
Durchblick 6+ – Der Froschkönig – Franziska Buch – D 2008 – 59 min.
Als Literaturverfilmung bezeichnet man einen auf einem literarischen Werk basierenden Film. Die Grundlage für eine filmische Adaption bietet meist ein Roman. Es gibt aber auch Verfilmungen aus Erzählungen, Kurzgeschichten, Comics oder wie in diesem Fall aus einem Märchen. Das Drehbuch weicht in der Regel von der Literaturvorlage ab. Da eine Geschichte im Film kürzer und knapper erzählt werden muss, als beispielsweise in einem Roman, kommt es häufig vor, dass Handlungsstränge fehlen oder vereinfacht dargestellt werden. Auch kommt es vor, dass manche Dialoge und Personen gar nicht erscheinen oder nur bestimmte Textteile der Vorlage umgesetzt werden, entweder weil sich andere Textteile besser filmisch umsetzen lassen oder aus dramaturgischen Gründen. Denn ein Film funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Buch. Zudem hat jeder Regisseur seine eigenen künstlerischen Ansprüche und individuellen Ideen und Interpretationsansätze. Märchenverfilmungen sind dahingehend etwas Besonderes. Im Gegensatz zum Roman, ist die Literaturvorlage sehr kurz und knapp. Die Figuren werden nur oberflächlich beschrieben, Ort und Zeit sind nicht festgelegt. Märchen vermitteln ihre Botschaften sehr direkt. Dazwischen gibt es sehr viel Raum für Fantasie und Interpretation. Über Motive und Gefühle der Märchenfiguren, warum sie so und nicht anders handeln, erfährt man in den Überlieferungen oft wenig. So ergeben sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, was sich in der Vielfältigkeit an Märchenverfilmungen deutlich widerspiegelt. Während bei Romanverfilmungen Handlungsstränge verkürzt werden, werden bei Märchenfilmen Handlungsstränge ausgedehnt oder oft neue dazu erfunden. Neue Figuren und Dialoge werden eingeführt und die Sprache im Märchenfilm wird oft modernisiert.
In dieser Verfilmung des Märchenklassikers wurde die ursprüngliche Fassung sichtbar überarbeitet. Insbesondere das soziale Umfeld der Prinzessin, deren Umgangsformen und Dialoge haben einen eindeutigen Bezug zur Gegenwart. Obwohl der Film erkennbar historisch ist und im Barock verankert wurde, ist er in seiner Erzählstruktur, den Dialogen und der Bildsprache eher modern. Der Film folgt zwar dem Erzählstrang des Märchens, nimmt sich aber auch zahlreiche inhaltliche und formale Freiheiten.
Besonders das soziale Umfeld und die persönliche Lebensgeschichte der Prinzessin wurden stark verändert und neue Figuren erfunden. Hier bietet der Märchentext viel Raum für Interpretationen und Phantasie, da auf das historische und gesellschaftliche Umfeld der Prinzessin nicht eingegangen wird.
Im Gegensatz zum Märchen haben die Hauptcharaktere konkrete Namen. So heißt die Prinzessin im Film Sophie und feiert ihren 18. Geburtstag. An diesem Tag soll sie nach dem Willen ihres Vaters mit dem reichen Prinz Friedrich verheiratet werden, um das marode Königreich zu retten. An ihrem Geburtstag bekommt sie vom König eine goldene Kugel, die ihr ihre auf geheimnisvolle Weise verstorbene Mutter hinterlassen hat.
Im Gegensatz zur Vorlage, ist die Kugel nicht nur ein beliebiges Spielzeug, sondern soll mit magischen Kräften ausgestattet sein, die ihr bei schwierigen Entscheidungen helfen sollen. In ihrer Unsicherheit setzt Sophie ihre ganze Hoffnung in die Kugel. Die Kugel erlangt damit eine große Bedeutung für Sophie, die weit über ein Lieblingsspielzeug hinausgeht. In der Darstellung der Geburtstagsfeier werden viele neue Figuren eingeführt. So sind neben den Geschwistern auch Freunde eingeladen. Am Abend kommen die Prinzen zu Besuch und ein großes Fest wird gefeiert. Die goldene Kugel fällt zwar auch beim Spielen ins Wasser, allerdings ist die Prinzessin im Film nicht allein. Erfolglos versuchen die Freundinnen die Kugel heraufzuholen. Zudem fällt die Kugel in einen Teich und nicht wie im Original in einen Brunnen.
