
Durchblick 12+ – Knowledge is the Beginning – P. Smaczny – D 2006 – 115 min.
Von Ina Hochreuther
Worum geht es?
„Für mich ist 'Knowledge is the Beginning' ein Film, der zeigt, was Musik bewirken kann: wie sie kulturelle Schranken überwinden, Menschen einander näherbringen, Vorurteile beseitigen und religiöse und politische Differenzen beilegen kann. Die arabischen und israelischen Jugendlichen, die miteinander im West-Östlichen-Divan-Orchester musizieren, lernen dabei nicht nur, den Notenständer mit jemandem zu teilen, mit dem sie zuvor keinerlei Kontakt hatten, sondern sie lernen, auf den anderen zu hören und gleichzeitig sich als Individuum auszudrücken. Ich denke, das West-Östliche-Divan-Projekt vermittelt uns eine Vorstellung davon, was der Nahe Osten sein könnte, und ich hoffe, mein Film hilft, die Kraft von Daniel Barenboims Vision deutlich zu machen – der Vision eines produktiven und friedlichen Miteinanders von Arabern und Israelis.“ (Paul Smaczny)
Der Regisseur Paul Smaczny gibt in dem Eingangszitat selbst eine absolut zutreffende Einschätzung seines Films ab. Es geht in „Knowledge is the Beginning“ in jedem Moment darum, wie junge arabische und israelische Musiker an einem gemeinsamen Projekt arbeiten, dadurch mehr über andere erfahren und einander schätzen sowie verstehen lernen. Unwillkürlich hofft man als Zuschauer, dass das, was hier im Kleinen geschieht, längerfristig Auswirkungen auf die große Politik im Nahen Osten haben könnte, auch wenn das utopisch erscheint, was im Film durchaus zur Sprache kommt.
Wie ist der Film entstanden?
Paul Smaczny arbeitete gerade an einem Fernsehporträt über den Dirigenten Daniel Barenboim, als dieser ihn 1999 einlud, mit nach Weimar zu kommen, um an dem dort geplanten Musik-Workshop mit jungen Menschen aus unterschiedlichen Regionen des Nahen Ostens beobachtend teilzunehmen. Was sich daraus entwickelte, erzählt sein Film „Knowledge is the Beginning“, für den er das West-Eastern Divan Orchestra in den darauf folgenden Jahren immer wieder begleitete. 2004 entstand die eineinhalbstündige Fernsehfassung „Wir können nur den Hass verringern“, die 2005 auf Arte ausgestrahlt wurde. Sie endet mit der spektakulären Frage Barenboims an das Orchester, ob es bereit sei, ein Konzert in Ramallah zu geben und mit der aufgeregten Reaktion der Musiker. Ein Auftritt dort wurde erst 2005 möglich. Die hier vorliegende Filmfassung aus dem Jahr 2006 mit einer Länge von 115 Minuten ist eine überarbeitete Version, welche dieses Ereignis mit beinhaltet (vgl. Filmkapitel 10).
Was macht den Film aus?
Man steckt als Zuschauer gleich mitten im Geschehen: Junge Leute suchen ihren Fußball im Gebüsch. Das findet in Sevilla statt, wie etwas später klar wird. Parallel geschnitten erleben wir Daniel Barenboim in Ramallah im Sommer 2004. Die oben beschriebene Entstehung der hier vorliegenden Langfassung des Films erklärt, warum diese Exposition nicht 2005, vom Ramallah-Konzert aus gesehen, spielt, sondern eben 2004. Im Anschluss gibt es eine Art chronologische Rückblende, die von der Entstehung und einigen Stationen des West-Eastern Divan Orchestras erzählt, bis wir dann am Schluss zum Höhepunkt, zu eben jenem Auftritt in Ramallah im Jahr 2005 kommen. Eingeblendete Schrifttafeln verweisen jeweils auf Orte und Jahreszahlen und bieten so eine Orientierung. Die Herausgabe mit Untertiteln anstelle einer deutschen Synchronisation vermittelt eine starke Authentizität. Meist wird sowieso Englisch geredet, was für uns als Zuschauer ja eine gute Übung ist, aber eben auch die wenigen deutschen, hebräischen und arabischen Aussagen vermitteln im Original mit Untertiteln eine unverstellte Form der Atmosphäre.
