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Durchblick 12+ – Knowledge is the Beginning – P. Smaczny – D 2006 – 115 min.

6.15 Arbeitsbogen: Grundlagen des Zusammenlebens

Aufgaben:

  1. Lesen Sie sich den Text sorgfältig durch.
  2. Der Artikel trägt den Titel „Grundlagen des Zusammenlebens". Was sind für Edward Said die wesentlichen Faktoren des Zusammenlebens von Israelis und Palästinensern?
  3. Diskutieren Sie, welche Konsequenzen die hier formulierten Einsichten für einen Friedensprozess haben müssten.
  4. Informieren Sie sich über die neuen Historiker in Israel, z.B. Tom Segev und Avi Shlaim, und die Rezeption ihrer Untersuchungen. Stellen Sie dar, welche Rolle deren Arbeit in einem Friedensprozess spielen könnte.

 

Grundlagen des Zusammenlebens

Ein Artikel von Edward Said

„Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen den Arabern in der arabischen Welt und jenen, die im Westen leben, liegt darin, dass sich Letztere jeden Tag mit der jüdischen Erfahrung des Antisemitismus und des Völkermords auseinander setzen müssen. Jahr für Jahr erscheinen in immer größerer Menge neue Bücher, Filme, Artikel und Fotos zu diesem Thema. Letztes Jahr war das Jahr von Schindlers Liste, Steven Spielbergs Film, der die Schrecken des Holocaust buchstäblich Hunderten von Millionen Menschen nahe gebracht hat. Seit langer Zeit wird über die Gründe für die deutsche Katastrophe diskutiert: Wie konnte eine so zivilisierte Nation wie Deutschland, die Europas größte Philosophen und Musiker hervorgebracht hatte und deren Wissenschaftler, Dichter und Gelehrte zu den glänzendsten gehörten, nicht nur dem Wahnsinn des Nationalsozialismus verfallen, sondern auch so tief sinken, dass es eines der scheußlichsten Programme der Menschenvernichtung in der Geschichte durchführte? Wer heute in den USA, in Frankreich oder einem anderen Land Europas lebt, kann niemals den Bildern von Auschwitz und Dachau entkommen, der unaufhörlichen Erinnerung an jüdisches Leid, der immer wieder neu belegten Unmenschlichkeit, die sich vorrangig gegen ein einziges Volk richtete: die Juden, die trotz ihrer Leistungen und ihrer Beiträge zur Kultur auf den Status von Tieren reduziert und millionenfach vergast und verbrannt wurden.

Selbstverständlich wird ein großer Teil dieser Geschichte nicht nur überall in Universitäten, Schulen, Museen und öffentlichen Diskussionen des Westens verbreitet, sondern bietet auch Stoff für Kontroversen, zuletzt durch Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker. Goldhagens These besagt, dass jeder einzelne Deutsche, nicht nur die Mitglieder der Nazipartei oder die Psychopathen in Hitlers Umgebung, zum Völkermord an den Juden bereit war und ihn auch wirklich unterstützte. Die meisten Historiker haben dieser extremen Sichtweise nicht zugestimmt, aber die Frage der europäischen und insbesondere christlichen Schuld beschäftigt die westliche Welt weiterhin. Unter amerikanischen Juden, deren Gemeinschaft dem Grauen, das sich in Europa vollzog, nicht unmittelbar ausgesetzt war, wird der Holocaust inbrünstig studiert und in Erinnerung gehalten. So steht in Washington ein überaus üppig ausgestattetes Holocaust-Museum, der Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner oder der Sklaverei von Millionen Afrikanern wird dagegen nicht gedacht. In gewissem Ausmaß benutzt man den Holocaust daher rückschauend, um heutige politische Aktualitäten zu rechtfertigen. Routinemäßig stellen Kritiker eine Verbindung zwischen der Geschichte des jüdischen Leidens und dem Triumph der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft her, oder zwischen dem Holocaust und Israel, wobei das eine das andere zur Folge hat und zugleich rechtfertigt. Dabei ist durch historische Untersuchungen hinreichend nachgewiesen, dass die Hauptströmung der zionistischen Bewegung zeitweise weniger daran interessiert war, das gesamte jüdische Volk vor der Vernichtung zu bewahren, als vielmehr einige für die Besiedlung Palästinas zu retten. In diesem Sinne traten Zionisten des rechten Flügels (etwa Schamir) während der Nazizeit mit den Deutschen in Kontakt, um sich Unterstützung und Hilfe zu sichern.

