
Durchblick 8+ – Das große Rennen – André F. Nebe –D, IRL 2009 – 84 min.


Der deutsche Verleihtitel des Films „Das große Rennen“ verweist nicht nur auf ein spektakuläres Seifenkistenrennen als dramaturgischem Höhepunkt gegen Ende hin, er steht im übertragenen Sinn auch für den Lebensweg eines Menschen insgesamt, einen Weg, der von Höhen und Tiefen, Ängsten und Hoffnungen, Verlust und Gewinn geprägt ist und der der Frage nachgeht, inwieweit man sich in dieser Welt selbst behaupten und möglichst auch selbst verwirklichen kann.
Im Mittelpunkt des Films steht die elfjährige Mary aus einer konservativen, ländlich geprägten Gegend in Nordirland, die von heftigen sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen gekennzeichnet ist. Eine Antwort auf diese Umbrüche bleiben die Erwachsenen schuldig und selbst der Pfarrer des Ortes begegnet dieser Bedrohung seiner Gemeinde nur mit pauschalen Schlagwörtern über die Sittenverderbtheit der modernen Gesellschaft, in der sich auch die alten Rollenbilder in Auflösung befinden. In einer solchen Atmosphäre wächst Mary auf und muss sich in der Schule zusätzlich gegen die Anfeindungen ihrer Mitschüler zur Wehr setzen, die nicht wie sie selbst vom Land, sondern aus der Stadt kommen. Hinzu kommt, dass Mary – für Mädchen ihres Alters ohnehin eher untypisch – für Technik und schnelle Autorennen schwärmt und Ingenieurin werden möchte, um selbst Rennautos zu konstruieren. Als ein Seifenkistenrennen, bei dem ein hohes Preisgeld und eine Trophäe für den Sieger winken, in der Gegend stattfindet, wittert Mary die große Chance, den anderen endlich zu zeigen, was wirklich in ihr steckt. Sie hat dabei nicht nur gegen gängige Vorurteile anzukämpfen, die Mädchen bei einem solchen Rennen allenfalls noch einen Unterhaltungsfaktor einräumen, sondern sie muss auch gegen Widerstände in der eigenen Familie ankämpfen. Die Ehe der Eltern ist durch einen jahrelang erlittenen harten Alltag bereits zerrüttet, die Mutter möchte die Familie am liebsten verlassen, der Vater flüchtet sich verbissen in seine Arbeit und wird zum Einzelkämpfer. Und obwohl er als Junge selbst begeistert Seifenkisten konstruiert hat und gefahren ist, legt er den Ambitionen seiner Tochter zuerst Steine in den Weg, bis er sie am Ende dann doch noch nach Kräften unterstützt. Marys beharrliche Suche nach ihrem eigenen Weg und ihr unablässiger Kampf um die Teilnahme und den noch in weiter Ferne liegenden Sieg bei diesem Seifenkistenrennen korrespondieren mit der eher verzweifelten Suche der Mutter nach einem Ausweg aus ihrer festgefahrenen Ehe, in der sich die einst gehegten Träume und Wünsche nicht realisieren ließen. Mit ihren offen zur Sprache gebrachten Sehnsüchten findet sie Verständnis bei Mary, auch wenn sie wie wohl jedes Kind lieber hätte, wenn sich die Eltern nicht dauernd streiten und zusammenbleiben würden. So beeinflussen sich Mutter und Tochter gegenseitig in insgesamt positiver und keineswegs nur belastender Weise bei ihren Versuchen nach Selbstverwirklichung, während der als Bauer in der dritten Generation eigentlich ganz in seinem Element lebende Vater eine gegenläufige Entwicklung durchläuft und lernt, dass nicht nur seine eigenen Vorstellungen zählen, sondern auch die der anderen und insbesondere das Wohl seiner Tochter.
Auf ihrem Weg hin zur Selbstverwirklichung muss Mary manche Niederlage einstecken und auch Rückschläge verkraften wie die vollkommen unerwartete Trennung von ihrem einzigen Freund Tom, nachdem dessen Eltern ihren überschuldeten Hof verkauft haben. Trotz ihrer Willensstärke und ihrer inneren Kraft wird Mary nicht als Superheldin eingeführt, die mühelos alle Schwierigkeiten meistert und den Jungen haushoch überlegen wäre. Als Bauerntochter hat sie sogar Ängste, die man von ihr nicht erwarten würde. Der Gang in den Hühnerstall, der ihr von der Mutter aufgetragen wird, um die Eier zu holen und die Tiere zu füttern, wird für sie täglich aufs Neue zur großen Herausforderung, die sie viel Überwindung kostet.
In der städtischen Schule wiederum genießen Mary und ihr Freund Tom als „Landeier“ wenig Ansehen, haben aber gelernt, sich den Anfeindungen ihrer Klassenkameraden mit stoischer Gelassenheit und eigens abgeschlossenen Wetten darüber zu stellen, wer an diesem Tag wohl mehr an Gemeinheiten abbekommt. Erschwerend für Mary kommt hinzu, dass sie weiß, was sie will, daher im Unterricht gut aufpasst und bei den anderen als Streberin gilt. Die außergewöhnliche Freundschaft zu Tom, der ebenfalls begeistert Seifenkisten fährt und es als Junge verkraftet, dass Mary manchmal sogar besser als er selbst fährt, sowie ihre gemeinsame Strategie, sich der Mobbing-Attacken ihrer Mitschüler zu erwehren, bilden zwei wichtige thematische Nebenstränge des Films.
Mary hat es Tom zu verdanken, dass sie frühzeitig von dem Wettrennen erfährt. Und obwohl Mary ihre Chance wittert, sich durch einen potenziellen Sieg beim Rennen gegenüber dem Oberfiesling Roy endlich behaupten zu können und die Achtung ihrer Klassenkameraden zu gewinnen, ist es Tom, der sie zur Teilnahme ermuntert und anschließend gemeinsam mit ihr übt. Mit Marys waghalsiger Abfahrt unter dem Bauch der Kuh hindurch und mehr noch durch ihre beiden Unfälle verdeutlicht der Film, dass dieser Sport neben Geschicklichkeit auch Mut erfordert und nicht vollkommen ungefährlich ist. Ihren Mut, ihre Suche nach individuellen Problemlösungen und ihren Ehrgeiz stellt Mary darüber hinaus wiederholt unter Beweis, indem sie es als einzige schafft, von ihrem Idol John Derek ein Autogramm zu bekommen, indem sie sich nicht artig in der Reihe anstellt, sondern direkt auf ihn zugeht. Sie gibt auch nicht auf, nachdem ihr Vater ihre alte Seifenkiste zerstört hat und sie zu retten versucht, was noch zu retten ist. Diese Beharrlichkeit selbst bei größten Widerständen überzeugt schließlich auch den Vater, wie ernst es seine Tochter mit der Verwirklichung ihrer selbst gesteckten Ziele meint.
Mit ihrem Beispiel kann Mary auch jungen Zuschauern Mut machen, trotz vieler Hindernisse und Enttäuschungen nicht aufzugeben, um den eigenen Zielen und Wünschen ein Stück näher zu kommen. Nicht nur aus dramaturgischen Gründen, also um die Spannung der Geschichte zu steigern, ist der Abschied der Mutter von ihrem alten Leben und der Familie ein sinnvolles Regulativ für Marys großartigen Sieg im Wettrennen und trägt zur Glaubwürdigkeit der Geschichte bei. Denn in jedem Sieg steckt auch eine Niederlage und manchmal auch ein Opfer, das zu akzeptieren man auf dem Weg zur Selbstverwirklichung bereit sein muss.