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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 12+ – Knowledge is the Beginning – P. Smaczny – D 2006 – 115 min.

1.3 Beschreibung der Filmkapitel mit Bildern

Von Ina Hochreuther

Kapitel 1: Ramallah und Sevilla im Jahr 2004
Länge: ca. 7 Min.

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Jugendliche suchen im Gebüsch einen Fußball, den sie offensichtlich hineingekickt haben. Dann sehen wir die Straßen von Ramallah mit Märkten und Autoschlangen im Mai 2004. Mustafa Barghouthi von der Palästinensischen Nationalinitiative sagt im Auto zu Daniel Barenboim: „Es gibt hier 763 Straßensperren. Man braucht Stunden für einen Weg, der eigentlich 45 Minuten dauert.“ Barenboim gibt sofort zu, dass sich die Israelis keine Vorstellung davon machen, wie das Leben hier sei. Er denkt allerdings, dass auf beiden Seiten Ignoranz herrsche. „Das ist schlimm“, antwortet Barghouthi, „denn Wissen ist der Anfang.“ Nach einem Schnitt auf die kickenden Jugendlichen, mit klassischer Musik im Hintergrund, sehen wir dann junge Menschen bei einer Orchesterprobe in Sevilla. Es ist Juli 2004.

Edward Said im Gespräch mit Daniel Barenboim erklärt, wie ihn bei der ersten Begegnung mit dem Orchester überrascht habe, dass die Jugendlichen mit ihrem völlig unterschiedlichem Lebenshintergrund - Moslems, Christen, aus Syrien, Jordanien und sonst woher - so konzentriert zusammenspielen, dass ihre Geschichte und Herkunft komplett von ihnen abzufallen scheint. Bassam aus Syrien bestätigt das und sieht die Chance, dass sie hier gemeinsam auch Themen ansprechen könnten, in denen sie unterschiedlicher Meinung seien.

Barenboim erläutert den Ursprung: Als Weimar 1999 Kulturhauptstadt wurde, kam die Idee auf, Israelis, Palästinensern und andere Arabern einen Workshop anzubieten. „Es war ein totales Experiment“, erinnert sich Barenboim, „es gab keine Beziehungen zwischen Syrien und Israel, auch nicht zwischen Israel und dem Libanon und zwischen Ägypten und Israel war eine Art ‚kalter’ Frieden.“

Kapitel 2: Wie alles 1999 in Weimar begann
Länge: ca. 8 Min.

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Die Kulturhauptstadt Weimar im August 1999 – Orchesterprobe. Der Cellist Yo-Yo Ma hätte gedacht, ein solcher Prozess dauere mindestens zehn Jahre, und war verblüfft und begeistert, wie schnell hier ein meisterhaft spielendes Team zusammenfand. Claude aus dem Libanon und Ilya aus Israel berichten über ihre Erfahrungen. Claude will ausschließlich über die Musik sprechen und geht weg, als Ilya von Politik zu reden beginnt. Viele der jungen Leute sind stolz und dankbar, dass Barenboim sie wie ein Profiorchester behandelt und hartnäckig mit ihnen probt.

Shai aus Israel geht es ebenso, aber er freut sich auch über die Möglichkeit, Menschen aus Ländern kennenzulernen, zu denen er keinen Zugang hat, statt nur aus den Medien – womöglich manipuliert – Informationen zu erhalten. „Der Austausch zwischen den Menschen und nicht nur der zwischen den Regierungen ist eine Voraussetzung für Frieden“ sagt Shai.

Die jungen Musiker proben nicht nur gemeinsam, sie spielen auch Basketball, Tischtennis, sitzen zusammen und plaudern in der Freizeit. Aber auch „institutionell“ gibt es Versammlungen und Diskussionen mit Edward Said. Wie etwa geht man mit verschiedenen Identitäten in einem Staat wie Israel um, in dem nicht nur Juden leben, sondern auch Staatsbürger anderer Konfessionen.

