
Durchblick 10+ – Hoppet – Petter Næss – S, N, D 2007 – 82 min.
Ali war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 13 Jahre und besuchte auf der Kvickentorp-Schule in Farsta, einem Vorort von Stockholm, die 7. Klasse mit Schwerpunkt Fußball. Er will zwar nicht unbedingt Fußballprofi werden, aber ihm macht das Training Spaß und auch seine Freunde sind dort. Durch einen Lehrer wurde Ali darauf aufmerksam, dass eine Produktionsfirma einen Jungen mit kurdischem Hintergrund für einen Film sucht. Seine Chance hat er genutzt. Hoppet ist Alis erster und vielleicht auch nicht sein letzter Film. Alis Vorbild ist der Schauspieler Peter Stormare.
Peter Stormare ist einer der wenigen schwedischen Schauspieler, die sowohl in Schweden als auch in den USA erfolgreich sind. Er wurde von Ingmar Bergman entdeckt, bei dem er kurz nach Beendigung der Schauspielschule eine kleine Rolle in dem mit einem Oscar prämierten Klassiker Fanny und Alexander bekam. Die folgenden 12 Jahre spielte er am renommiertesten Theater Schwedens, dem Königlichen Dramaturgen-Theater in Stockholm, in mehreren Inszenierungen Bergmans. Mit dem Ortswechsel nach Los Angeles begann Stormares Karriere in den USA. Zu den über 50 Spielfilmen, in denen er mitgewirkt hat, zählen u. a. Lars von Triers, mit einer Goldenen Palme ausgezeichneter Film Dancer in the Dark, Chocolat von Lasse Hallstrøm sowie Blockbuster wie Armageddon und Jurassic Park. Der in Cannes ausgezeichnete Film Fargo der Coen-Brüder machte viele auf den groß gewachsenen, schwedischen Schauspieler aufmerksam. Für seine Rolle in Fargo wurde er für einen MTV Movie-Award nominiert. Der Film stand darüber hinaus auch Pate bei der Namensgebung seiner Band „Blonde From Fargo“. Die Idee, eine eigene Band zu gründen, kam Peter Stormare, als er zusammen mit Bono von U2 den Film The Million Dollar Hotel einspielte. Peter Stormares Vorbild ist John Lennon.
Richard hat schon immer Musik und Theater gemocht. Zur Zeit der Dreharbeiten besuchte er die 7. Klasse der musischen Schule Kulturama mit Schwerpunkt Gesang, Tanz und Theater. In der Schule spielt er Klavier und Gitarre. Seit zwei Jahren ist er beim Kinderprogramm REA auf SVT (Schwedisches Staatliches Fernsehen) dabei. In seiner Freizeit zeichnet er Mangas und trainiert Kung Fu. Auch Richard bewundert wie Ali den Schauspieler Peter Stormare.
Die schwedische Kinderbuchautorin Moni Nilsson (geb. 1955 in Stockholm) wurde in Deutschland vor allem durch ihre „Tsatsiki“-Romane bekannt. Die beiden Kinderbücher wurden 1999 unter dem Titel Tsatsiki – Tintenfische und erste Küsse und 2001 unter Tsatsiki – Freunde für immer verfilmt. 2002 gründete sie mit Lotta Nilsson und Anders Bergh, den Produzenten von Hoppet, die Produktionsfirma Zingofilm. Sie sitzen und wirken in Stockholms Kreativbranchenzentrum Subtopia in Alby.
Der norwegische Regisseur wurde am 14. März 1960 in Oslo geboren. Er arbeitete zunächst als Schauspieler, Bühnenautor und Theaterregisseur für mehr als 30 Produktionen. 1999 entstand sein erster Spielfilm Absolute Hangover, dessen beide Hauptdarsteller ausgezeichnet wurden. International bekannt wurde er 2001 durch seinen zweiten Spielfilm Elling, der nach einem Roman und Theaterstück entstand, das er bereits 1997 am Neuen Osloer Theater inszeniert hatte. Dieser Film wurde zu einem der größten Kinohits der vergangenen 25 Jahre in Norwegen und war in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ auch für den Oscar nominiert. Petter Næss unterzeichnete daraufhin einen Vertrag mit der US-Firma Twentieth Century Fox für drei Auftragsarbeiten, darunter als ersten Film Mozart und der Wal (2005). Noch vor diesem Film drehte er 2003 in seinem Heimatland den Jugendfilm Nur noch Bea, der 2004 im Wettbewerbsprogramm 14plus der Internationalen Berliner Filmfestspiele lief. 2005 entstand in Norwegen unter seiner Regie die inzwischen dritte „Elling“-Verfilmung Love Me Tomorrow. Sein Film Hoppet (2007), der mit deutscher und schwedischer Produktionsbeteiligung entstand, gewann bereits zahlreiche Preise auf internationalen Filmfestivals. Sein bislang neuestes Werk ist Gone with the Woman (2007), der 2008 für Norwegen ins Rennen um den Oscar ging.