Anfangs sehen wir Barenboim mit Mustafa Barghouti durch Ramallah fahren. Er wird als Mitglied der Palästinensischen Nationalinitiative via Insert vorgestellt (vgl. Making Of). Im letzten Filmkapitel wird er das Orchester beim Konzert in Ramallah offiziell begrüßen. Hier zu Beginn sagt er den entscheidenden, Titel gebenden Satz: „Wissen ist der Anfang“.
Der Filmemacher hat ein (vermutlich inszeniertes) Gespräch zwischen Barenboim und seinem Freund und Mitinitiator Edward W. Said (vgl. Making Of) aufgezeichnet, in dem es um das Orchester, ihrer beiden Absichten, Erlebnisse und Hoffnungen geht. Ausschnitte davon gibt es gleich in der Einleitung zu sehen, aber auch in weiteren Filmkapiteln. Das mag vom Ablauf her irritierend sein, bezieht sich aber immer inhaltlich auf den jeweiligen Stand. Nur im Anfangskapitel dient es wirklich ausschließlich der Exposition, weil Said bereits 2003 verstarb (vgl. Filmkapitel 5).
Die Geschichte beginnt 1999 in Weimar. Gleich hier deuten Diskussionen unter den Musikern an, dass es nicht nur um Musik geht, sondern darum, Verständnis für den gesellschaftlichen, politischen und individuellen Hintergrund des anderen zu entwickeln. In seinem Buch Klang ist Leben schreibt Barenboim „Die Kunst, Musik zu machen, besteht darin, gleichzeitig zu spielen und zuzuhören, wobei das eine vom anderen profitiert. ... Dieser der Musik inhärente dialogische Charakter war der Hauptgrund dafür, dass wir unser Orchester gründeten“ (a.a.O., S. 72). Claude aus dem Libanon gelingt das im Gespräch mit dem Israeli Ilya nur beim Thema Musik, aber nicht, wenn es um Politik geht. Am Ende dieses Filmkapitels wird er sich besonders freuen, dass das Orchester eine Zukunft hat.
Berührend ist die Entwicklung von Karim aus Jordanien, dem Barenboim hier als Zehnjährigem Klavier-Einzelunterricht gibt. In demselben Kapitel sehen wir ihn aus einer Distanz von fünf Jahren erläutern, wie die Begegnungen mit Israelis hier seine Vorstellung davon, was den Menschen ausmacht, veränderte.
In Weimar zählt auch ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald zum Programm der Musiker. Denn das ehemalige Konzentrationslager gehört zur „komplexen Geschichte dieser Stadt, mit der letztendlich auch die Geschichte des Staates Israel verwoben ist“, wie Barenboim anknüpft (a.a.O., S. 71). Dass ein arabischer Junge ausgerechnet beim Anblick des Krematoriums erkennt, wie nahe sich Juden und Araber als semitische Völker sind, passt zum Konzept. Diese Episode dokumentiert der Film allerdings nicht, sondern Barenboim berichtet sie im bereits erwähnten Gespräch mit Said. (Anmerkung dazu: Als „Semiten“ werden historische Völker bezeichnet, die eine semitische Sprache sprechen.)
Said, der in Weimar mit den jungen Musikern in einer gewissen institutionellen Form das Gespräch suchte, dozierte und erklärte, scheint 2002 bei den Proben in Sevilla aufgrund seiner Krankheit nicht dabei gewesen zu sein. Barenboim versucht, ihn zu ersetzen. Seine Einschätzung des eigentlich positiv besetzten Begriffs „Toleranz“ erscheint hier besonders spannend. In seinem Buch präzisiert er: „Viele haben das Orchester daher als ein wunderbares Beispiel für Toleranz bezeichnet, ein Ausdruck, den ich persönlich nicht mag. Man impliziert damit, dass der Tolerierte bestimmte negative Eigenschaften besitzt: Man erträgt ihn trotz dieser Makel oder Mängel. Mit Toleranz meint man zumeist nur eine bestimmte altruistische Nachsicht, das Erdulden einer anderen Person. Dahinter verbirgt sich eine gewisse Anmaßung, man hält sich für besser als den anderen. Goethe brachte es wieder einmal auf den Punkt: 'Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen'“ (a.a.O., S. 80).
Überdies findet das Gespräch im andalusischen Sevilla statt, der einzigen Region, in der ein konstruktives Zusammenleben zwischen Juden, Christen und Moslems über mehrere Jahrhunderte hinweg einigermaßen funktionierte, wie auch im Film an dieser Stelle betont wird.