Zum Programm gehört auch ein Besuch der Gedenkstätte „KZ Buchenwald“ in der Nähe von Weimar. Shai erklärt, dass für viele der Israelis es gefühlsmäßig schwieriger war, überhaupt nach Deutschland, von dessen Vergangenheit sie alle geprägt seien, zu reisen, als hier auf Araber aus anderen Ländern zu treffen.

Barenboim erzählt Said, dass ein arabischer Junge ihn vor dem Krematorium zitternd am Arm gepackt und gesagt habe, dass sie alle, wenn sie damals hier gelebt hätten, so schrecklich geendet hätten: „In anderen Worten: Er musste erst dieses schreckliche Krematorium sehen, um zu erkennen, wie nahe sich Juden und Araber als semitische Völker sind!“

Karim aus Jordanien ist gerade mal zehn Jahre alt, als Barenboim ihm Klavier-Einzelunterricht in Weimar gibt. Fünf Jahre später erinnert er sich, dass Juden in seiner Wahrnehmung damals nur mit Brutalität und Massakern zu tun hatten. Und dann traf er auf welche, die seine musikalischen Interessen teilen. Das veränderte seine Einstellung dazu, was ein menschliches Wesen ausmacht.

Edward Said erklärt den Teilnehmern, dass seine Bewunderung für Daniel auch darauf beruhen würde, dass dieser das Leid anderer verstehen und nachempfinden könne. Er sagt, etwas gegen das Leid zu unternehmen, sei zum einen, anzuerkennen, dass es verursacht wurde, zum anderen „durch unsere Fähigkeit als Bürger, als Musiker, als denkenden Menschen dafür zu sorgen, dass es gelindert wird!“

Barenboim geht es darum, die Vorurteile auf beiden Seiten auszuräumen, wie er im Gespräch mit Said betont. Kein Israeli könne sich einen Ägypter vorstellen, der mit seiner Oboe Beethovens 7. Sinfonie spielt – und hier bewundern sie ihren ägyptischen Kollegen und wollen, dass er gut spielt, weil er Teil ihrer Gruppe sei. „Was auch immer passiert, sie werden anders denken als zuvor“, stimmt Said ihm zu und: „In diesem Sinne ist Musik subversiv.“

Abschiedsfotos und Abschiedsfest in Weimar. Ein arabisches Mädchen tanzt auf dem Tisch. Claude – sichtlich begeistert, sagt, er habe gehört, der Workshop werde um die ganze Welt ziehen.

Kapitel 3: Wir können nur den Hass verringern
Länge: ca. 7 Min.

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Ramallah im Mai 2002. Barenboim besucht die Familie von Mustafa Barghouthi und trifft sich gemeinsam mit ihm und anderen Leuten. Er sagt, er sei kein politischer, sondern ein neugieriger Mensch, dem die Region hier wichtig sei: „Ich bin gekommen, um Ihnen die Hand zu reichen und etwas Musik zu spielen, denn das ist es, was ich tun kann. Andererseits wollte ich versuchen, mir selbst ein Bild zu machen.“ Barghouthi führt ihn herum, berichtet ihm von den schweren Schäden im historischen Kern von Nablus, einer tausend Jahre alten Stadt.

Barenboim sagt nach einem Szenenwechsel in die Kamera, er habe nicht erwartet, in Palästina so herzlich empfangen zu werden und dort einen solchen Durst nach Musik zu spüren. Er gibt ein Klavierkonzert in der „Friends School“ in Ramallah. Barghouthi dankt ihm in einer Rede. Barenboim zitiert ein kleines Mädchen, das sich über sein Kommen freute: „Sie sind das erste Ding, das ich aus Israel sehe, das kein Panzer oder Soldat ist.“ Barenboim, von Schülern umringt, wird gleichzeitig von Journalisten befragt, warum es für ihn wichtig sei, hier zu sein und Leute zu treffen. Er antwortet: „Ich bin kein Politiker. Was ich tun kann, ist ihnen Musik zu bringen, ihnen zu zuhören. Und dadurch vielleicht wenigstens für eine kurze Zeit den Grad an Hass zu verringern. Mir ist das wichtig. Ich hoffe, ihnen auch.“