Was hat Sie an der Thematik des Films interessiert?
Der Film beruht teilweise auf wirklichen Ereignissen. Ähnliche Geschichten ereignen sich ständig auf der Welt, sie sind wichtig und eine davon wollte ich erzählen. Die Idee dazu kam allerdings nicht von mir: Die schwedische Drehbuchautorin Moni Nilsson-Brännström hatte meinen Film Elling gesehen und wollte, dass ich bei Hoppet die Regie übernehme.
Warum spielt der Film überwiegend in Schweden und nicht in Ihrem Heimatland Norwegen?
Das lag an der schwedischen Drehbuchautorin. Es ist ein schwedischer Film und auch alle Darsteller sind aus Schweden, selbst die kurdischen Darsteller. Wir drehten den Film auch in Schweden, wo viele kurdische Flüchtlinge leben, weit mehr als in Norwegen. Die Idee kam aus Schweden, die Geschichte spielt dort, so war es klar, sie auch dort zu belassen.
Hat sich in den letzten Jahren in Schweden die Einstellung der Bevölkerung zu Migranten verändert?
Meinem Eindruck nach findet eine Entwicklung auf zwei Ebenen statt. Insgesamt stehen die Schweden den Immigranten positiv gegenüber, aber durch die hohe Zahl von Flüchtlingen haben sich natürlich auch einige Vorurteile ihnen gegenüber verstärkt, das ist in Norwegen ähnlich. Probleme entstehen durch die verschiedenen Kulturen, Sprachen, Traditionen oder auch Religionen. Andererseits passen sich viele dieser Menschen aus dem Ausland gut an und wir profitieren auch von ihnen. Häufig lernen die Eltern die Sprache des Gastlandes jedoch nicht genügend, die Kinder tun das in der Schule und übernehmen langsam die westlichen Verhaltensweisen, während die Eltern den Traditionen ihres Herkunftslandes verhaftet bleiben. Auf diese Weise entstehen Ghettos, die von den Einheimischen selten betreten werden. Dennoch halte ich die Immigration für sehr wichtig bei der Überwindung von Vorurteilen. Wir tendieren dazu, Unterschiede etwa in der Hautfarbe, in der Religion oder in den Traditionen hervorzuheben, und vergessen dabei, dass unsere Nachbarn auch alle verschieden sind und manchmal sogar unangenehm auffallen.
Warum begeistert sich Ihr Protagonist Azad ausgerechnet für den Hochsprung?
Ursprünglich war es nicht der Hochsprung, sondern der Fußball. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie es zur Idee für den Hochsprung kam. Es ist jedenfalls eine seltene Sportart, die sich dieser Junge aus Kurdistan ausgesucht und noch dazu eine Frau zum Vorbild genommen hat. Er möchte so fliegen können wie diese Frau und verfolgt sein Ziel, ohne auf die Meinung der anderen zu hören. Das gewinnt eine symbolische Dimension, die der „normale“ Fußball nicht haben kann. Auch Kajsa Bergqvist fand die Idee gut. Sie war sehr offen bei den Dreharbeiten, auch wenn es für sie nicht einfach war, sich im Film selbst spielen zu müssen.
Warum wurde die reale Kurden-Problematik zugunsten von Azads Perspektive ausgeblendet?
Ganz einfach, weil es ein Kinderfilm ist. Er handelt nicht von den politischen Ereignissen, sondern über Konflikte, die von den Erwachsenen verursacht wurden und Kindern das Leben zur Hölle machen. Ich wollte nicht Partei für eine Seite ergreifen, weiß aber, dass das kurdische Volk viel Leid ertragen musste und es im Irak und der Osttürkei erst kürzlich wieder zu Aufständen kam. Mich hat vor allem interessiert, wie sich solche Konflikte auf das Leben von Kindern und anderen unschuldigen Menschen auswirken.
Lässt sich Hoppet als modernes Märchen bezeichnen?
Nicht ganz, denn was ich erzähle, kann wirklich passieren. Der Mensch hat die besondere Fähigkeit, selbst in hoffnungslos scheinenden Situationen noch Lösungswege zu finden. Das geschieht wirklich, nicht nur im Märchen. Bei Kindern vermischen sich allerdings häufig Märchen und Realität. Der von Peter Stormare gespielte Hot-Dog-Verkäufer beispielsweise ist eine solche Mischung aus Realität und Fiktion, die durch die Einbildungskraft der Kinder entsteht. Manchmal endet das gut, manchmal aber auch nicht. Ich finde es wichtig, Kindern Geschichten zu erzählen, die ihnen Hoffnung machen, selbst in ausweglos erscheinenden Situationen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie nicht wahr sind.
