
Durchblick 10+ – Die Mauerbrockenbande – K.H. Lotz – BRD/DDR 1990 – 90 min.
Sommer 1989. Noch vor dem Fall der Mauer flüchtet Marion mit ihren Eltern aus der DDR nach Berlin (West). Niemand hat sie gefragt, ob sie in den Westen will, und so wird Marion über Nacht aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, muss ihre Vergangenheit zurücklassen und findet sich in einem unwirtlichen Containerlager für Asylbewerber im Westteil Berlins wieder. In den beengten Räumlichkeiten nehmen nicht nur die Spannungen zwischen Eltern und Kind zu, es wächst auch die Sehnsucht nach den besten Freunden in der Heimat. Marion findet zwar im gleichaltrigen Jacek aus Polen einen neuen Gefährten – als sich jedoch am 9. November die Mauer zwischen Ost und West öffnet, ergreift sie immer häufiger die Flucht aus dem Lager, trifft ihre Freunde Sibylle und Gerd in Ost-Berlin wieder und betreibt einen schwunghaften Handel mit Mauerbrocken. Das Leben in der „offenen Stadt“ wird für sie zum Abenteuer, daher ist sie auch wenig erfreut, als die Eltern aus beruflichen Gründen nach Bayern umziehen wollen. Marion will sich nicht länger vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu lassen hat. Sie entwickelt die notwendige Stärke, um den Plänen der Erwachsenen ihre eigenen Vorstellungen entgegenzusetzen – und beschließt, alleine nach Ost-Berlin zurückzukehren.
Am Silvesterabend feiern die Freunde gemeinsam in Marions Wohnung. Alle haben unterschiedliche Wünsche und Sehnsüchte für ihre Zukunft. Entwurzelt, ohne Halt und Rahmen, müssen sie lernen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
„Die Mauerbrockenbande“ ist der erste Film, der nach dem Fall der Berliner Mauer in Zusammenarbeit von Produzenten aus der BRD und einem Stab aus dem DEFA-Studio für Spielfilme – der staatlichen Filmproduktionsgesellschaft der DDR – entstand.
Als Kommentar auf das aktuelle Zeitgeschehen der Novemberereignisse 1989 angelegt, musste das Drehbuch schnell geschrieben werden. Die Historie rund um den Mauerfall schritt rasch voran, die Ereignisse überstürzten sich. Die weitere Entwicklung hin zur Wiedervereinigung zeichnete sich zwar ab, war aber in ihren Details genauso wenig einschätzbar wie die Geschwindigkeit der Abrissarbeiten an der Berliner Mauer. Da an authentischen Orten in Berlin gedreht werden sollte, begann ein Wettlauf gegen die Zeit, so Regisseur Karl Heinz Lotz:
„Manchmal hatten wir Angst, ob am nächsten Drehtag die Mauer noch da sein würde.“
Quelle: Hamburger Abendblatt vom 11.09.1990, Ratzke, Angelika: „Spielfilm über die Mauerbrockenbande. Marion will nicht fort.“
Vor Originalkulissen und zeitnah zum Mauerfall produziert, dokumentieren die Filmemacher in „Die Mauerbrockenbande“ Ausschnitte ihrer Gegenwart und verleihen dem Ausdruck, was sie im Jahr 1989 sahen, hörten und erlebten. Als mediale Spiegelung der konkreten Lebenswirklichkeit zur Zeitenwende 1989/90 ist der Film somit auch ein Stück Dokumentation und zugleich tagesaktuelle Vergangenheitsbewältigung. Geistige Strömungen und Befindlichkeiten, politische und soziale Verhältnisse, Kultur und Alltagswelt des Wendejahres 1989 in Ost- und West-Berlin flossen in die filmische Form der Realitätsverarbeitung mit ein – und sind gewissermaßen Co-Autoren des Films.
Die Erstausstrahlung des Films im ZDF erfolgte am 11. September 1990 – und damit nicht nur vor der endgültigen Vereinigung zwischen BRD und DDR am 3. Oktober 1990, sondern auch exakt am ersten Jahrestag der Öffnung der ungarischen Westgrenze für DDR-Bürger. Zehntausende waren in den Tagen und Wochen nach dem 11. September 1989 über Österreich in die Bundesrepublik ausgereist – ein wichtiger Meilenstein im beginnenden Prozess der Auflösung der innerdeutschen Grenzen, Blockaden und Mauern sowie für die gesamteuropäische Entwicklung.

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Karl Heinz Lotz (*1946 in Teicha bei Halle) gehört zur Riege der letzten, durch die Verhältnisse gehandicapten DEFA-Regisseure, die als aktive Filmemacher in der DDR kaum zum Zuge kamen. Trotz Regiestudiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg konnte er erst nach fünf Jahren Regie-Assistenz seinen ersten eigenen Film vorlegen. Lotz drehte sowohl aufwändige Studioproduktionen als auch engagierte Gegenwartsstoffe, darunter neben Dokumentarfilmen immer wieder Kinder- und Jugendfilme. Besonders sein Film „Rückwärtslaufen kann ich auch“ (1990) erregte als erster Film der DDR, der sich mit dem Thema Integration von körperlich Behinderten auseinandersetzte, starke Aufmerksamkeit. Obwohl das Projekt bereits 1983 eingereicht worden war, konnte es erst sieben Jahre später, kurz vor dem Zusammenbruch der DDR, realisiert werden. Das auf wahren Begebenheiten beruhende Drehbuch wurde wie so viele andere künstlerische Werke von der staatlichen Administration nicht zur Verfilmung zugelassen.
Mit „Die Mauerbrockenbande“ ist Lotz der erste DEFA-Regisseur, der schon während der Maueröffnung einen Spielfilm dreht.
Karl Heinz Lotz übt an verschiedenen Hochschulen Lehrtätigkeiten aus, unter anderem an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, an der Hochschule für Theater und Musik Rostock und an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin.
Filmografie (Auswahl)