Auf einer Pressekonferenz im Mai 2004 in Tel Aviv wird er gefragt, ob er glaube, dass eine Musikerziehung ein Kind verändere, das mit dem Wunsch aufwächst, Märtyrer zu werden. Er antwortet: „Ich denke nicht. Ich würde gerne hoffen, dass es so wäre. Aber ich kann ihnen etwas geben, das ihrem Leben Inhalt gibt, das sie nicht mehr missen wollen. Ein Leben ohne Musik ist ein ärmeres Leben. Man kann nicht davon ausgehen, dass es sie abhält. Aber schon zeitlich gesehen, wenn Kinder drei, vier Mal die Woche Geigenunterricht nehmen, können sie in der Zeit keinen radikalen Gedanken nachhängen.“ Auch im Konzert sei das so, wenn bei 400 Menschen für zwei Stunden der Grad an Hass auf Null gesenkt sei, selbst wenn danach wieder etwas passiere. Es sei ihm bewusst, dass das wenig sei, aber alles, was er tun könne.

Kapitel 4: Musik machen und über Politik sprechen
Länge: ca. 9 Min.

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Konzertproben in Sevilla im Juli 2002. Der junge Palästinenser Saalem spricht von Hoffnung, dass der Schmerz den Menschen irgendwann zuviel werde. Wir treffen Karim wieder, dem Barenboim am Klavier etwas erklärt. Auch Shai ist wieder dabei und erklärt: „Hier sind Leute aus dem Westen und aus dem Osten. Und sie spielen eine universelle Musik. Und wo tun wir das? In Südspanien. Das ist historisch der einzige Ort, an dem ein Zusammenleben jemals funktioniert hat. Das 10. und 11. Jahrhundert hier waren so etwas, wie das, wonach wir alle suchen.“ Der deutsche Tutor, Matthias Glander, bestätigt dieses frühere friedliche Zusammenleben der Kulturen und hofft, es wieder aufleben lassen zu können. Während er über die Toleranz damaliger Philosophen doziert, sehen wir die jungen Mitglieder des Orchesters bei einer Führung durch die Stadt. Barenboim ergänzt: „Die Spanier sind viel freier im Umgang mit Juden und Arabern, weil sie spüren, dass das auch ihre eigene Kultur ist.“ Er erklärt, dass sie 1999 mehr Hoffnung gehabt hätten als heute. Denn inzwischen gäbe es eine neue Intifada, was es den Musikern schwieriger mache, zu reisen und sie auch traurig stimme. Die Israelis wegen der vielen Selbstmordattentate, die Araber wegen der Bomben auf ihre Häuser.

Barenboim betont gegenüber den Jugendlichen die Wichtigkeit des Dialogs, was ja nicht bedeuten würde, dass man zwingend die gleiche Meinung haben müsse. Er bedeute, die Chance zu besitzen, den eigenen Standpunkt auszudrücken. „Ich mag das Wort Toleranz nicht besonders. Es hat für mich den Beigeschmack, dass man jemand anderen akzeptiert, obwohl er weniger gut, intelligent oder schön ist.“ Shai und Saleem erklären, dass niemand zu etwas gezwungen würde, es aber natürlich sei, über Politik zu reden, weil man neugierig sei, was die anderen denken. Maria aus Syrien sagt: „Wir sind hier, weil es all diese Probleme gibt und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Wir leben hier ja nicht wochenlang fern jeder Realität.“ Barenboim wünscht sich, dass sie eines Tages in den Ländern spielen, die hier durch die Musiker repräsentiert sind. Das Publikum in Jerusalem, Kairo, Ramallah oder Damaskus werde dann merken, dass es positive Leidenschaften gäbe, die Israelis und Araber teilen können.

Kapitel 5: Würdigung des verstorbenen Freundes Edward Said
Länge: ca. 6 Min.

