
Durchblick 12+ – Knowledge is the Beginning – P. Smaczny – D 2006 – 115 min.
Aufgaben:
Erklärung von Daniel Barenboim anlässlich
der Entgegennahme des Wolf Prize in der Knesset
Jerusalem, Mai 2004
„Ich möchte der Wolf Foundation meinen tiefen Dank dafür bekunden, dass mir heute eine so große Ehrung zuteil wird. Diese Anerkennung ehrt mich nicht nur, sie wird mich auch zu weiterer kreativer Arbeit inspirieren.
1952, vier Jahre nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung, kam ich als Zehnjähriger mit meinen Eltern aus Argentinien nach Israel.
Die Unabhängigkeitserklärung war für uns eine Quelle der Inspiration, sie ließ uns an Ideale glauben, welche uns von Juden in Israelis verwandelten. In diesem bemerkenswerten Dokument wird auch eine Verpflichtung des Staates zum Ausdruck gebracht. Wörtlich heißt es – ich zitiere: „Der Staat Israel ... wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird allen seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten." Zitat Ende.
Die Gründungsväter des Staates Israel, die die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, verpflichteten sich auch dazu, – ich zitiere erneut – „allen Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft" zu reichen.
Ich frage heute voll tiefer Besorgnis: Können wir es ignorieren, dass, bei allem, was wir in Israel erreicht haben, zwischen dem, was die Unabhängigkeitserklärung versprochen hat, und dem, was davon erfüllt wurde, zwischen der Idee und der Realität also, keine Übereinstimmung besteht?
Stehen die Besetzung von fremden Territorien und die Vormachtstellung über ein anderes Volk im Einklang mit der Unabhängigkeitserklärung? Ergibt die Unabhängigkeit des einen Volks auf Kosten der Grundrechte des anderen irgendeinen Sinn?
Kann das jüdische Volk, dessen Geschichte von fortgesetztem Leiden und erbarmungsloser Verfolgung geprägt ist, es sich selbst erlauben, die Rechte eines Nachbarvolks zu ignorieren und gleichgültig gegenüber seinem Leiden zu sein? Kann der Staat Israel es sich erlauben, sich weiterhin dem unrealistischen Traum hinzugeben, der Konflikt könne dadurch beendet werden, dass die ideologischen Differenzen sich von selbst auflösen, anstatt aktiv eine pragmatische, humanitäre Lösung zu suchen, die auf sozialer Gerechtigkeit gründet?
Ich glaube, dass die Zukunft Israels und seine Zugehörigkeit zur Familie aufgeklärter Staaten von unserer Fähigkeit abhängen werden, allen objektiven und subjektiven Schwierigkeiten zum Trotz die Versprechungen der Gründungsväter, so wie sie in der Unabhängigkeitserklärung niedergelegt sind, zu erfüllen.
Ich bin immer überzeugt gewesen, dass es keine militärische Lösung für den jüdisch-arabischen Konflikt gibt – weder von einem moralischen noch von einem strategischen Standpunkt aus gesehen – und da es daher unvermeidlich ist, eine Lösung anderer Art zu finden, habe ich mich gefragt: Warum warten? Genau aus diesem Grund haben mein verstorbener Freund Edward Said und ich einen Workshop für junge Musiker aus allen Ländern des Nahen Ostens eingerichtet.
Trotz der Tatsache, dass Musik als Kunst aus Prinzip keine Kompromisse machen kann, und Politik auf der anderen Seite die Kunst des Kompromisses ist, kann Letztere, wenn sie die Grenzen des gegenwärtig Existierenden transzendiert und sich in die höhere Sphäre des Möglichen aufschwingt, in der Musik einen Bündnispartner finden. Musik ist par excellence die Kunst des Imaginären, eine Kunst, die frei von allen Einschränkungen ist, denen Worte unterworfen sind, eine Kunst, die den Menschen in seinem tiefsten Wesen berührt und die mit ihren Klängen alle Grenzen überwindet. Als solche kann Musik sich der Gefühle und der Vorstellungskraft von Israelis und Palästinensern bemächtigen und sie in neue, bisher undenkbare Sphären bringen.
Ich habe mich daher entschlossen, das Preisgeld für musikpädagogische Projekte in Israel und in Ramallah zur Verfügung zu stellen.
Ich danke Ihnen.
Quelle: Barenboim, Daniel: Klang ist Leben. Die Macht der Musik. Unter Mitarbeit von Elena Cheah. Aus dem Englischen v. Michael Müller. München: Siedler Verlag 2008, dtv-Ausgabe: S. 155ff.
Aufgaben:
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