
Durchblick 12+ – Knowledge is the Beginning – P. Smaczny – D 2006 – 115 min.
Der Dokumentarfilm „Knowledge is the Beginning – Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra“ berichtet von den Anfängen des arabisch-israelischen Jugendorchesters, 1999 in Weimar, bis hin zu seinem spektakulären Auftritt in Ramallah, 2005. Statements, Gesprächsausschnitte und Diskussionen von den beiden Gründern, dem Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim sowie seinem 2003 verstorbenen Freund, dem Kulturwissenschafter Edward W. Said, von dem palästinensischen Politiker Mustafa Barghouthi und natürlich den jungen Leuten selbst, aus Israel, Syrien, Jordanien und anderen Regionen stammend, vermitteln zu jedem Moment die Problematik des Nahostkonflikts. Mal machen sich Mutlosigkeit und Frustration angesichts aktueller Probleme breit, dann wieder sind sie von der Hoffnung auf eine gemeinsame friedlichere Zukunft getragen. In jedem Fall spiegeln sie zu jedem Moment die realen Verhältnisse wider.
Musik erscheint hier nicht einfach als verbindendes Element jenseits von kulturellen Grenzen, Erfahrungen und Vorurteilen. Sie ist der Grund, einander besser kennenzulernen und einander zu verstehen. Barenboim beschreibt das sehr schön in seinem Buch Klang ist Leben: „Die Kunst, Musik zu machen, besteht darin, gleichzeitig zu spielen und zuzuhören, wobei das eine vom anderen profitiert. Zu einer solchen Bereicherung kommt es sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene: Das eigene Spiel wird dadurch ausdrucksstärker, dass man den anderen zuhört, und jede einzelne Stimme wird im Zusammenklang mit den anderen in ihrer Wirkung gesteigert. Dieser der Musik inhärente dialogische Charakter war der Hauptgrund dafür, dass wir unser Orchester gründeten“ (a.a.O., S. 72).
Die Inhalte bieten viele Anknüpfungspunkte in der außerschulischen Filmarbeit genauso wie im Schulunterricht. Hinweise auf Schulfächer und Schulstufen finden sich unter „Einsatzmöglichkeiten im Schulunterricht“. Informationen über den Regisseur und einige der Protagonisten bietet das „Making Of“.
Da der Film einerseits sehr stark von Aussagen und Interviewpassagen lebt, andererseits im Hin- und Herspringen zwischen Orten und manchmal auch Zeiten, etwas verwirren kann, haben wir uns entschieden, die Beschreibung der Filmkapitel sehr ausführlich zu halten. Wichtige Passagen, etwa für die Unterrichtsvorbereitung, können so leichter gefunden werden. Den zehn Filmkapiteln entsprechend gibt es zehn Arbeitsbögen mit Fragen zum Film sowie thematische oder medienpädagogische Arbeitsideen zu dem jeweiligen Abschnitt des Films. Darin finden sich auch Verknüpfungen zu weiteren Arbeitsmaterialien der DVD.
Diese zum Großteil sachlich und faktenorientiert gehaltenen Anregungen lassen sich an vielen Stellen durch eher emotional und kreativ ausgerichtete Ideen ergänzen. Die Aussage von Karim etwa im Filmkapitel 2 darüber, wie sich seine Einstellung veränderte, was ein menschliches Wesen ausmache, könnte man über Tagebuchnotizen quasi „nacherleben“. Die jungen Zuschauer sollen sich aus Karims Sicht Alltagsepisoden bei den Orchesterproben überlegen und aufschreiben, durch die sich seine Sicht auf Israelis wandelte.
Im Filmkapitel 3 zitiert Barenboim, der in der „Friends School“ ein Konzert gegeben hat, ein kleines Mädchen, das sich über sein Kommen freute: „Sie sind das erste Ding, das ich aus Israel sehe, das kein Panzer oder Soldat ist.“ Hier kann man mit einem Rollenspiel anknüpfen: Das Mädchen erzählt seiner Familie von dem Erlebnis. Brüder und Schwestern reagieren unterschiedlich darauf... .
Oder Filmkapitel 6: Hier erzählt Mohammed aus Ägypten in die Kamera, wie er und seine Kollegin, die Bratschen-Spielerin Ayelet, entdeckt haben, dass ihre Väter im selben Krieg gegeneinander kämpften. Die SchülerInnen sollen sich ausdenken, was in dieser Unterhaltung wohl passierte und welche Gefühle die beiden bewegten. Dies dann – die Mädchen aus der Sicht von Ayelet, die Jungen aus der von Mohammed – einer/einem fiktiven Freundin/Freund daheim als Brief schreiben.
