnahme des Märchens „Der gestiefelte Kater“ in ihre „Kinder- und Hausmärchen“ aufnahmen, wie z. B. Aschenputtel (Cendrillon ou la petite Pantoufle de Verre), Dornröschen (La belle au bois dormante und Rotkäppchen (Le petit Chaperon rouge).
Erst die Romantiker und die Brüder Grimm fassten den Reiz des mündlich überlieferten Erzählgutes. Sie erkannten darin die schöpferischen Kräfte eines Volkes - einen Kulturschatz, den es zu bewahren gelte. Trotzdem rechneten die Brüder Grimm nicht mit einem wirtschaftlichen Erfolg, als sie die „Kinder- und Hausmärchen“ ab 1812 und 1815 veröffentlichten. Für ihre Märchensammlung hatten sich die Brüder Märchen erzählen lassen und sie Wort für Wort festgehalten. Die Brüder Grimm weckten durch ihre Sammlung nicht nur das allgemeine Interesse an Märchen, sondern initiierten auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen. Neben der Märchensammlung wurde das „Grimmsche Deutsche Wörterbuch“ das Lebenswerk der beiden Germanisten.
Auch die Psychoanalyse, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, interessierte sich für Märchen. Bedeutsam wurden die tiefenpsychologische Untersuchungen zum Verhältnis von Märchen, Traum und Sexualtrieb des österreichischen Nervenarztes Sigmund Freud. Der schweizerische Psychologe C.G. Jung und seine Schüler zogen aus Märchen und Mythos Erkenntnisse über die seelischen Grundkonzeptionen der Menschen einer Kultur. In jüngster Zeit arbeiten vor allem Kindertherapeuten mit Märchen. Sie bearbeiten anhand der zauberhaften Figuren und Konstellationen verdrängte Ängste und Trauma der Kinder. Siehe auch 2.5 Themen und Deutungsversuche.
Heute stellen Märchen ein Angebot unter vielen im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur dar. Insofern ist ihre einstmals dominante Stellung gebrochen. Aber noch immer gehören die Märchen der Brüder Grimm, von Hans Christian Andersen, Wilhelm Hauff und Ludwig Bechstein zum Kanon der Kinderliteratur.
Bei Volksmärchen lassen sich keine bestimmten Urheber feststellen. Sie wurden über große Zeiträume hinweg zunächst mündlich überliefert. Sie entstanden an langen dunklen Winterabenden, beim eintönigen Spinnen oder Einmachen von Obst, auf Reisen, im Orient in Kaffeehäusern oder auf öffentlichen Plätzen. Das ist auch ein Grund dafür, warum sie in vielen verschiedenen Versionen vorkommen. Märchenerzähler bzw. Märchensammler haben sie im Laufe der Zeit durch ihre individuelle Gestaltung und Bearbeitung verändert. Die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, die als Prototyp der Volksmärchen betrachtet werden, entsprechen inhaltlich und sprachlich der Zeit der Romantik. Im 19. Jh. konnte ein Großteil der einfachen Bevölkerung nicht lesen. Märchen und Geschichten wurden erzählt. Lesen und Schreiben war ein Privileg der Reichen und des Klerus. In den dörflichen Gemeinschaften aber wurden hin und wieder anerkannte Märchenerzähler eingeladen, die die Menschen immer wieder in ihren Bann zogen. Das Volksmärchen spiegelt somit die Sicht der Armen und Benachteiligten, die nach Erfolg und Reichtum streben und von einem glücklichen, unbeschwerten und freien Leben träumten. Die Märchenwelt entspricht dieser Wunschwelt, in der die Hoffnungslosen ausziehen, um ihr Glück zu finden und die Unterdrückten durch Wunder und Zauberei einen sozialen Aufstieg erleben.
Themen und Motive
Zu den zentralen Themen der Volksmärchen zählen die existentiellen Probleme des gesellschaftlichen Lebens, z. B. Streit unter Geschwistern, Hochzeit, Kinderlosigkeit, Trennung, Verstoßung, Kindesaussetzung und Tod. Ausgangspunkt ist eine Notlage (Hänsel und Gretel), ein Mangel (Das tapfere Schneiderlein), eine Aufgabe (Rotkäppchen) oder Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen.