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Aufnahmen vom Auftritt des Orchesters in der Berliner Staatsoper im August 2002. Dann nehmen Daniel Barenboim und Edward Said im Oktober desselben Jahres den „Prinz-von-Asturien-Preis“ der Sparte „Völkerverständigung“ in Oviedo/Spanien entgegen. Laut Barenboim war das besonders für Said bewegend, der die Verbindung zwischen Andalusien und dem nahen Osten sah und Sevilla als eigentlichen Ort ihres Projekts favorisierte. Auf den Bildern hier ist er schon schwer von seiner Krankheit gezeichnet. In seiner Rede geht er auf ihre gemeinsamen Intentionen ein: „Es mag seltsam klingen, aber Kultur im Allgemeinen und Musik im Besonderen bieten ein alternatives Modell für den Konflikt von Identitäten. Mein Freund Daniel Barenboim und ich wählten diesen Weg mehr aus humanistischen als aus politischen Gründen. Denn wir sind der Meinung, dass Ignoranz keine Strategie ist, um auf Dauer zu überleben. ... Wer weiß, was wir erreichen werden und wessen Denkweise wir verändern werden.“ Barenboim würdigt seinen 2003 verstorbenen Freund im Film: „Alle Araber sahen in Edward etwas, was sie gemeinsam vielleicht eines Tages werden könnten. ... Edward hatte diese einzigartige Gabe moralischer Autorität.“ Im Wechsel mit Konzertmitschnitten von einem Auftritt in Genf 2004 erzählt Barenboim, wie schlimm dessen Tod für ihn war, persönlich und als „andere Hälfte“ ihres Projekts.

Kapitel 6: Erster Auftritt in einem arabischen Land
Länge: ca. 5 Min.

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Rabat, Marokko im August 2003. Straßenaufnahmen. Salem erzählt, dass sie ein paar Wochen vor Saids Tod zum ersten Mal ein Konzert in einem arabischen Land gaben, was vor allem für einige Israelis, die keine Erfahrung mit arabischer Kultur und Architektur hatten, eine positive Überraschung war: Ein modernes Gebäude steht als Spielort zur Verfügung. Die Kamera zeigt dabei immer wieder die Musiker, die wir durch ihre Statements kennen. Mohammed aus Ägypten sagt, er möchte in allen Ländern des Nahen Ostens auftreten und hofft, sie bekommen die Chance, den Leuten zu zeigen, dass sie mehr zustande kriegen als die Regierungen. Und er berichtet etwas Persönliches: ein Jahr zuvor lernte er seine Freundin, die Bratschen-Spielerin Ayelet kennen. Sie fanden heraus, dass ihre Väter im selben Krieg gegeneinander kämpften: „Kannst du dir das vorstellen? Und jetzt sind wir Geschwister.“

Eine Premierenfeier im Freien unter Palmen schließt sich an mit Essen, Trinken, traditioneller arabischer Musik und Tanz. Auf dem Rückflug sind sich alle einig, dass das eine wichtige und schöne Erfahrung war, die sie wiederholen wollen.

Kapitel 7: Das Jugendorchester in Ramallah und die Mauer
Länge: ca. 16 Min.

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Ausschnitte vom Konzert in Genf leiten über zu Ramallah im Mai 2004. Impressionen von Marktständen, Menschen, Autos und Alltagsleben, ähnlich wie zu Beginn des Films. Barenboim erzählt, wie ihn eine Frau auf der Straße angesprochen und sich für sein Kommen bedankt habe. Israelis hingegen pflegten ihre Vorurteile gegen Palästinenser, die sie vor allem für Handwerker ohne tiefere kulturelle Interessen hielten. Barenboim besucht hier wieder die „Friends School“. Er wollte helfen, ein palästinensisches Jugendorchester aufzubauen, wovon sie ein Jahr zuvor schon sprachen. Er hat anschließend über die Barenboim-Said-Stiftung deutsche und österreichische Musiklehrer hierhergeschickt – und jetzt gibt es bereits 35 junge Leute, die hier spielen. Tyme und Tala berichten von ihren Erfahrungen. Dass dieser Ausschnitt in Sevilla beim Workshop gedreht wurde, erschließt sich erst etwas später, wenn Tala wieder zu Wort kommt.

