
Durchblick 10+ – Die Mauerbrockenbande – K.H. Lotz – BRD/DDR 1990 – 90 min.
„Die Mauerbrockenbande“ ist ein Fernsehfilm und lässt sich dem Genre des sogenannten Dokumentarspiels zuordnen. Das auch als Doku-Drama bekannte Format wurde insbesondere im ZDF von 1962 bis 1987 in einer eigenen Abteilung gepflegt und systematisch ausgebaut. Mit der Gestaltung großer zeitgeschichtlich-politischer Programme in einer darstellerischen Mischform aus Fakten und Fiktion sollte das Dokumentarspiel vor einem Millionenpublikum als politisches Forum mit bildungspolitischer Funktion wirksam werden und auf unterhaltsame Weise politische Bildungsarbeit leisten.
Das ZDF definierte das Dokumentarspiel als eine Sendeform, in der historische Ereignisse in Form einer Spielhandlung ohne Veränderung der belegbaren Fakten nachgestaltet werden. Auf realen Tatsachen basierend, wird der Zuschauer durch das Dokumentarspiel dazu befähigt, in der Filmhandlung vergangene Wirklichkeit zu entdecken und zu rekapitulieren.
Ausgangspunkt jedes Dokumentarspiels ist also das reale historische Ereignis, das anhand von Quellen nach wissenschaftlichen und journalistischen Maßstäben detailliert recherchiert und rekonstruiert wird. Als Grundregel des Dokumentarspiels gilt deshalb, sich niemals gegen die Faktizität der Quellen zu wenden. Die dichterische Freiheit des Autors ist insofern der Faktentreue der Geschichtshandlung und der Richtigkeit der geschichtlichen Informationen unterlegen. Im Dokumentarspiel soll der belegte Vorgang so rekonstruiert werden, wie er gewesen sein könnte.
Dabei werden oftmals Originalquellen wie Film- und Fotomaterial, Interviews, Kommentare bis hin zu ihrem originalen Wortlaut in die Filmhandlung integriert. Diese Einschübe in die Filmhandlung unterstreichen die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Films, werden allerdings auch deswegen verwendet, da die Nachproduktion dieser Bildinhalte finanziell und produktionsbedingt oftmals zu aufwändig wäre.
Auf Basis historischen Fachwissens wird eine Handlung nach Tatsachen konstruiert, wobei im direkten Vergleich mit dem Dokumentarfilmgenre jedoch nicht übersehen werden darf, dass die szenisch verdichtete Inszenierung zwangsläufig eine Vereinfachung der faktischen Informationen bedingt. Umfangreiche historische Stoffe können in eineinhalb Stunden nur perspektivisch und in Ausschnitten dargestellt werden, nie aber objektiv und allumfassend sein.
Mit der sachlich-faktischen Dokumentation gemein hat das Dokumentarspiel die quellenbedingte Abhängigkeit von der Authentizität. Es unterscheidet sich von der Dokumentation in einer durch die Dramatik des Spiels bedingten, größeren Affinität zum Emotionalen. Mit fiktionalen Formen wie dem Spielfilm teilt das Dokumentarspiel die szenische Darstellung des Gegenstandes in einer Spielhandlung.
Wenn man „Die Mauerbrockenbande“ als historische Quelle betrachtet, wenn man ausgehend von den Bildern beginnt selbst zu analysieren und zu recherchieren, wenn man sich genau ansieht, wie der Film als geschlossenes Ganzes funktioniert und man untersucht, was er uns über die deutsch-deutsche Geschichte erzählt, kann dies eine fesselnde und aufschlussreiche Reise werden, um die Vergangenheit und Zeitgeschichte zu erkunden.
Handlungsorte im Film verfügen über narrative Funktion, indem sie Stimmungen setzen, zur Einordnung der Figuren beitragen, Ort und Zeit charakterisieren.
In „Die Mauerbrockenbande“ bewegen sich die Heldinnen und Helden an authentischen Orten, die sozial, kulturell und historisch „aufgeladen“ sind und den dargestellten Ereignissen eine tiefere Bedeutung verleihen. Sie sind nicht nur als bloßer Bildhintergrund des Geschehens zu betrachten, sondern erzählen eigenständige Geschichten über Umstände und Gegebenheiten der deutsch-deutschen Geschichte.