Neben diesen weltlichen Motiven beinhalten Volksmärchen noch magische Motive wie Begegnungen mit fantastischen Wesen (Zwerge, Hexen, Riesen) und die Erlösung Verwünschter (Froschkönig). Im Volksmärchen werden magische und weltliche Motive miteinander vereint und lassen die typischen „Märchenmotive“ entstehen.
Märchenhelden und Märchenheldinnen
Märchenfiguren haben weder eine Beziehung zur Vergangenheit oder Zukunft und sie haben keine Biografie. Oft besitzen sie keine Namen (der Jüngste, die Königstochter, der Arme, die Stiefmutter), tragen allgemeine Namen (Hans, Grete) oder Namen, die sie durch ein bestimmtes Merkmal kennzeichnen (Dornröschen, Rotkäppchen, Das tapfere Schneiderlein, Schneewittchen). Die Familiensituation, in denen sich viele Märchenhelden zu Beginn befinden, ist oft geprägt durch das Vorhandensein des Bösen und durch die Abwesenheit des Guten. Die Böswilligkeit der Familie ist meist Anlass für den Aufbruch sowie der Mangel und die Unerträglichkeit. Die Heldin/der Held zieht in die weite Welt hinaus. Dieses Ausgeliefertsein zwingt die Protagonisten dazu, ihre Abenteuer allein zu bewältigen.
Wundergaben
Oft erhalten Märchenfiguren eine besondere Gabe, die es ihnen ermöglicht, die Auseinandersetzung mit den Gegenspielern zu bestehen und ihr Ziel zu erreichen. In diesen Bewährungsproben entstehen unsichtbare Bindungen mit den helfenden Wesen. So bekommt Aschenputtel Unterstützung durch Tauben, und Schneewittchen durch die sieben Zwerge. Ist die Schwierigkeit überstanden werden die Verbindungen wieder gelöst und die Helfer verschwinden. Die einzig bleibende Verbindung, die Märchenhelden eingehen, ist die Ehe: In vielen Märchen ist das der Schluss. Wenn Märchenhelden Probleme haben, treten die überirdischen Helfer auf und stellen außerdem noch besondere Wundergaben zur Verfügung (Goldesel, Tischleindeckdich, Knüppel aus dem Sack). Helfer und Wundergaben stehen nur den Helden zu. Die Bösen erhalten diese nicht oder kommen durch sie sogar zu Schaden. Nach der Lösung des Problems sind meist auch die Wundergaben nicht mehr von Interesse und tauchen in der Erzählung nicht mehr auf.
Besondere Eigenschaften
Zur Bewältigung der Aufgaben erhalten Märchenhelden oft weitere Gaben, zu denen besondere Eigenschaften und Fähigkeiten wie Fleiß (Frau Holle), Unschuld (Rotkäppchen), Klugheit und Mut (Das tapfere Schneiderlein) zählen. Diese Eigenschaften, die zusätzlich durch starke Gegensätze verdeutlicht werden, heben die positive Persönlichkeit der Märchenhelden noch stärker hervor. Da stehen sich Gut (Aschenputtel) und Böse (Stiefmutter), Fleiß (Goldmarie) und Faulheit (Pechmarie), Hochmut (Prinzessin) und Bescheidenheit (König Drosselbart) klar gegenüber.
Da das Märchenerzählen der Kommunikation und Information diente, passte es sich in seiner Erzählform der einfachen, ungebildeten bzw. kindlichen Zuhörerschaft an. So entstand der unverwechselbare Typ des Volksmärchens, der durch elementare Strukturen und einen bildhaften, anschaulichen Stil charakterisiert ist.
Strukturmerkmale
Märchen beschreiben einen Prozess, eine Veränderung z. B.:
Die Geschichten beginnen meist mit einer Notlage, einer Aufgabe, einem Problem oder mit dem Wunsch, jemand anderes zu sein oder etwas zu besitzen. Held oder Heldin müssen daher ihr Zuhause verlassen und in die Welt gehen. Dort erleben sie Abenteuer, müssen Prüfungen bestehen und Kämpfe ausfechten. Ihnen begegnen übermenschliche Widersacher, mächtige Gegner und widrige Umstände.
