
Durchblick 12+ – Knowledge is the Beginning – P. Smaczny – D 2006 – 115 min.
Aufgaben:
Daniel Barenboim: Klang ist Leben
Die Schulung des Ohres ist vielleicht wichtiger, als wir es uns vorzustellen vermögen, und zwar nicht nur für die Entwicklung des Einzelnen, sondern auch für das Funktionieren von Gesellschaften und Staaten. Musikalisches Talent und Verständnis wie auch auditive Intelligenz sind Begabungen und Fähigkeiten, die allzu oft nicht im Zusammenhang mit der Gesamtheit des menschlichen Lebens gesehen werden; entweder weist man ihnen nur Bedeutung für den Sektor der Unterhaltung zu oder für den esoterischen Bereich elitärer Kunst. Die Fähigkeit, mehrere Stimmen auf einmal zu hören und zu begreifen, was jede einzelne von ihnen sagt, das Vermögen, sich an ein Thema zu erinnern, welches nach seinem ersten Auftreten einen langen Prozess der Umarbeitung durchlaufen hat und jetzt in einem ganz anderen Gewand wieder begegnet, wie auch die auditive Kompetenz, die nötig ist, um die geometrischen Variationen des Themas einer Fuge zu erkennen – all das sind Fertigkeiten, die unseren Verstand und unser Verständnis von der Welt erweitern.
Vielleicht würden die Menschen, wenn alle diese Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammenkämen, dazu in der Lage sein, unterschiedlichen Meinungen zuzuhören und unterschiedliche Standpunkte zu begreifen. Vielleicht wären sie eher dazu fähig, ihren eigenen Platz, ihre Stellung in der Gesellschaft und in der Geschichte richtig einzuschätzen. Vielleicht wäre es ihnen dann auch eher möglich, die Gemeinsamkeiten, die zwischen allen Menschen bestehen, wahrzunehmen und nicht immer nur die Unterschiede zu sehen. (a.a.O., S.48f)
Immer wenn man Musik macht, sei es als Mitglied eines Kammermusikensembles oder eines großen Orchesters, muss man zwei wichtige Tätigkeiten gleichzeitig ausführen: Man muss sich selbst ausdrücken – sonst trägt man nicht zum musikalischen Erlebnis bei –‚ man muss aber auch den anderen zuhören. Wenn man ein Streichinstrument spielt, kann die andere Person direkt neben einem sitzen, den Notenständer mit einem teilen, das Gleiche spielen. Wenn man Bläser ist, spielt der oder die andere vielleicht ein anderes Instrument, das einen Kontrapunkt zu unserer eigenen Stimme liefert. In jedem Fall ist es unmöglich, in einem Orchester auf intelligente Weise mitzuspielen, wenn man sich nur auf eine der beiden Tätigkeiten konzentriert. Es reicht nicht aus, nur die eigene Stimme zu spielen; wer nicht auf die anderen hört, wird vielleicht so laut, dass er die Stimmen der anderen überdeckt, oder er wird so leise, dass er nicht mehr zu vernehmen ist.
Auf der anderen Seite ist Zuhören alleine aber auch nicht genug. Die Kunst, Musik zu machen, besteht darin, gleichzeitig zu spielen und zuzuhören, wobei das eine vom anderen profitiert. Zu einer solchen Bereicherung kommt es sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene: Das eigene Spiel wird dadurch ausdrucksstärker, dass man den anderen zuhört, und jede einzelne Stimme wird im Zusammenklang mit den anderen in ihrer Wirkung gesteigert. Dieser der Musik inhärente dialogische Charakter war der Hauptgrund dafür, dass wir unser Orchester gründeten.
Edward Said machte in seinen Diskussionen mit den jungen Musikern immer ganz klar, dass Trennung und Segregation – ganz gleich ob zwischen einzelnen Personen oder ganzen Völkern – nie dazu beitragen, die Probleme, die sie entzweien, aus der Welt zu schaffen, und dass Ignoranz in Bezug auf andere Menschen mit Sicherheit in keiner Weise förderlich ist, sondern die Probleme nur noch vergrößert. Mithilfe eines Workshops wollten wir ein Gespräch in Gang bringen und so einen ersten Schritt unternehmen, um zu erkunden, ob es vielleicht doch Gemeinsamkeiten zwischen einander entfremdeten Völkern gab. Voll innerer Erregung verfolgten wir mit, wie ein arabischer und ein israelischer Musiker Seite an Seite vor einem Notenständer saßen und beide versuchten, dieselbe Note mit derselben Bogenführung erklingen zu lassen, sie mit derselben Lautstärke, demselben Klang, demselben Ausdruck zu Gehör zu bringen. Sie versuchten gemeinsam etwas zu tun, für das sie wirklich Leidenschaft empfanden, denn gleichgültig und teilnahmslos zu musizieren ist nicht möglich. Musik kann man nur voller Hingabe machen, unabhängig vom Grad der technischen Fähigkeit.