Die Berliner Mauer


In langen, fast meditativ wirkenden Einstellungen, die den Erzählfluss für kurze Momente zum Stillstand bringen, zeigt der Film immer wieder die Berliner Mauer, den bis zu 4,20 Meter hohen Betonwall, der sich reichlich 28 Jahre lang wie ein Wundmal über 45 Kilometer quer durch das Häusermeer der großen Stadt und um West-Berlin herum zog. Für Marion, Sibylle und Gerd wird die Berliner Mauer zunächst zur unüberwindbaren Trennungslinie, durch die ihre Freundschaft einer ganz besonderen Belastungsprobe ausgesetzt wird. Der Weg in die Heimat und zum besten Freund ist versperrt, hoffnungslos-suchende Blicke über die Mauer werden zum Ausdruck des Vermissens und des Heimwehs. Erst der Mauerfall bringt Linderung und führt die entzweiten Freunde wieder zusammen. Gemeinsam bearbeiten und zerkleinern sie mit Hammer und Meißel die Berliner Mauer, das Symbol der deutschen Teilung sowie der deutschen Wiedervereinigung. Auch sie wollen dazu beitragen, dass die unbarmherzige Barriere für immer fällt, und in diesem solidarischen Akt signalisieren sie, dass ihre Freundschaft künftige Hindernisse und Widerstände gleich welcher Art überwinden kann.
Der politische Symbolgehalt der Berliner Mauer als Zeichen für die Unfreiheit der DDR-Bevölkerung, die Unüberwindbarkeit und ideologische Trennung der Gesellschaftssysteme in Ost und West während des Kalten Krieges, kommt im Film durch die Elterngeneration zum Ausdruck. Nur unter Lebensgefahr ist es Marions Eltern möglich, durch das im Mai 1989 in Ungarn entstandene Schlupfloch im „Eisernen Vorhang“ aus der DDR zu fliehen. Durch ihre „Abstimmung mit den Füßen“ bezeugen sie den abstoßenden Charakter des totalitären SED-Regimes, das seine Bewohner mit dem Bau der Berliner Mauer und der nahezu unüberwindbaren deutsch-deutschen Grenze abriegelte und einer gesamtdeutschen Perspektive beraubte.
Hintergrund
Der weltweit sicher bekannteste Abschnitt des DDR-Grenzsystems zum „Klassenfeind“ war die Berliner Mauer. Durch sie war West- von Ost-Berlin und den umliegenden Gebieten der DDR getrennt. Mit ihrem Bau wurde am Sonntag, dem 13. August 1961 begonnen – nur zwei Monate nach der Versicherung von DDR-Staatschef Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Mit dem geheimgehaltenen Bau der Grenzsicherung versuchte die DDR-Regierung, die Fluchtbewegung ihrer Bürger in den Westen zu unterbinden. Mehr als zwei Millionen Menschen hatten zwischen 1949 und 1961 die DDR Richtung Bundesrepublik verlassen, darunter vor allem junge und gut ausgebildete Leute. Für den proklamierten Aufbau der sozialistischen Gesellschaft war dies ein bedrohliches Problem, denn mit den qualifizierten Arbeitskräften gingen auch politisches Ansehen, wirtschaftliche und kulturelle Werte verloren. Nach dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“, wie die Mauer im offiziellen DDR-Sprachjargon hieß, war eine Flucht in den Westen nicht mehr so ohne weiteres und vor allem nicht ohne Lebensgefahr möglich. Die militärisch immer perfider gesicherte Sperranlage schränkte die Bewegungsfreiheit der Menschen massiv ein, beraubte sie ihres Rechts, das eigene Land ohne staatliche Genehmigung verlassen und wieder zurückkehren zu dürfen. Trotz der tödlichen Bedrohung versuchten DDR-Bürger immer wieder, in den Westen und damit in die Freiheit zu fliehen. Die genaue Zahl der Personen, die an der Berliner Mauer ums Leben kamen, ist schwer zu bestimmen. Nach Angaben der „Gedenkstätte Berliner Mauer “ waren es zwischen 1961 und 1989 136 Personen. Auch bei der Gesamtanzahl der Opfer an der innerdeutschen Grenze gibt es differierende Angaben: 270 wurden von der Staatsanwaltschaft Berlin nachgewiesen, 780 werden von der „Arbeitsgemeinschaft 13. August“ angeführt. Zehntausende sind bei Fluchtversuchen entdeckt, verhaftet und wegen „illegalen Grenzübertritts“ zu langen Strafen verurteilt worden.