In Märchen sind Zeit, Raum und Ort unbestimmt. Nicht die Darstellung von Figuren und Schauplätzen steht im Vordergrund sondern das Geschehen, der Ablauf der Handlung. Märchenfiguren denken nicht über sich und andere nach. Gefühle und Beziehungen werden durch Handlungen dargestellt. Die Handlung eines Märchens zielt klar auf das Ende bzw. auf eine Lösung ab.
Eingangs- und Schlussformeln
Märchenerzähler benutzten häufig rhetorische Hilfsmittel wie Eingangs- und Schlussformeln. Die meisten Märchen beginnen mit: „Es war einmal…“ (Dornröschen) oder „Vor Zeiten war…“ (Tischlein deck dich). Während einige Eingangsformeln den zeitlosen Charakter des Märchens hervorheben wie: „In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat…“ (Froschkönig), setzen manche unvermittelt ein „Ein König hatte eine Tochter…“ (König Drosselbart) oder „An einem Sommermorgen…“ (Das tapfere Schneiderlein). Durch diese charakteristische Eingangsformel werden die Zuhörer in die Märchenwelt hineingeführt. Am Ende kehren sie durch eine Schlussformel wieder in die Realität zurück. Die am häufigsten benutzte Schlussformel ist dabei: „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Diese Eingangs- und Schlussformulierungen verdeutlichen u. a. ein weiteres typisches Merkmal der Volksmärchen: die undifferenzierte Zeitperspektive, die den Geschichten Wirkungsferne verleiht. Zeit und Raum sind bedeutungslos, Vergangenheit und Zukunft gibt es nicht. Die Figuren agieren nur im Hier und Jetzt.
Rhythmische Verse
Zu den weiteren Formeln, die Märchenerzähler benutzten, gehörten rhythmisch gesprochene Verse magischen Ursprungs, die z. T. mit Zaubersprüchen assoziiert werden könnten:
„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hole ich der Königin ihr Kind;
ach, wie gut, das niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
Mit einer selbst erdachten Sprachmelodie wurden diese Sätze vorgetragen und von den Zuschauern mitgesprochen.
„Ich bin so satt,
ich mag kein Blatt: meh! meh!“
„Wovon soll ich satt sein?
Ich sprang nur über Gräbelein
Und fand kein einzig Blättelein: meh! meh!“
„Ach wem gehört der schöne Wald?“
„Der gehört dem König Drosselbart;
Hättst du’ n genommen, so wär er dein.“
„Ich arme Jungfer zart,
ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“
„Wem gehört die schöne grüne Wiese?“
„Sie gehört dem König Drosselbart;
Hättst du’ n genommen, so wär er dein.“
„Ich arme Jungfer zart,
ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“
Magische Zahlen
Die magische Kraft, die von diesen Zauberworten oder Beschwörungsformeln ausgeht, wird darüber hinaus von der Dreizahl verstärkt: Drei Söhne ziehen nacheinander aus, um ein Handwerk zu lernen. Drei Gegner muss das Schneiderlein besiegen, bevor er die Prinzessin und das halbe Königreich bekommt.
Die Dreizahl verweist auf das symbolische Zahlen- und Ordnungsprinzip der Realität, z. B. Vater, Mutter, Kind als eine harmonische Einheit oder die drei Elemente Feuer, Wasser, Luft. Auch strukturell hilft die Dreizahl einen Text aufzubauen und zu gliedern (Einleitung, Hauptteil, Schluss).
Dieser wiederholende Dreier-Rhythmus half dem Erzähler, den roten Faden nicht zu verlieren und den Zuhörern, den Text besser zu verstehen und zu behalten.
Volksmärchen arbeiten auch mit anderen magischen Zahlen, wie der Sieben und der Zwölf. Z. B. ergeben sieben Tage eine Woche und zwölf Monate ein Jahr. In den Grimm’schen Märchen lebt Schneewittchen bei den sieben Zwergen und zwölf Feen sind zur Geburt von Dornröschen eingeladen. Während die Dreizahl zur Strukturierung des Textes beiträgt sind die Zahlen Sieben und Zwölf reine Stilformen, die die Mehrzahl in sich verkörpern, aber dem Märchen eine „formelhafte Starrheit“ verleihen, dadurch dass keine zufällige Zahl verwendet wird.