Beim ersten Auftritt in einem arabischen Land, nämlich in Marokko (vgl. Filmkapitel 6), gibt es eine schöne persönliche Geschichte von Salem, der davon erzählt, wie er im Gespräch mit dem Mädchen Ayelet herausgefunden habe, dass ihre Väter im selben Krieg gegeneinander kämpften: „Kannst du dir das vorstellen? Und jetzt sind wir Geschwister.“ Die letzten Worte richtet er direkt an den Menschen hinter der Kamera. Das verweist auf eine Reportage-Situation, wenn auch so gut wie nie Fragen seitens des Filmteams gestellt werden (eine Ausnahme gibt es im 2. Kapitel, wenn Claude und Ilya erzählen). Genausowenig wird mit Kommentar gearbeitet. Die filmische Haltung ist hier stets eine beobachtende, aber natürlich verändert die anwesende Kamera etwas. Die Filmcrew wird vielen Musikern auch vertraut geworden sein, so dass solche spontanen emotionalen Äußerungen genauso möglich wurden wie direkte Statements, etwa zum Mauerbau in Palästina (vgl. Filmkapitel 7) oder über das Ramallah-Konzert (vgl. Fimkapitel 10). Der Unterschied zu Letzteren macht aus, dass sie so in den Film hineinmontiert wurden, dass zuerst der Eindruck einer linearen „Geschichte“ entsteht und erst mit der Zeit klar wird, dass sie zu einem anderen Zeitpunkt stattgefunden haben. Das schmälert ihre Bedeutung keineswegs. Es geht nur darum zu erkennen, dass ein Dokumentarfilm keineswegs nur abbildet, sondern immer auch inszeniert – und sei es durch Montage.
„Knowing is the Beginning“ will eindeutig im Sinne des Projekts eine Botschaft vermitteln, nämlich die der möglichen Verständigung. Dafür sammelt er Belege, zeigt bewegende Szenen und beeindruckende Aussagen, die den Prozess vermitteln. Und genauso ist er auch aus sicherlich vielen hundert Stunden Material geschnitten. Das mag, so beschrieben affirmativ erscheinen, ist aber legitim. Schließlich geht es um beispielhaftes Engagement vieler Beteiligter, das vielleicht Hoffnung verspricht, zumindest aber deutlich macht, dass uns Ignoranz beim Konflikt im Nahen Osten - und auch generell gesprochen - gar nicht weiterbringt.
Woher kommt der Name des Orchesters?
Das West-Eastern Divan Orchestra bringt Musiker aus Israel, Palästina und den arabischen Ländern zusammen. Sein Name geht tatsächlich auf Goethes späten Gedichtzyklus West-östlicher Divan zurück. Daniel Barenboim notiert in Klang ist Leben dazu: „Goethe war einer der ersten Europäer, die echtes Interesse für fremde Kulturen empfanden. Mit dem Islam kam er erstmals in Berührung, als ein deutscher Soldat von einem Feldzug in Spanien eine Seite aus dem Koran mit in die Heimat zurückbrachte, um sie ihm zu zeigen. Goethes Begeisterung war so groß, dass er noch im Alter von sechzig Jahren begann, Arabisch zu lernen. Später entdeckte er den großen persischen Dichter Hafis, dessen Werk ihn zum Verfassen eigener Gedichte inspirierte, die sich mit fremden Gedankenwelten beschäftigen. West-östlicher Divan erschien vor fast zweihundert Jahren, im Jahr 1819. Zur gleichen Zeit war interessanterweise Beethoven damit beschäftigt, seine neunte Symphonie zu komponieren, seinen berühmten Lobgesang auf die Brüderlichkeit. Als Goethe mit seinen Gedichten in die Welt des Hafis eintauchte, ließ er sich von derselben Idee leiten, die auch unserem Versuch, arabische und israelische Musiker zusammenzubringen, zugrunde lag: nämlich eine Brücke zwischen zwei Kulturen zu schlagen“ (a.a.O., S. 71).
Quelle: Barenboim, Daniel: Klang ist Leben. Die Macht der Musik. Unter Mitarbeit von Elena Cheah. Aus dem Englischen v. Michael Müller. München: Siedler Verlag 2008 (Seitenzahlen: dtv-Ausgabe).