Ist Hoppet ein schwieriges Thema für Kinder?
Das glaube ich nicht. Jeder Mensch hat im Leben mindestens einmal das Gefühl, vollkommen alleine und verlassen zu sein, das habe ich selbst schon mehrfach erlebt. So etwas passiert Kindern beispielsweise, wenn sie mit den Eltern einkaufen gehen, sie plötzlich aus den Augen verlieren und nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Solche Angstmomente und Verlassenheitsgefühle hat also jeder. Ich konnte bei Filmvorführungen immer wieder beobachten, dass sich Kinder davon persönlich berührt fühlen. Es geht um einen Helden, der sich gegen die anderen behaupten muss. Der Konflikt ist klar, Azad fühlt sich isoliert und versucht, seine Eltern zu finden. Damit kann sich jedes Kind identifizieren. Und Azad kämpft wirklich schwer um das, woran er glaubt. Er setzt seine Fähigkeiten im Hochsprung ein, um einen Ausweg aus seiner Lage zu finden.
Waren die Dreharbeiten mit Kindern schwieriger als mit Erwachsenen?
Nein! Die Probleme und Kämpfe, aber auch die positiven Dinge sind im Prinzip gleich. Ich bin immer wieder überrascht, was die erwachsenen Darsteller mitunter für seltsame Fragen stellen. Bei Kindern funktioniert die Intuition noch viel besser, sie haben ein gutes Gespür, sind offen und wagemutig. Die älteren schützen sich mehr und trauen sich zu wenig zu. Kinder stellen also andere Fragen und haben andere Bedürfnisse als die Erwachsenen, aber sonst gibt es keine Unterschiede bei der gemeinsamen Arbeit.
Was bedeutet „Hoffnung“ für Sie?
In meinem Leben habe ich schon viele Höhen und Tiefen erlebt und es gab Situationen, in denen ich mich so weit unten fühlte, dass außer der Hoffnung nichts blieb. Ich finde es sehr traurig, wenn jemand die Hoffnung aufgibt. Immerhin leben wir in einem reichen Land mit einem guten Gesundheits- und Sozialsystem und wir haben alle geheizte Wohnungen. Selbst bei psychischen Problemen gibt es einen Ausweg. Nach meinem Film Elling erhielt ich zahlreiche Briefe von Menschen, die in solchen Einrichtungen leben und psychische Probleme haben. Sie bedankten sich für den Film und dafür, dass er ihnen Mut machte, ihnen den Willen und die Kraft zum Weitermachen gab. Es gibt zwei Wege, das Publikum zu beeinflussen: Man kann Filme drehen, die zeigen, es gibt Hoffnung und vielleicht sogar eine Lösung wie bei Hoppet. Es gibt aber auch Filme, die zeigen, wie schlecht die Welt ist, und uns auffordern, daran etwas zu ändern. Beide Arten von Filmen sind gleich wichtig. Manche Menschen glauben, Tragödien und Dramen seien wichtiger, aber ich halte es mehr mit dem Humor und der Hoffnung.
Können Sie etwas zum visuellen Konzept des Films erzählen?
Eigentlich wollten wir die ganze Geschichte aus der Distanz erzählen, aus der Totale und mit Hilfe von Zoomaufnahmen, um damit zu vermitteln, wie sehr sich diese Menschen als Fremde fühlen. Aber das funktionierte gerade bei Kindern nicht, vor allem, weil sie nicht immer voll konzentriert sind und punktgenau ihren Einsatz finden. Statt sie also nur zu beobachten, näherten wir uns ihnen mit der Kamera immer mehr, gaben ihnen jedoch das Gefühl, sich frei vor der Kamera bewegen zu können. Unabhängig davon bestand die visuelle Grundidee darin, die sonnige Heimat voller warmer Farbtöne mit der schwedischen Fremde zu kontrastieren, in der kalte Blautöne vorherrschen.
Mit welchen Worten würden Sie Kindern Ihren Film empfehlen?
Ich würde sagen, es ist eine spannende Geschichte über zwei Kinder, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, weil das Leben dort sehr gefährlich ist. Der Film folgt ihnen und zeigt, wie sie mit dem Leben in der Fremde zurechtkommen.
Interview: Holger Twele
Hinweis: Das Interview wurde in der Kinder- und Jugendfilm Korrespondenz 113-1/2008 abgedruckt, ein Auszug findet sich auch in: Kinofenster.de