Intention
Das Volksmärchen vermittelt weniger eine Lehre oder Moral, sondern eher eine glückliche Weltsicht. Daher werden Märchenhelden zu Sympathieträgern, die mit guten Eigenschaften ausgestattet sind. Gerade die Märchenhelden, die über keine besonderen Eigenschaften oder hohe gesellschaftliche Stellungen verfügen (die Dummen, die Jüngsten, die Ärmsten) können im Märchen Macht und Reichtum erwerben. Das Volksmärchen spricht somit die geheimsten Wünsche seiner Zuhörer an. Das Märchenende vermittelt Zuversicht und Lebensfreunde. Das Böse wird bestraft, das Gute belohnt und die gestörte Ordnung wieder hergestellt.
Zusammenfassung der wichtigsten Märchenmerkmale siehe Arbeitsblatt 6.6 „Märchenmerkmale“.
Bei den so genannten Kunstmärchen handelt es sich um bewusste Schöpfungen von Dichtern und Schriftstellern. Auch diese bedeutsame Literaturgattung entstand im 18./19. Jh. (Romantik). Teilweise greifen Kunstmärchen die Motive der Volksmärchen auf. Meistens werden aber neuartige fantastische Wundergeschichten erfunden, die mit dem Volksmärchen aber dennoch durch den Gesichtspunkt des Wunderbaren oder Unwirklichen verbunden bleiben. Im weitesten Sinne können auch die in neuerer Zeit entstandenen Fantasy-Geschichten zu den Kunstmärchen gerechnet werden.
Kunstmärchen sind meist im literarischen Zeitstil geschrieben, z. B. sinnbildlich-philosophisch, romantisch-naturhaft, komisch - fabulierend oder satirisch - parodierend. Daher sind Kunstmärchen auch nicht für jüngere Kinder geschrieben.
Die Hauptdarsteller sind Menschen, Tiere oder leblose Dinge, die reden, fliegen, handeln können. Den einzelnen Figuren und Ereignissen haftet häufig eine tiefere Bedeutung an. Die Sprache, die Erzählstruktur und der Handlungsverlauf sind im Vergleich zu den Volksmärchen differenzierter. Deshalb werden sie vom Rezipienten besser verstanden, wenn sie gelesen und nicht erzählt werden. Zudem setzen Kunstmärchen nicht zwangsläufig auf ein gutes Ende. In der Romantik und darüber hinaus gehörten Kunstmärchen zur Unterhaltung des lesegebildeten Bürgertums. Großen Teilen der Bevölkerung wie Arbeitern, Bauern und Handwerkern blieben sie weitestgehend verschlossen.
Zuweilen veröffentlichten Dichter aber auch verständliche Werke für ein jüngeres Publikum. Dazu verwendeten sie vertraute Motive und Erzähltechniken der Volksmärchen und erfanden völlig neue Wundergeschichten. Diese Geschichten wurden mit eigenen pädagogischen Intentionen ausgestattet und ließen zeitbezügliche Lebenseinstellungen und Werte einfließen. Einige maßgebliche Autoren der Kinderliteratur des 20. Jh. haben neben realistischen Alltagsgeschichten, fantastischen Erzählungen oder Bilderbuchgeschichten auch fantastische Märchen geschrieben. Alte wie neue Kunstmärchen vermitteln den Zeitgeist und sind häufig mit witzigen, ironischen oder satirischen Eigenheiten ausgestattet.
Quellen:
Brigitte vom Wege / Mechthild Wessel: Das Märchen-Aktionsbuch, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2008
www.schaepp.de/marchen/in.html
www.wikipedia.de
Märchen sind in unserem Kulturkreis fast unlöslich mit den Namen der Brüder Grimm verbunden. Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786-1859) waren die ersten, die deutschsprachige Märchen erforschten, sammelten und veröffentlichten.