Barenboim probt mit den Jugendlichen. Er und sie wissen, dass es noch kein gutes Orchester ist, aber wichtig für ihr Selbstwertgefühl und ihre Würde, eine Waffe gegen die Demütigungen, die sie täglich erfahren.

Ein Konzert findet statt. Dazwischen erläutert Barenboim in die Kamera, dass Tyme schon in Sevilla dabei war und große Fortschritte gemacht habe. Und er hofft, dass noch mehr der Jugendlichen dazukommen werden.

Mit Barghouthi fährt Barenboim in den Westen von Ramallah. Sein Freund will ihm zeigen, was mit der geplanten Mauer ist, wie sie die Stadt – einem Gefängnis ähnlich – umschließen wird. Dazwischen geschnitten findet sich ein Statement von Tyme, die angesichts der schwierigen politischen Lage auf Kontakte wie diese hofft: „Wir müssen die Mauer durchbrechen, die in unseren Köpfen ist, wir müssen anfangen einander zu verstehen.“ Barghouthi führt Barenboim zu einem erhöhten Punkt und zeigt ihm, an welchen Stellen der Mauerbau geplant ist. Auf die Frage, welche denn die palästinensische Seite sei, antwortet er: „Beide Seiten sind palästinensisch. Sie haben Ramallah zugemacht.“ „Wozu ist die Mauer dann nötig“, fragt Barenboim. „Um Land zu konfiszieren. Diese Mauer hat nichts mit Sicherheitsmaßnahmen zu tun“, lautet die Antwort.

Tala erzählt, wie sie im Orchester manchmal neben einem israelischen Mädchen namens Tal sitzt: „Wir sind wie Schwestern. Da ist keine Mauer. Aber wenn wir am 1. September zurückgehen, wird die Mauer fertig gebaut sein. Ich bin sehr besorgt, ob ich dann überhaupt wieder aus meinem Gebiet herauskomme.“

Ausschnitte aus einem Konzert folgen und dann geht es weiter mit dem Workshop in Sevilla. Die Jugendlichen diskutieren untereinander. Mayas aus Syrien und Nassib aus dem Libanon denken, dass die Mauer die Probleme verschlimmert. Ayelet aus Israel hingegen empfindet sie eher als Schutz. Einig sind sie sich darin, dass sie hier viel voneinander lernen.

Ein längerer Konzertmitschnitt schließt das Kapitel ab.

Kapitel 8: Ein schwieriges Heimatland
Länge: ca. 11 Min.

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Journalisten werfen Barenboim auf derselben Pressekonferenz in Israel vor, von der wir schon im 3. Kapitel einen Teil gesehen haben (Mai 2004), ihn umwehe ein Hauch von Skandal. Barenboim weist das von sich. Ihm ginge es um Musikerziehung. Deshalb sei er nach Ramallah gekommen: „Es ist nicht das Privileg eines Landes oder Volkes, musikalisches Potenzial zu haben.“ Auf die Frage, ob er auch in den Siedlungsgebieten bereit wäre zu spielen, antwortet er mit einem klaren „Nein“. „Wir haben uns in Gebieten niedergelassen, die uns nicht gehören. Dort zu spielen, wäre kein Ausgleich!“