Im Gegensatz zu dem mit einem hundert Meter breiten, mit Selbstschussanlagen und Tretminen versehenen und mit rund 11.500 Soldaten rund um die Uhr schwer bewachten „Todesstreifen“ auf Ost-Berliner Seite, war die Westseite der Mauer immer schon frei zugänglich. Hier wurde der graue Betonwall mit bunten Graffitis und Malereien von Künstlern, West-Berliner Bürgern und Touristen verziert. 1984 fand sogar ein offizieller Malwettbewerb unter Beteiligung internationaler Künstler auf West-Berliner Seite statt. Parallel zum Abriss setzte sich die Bemalung der Mauer 1990 fort. Doch das Symbol der Teilung sollte nach der Öffnung der Grenzen am 9. November schnell verschwinden. Der Abbruch von beiden Seiten ging dementsprechend rasch vonstatten; heute sind nur noch wenige Teile der Berliner Mauer (z.B. am Checkpoint Charlie, am Invalidenfriedhof, auf dem Leipziger Platz, im Mauerpark) erhalten.
Ein 1,3 Kilometer langes Stück zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke in Berlin-Friedrichshain wurde seit Februar 1990 von internationalen Künstlern bemalt und erhielt die Bezeichnung „East Side Gallery“. Aus den Resten des „antifaschistischen Schutzwalls“ war hier die größte Open-Air-Gallery der Welt geworden. Das längste noch erhaltene und unter Denkmalschutz stehende Mauerstück ist mit seinen 105 Kunstwerken zum 20. Jahrestag des Mauerfalls originalgetreu renoviert worden. Die „East Side Gallery“ soll zukünftigen Generationen als Mahn- und Gedenkstätte dienen.
Das Stasi-Gefängnis „Lindenhotel“ in Potsdam
Mit der Besichtigung des Stasi-Gefängnisses in Potsdam, das Familie Struck aufgrund einer Radiomeldung über die Niederlegung des Geländes aufsucht, lenkt „Die Mauerbrockenbande“ das Augenmerk auf eine der wohl dunkelsten und grausamsten Seiten des totalitären Unrechtsstaates DDR. Das Gefängnis in der Lindenstraße in der brandenburgischen Landeshauptstadt wurde von Häftlingen selbst „Lindenhotel“ genannt und repräsentiert eines von insgesamt 16 Bezirksgefängnissen, die vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR genutzt wurden. Mit eindrucksvollen Bildern der Haftanstalt und einer Frage-Lawine aus Kläusis neugierigem Kindermund lässt der Film schauderhafte Ahnungen einer Terrorstätte emporsteigen, in der tausende Menschen zu Opfern kommunistischer Gewaltherrschaft wurden.
Hintergrund
Wie wenige andere Orte in Deutschland stehen die ehemaligen Untersuchungshaftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) für die Geschichte politischer Verfolgung, politischer Justiz und der Opfer politischer Gewalt in der DDR. An diesen Orten des Terrors waren Andersdenkende den menschenrechtswidrigen Haftbedingungen, den zermürbenden Verhörmethoden und dem psychischen Druck der Staatssicherheit schutzlos ausgesetzt. Das Prinzip der Isolation war bevorzugtes und zugleich wichtigstes Mittel der Psycho-Folter. Die Menschen verschwanden hinter Schloss und Riegel, keiner außer den Vernehmern sprach mit den Gefangenen, Sichtkontakt zu anderen Inhaftierten war streng verboten, zur Außenwelt gab es keinerlei Kontakte. Ohne den Beistand von Anwälten war das Leben der Häftlinge einem gleichsam allmächtigen Staatsapparat ausgeliefert. Durch die Strategie der psychologischen Folter sollten die „Systemfeinde“ mental zerstört werden, bis sie „auszupacken“ begannen und für das Ministerium für Staatssicherheit verwertbare Aussagen machten.