Beide wurden in Hanau als Söhne eines Juristen geboren und nahmen ebenfalls ein Jurastudium auf. Jacobs Interesse galt jedoch mehr der klassischen Philologie. Wilhelm dagegen interessierte sich eigentlich für Medizin. Auf Anregung ihres Professors Friedrich Karl von Savigny begannen sie Volksüberlieferungen zu sammeln und aufzuschreiben. Als beide Brüder mit ihren Sammlungen begannen, war Preußen gerade durch die Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt von Napoleon besetzt und die nationale Identität drohte sich ihrer Meinung nach aufzulösen. Außerdem fürchteten beide, dass die Tradition des Geschichtenerzählens bei der einfachen Bevölkerung verloren ginge, da die Einführung der Schulpflicht zu einer verbesserten Lese- und Schreibfähigkeit führte. Ziel der Brüder Grimm war es daher, Lieder, Sagen und Märchen des Volkes zu sammeln, um die ursprüngliche deutsche Dichtung und Poesie zu bewahren. Nachdem Jacob Grimm als wissenschaftlicher Assistent Savigny nach Paris gefolgt ist, verlor er die Lust an seinem Jurastudium, brach ab und wurde stattdessen Bibliothekar der Privatbibliothek König Jéromes, Napoleons jüngstem Bruder. Dort widmete er sich dem Studium der altdeutschen Poesie und Sprache. 1812 veröffentlichte er den ersten Band der Kinder- und Hausmärchen. 1815 folgte der zweite Band. In den folgenden Jahren brachten die Brüder ihr letztes gemeinsame Sammelwerk heraus: Deutsche Sagen. Wilhelm arbeitete zeitlebens eng mit seinem Bruder zusammen. Er war Hauptsammler und Redakteur der Märchen und Sagen. Der Erfolg der Kinder- und Hausmärchen, aber auch der Appell der Brüder Grimm, Volksliterarisches niederzuschreiben, gab im In- und Ausland den Anstoß zu weiteren Sammlungen.
Die Entstehung der Kinder- und Hausmärchen
Als Jacob und Wilhelm Grimm den ersten Band der Kinder- und Hausmärchen veröffentlichten, konnte niemand ahnen, dass diese Sammlung einmal zur Weltliteratur gehören würde.
Volksmärchen galten in Deutschland bis ins 18. Jh. hinein als Trivialliteratur, die es nicht wert ist, gedruckt zu werden, ganz im Gegensatz zu den Kunstmärchen.
Die Brüder Grimm lebten sehr zurückgezogen und waren nicht sehr kontaktfreudig, was zur Folge hatte, dass ihnen selbst nur wenige Märchen direkt mündlich überliefert wurden. Daher waren sie auf Bibliotheksarchive und Helfer angewiesen, die Ihnen Manuskripte zusandten und auch selbst Erzähler aufsuchten. Höhepunkt der Sammeltätigkeit waren die Jahre 1810 bis 1812. Bis 1857 hatten die beiden Brüder mit Hilfe von ca. 40 Mitarbeitern 240 Märchen und Legenden zusammengetragen. Den Grundstock bildeten niedergeschriebene mündliche Erzählungen aus ihrer Heimat Hessen (u. a. „Rotkäppchen“, „Dornröschen“ oder „Aschenputtel“). Zu den wichtigsten Zulieferern gehörten auch Wilhelms Frau Dortchen Wild und ihre Mutter (u. a. „Frau Holle“, „Der Froschkönig“), der Bökendorfer Märchenkreis mit Annette von Droste-Hülshoff (z. B. „Die Bremer Stadtmusikanten“ und der Maler und Schriftsteller Philipp Otto Runge („Von dem Fischer und seiner Frau“). Dabei war es Jacob Grimm besonders wichtig, dass die Märchen wörtlich und buchstabengetreu aufgeschrieben wurden. Wilhelm dagegen achtete zwar auf die Motive, Inhalte und Sinnbilder, kürzte oder streckte die Texte gern auf seine Weise. Hin und wieder vermischte er sogar mehrere Märchenvarianten miteinander. Das hatte zur Folge, dass die Volkserzählungen immer mehr an Authentizität und Originalität verloren.