Alles in allem übersteigt die schiere Ungeheuerlichkeit des Geschehens zwischen 1933 und 1945 unsere Fähigkeiten zur Darstellung und zum Verständnis. Je mehr man diese Zeit und ihre Exzesse studiert, desto mehr muss man zu dem Schluss kommen, dass für jeden Menschen die Ermordung so vieler Millionen Unschuldiger den folgenden Generationen, seien sie Juden oder Nicht-Juden, schwer auf dem Gewissen lasten muss. So sehr wir etwa mit Tom Segevs Schlussfolgerung in seinem Buch Die siebente Million übereinstimmen, wonach Israel den Holocaust zu politischen Zwecken ausgebeutet hat, kann doch kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die kollektive Erinnerung an die Tragödie und die Last der Angst, die sie noch heute jedem Juden auferlegt, in ihrer Bedeutung nicht hoch genug angesetzt werden kann. Ja, es gab andere Kollektivmassaker in der Menschheitsgeschichte (an den amerikanischen Ureinwohnern, den Armeniern, Bosniern, Kurden usw.). Und einige wurden zweifellos von den Tätern weder hinreichend eingestanden noch angemessen entschädigt. Es gibt jedoch meines Erachtens nicht den geringsten Grund, angesichts der besonderen Tragödie des jüdischen Volkes nicht Schrecken und Abscheu zu empfinden. Insbesondere als Araber halte ich es für wichtig, sich diese kollektive Erfahrung stets vor Augen zu halten, in allen nur erträglichen grauenvollen Einzelheiten. Was könnte einen mehr darin bestärken, alles Menschenmögliche zu tun, um eine derartige Katastrophe niemals zu vergessen und niemals mehr geschehen zu lassen.

Eine solche Sicht des jüdischen Leidens war auch den arabischen Kommentatoren Anfang der sechziger Jahre während des Verfahrens gegen Adolf Eichmann möglich, als Israel den Prozess nutzte, um die ganzen Schrecken des Nazi-Völkermords darzulegen. Kommentatoren rechtsradikaler libanesischer Gruppierungen behaupteten, das alles sei reine Propaganda, aber in der übrigen arabischen Presse jener Zeit (in Ägypten und den wichtigsten libanesischen Zeitungen) stellte man bei der Berichterstattung über die Eichmann-Affäre die erschreckenden Ereignisse in Deutschland während des Krieges angemessen dar. Nach einer zeitgeschichtlichen Untersuchung von Dr. Usama Maqdisi, einer jungen libanesischen Historikerin von der Rice University in Houston, kamen die arabischen Prozessberichte jedoch zu dem Schluss, was den Juden in Deutschland angetan worden sei, sei zwar wirklich ein Verbrechen gegen die Menschheit, Israels Enteignung und Vertreibung eines ganzen Volkes stelle aber ein ähnlich geartetes Verbrechen dar. Dr. Maqdisi wies nach, dass es keinerlei Versuche gab, den Holocaust mit der palästinensischen Katastrophe gleichzusetzen, dass jedoch, an den gleichen Normen gemessen, Israel und Deutschland beide schrecklicher Verbrechen für schuldig befunden wurden. Nach meinem eigenen Dafürhalten wurde der Eichmann-Prozess während der psychologischen Schlachten der sechziger Jahre von der arabischen Seite wohl vor allem dazu benutzt, die israelische Verhärtung gegenüber den Arabern offen zu legen, und nicht so sehr, um den arabischen Lesern die Details der jüdischen Erfahrung nahe zu bringen.