Im Potsdamer Bezirks-Gefängnis wurden bis zur Wende 7.000 Menschen eingesperrt, Frauen und Männer, zwei Drittel davon waren nicht älter als 30 Jahre. Die Gründe der Inhaftierung waren zumeist banal und willkürlich: „2.000 wollten aus der DDR fliehen oder halfen anderen dabei. Bei 1.600, zumeist religiös-aktiven Menschen, lautete der Vorwurf ‚Spionage‘. 900 Verhaftete hatten Kritik am Mauerbau oder an der Niederschlagung des ‚Prager Frühlings‘ im Jahr 1968 geübt, ihnen wurde ‚staatsfeindliche Hetze‘ vorgeworfen. 750 Menschen wurden in Verbindung mit einem Ausreiseantrag verhaftet.“
Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 22.02.07. „Jedes Opfer ist einmalig“ www.pnn.de/titelseite/52437/ (Stand: 14.06.09)
Im Herbst 1989 gab es noch immer knapp 3.000 politische Gefangene, und nicht wenige der inhaftierten Stasi-Opfer leiden bis heute unter den Folgen des Psycho-Terrors durch das Ministerium für Staatssicherheit, das sich als „Schild und Schwert“ der Partei verstand.
Das heute wohl bekannteste Mahnmal für die Opfer des Haftregimes in der DDR und der kommunistischen Gewaltherrschaft in Deutschland ist das zentrale Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Aber auch das Stasi-Gefängnis „Lindenhotel“ in Potsdam ist seit 1995 Gedenkstätte. Durch die friedliche Revolution des Herbstes 1989 erfolgte die Amnestie der dort Gefangenen und beendete die Inhaftierung aus politischen Gründen in der DDR. Die letzten politischen Häftlinge des „Lindenhotels“ sind vermutlich bis zum 11. November 1989 entlassen worden.
In „Die Mauerbrockenbande“ verfolgt Sibylles Vater eine Radiomeldung vom 5. Dezember 1989. An diesem Tag beschleunigten Potsdamer Bürgerrechtler mit einer Besichtigungs- und Kontrollaktion der MfS-Bezirksverwaltung und des Stasi-Gefängnisses den Auszug und das Ende der Staatssicherheit:
„Gestern hat das Bürgerkomitee in Potsdam das Staatssicherheits-Gefängnis, das mitten in der Stadt liegt und im Volksmund ’Lindenhotel’ genannt wird, in einer spontanen Aktion besetzt. Wegen der kürzlich erlassenen Amnestie waren die Zellen leer. Hier müssen Haftbedingungen wie im vorigen Jahrhundert geherrscht haben. Ehemalige Häftlinge sagten aus, ein ausgeklügeltes Signalsystem habe dafür gesorgt, dass jegliche Kontaktaufnahme der Häftlinge untereinander verhindert wurde. Potsdamer Bürgern wurde bei der Besichtigung der U-Haft klar, dass die hier Inhaftierten in totaler Isolation gehalten wurden. Aufgebrachte Bürger konnten nur mit Mühe daran gehindert werden, Einrichtungen, die solchen Psychoterror ermöglichten, zu zerstören. Es ist beabsichtigt, diese Stasi-Anstalt in ein Heimatmuseum umzuwandeln.“ [Timecode (TC): 0:56:53]
Mit Hammer und Meißel klopfen Marion und ihre Freunde nach Maueröffnung buntbemalte Betonstücke aus der Berliner Mauer. Jacek und Gerd haben die Möglichkeit erkannt, mit den handlich-kleinen Mauerbrocken Geld zu verdienen. Jacek braucht Geld für seinen Skilift in Polen, Gerd braucht Geld, um die Suche nach seiner Mutter zu finanzieren – und so verkaufen sie die Steine gewinnbringend an Touristen. Nach anfänglichen Zwistigkeiten um Preis und Standort an der Berliner Mauer, finden die Kinder dank Marions streitschlichtenden Fähigkeiten schnell zur „Mauerbrockenbande“ zusammen. Sie werden zu „Mauerspechten“ – und damit Teil eines Phänomens, das über Wochen und Monate hinweg an der innerstädtischen Berliner Grenze zu beobachten und zu hören war.