Ursprünglich dienten Märchen ausschließlich der Unterhaltung Erwachsener. Im Laufe der Zeit hat sich allerdings das Märchenpublikum verändert, sodass immer mehr Frauen ihren Kindern Märchen erzählten, um ihnen frühzeitig bürgerliche Normen und Wertvorstellungen zu vermitteln. Von der zweiten Auflage an gestaltete Wilhelm Grimm die Texte daher für Kinder, sodass die Kinder- und Hausmärchen fortan zur Kinderliteratur gehörten. Sexuelle Anspielungen wurden verworfen und Moralisierungen und zeitgemäße pädagogische Wertvorstellungen hinzugefügt. Um eine kindgerechte Sprache zu erreichen benutzte Wilhelm Grimm einfache Situationsbeschreibungen, den erzählenden Imperfekt, die direkte Rede, Sprichwörter und wiederholende Formeln und Redensarten. Er vermied Fremdwörter und setzte Verkleinerungsformeln ein (z. B. Spieglein, Tellerlein). Aus einer „bösen Mutter“ machte er die „Stiefmutter“, aus „Prinz und Prinzessin“ wurden „Königssohn und Königstochter“. Da die Grimm’schen Märchen aufgrund der redaktionellen Bearbeitung weder den mündlich überlieferten Volksmärchen noch zu den Kunstmärchen gehörten, wurde der neue Begriff „Buchmärchen“ geprägt.
Ludwig Bechstein (1801-1860)
In Deutschland weckte das „Märchenbuch“ des Thüringer Germanisten, Volkskundlers und Schriftstellers Ludwig Bechstein großes Interesse. Zeitweise stellte seine Sammlung sogar die der Brüder Grimm in den Schatten, weil sie preiswerter war und mit zahlreichen, hochwertigen Illustrationen des Malers Ludwig Richter versehen waren. Bechstein war Bibliothekar und Archivar. Ihm standen sowohl alte wie zeitgenössische Volkssammlungen zur Verfügung. Zudem reiste er viel herum und schöpfte umfangreich aus mündlichen Überlieferungen, einiges jedoch auch aus der Sammlung der Brüder Grimm. Mit pädagogisch-moralischen Botschaften konzipierte er seine Märchen von Anfang an für Kinder. Obwohl seine Sprache eher ausschweifender und teilweise ironisch und steif wirkte, sind seine Märcheneditionen bis heute beliebt und verbreitet, z. B. „Goldmarie und Pechmarie“, „Der Wettlauf mit dem Hasen und dem Igel“ oder „Das Märchen vom Mann im Mond“.
Zur gleichen Zeit entstanden weitere Märchensammlungen, die für die Märchenforschung bis heute Bedeutung haben. In ihrer Popularität sind sie aber mit den zuvor genannten Sammlungen nicht vergleichbar.
Quellen:
Brigitte vom Wege / Mechthild Wessel: Das Märchen-Aktionsbuch, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2008
Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Verlag Walter de Gruyter, Berlin, New York, 2008
www.grimms.de
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Der dänische Dichter und Märchenerzähler ist wohl der bekannteste Dichter seines Landes. Seine Märchen wurden in viele Sprachen übersetzt. Neben seinen gleichnishaften Erzählungen, die sich mit dem tieferen Sinn des Lebens beschäftigen, schrieb er auch Geschichten mit Volksmärchenmotiven. Darunter waren zahlreiche Märchen für Kinder, was ihm den Ruf eines „Kinderdichters“ einbrachte, mit dem er aber nicht einverstanden war. Seine Märchen finden teilweise an realen Orten und zu konkreten Zeitpunkten statt. Er benutzt sie auch zur kritischen Auseinandersetzung mit seinem Land. Die Figuren, Tiere und alltäglichen Dinge werden zu lebenden Handlungsträgern, die er mit Sprache, Gefühl und Gedanken ausstattet. Immer wieder verweist er in seinen Geschichten auf eine ausgleichende Gerechtigkeit und bezieht mit seiner humoristischen Ausdrucksweise Stellung zu gesellschaftlichen Eitelkeiten, wie z. B. in „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Des Kaisers neue Kleider“ und „Das hässliche Entlein“. In anderen Märchen beschreibt er schwierige Gefühlslagen der Figuren traurig-tragisch wie in „Der standhafte Zinnsoldat“, „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ oder „Die kleine Meerjungfrau“. Das Ende der Handlung ist zwar oft märchenhaft gestaltet, die Lösungen sind aber nicht so eindeutig wie bei den Volksmärchen.