Mit Ausnahme einiger weniger jüdischer Intellektueller – etwa des amerikanisch-jüdischen Theologen Marc Ellis oder von Professor Israel Schahak – sind die Reflexionen heutiger jüdischer Denker über die Geschichte des Antisemitismus und die Einzigartigkeit des jüdischen Leidens unzureichend. Denn es muss eine Verbindung hergestellt werden zwischen dem, was den Juden im Zweiten Weltkrieg widerfahren ist, und der Katastrophe des palästinensischen Volkes. Diese Verbindung lässt sich jedoch nicht nur rhetorisch herstellen, oder als Argument, um die wahre Bedeutung des Holocaust wie auch des Jahres 1948 in Frage zu stellen oder herunterzuspielen. Beide dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden. Weder das eine noch das andere rechtfertigt die gegenwärtige Gewalt, und es darf weder das eine noch das andere verharmlost werden. Es gibt genug Leid und Ungerechtigkeit für jeden. Aber solange diese Verbindung nicht hergestellt wird, solange die jüdische Tragödie nicht als unmittelbare Ursache der palästinensischen Katastrophe gesehen wird – als ihre gewissermaßen »notwendige« (wenn auch nicht absichtlich herbeigeführte) Ursache –‚ solange werden wir weiter als zwei Gemeinschaften nebeneinanderher leben müssen, die unfähig sind, sich über das ihnen jeweils widerfahrene Leid auszutauschen. Das Versagen Oslos bestand darin, dass es in Begriffen der Trennung dachte, einer klinischen Teilung zweier Völker in getrennte, aber ungleiche Einheiten, statt zu begreifen, dass der einzige Weg, die endlose Eskalation der Gewalt und Entmenschlichung zu überwinden, darin besteht, die Universalität und Integrität der Erfahrung des anderen einzugestehen, so dass die Vorstellung eines zukünftigen gemeinsamen Lebens überhaupt erst möglich wird.

Es ist mir unmöglich, a) die Anwesenheit der Juden in Israel nicht vor allem als ein nachhaltiges Ergebnis des Holocaust zu betrachten, wie auch b) von ihnen nicht das Eingeständnis dessen zu fordern, was sie den Palästinensern 1948 und danach angetan haben. Das bedeutet, dass wir als Palästinenser von ihnen Anerkennung und Entschädigung verlangen, ohne damit in irgendeiner Weise ihre eigene Erfahrung von Leid und Völkermord abwerten zu wollen. Das ist die einzige Art gegenseitiger Anerkennung, die ihren Namen verdient, und die Tatsache, dass die derzeitigen Regierungen und politischen Führer zu solchen Gesten nicht fähig sind, zeugt von der Geistesarmut und Fantasielosigkeit, deren Folgen wir alle zu tragen haben. Juden und Palästinenser außerhalb des historischen Palästina können dabei einen konstruktiven Beitrag leisten, wie er den Bewohnern dieses Gebiets unter dem täglichen Druck von Besatzung und unmittelbarer Konfrontation nicht möglich ist. Der Dialog muss auf der hier diskutierten Ebene ablaufen und darf nicht von abgegriffenen Fragen politischer Strategie und Taktik geprägt werden. Hat man sich einmal klargemacht, dass im jüdischen Denken von Buber bis Levinas ein Nachdenken über die moralischen Dimensionen der Palästina-Frage so gut wie nicht vorkommt, begreift man, wie weit man gehen muss. Anzustreben wäre daher eine Vorstellung von Zusammenleben, die den Unterschieden zwischen Juden und Palästinensern gerecht wird, aber auch der Geschichte ihrer Auseinandersetzungen, aus denen sie so ungleich hervorgegangen sind und die sie dennoch verbinden.