Das rhythmische, metallisch-hallende Hämmern prägte den Begriff „Mauerspechte“, den die Gesellschaft für deutsche Sprache (www.GfdS.de) – neben Reisefreiheit, Flüchtlingsstrom oder Begrüßungsgeld – mit in die Liste der Wörter des Jahres 1989 aufnahm. Denn wie Marion, Jacek, Dirk, Sibylle und Kläusi im Film, begannen hunderte von Menschen bereits einen Tag nach Öffnung der innerdeutschen Grenzen, mit Hammer und Meißel Segmente aus der Betonblockade zu lösen.
Zunächst handelte es sich bei diesen Aktionen um politisch motivierte Akte des Mauerzerstörens, durch das jeder seinen individuellen Beitrag zum Abbau des „antifaschistischen Schutzwalls“ leisten konnte. Bald waren die Mauerstücke jedoch auch als Andenken an das bedeutende historische Ereignis begehrt. So „bearbeiteten“ im Lauf der folgenden Wochen und Monate politisch Engagierte, Souvenirjäger und professionelle Händler die Berliner Mauer. Geschäftsfindige vermieteten Hammer und Meißel an Touristen, andere verkauften die bemalten Betonstücke an japanische und amerikanische Touristen. Dabei wurde die historische Mauerstrecke vom Checkpoint Charlie über den Potsdamer Platz und das Brandenburger Tor bis hin zum Reichstag unter den „Mauerspechten“ aufgeteilt, denn jeder versuchte, einen der günstigsten Plätze zu ergattern, um nahe an die Kundschaft zu kommen. Stellplätze für die Bauchläden wurden eine zeitlang sogar nachts bewacht, damit die Hierarchie nicht durcheinander geriet.
Am 27. November 1989 gab dann die DDR-Regierung den Abbau der Mauer bekannt, die Vermarktung wurde einem Außenhandelsbetrieb übertragen. Die Erlöse sollten ausschließlich humanitären Zwecken in der DDR zugutekommen. Teile der Mauer wurden als Kunstwerke verkauft und versteigert, einige Segmente auch an ausländische Regierungen, Museen und bedeutende Persönlichkeiten verschenkt.
„Deine Botschaft für Berlin – Geschichte mit Dominoeffekt“ – Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls gab es in Berlin eine ganz besondere „Mauersteinaktion“ für das „Fest der Freiheit“. Über tausend, mit Grußbotschaften aus aller Welt versehene „Mauersteine“ aus Styropor wurden am 9. November 2009 zwischen Reichstag, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz symbolisch zur Mauer aufgebaut und nach dem Dominoprinzip wieder niedergerissen. In einer Deutschlandtournee wurden die Styropormauern von Schulklassen, Kindern und Jugendlichen sowie anderen Interessenten bemalt und künstlerisch gestaltet. Daneben gingen ca. 20 symbolische Steine auf internationale „Mauerreise“ mit dem Goethe-Institut, um den nationalen Fokus auf weiter bestehende Mauern in der Welt zu öffnen. Ihr Ziel: Korea, Zypern, Jemen und andere Orte, wo Teilung und Grenzerfahrung den Alltag prägen. Dort wurden die Steine für Künstler, Intellektuelle und Jugendliche zum Anstoß für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Mauer. Die Mauerreise ermöglichte so den globalen Austausch über geteilte Gesellschaften und die künstlerische Gestaltung von Symbolen der Teilung und Abschottung. An Stelle der nationalen Perspektive tritt der globale Austausch. Die Aktion wurde von internationalen Medien und Prominenten begleitet. Selbstverständlich beteiligte sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit als Botschafter an der Aktion. Er hatte bereits Mauerteile nach Istanbul gebracht und einen der überdimensional großen, bemalten Dominostein in Paris entgegen genommen.
Links zur „Mauersteinaktion“:
www.mauerfall09.de/dominoaktion/index.html
www.goethe.de/ges/prj/mar/deindex.htm
„Die Mauerbrockenbande“ nutzt neben inszenierten Szenen auch dokumentarisches Material, das zur Vergegenwärtigung der historischen Ereignisse beiträgt und der Filmhandlung einen authentischen Rahmen verleiht. Nachrichten aus Radio und TV, dokumentarische Filmaufnahmen und Spielszenen mischen sich in „Die Mauerbrockenbande“ so zu einer Collage, die den zeitgeschichtlichen Kontext des Jahres 1989 auf verschiedenen Ebenen verarbeitet und auf markante Ereignisse verweist, die als Wegbereiter zum Mauerfall und zur Deutschen Einheit gelten.