Weiterhin wird im Film auf die fehlende Mutter eingegangen. Im Märchen wird darüber nichts berichtet. In der Verfilmung erzählt eine der Freundinnen den anderen ihre geheimnisvolle Geschichte.
Eine weitere Geschichte, die im Märchentext keine Erwähnung findet, ist die des eisernen Heinrichs. Mit Hilfe der Parallelmontage wird Stück für Stück gezeigt, wie sich Heinrich die eisernen Bänder schmiedet und anlegt, wie er sich auf die Suche nach seinem Herrn in den Zauberwald begibt und zum Schluss am Schloss von Prinzessin Sophie landet.
Weitere inhaltliche Ergänzungen sind in den Szenen mit dem Frosch zu finden. Immer wieder wird die originale Geschichte durch zusätzliche Handlungsstränge gedehnt. So holt beispielsweise der Frosch die Kugel nicht sofort aus dem Wasser, sondern verweist auf 10.00 Uhr. Die Zeitspanne überbrückt der Film mit einer näheren Betrachtung der Gäste und der Darstellung der Festlichkeiten auf dem Schloss. Kurz bevor der Frosch an die Tür klopft, macht Prinz Friedrich Sophie einen Heiratsantrag, indem er einen Ring in ihrer Suppe versteckt. Weiterhin isst der Frosch nicht nur am Tisch mit, sondern amüsiert die Gäste, was in seiner gesanglichen Darbietung am Ende des Abends seinen Höhepunkt findet.
Mit der Erlösung des Froschkönigs ist der Film aber noch nicht zu Ende. Durch die Rebellion gegen den Vater verwandelt sich Sophie in eine selbstbewusste erwachsene Frau, die von nun an ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Sie löst das Eheversprechen und überlässt das Wohl des Königreichs ihrem Vater. Sie geht ihren eigenen Weg und verlässt ihn zugunsten des Mannes, den sie wirklich liebt.
Ein alter Klassiker modern erzählt
Die Verfilmung des Märchens hat einen modernen Look. Besonders die Sprache der Protagonisten sticht dabei hervor. Sie ist der Sprache der aktuellen Zeit nachempfunden. Vor allem Prinz Friedrich wird über seine verkürzte Sprechweise charakterisiert. Er ist wie viele Menschen heutzutage sehr beschäftigt und muss seine Sätze daher angeblich auf wenige Buchstaben kürzen. Statt Prinzessin Sophie sagt er z. B. nur P. S. und P. A. bedeutet „Positive Antwort“.
Auch der computeranimierte Frosch, der nachträglich am Computer integriert wurde, entspricht den Sehgewohnheiten der heutigen Kinder. Obwohl er in seinen Dialogen eher traditionell der Grimmschen Vorlage verhaftet ist, wird auch er z. B. durch das „Peace“-Zeichen in die Moderne gerückt.
Der Film ist eine leicht abgewandelte, modernisierte Variante des Grimmschen Märchens. In den alten Kostümen stecken junge Frauen mit gegenwärtiger Einstellung, die auf dem schweren Weg zur Selbstfindung ihre Erfahrungen machen. So ist eine Freundin eine Wissenschaftlerin und eine andere gerade geschieden und in den Koch verliebt.
Trotz zahlreicher Veränderungen wurde an ganz zentralen Merkmalen des Märchens festgehalten.
Die Dreizahl:
Wie auch im Märchen, legt sich Heinrich drei eiserne Bänder um die Brust, die seine Trauer um den Verlust des Herrn symbolisieren.
Auch der Film konzentriert sich vorwiegend auf drei wichtige Schauplätze: Teich, Schloss, und Kutsche.
Die Reise der Heldin:
Zwar begibt sich die Prinzessin während der Geschichte nicht auf eine Reise, trotzdem kann man ihre Entwicklung als eine innere Reise betrachten. Ist sie zu Beginn noch sehr kindlich und verspielt, entwickelt sie sich später zu einer jungen, emanzipierten Frau, die weiß was sie will und die ihre Träume selbst verwirklicht.
Raum und Zeit:
Er werden auch im Film keine genauen Orts- und Zeitangaben gemacht. Der Zuschauer sieht zwar das Schloss und seine Umgebung, kann es aber keinem bestimmten Ort und keiner bestimmten Zeit zuordnen.