Es kann keinen höheren ethischen und moralischen Imperativ geben als Diskussionen und Dialoge hierüber. Wir müssen die jüdische Erfahrung mit allem, was sie an Schrecken und Angst zur Folge hat, akzeptieren; wir müssen aber auch fordern, dass unsere Erfahrung nicht weniger Beachtung findet, wenn auch vielleicht auf einer anderen Ebene. Wer würde Massenvernichtung moralisch mit Massenenteignung gleichsetzen? Allein der Versuch wäre töricht. Aber beide hängen – was etwas ganz anderes ist – zusammen in dem Kampf um Palästina, in seiner ganzen Unnachgiebigkeit, mit seinen so unversöhnlichen Elementen. Ich weiß, dass es wie eine Zumutung wirken muss, von vergangenem jüdischen Leiden zu sprechen, während nach wie vor palästinensisches Land genommen wird, während man weiterhin unsere Häuser zerstört und unsere tägliche Existenz von Demütigungen und der Unterdrückung bestimmt ist, die uns Israel und seine vielen Unterstützer in Europa und insbesondere den USA aufzwingen. Ich vermag auch nicht den Gedanken zu akzeptieren, wonach der Zionismus durch die Beschlagnahmung unseres Landes die Geschichte der Juden erlöst haben soll, und niemals werde ich mich stillschweigend mit der Enteignung des gesamten palästinensischen Volkes abfinden. Ich kann jedoch nachvollziehen, dass die Qualen des Holocaust bei seinen Opfern Deformierungen hervorgerufen haben, deren Auswirkungen heute die Opfer des Zionismus zu spüren bekommen, die Palästinenser. Zu verstehen, was den Juden in Europa unter den Nazis widerfahren ist, heißt, das Universelle einer menschlichen Erfahrung unter schrecklichen Bedingungen zu verstehen. Es bedeutet Mitleid, menschliche Sympathie und tiefsten Abscheu vor der Vorstellung, Menschen aus ethnischen, religiösen oder nationalistischen Gründen zu töten.

Ich knüpfe an ein solches Verstehen, an solches Mitleid keine Bedingungen: Man empfindet sie um ihrer selbst willen und nicht, um politischen Profit daraus zu ziehen. Einem solchen Fortschritt im Bewusstsein der Araber sollte gleichwohl mit der gleichen Bereitschaft zu Mitleid und Verständnis seitens der Israelis wie auch ihrer Unterstützer begegnet werden, die alle möglichen Ausflüchte vorbringen und jede Verantwortung zurückweisen, wenn es um Israels zentrale Rolle bei der historischen Enteignung unseres Volkes geht. Das ist beschämend. Man kann auch nicht einfach (wie viele zionistische Liberale) sagen, wir sollten die Vergangenheit vergessen und als zwei getrennte Staaten weiter existieren. Das wird den jüdischen Erinnerungen an den Holocaust genauso wenig gerecht wie den Palästinensern, deren Enteignung durch Israel fortbesteht. Die unbestreitbare Tatsache lautet, dass die jüdische und die palästinensische Erfahrung historisch, ja sogar organisch verbunden sind – sie zu trennen, hieße, eine jede von ihnen in ihrer Authentizität zu verfälschen. Wir müssen unsere Geschichte zusammen denken, so schwierig das sein mag, damit es eine gemeinsame Zukunft geben kann. Und diese Zukunft muss Araber und Juden in gleicher Weise einschließen, frei von allen Vorstellungen, die darauf abzielen, die eine oder andere Seite zu missachten oder theoretisch oder politisch auszuschließen. Darin liegt die eigentliche Aufgabe. Der Rest ist dann vergleichsweise einfach.

Al-Hayat, 5. November 1997

 

Quelle: Edward W. Said: Grundlagen des Zusammenlebens. In: Ders.: Das Ende des Friedensprozesses. Oslo und danach. Aus dem Amerikanischen von Meinhard Büning. Berlin: Berlin Verlag 2002, S. 148-155.

 

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