Clemens Brentano (1778-1842)
Der Schriftsteller und Lyriker gab zusammen mit Achim von Arnim die Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1806) heraus und pflegte freundschaftliche wie berufliche Kontakte mit den Brüdern Grimm, die für ihn als Lieder- und Märchensammler tätig waren. In seinen italienischen Märchen kommen seine Erzählfreude, seine Heiterkeit und sein tiefsinniger Ernst zum Ausdruck (z. B. „Gockel, Hinkel und Gackeleia“, „Das Märchen vom Myrtenfräulein“). Obwohl seine Geschichten viele Eigenschaften von Volksmärchen aufweisen, sind sie durch seinen poetischen Stil eher älteren Kindern und Erwachsenen zugänglich.
Wilhelm Hauff (1802-1827)
Der schwäbische Dichter gehört noch heute zu den beliebtesten deutschen Märchendichtern. Berühmt machten ihn vor allem die drei „Märchenalmanache“, in denen seine Erzählungen publiziert wurden. Die zwei Rahmenerzählungen „Die Karawane“ und „Der Scheich von Alexandria“ enthalten die berühmten orientalischen Geschichten „Zwerg Nase“, „Die Geschichte von Kalif Storch“ und „Die Geschichte vom kleinen Muck“. In der Rahmenerzählung „Das Wirtshaus im Spessart“ sind z. B. „Die Sage vom Hirschgulden“ sowie das Märchen „Das kalte Herz“ zu finden.
Viele seiner Märchen weisen abenteuerliche, romantisch-fantastische aber auch realistische Elemente sowie zeitkritische und satirische Züge auf. Einige Hauff-Märchen sind zwar schon für Kinder ab sechs Jahren geeignet („Zwerg Nase“, „Der kleine Muck“), die meisten richten sich jedoch an ein älteres Publikum.
Theodor Storm (1817-1888)
Der nordfriesische Dichter wurde durch seine Novelle „Der Schimmelreiter“ bekannt. Für Kinder schrieb er das ebenfalls berühmte Märchen „Der kleine Häwelmann“. Weitere seiner eher gruseligen Märchenerzählungen sind z. B. „Bulemanns Haus“ oder „Die Regentrude“ und richten sich an ein älteres Publikum.
Michael Ende (1929-1995)
Bekannt wurde der Autor durch sein Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, für das er 1961 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Weitere eindrucksvolle Märchenromane wie „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“ wurden ebenfalls mit diesem Preis ausgezeichnet. Ende‘s Geschichten wurden in einem Sammelband „Vom Wunsch aller Wünsche und andere Geschichten“ zusammengefasst. Seine Geschichten sind märchenhaft und voller Fantasie und sind daher besonders für Kinder ab sechs Jahren geeignet, wie z. B. „Das Traumfresserchen“, „Der kleine Lumpenkasperle“ oder „Der Lindenwurm und der Schmetterling“.
Quellen:
Brigitte vom Wege / Mechthild Wessel: Das Märchen-Aktionsbuch, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2008
www.wikipedia.de
Märchen in Europa
In den europäischen Volksmärchen können trotz vieler nationaler und zeitlicher Unterschiede zahlreiche Gemeinsamkeiten festgestellt werden, sodass von einem Grundtyp gesprochen werden kann (s. o.). Die Geschichten beginnen mit einer Notlage, einer Aufgabe oder einem Problem. Die Handlung folgt einem Strang und gliedert sich in mehrere Episoden, die durch symbolische Zahlen strukturiert werden. Ort und Zeit der Handlung sind unbestimmt. Typisch für europäische Volksmärchen sind die Anfangs- und Schlussformeln sowie sich wiederholende Beschwörungsformeln oder Verse. Die Märchenhelden heben sich durch positive Eigenschaften von ihren Gegenspielern ab, die meist Wesen der Über- oder Unterwelt sind (Feen, Hexen, Teufel, Riesen). Der Handlungsverlauf zielt in fast allen Märchen auf ein glückliches Ende.