Sommer 1989
Belagerung der Deutschen Botschaft in Prag
Schlüsselszene [TC 0:04:23]
Marion und ihre Eltern erkunden nach erfolgreicher Flucht in den Westen die Berliner Shoppingmeilen. Im Schaufenster-TV eines Elektro-Fachgeschäfts wird über den Ansturm tausender DDR-Bürger auf die Deutsche Botschaft in Prag berichtet.
Tondokument, On-Screen:
„Die Menschen waren heute ziemlich in Unruhe, weil die Gerüchte, man müsse vielleicht noch Monate warten, die Familien verunsichern. Die sanitären Verhältnisse in der mit 2.000 DDR-Flüchtlingen total überfüllten Botschaft in Prag sind katastrophal. Vor allem für Neuankömmlinge steht meist kein Schlafplatz zur Verfügung. Betten stehen im Freien und nur Plastikplanen schützen die Flüchtlinge, die dort schlafen, vor Wind und Wetter.“
[O-Ton eines DDR-Bürgers in Prag:] „Die können jetzt sagen, was sie wollen. Wir glauben an nichts mehr, was die … versprechen. Viereinhalb Jahre ham se uns hingehalten und immer wieder hingehalten. Verschaukelt. Wir sind unmündig!“
Hintergrund
Die bundesdeutschen Botschaften und Konsulate in Budapest, Prag, Warschau und auch die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin wurden in den Sommermonaten 1989 von tausenden DDR-Bürgern förmlich überrannt. Die meisten hatten – schon vor Jahren – Ausreiseanträge gestellt, um der Perspektivlosigkeit des „real existierenden Sozialismus“ zu entfliehen. Der von Gorbatschow initiierten sowjetischen Öffnungspolitik von „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umbau/Umstrukturierung) hatte die SED-Führung eine recht deutliche Absage erteilt. Für Furore sorgte in diesem Zusammenhang insbesondere der durch SED-Politbüromitglied Kurt Hager gezogene „Tapetenvergleich“. Hager äußerte sich in einem Interview zu den Reformen der Sowjetunion und antwortet auf die Frage, ob sich nun auch die DDR wandeln wird mit den Worten: „Es scheint, dass westliche Medien an diesem Thema vom Kopieren interessiert sind, weil es in ihr Trugbild von der Hand Moskaus, von der angeblichen Einförmigkeit und Eintönigkeit des Sozialismus passt. Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“
Viele verloren nun endgültig den Mut, ihre Hoffnungen auf eine Demokratisierung der Gesellschaft schwanden völlig. Noch dazu, als öffentlich bekannt wurde, dass die SED-Regierung die Ergebnisse der Kommunalwahlen im Mai 1989 eindeutig manipuliert hatte.
Die Unzufriedenheit der DDR-Bürger erhöhte sich in bisher ungekanntem Ausmaß. Sie forderten Reformen, freie Wahlen, eine rechtsstaatliche Verfassung, Meinungs-, Rede- und Reisefreiheit. Demonstrationen und Proteste verstärkten sich von Woche zu Woche. Tausende sahen als einziges Ziel: Weg in den Westen, egal wie.
Doch das Grenzsystem der DDR war mittlerweile so perfektioniert, dass die Menschen kaum noch über die Mauer oder die innerdeutsche Grenze fliehen konnten. Im Mai 1989 öffnete jedoch der im Zuge der sowjetischen Reformen beginnende Abbau der Grenzanlagen im sozialistischen „Bruderland“ Ungarn den DDR-Bürgern einen neuen Fluchtweg. Hunderte nutzten das Schlupfloch, flüchteten über Ungarn nach Österreich oder suchten Zuflucht in den Botschaften der Bundesrepublik. In Budapest und Prag wollten sie ihre Ausreise erzwingen. Über die Zäune drängten sie auf das Gelände und in die Gebäude, die immer wieder wegen Überfüllung geschlossen werden mussten. Im Blickpunkt der Medien stand vor allem die Deutsche Botschaft in Prag, wo sich Anfang September bereits 3.500 Menschen aufhielten.