Es folgt der Ausschnitt eines Pianokonzerts von Daniel Barenboim in Jerusalem im Mai 2004. Am nächsten Tag nimmt er den Wolf-Musikpreis in der Knesset entgegen. In seiner Dankesrede berichtet er, wie er 1952, vier Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, mit seinen Eltern einwanderte. Dieses Dokument bezeichnet er als eine „Quelle der Inspiration“, die aus Juden Israelis gemacht habe. Er zitiert die Freiheits- und Bürgerrechte daraus und fragt, ob der heutige Zustand des Landes damit noch vereinbar sei. Die Bildungsministerin empfindet das als Angriff auf den Staat. Barenboim widerspricht souverän: er habe sich nur die Freiheit genommen, aus der Unabhängigkeitserklärung zu zitieren und sich erlaubt, ein paar rhetorische Fragen zu stellen: „Frau Ministerin, es ist Ihr gutes Recht, darauf andere Antworten zu geben.“ Im anschließenden Aufbruch kommt noch der Vorsitzende der Wolf-Stiftung zu Wort. Zuvor hielt er einen Zettel „Musik macht frei“ in der Gestaltung des Schriftzugs „Arbeit macht frei“, der höhnisch über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz hing. Ihn empörte Barenboims Rede, weil er als Hardliner meint, die arabische Welt würde den Staat Israel zerstören wollen: „Mit solchen Leuten macht man nicht Frieden, man führt Krieg gegen sie!“

Kapitel 9: Ramallah – ja oder nein?
Länge: ca. 6 Min.

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Die jugendlichen Musiker des Orchesters proben und diskutieren nicht nur, sie gehen auch Sommervergnügungen nach wie hier im Freibad. Es ist Juli 2004 und anschießend folgt doch wieder eine Probe, dieses Mal in einem Theater von Sevilla. Danach lässt Barenboim, wie Saalem es ausdrückt, „die Bombe platzen“: sie erhalten die Möglichkeit, ein Konzert in Ramallah zu geben! Die spanische Regierung hat Barenboim angeboten, den Orchestermitgliedern spanische diplomatische Pässe zu geben, um die Situation an der Grenze zu vereinfachen. Unsicherheit, Freude und Ängste halten sich die Waage. Die jungen Leute diskutieren das Für und Wider. Gil aus Israel bringt es auf den Punkt: „Ganz sicher kann man nirgendwo auf der Welt sein.“ Barghouthi kommt kurz zu Wort. Ihm erscheint es ausgesprochen hoffnungsvoll, wenn solch eine internationale Gemeinschaft im Zentrum des Konflikts auftreten würde. Aus Sicherheitsgründen wurde dann erst einmal nichts aus dem Plan. Doch der Diskussionsprozess, der dadurch angestoßen wurde, führe in die Zukunft, meint Saalem. Auch die Israelin Tal hofft, dass es irgendwann klappen wird als „kleines Zeichen der Menschlichkeit“, denn das sei der Auftrag ihres Orchesters.

Kapitel 10: Das Ramallah-Konzert
Länge: ca. 10 Min.

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Die Kamera schweift über eine hügelige, bebaute Landschaft. Dann öffnet sich der Blick hinunter zum Meer – und auf die Mauer, die Ramallah umgibt. Anschließend folgt ein Szenenwechsel nach Wiesbaden: Welttournee 2005. Es war ihre letzte Europa-Station und zu diesem Moment erscheint noch nicht klar, ob das Konzert in Ramallah stattfinden würde, wie Nassib aus dem Libanon in einem später geführten Interview erläutert. Muna Khleifi vom Organisationsteam aus Ramallah kommt zu Wort und berichtet, wie schwierig die Entscheidung für die Orchestermitglieder sei. Auch Tyme aus Ramallah betont, ebenfalls in einem später geführten Interview, die angespannte Atmosphäre untereinander. Nabil, der sowohl in Ägypten als auch in Deutschland zuhause ist, erklärt, wie die israelischen Mitglieder Angst vor zu wenig Sicherheitsmaßnahmen haben und die Araber, israelisches Gebiet zu betreten. Selbst ein spanischer Musiker, Pedro, hat Furcht, weil Ramallah ein unsicheres Gebiet sei. Doch schließlich fällt die Entscheidung, wie wir von Nassib hören. Am Frankfurter Flughafen muss die Gruppe aufgeteilt werden. Israelis und Spanier fliegen zusammen nach Tel Aviv und reisen von dort aus nach Ramallha, während die Araber nach Amman fliegen, um von dort aus nach Ramallah zu gelangen. Daniel Barenboim hat Verständnis für die Unsicherheit seines Orchesters: weder die Familien noch die Gesellschaft mache es den Mitgliedern leicht. Selbst er wirkt besorgt und hofft, dass alles gut geht. Im Flugzeug werden die spanischen Diplomatenpässe ausgeteilt, die sie später am Checkpoint benutzen sollen. Das Gefühl, direkt unter dem Schutz der spanischen Regierung zu stehen, beruhigt alle etwas.