Oder Filmkapitel 10: Ayelet zeigt sich nach dem Konzert in Ramallah tief bewegt. Tyme wirkt in einem später geführten Interview etwas resignativer. Wenn sich beide heute via Chat an dieses Konzert erinnern, was würden sie einander mitteilen, wie würden sie aus der Distanz heraus und angesichts ihrer unterschiedlichen Lebenshintergründe möglicherweise darüber denken?
Es bietet sich an, allgemein über den Bereich Dokumentarfilm zu sprechen, wozu das Hintergrundthema „Dokumentarfilm“ sowie der Arbeitsbogen „Dokumentation“ angeboten werden.
Begriffe wie „Vorurteil“ oder „Ignoranz“ tauchen immer wieder in „Knowledge is the Beginning“ auf, weshalb wir den Arbeitsbogen „Begriffe verstehen“ zur inhaltlichen Vertiefung beigefügt haben.
Sachliche Hintergrundinformationen zu Themen, die im Film gestreift werden, bieten die Infobögen „Das maurische Spanien“ sowie „Gedenkstätte Buchenwald“ an.
Thema: Nahostkonflikt
Auf das zentrale Thema Nahostkonflikt beziehen sich ein Hintergrundthema, das die historische Entwicklung zusammenfasst, zwei Infobögen, einer mit Daten zur Geschichte, ein weiterer mit Zahlen und Fakten zu Israel und Palästina. In gewisser Form knüpfen auch die drei anspruchsvollen philosophischen Texte zur Toleranzdiskussion hier an, ebenso die Arbeitsbögen „Musik und Politik“ mit Auszügen aus Texten von Barenboim und Said.
Bildergalerie
Hier sind die Filmbilder aus den Kapitelbeschreibungen und viele weitere aufgeführt sowie ein paar Karten zur besseren Orientierung. Mit der Bildergalerie auf der Videoebene lassen sich die Fotos einzeln mit dem Beamer auf die Wand projizieren. Da der Film mit Untertiteln arbeitet, können Fotos der jungen Musiker mit prägnanten Aussagen für Unterrichtsgespräche genutzt werden. Ausgedruckte Fotos der ROM-Ebene könnten für Collagen verwendet werden unter Stichwörtern wie „Vorurteile“, „Die Mauer“ etc.
Medientipps
Bei den Medientipps finden sich zum Großteil kommentierte Hinweise auf Schriften von Said und Barenboim sowie auf Literatur, Filme und Internetlinks zu den Themen Israel, Palästina, Nahostkonflikt. Es gibt Internetlinks zu in „Knowledge is the Beginning“ vorkommenden Institutionen wie den Stiftungen der Initiatoren Barenboim und Said, der „Friends School“ in Ramallah, aber auch auf Friedensorganisationen, die sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigen.
Lassen wir hier nochmals Barenboim zu Wort kommen: „Mit Hilfe der Musik ist es möglich, sich ein alternatives soziales Modell vorzustellen, eine Gesellschaft, in der utopische Vorstellungen und Pragmatismus sich verbinden, in der wir die Möglichkeit haben, uns selbst ungehindert auszudrücken, gleichzeitig aber ein offenes Ohr für die Anliegen und Sorgen der anderen behalten. Dieses Modell erlaubt uns, Einblick in die Art und Weise zu nehmen, in der die Welt funktionieren könnte und sollte – und es manchmal auch tut. Von Anfang an waren Edward Said und ich der Überzeugung, dass die Schicksale unserer beiden Völker – des palästinensischen und des israelischen – untrennbar miteinander verwoben sind und daher das Wohlergehen, die Würde und das Glück des einen unvermeidlich an das Wohlergehen, die Würde und das Glück des anderen gekoppelt sind. Leider entspricht das überhaupt nicht der heute im Nahen Osten vorherrschenden Ansicht.“ (Klang ist Leben, a.a.O., S. 75)
Quelle: Barenboim, Daniel: Klang ist Leben. Die Macht der Musik. Unter Mitarbeit von Elena Cheah. Aus dem Englischen v. Michael Müller. München: Siedler Verlag 2008 (Seitenzahlen: dtv-Ausgabe).