30. September 1989
Ausreisebewilligung in der Prager Botschaft / Balkonrede Hans-Dietrich Genscher
Schlüsselszene [TC 0:14:24]
Sibylles Eltern verfolgen die TV-Nachrichten.
Ton-Dokument, Off-Screen:
„Die Bemühung der Bundesregierung für die Zufluchtsuchenden im Rahmen einer humanitären, pragmatischen Lösung, die schließliche Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland zu ermöglichen, werden auf allen nur irgend sinnvoll erscheinenden Wegen fortgesetzt.
[O-Ton-Schreie:] „Freiheit, Freiheit!“.
[O-Ton Genscher:] „Wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise …“ [die Worte gehen in lautem Massenjubel unter]
Hintergrund
Während man die fluchtwilligen DDR-Bürger in Budapest am 11. September 1989 ohne weitere Formalitäten und ohne Absprache mit Ost-Berlin in den Westen reisen lässt, kommt die lang ersehnte Erlösung für die Flüchtlinge in Prag erst am 30. September 1989. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet den mittlerweile legendären Satz vom Botschaftsbalkon: „Wir sind gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre …“ Seine letzten Worte gehen in den Freudenschreien der fast 4.000 Botschaftsflüchtlinge unter. Der Druck, die Erwartungen und der Stress in den Wochen zuvor waren zu groß gewesen. Es war einer der emotionalsten Momente auf dem Weg der deutsch-deutschen Wiedervereinigung.
Mehr als 17.000 Flüchtlinge gelangen in den folgenden Tagen mit Sonderzügen und einem Umweg über DDR-Gebiet in die Bundesrepublik. Der Besetzungsstrom in der Prager Botschaft hält jedoch weiter an. Am 3. November schließlich gibt die DDR-Regierung nach und erlaubt die direkte Ausreise von der Tschechoslowakei. Innerhalb von zwei Tagen verlassen weitere 15.000 Menschen mit Zug, Auto oder zu Fuß ihr Land. Es ist der letzte Exodus vor der endgültigen Öffnung der Grenze am 9. November 1989.
Insgesamt kamen 1989 knapp 350.000 Menschen in die Bundesrepublik, davon allein 135.000 im November 1989 – dem Monat des Mauerfalls. In den Monaten Januar bis Juni 1990 folgten weitere 238.000 Menschen.
7. Oktober 1989
40. Gründungstag der DDR
Schlüsselszene [TC 0:11:56]
Dokumentaraufnahmen von den Staatsfeierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR.
Erich Honecker und Michail Gorbatschow winken in die Menschenmasse eines Fackelzuges der Freien Deutschen Jugend (FDJ).
Hintergrund
Scheinbar unbeeindruckt von den Ereignissen im Land und in den Botschaften, wurde der 40. Jahrestag der Gründung der DDR mit den gewohnten Staatsfeierlichkeiten begangen. Während es neben den offiziellen Feiern zu großen landesweiten, brutal aufgelösten Demonstrationen für Meinungsfreiheit und Reformen kommt, zitiert Erich Honecker auf der Festveranstaltung im Zentralkomitee eine Losung aus der Gründungszeit der DDR „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“. Auch Michail Gorbatschow weilt zu den Staatsfeierlichkeiten in Berlin. Auf einer Festveranstaltung im Zentralkomitee der SED würdigt der sowjetische Parteichef zwar die Leistungen des Bruderlandes, betont aber auch die Richtigkeit des von ihm angestrebten Reformkurses. Dass Honecker darauf nicht reagierte, kommentierte Gorbatschow mit deutlichen Worten. Ihm in den Mund gelegt wurde der Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Diesen Satz hat aber – nach Auskunft des damaligen Dolmetschers – Gorbatschow so nicht gesagt.