Afrikanische Märchen
Obwohl der Kontinent Afrika durch seine zahlreichen verschiedenen Volksstämme gekennzeichnet ist, sind die Märchen in ihren Motiven, ihrer Charakteristik und Struktur ähnlich. Dabei überwiegen, Fabeln, Schwänke und Tiermärchen. Tiere sind oft Projektionen menschlicher Eigenschaften. Die Hyäne beispielsweise stellt die Dummheit dar, der Schakal die Schlauheit. Die Spinne oder der Hase kommen als Betrüger, Halunken oder Gauner vor und die Schildkröte symbolisiert die Klugheit. Die Besonderheit der afrikanischen Märchen ergibt sich z. T. aus dem kulturell unterschiedlichen Hintergrund, aus dem die Erzählungen stammen (arabische und islamische Einflüsse in Nord- und Ostafrika, eingeborene afrikanische Kulturen in West-, Zentral- und Südafrika). Das Märchen „Die Schildkröte und der Elefant“ beinhaltet das Motiv eines Wettmärchens (vergleichbar mit „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“)
Märchen aus dem Orient
Die bekannteste fremdländische Märchenerzählung ist die Sammlung „Tausendundeine Nacht“ („Alf Laila wa Laila“). Sie wurde über hunderte von Jahren aus arabischen, persischen, indischen und ägyptischen Erzählungen zusammengestellt und im 15. Jh. in arabischer Sprache niedergeschrieben. Die Sammlung umfasst 300 Geschichten. Die Geschichten werden in einer Rahmenhandlung von der jungen Scheherazade erzählt, die durch die vielen verschachtelten Geschichten versucht, den Sultan durch Neugier und Spannung zu fesseln, um dadurch die eigene Hinrichtung hinauszuzögern. Nach 1000 Nächten voll spannender Erzählungen verliebt sich der Sultan in Scheherazade und macht sie zur Königin. Antoine Gallent übersetzte die Sammlung ins Französische (1704-1717) und Enno Littmann ins Deutsche (1921-1928). Durch zahlreiche Vereinfachungen und Kürzungen wurden die Geschichten fälschlicher Weise der Kinderliteratur zugeordnet. Die exotischen Abenteuer wie „Ali Baba und die vierzig Räuber“, „Aladin und die Wunderlampe“ oder „Sindbad der Seefahrer“ finden besonders bei Kindern ab zehn Jahren Interesse.
Märchen der Indianer Nordamerikas
Die Märchen der Indianer gleichen eher mythologischen Geschichten, die versuchen, die Entstehung der Welt darzustellen. Die Verbindung des Alltags und der Kultur mit Religion sind dabei ein zentrales Thema. Die Geschichten befassen sich mit dem Ursprung des Universums, der Tiere, der Stämme oder der Gegenstände und Zeremonien. Oft tritt die Figur des Tricksters (Schelm, Spaßmacher oder Ränkeschmid) auf, der mitunter als Tier menschliche Eigenschaften verkörpert und zwei Gesichter hat. Auf der einen Seite ist er gut und wohltätig, auf der anderen Seite böse und grausam (Z. B. „Der Eulenmann“, „Große Mutter Erdbeben“).
Viele nordamerikanische Märchen handeln auch von Verwandlungen, Zaubereien und Wundern. Die Helden sind wie in den europäischen Volksmärchen mit positiven Eigenschaften wie Mut, Gehorsamkeit oder Stärke ausgestattet. Indianergeschichten sind bei Kindern sehr beliebt, da sie sich gern mit ihren Helden identifizieren und der Traum grenzenloser Freiheit und Abenteuer in der Wildnis hineinprojiziert werden kann.
Quellen:
Brigitte vom Wege / Mechthild Wessel: Das Märchen-Aktionsbuch, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2008
Jürgen Barthelmes: Brauchen Kinder (noch) Märchen?, in Magie der Märchenfilme, Sonderdruck der Kinder- und Jugendfilmkorrespondenz, München, 2009