Muna Khleifi erklärt, dass an diesem Tag nur die Europäer nach Ramallah fahren, während die Israelis bei ihren Familien übernachten und ihr Vorhaben diskutieren, um erst am folgenden Tag, dem des Konzerts, anzureisen. Nassib berichtet, sie seien von Amman aus zur Grenze gebracht worden. Die „Allenby-Brücke“ markiert die Grenze zwischen Jordanien und der Westbank. Für sie alle im Bus sei die Konfrontation mit israelischem Militär beklemmend. Auch Mariam Said, die Witwe von Edward Said, ist dabei. Ali aus Syrien sagt: „Worte reichen nicht aus, um die Gefühle zu beschreiben. Ich kann nur sagen, ich bin sehr froh.“ Mohammed aus Ägypten meint: „Ich bin froh, hier zu sein, in diesem heiligen Land. Ich wäre gerne nach Jerusalem gefahren, um dort zu beten. Vielleicht ein anderes Mal – so Gott will.“ Nassib differenziert: Das ganz große Hochgefühl sei es nicht, die Grenzen zu überschreiten, sondern, dass es darum ginge, das Orchester erst einmal wieder zu vereinen.

Bilder aus Ramallah und eine glückliche Tyme, die sich freut ihren Kollegen die Stadt zu zeigen: „Es war schön, die Meinungen anderer darüber zu hören, wie wir leben“.

Selbst die Orchestermitglieder wissen aus Sicherheitsgründen nicht, wann ihre israelischen Kollegen eintreffen. Muna Khleifi erklärt, dass die Konsulate aus Deutschland, Frankreich und Spanien Autos zur Verfügung gestellt haben, mit denen die Musiker bei ihren Familien eingesammelt und direkt zum Kulturpalast gefahren wurden, wo sie den ganzen Tag verbrachten. Bei der Probe mit den schon fürs abendliche Konzert gekleideten israelischen Kollegen sei die ganze Anspannung der letzten Tage von ihnen abgefallen, erzählt Nassib.

Vor der Probe bedankt sich Mustafa Barghouthi bei den Musikern für ihren Mut zu kommen und erklärt, dass damit für Daniel Barenboim und ihn ein Traum in Erfüllung ginge. Draußen patrouillieren Sicherheitskräfte, drinnen findet das Konzert vor großem Publikum statt. Barenboim wendet sich an die Zuhörer: „Dieses Orchester kann keinen Frieden bringen, aber ein Stück Verständigung. ... Wir kommen mit einer menschlichen, nicht mit einer politischen Botschaft, zugunsten der Freiheit, die Palästina und die ganze Region brauchen. Wir glauben, dass dieser Konflikt nicht militärisch gelöst werden kann, aber die Schicksale des palästinensischen und des israelischen Volkes untrennbar miteinander verbunden sind und es unsere gemeinsame Pflicht ist, einen Weg des Miteinanders zu finden. Wir müssen lernen zu teilen, was es zu teilen gibt.“ Nach dem Konzert erheben sich die Zuschauer und applaudieren.

Tyme sagt in dem späteren Interview, sie habe Angst, dass politisch alles immer noch schlechter würde und es seien die Workshops mehr noch als die Musik selbst, die ihr helfen würden.

Die israelischen Musiker mussten leider unmittelbar nach dem Konzert gehen, wie Nassib erzählt. Das war aus Sicherheitsgründen so vereinbart. Sie zeigen sich sehr bewegt über das Konzert: „Kleine Momente der Geschichte – wir werden das nie vergessen.“ Auch Nassib spricht von einem „historischen Moment“. Die gepanzerten Autos fahren ab und wir sehen die Lichter von Ramallah.

 

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