Said und ich gingen bei unseren Bemühungen von der simplen Annahme aus, dass die jungen Leute, sobald sie sich darüber hatten verständigen können, wie eine einzige Note zu spielen war, einander anders sehen würden als zuvor, dass sich ihr Bild von dem anderen verändern würde. Wenn sie in der Lage sein würden, einen musikalischen Dialog zu führen, indem sie miteinander spielten, dann würde ihnen ein normaler Dialog mit Worten, bei dem man wartet, bis der Gesprächspartner zu Ende geredet hat, wesentlich leichter fallen. Das war unser Ausgangspunkt, und von Anfang an waren Edward und ich voller Optimismus – trotz des sich immer stärker verdunkelnden Himmels, wie mein ahnungsvoller Freund es leider nur allzu treffend nannte.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sich im Nahostkonflikt moralisches und strategisches Verhalten nicht gegenseitig ausschließen, sondern Hand in Hand gehen müssen und nicht voneinander zu trennen sind; genauso wie es unmöglich ist, das rationale Begreifen der Musik und das emotionale Ergriffensein von ihr voneinander zu trennen. Der Dialog zwischen Gefühl und Verstand kann auch dazu dienen, eine allzu dogmatische religiöse Einstellung aufzuweichen, indem er einer wichtigen weiteren Stimme Gelegenheit gibt, sich zu artikulieren, einer Stimme, die einen Kontrapunkt zu der Monotonie religiöser Inbrunst bildet. Das Alte Testament, das Neue Testament und der Koran sind allesamt Quellen unendlicher Weisheit, wenn man sich ihnen mit geistiger Unabhängigkeit nähert, Fragen an sie stellt. Wer sie von einer philosophischen Warte aus liest, dem können sie zu einem Verständnis nicht nur der Geschichte, sondern auch des menschlichen Verhaltens verhelfen. Wer sie jedoch zu wörtlich nimmt und nicht alle Bereiche seiner Intelligenz bei ihrer Lektüre aktiviert, dem sind sie keine Anleitung dafür, wie er seine Existenz zu führen hat. (a.a.O., S.72-74)
Mit dem Beginn eines politischen Prozesses wird – ähnlich wie mit dem Anfang einer musikalischen Phrase – etwas in Gang gesetzt, das dann danach strebt, ein Eigenleben und eine Eigendynamik zu entwickeln. Die Juden, die überall auf der Welt verstreut als Minderheit lebten, verlangte es nach einem eigenen Staat, und ein solcher wurde 1948 schließlich auch geschaffen. Er wurde von dem nicht jüdischen Bevölkerungsteil in Palästina abgelehnt, er hielt sich aber, mit der Kraft eines Leitmotivs gewissermaßen und von der Begleitstimme des Weltgewissens unterstützt.
Was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft, waren und sind beide Parteien nach wie vor nicht in der Lage, die gegenseitige Abhängigkeit ihrer Stimmen voneinander anzuerkennen, und auch nicht den Wandel, den die Zeit unvermeidlich mit sich gebracht hat. Die Gründung des Staates Israel war auf eine jüdisch-europäische Idee zurückzuführen. Wenn das Leitmotiv dieser Idee auch in Zukunft erklingen soll, muss Israel die palästinensische Identität als ein gleichermaßen berechtigtes Leitmotiv akzeptieren. Die Palästinenser hören Israel ihr Motiv in einer falschen Tonart spielen und verlangen danach, selbst die Grundtonart festlegen zu können. Aber auch das stärkste Motiv ist von den Modulationen abhängig, die aus ihm selbst herauskommen. Die demografischen Veränderungen, die innerhalb Israels stattfinden, lassen sich nicht ignorieren; man muss den Palästinensern innerhalb und außerhalb Israels heute mehr Gehör schenken als jemals zuvor.
Wenn man den israelisch-palästinensischen Dialog in ein großes, musikalisches Werk transkribieren könnte, dann würde er den Grad von Distanz erhalten, die nötig wäre, dass beide Parteien ihn verstehen, richtig beurteilen und objektiv in sich aufnehmen könnten. Die Tatsache an sich, dass in einem Musikstück zwei oder mehr Stimmen gleichzeitig vorkommen, genügt, ihnen alle Legitimität zu verleihen, und in der westlichen Musik gibt es so etwas wie eine einseitige Erzählung nicht. Ein kontrapunktischer Dialog präsentiert immer mindestens zwei Erzählungen zur selben Zeit, und er gestattet es jeder Stimme, sich uneingeschränkt zu Wort zu melden, aber nie ohne einen Gegenpart, dessen Aussage ihre eigene unterstützt und vervollständigt oder ihr widerspricht. Die Erzählungen von Israelis und Palästinensern, ihre unaufhörliche Neubewertung und neue Darstellung ihrer jeweiligen Geschichte stehen in demselben Verhältnis zueinander wie das Thema und das Kontrasubjekt einer Fuge, das heißt, sie sind miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Ohne das Kontrasubjekt gäbe es keine Fuge. Das Thema besitzt also keine größere Bedeutung als das Kontrasubjekt, da die Existenz des einen ohne das Vorhandensein des anderen keinen Sinn ergäbe. Wenn die Israelis und die Palästinenser die Parallele zwischen ihrem eigenen Dialog und der Struktur einer Fuge erkennen, dann werden auch sie begreifen, wie dringend notwendig eine Koexistenz ist. (a.a.O. S. 127f)
Quelle: Barenboim, Daniel: Klang ist Leben. Die Macht der Musik. Unter Mitarbeit von Elena Cheah. Aus dem Englischen v. Michael Müller. München: Siedler Verlag 2008, (dtv-Ausgabe).