Die DDR-Führung war nie bereit und vielleicht auch nie in der Lage, grundlegende, offensichtliche Schwächen des eigenen Systems als Ursache der Fluchtbewegung anzuerkennen und dementsprechend zu ändern. Aus Sicht der DDR waren angebliche Abwerbungen von Seiten der Bundesrepublik, eine behauptete DDR-Hetze in den West-Medien und die Illusion der Ostdeutschen vom „Goldenen Westen“ für die Abwanderung verantwortlich. So prangerte Honecker „die zügellose Verleumdungskampagne, die derzeit international koordiniert gegen die DDR geführt wird (…)“ an, unterstellte der Bundesregierung einen Menschenhandel, durch den friedliche DDR-Bürger mit allen Mitteln in den Westen gelockt oder sogar verschleppt würden, und erklärte arrogant, dass man den Republikflüchtigen „keine Träne nachweinen“ dürfte, da sie „die moralischen Werte mit Füßen getreten“ und sich selbst aus der Gesellschaft ausgegrenzt hätten.
18. Oktober 1989
Rücktritt Erich Honeckers
Schlüsselszene [TC 1:08:00]
Auf dem Schulhof lässt ein Schüler unter Lehrerprotest einen Lenkdrachen in die Lüfte steigen, auf dem das Gesicht Erich Honeckers abgebildet ist. Musikalisch begleitet wird diese symbolträchtige Szene mit einer wabernden Ein-Ton-Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik, deren schräge Klänge Honeckers politischen Absturz assoziieren.
Diese allegorische Szene verweist darauf, dass im Arbeiter- und Bauernstaat ein „anderer Wind“ weht, denn der DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker verliert im Zuge eines Machtwechsels den sozialistischen Boden unter den Füßen.
Hintergrund
Konfrontiert mit den Liberalisierungstendenzen in Osteuropa, einer massiven außenpolitischen Kritik, mit großen Flüchtlingswellen und einer zunehmend starken Opposition öffentlich demonstrierender Bürger, befand sich die DDR-Regierung in einer schweren Krise. Einige Politbüro-Mitglieder um Egon Krenz und Günter Schabowski wollten dem Volk entgegenkommen, doch schnell wurde klar, dass dies mit dem „Überzeugungstäter“ Honecker nicht möglich war. Das Politbüro nötigte ihn deshalb am 18. Oktober zum Rücktritt. Da der gebürtige Saarländer der Schande einer Amtsenthebung zuvorkommen möchte, bittet er das Zentralkomitee der SED, ihn aus gesundheitlichen Gründen von den Ämtern des Generalsekretärs und des Staatsratsvorsitzenden zu entbinden. Egon Krenz wird sein Nachfolger – und Honecker am 3. Dezember aus der SED ausgeschlossen. Gegen ihn wird ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauchs und Korruption eingeleitet, 1990 zusätzlich ein Verfahren wegen Totschlags und versuchten Totschlags in insgesamt 68 Fällen aufgrund des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze. Am 30. Januar 1990 wird der einst mächtigste Mann der DDR aus der Haftanstalt Berlin-Rummelsburg entlassen und findet zunächst Privatasyl ausgerechnet bei einem evangelischen Pfarrer in den „Hoffnungstaler Anstalten“ in Lobetal, nur wenige Kilometer von Wandlitz entfernt. Danach bringt er sich im Militärhospital der sowjetischen Streitkräfte in Beelitz-Heilstätten in Sicherheit, bis er einige Monate später nach Moskau ausgeflogen wird. Als ihm dort die Auslieferung droht, setzt er sich in der chilenischen Botschaft in Moskau fest, wird nach längeren Verhandlungen dann aber doch an die Bundesrepublik ausgeliefert. Am 13. Januar 1993 wird der Haftbefehl gegen ihn wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten aufgehoben. Noch am gleichen Tag reist der schwer erkrankte Honecker nach Chile aus, wo er am 29. Mai 1994 stirbt.
9. November 1989
Pressekonferenz Günter Schabowski und Grenzöffnung
Schlüsselszenen [TC 0:27:26]
Ton-Dokument, Off-Screen
„Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der VP – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen.“
Mit großem Jubel werden die DDR-Bürger in West-Berlin begrüßt. Menschen, die sich jahrzehntelang nicht gesehen hatten, stehen sich plötzlich gegenüber und fallen sich um den Hals. Es herrscht emotionale Auflösung und Höchstbetrieb auf den mit Trabis und Menschen verstopften Straßen. „Die Mauer muss weg“-Parolen sind zu hören.
Hintergrund
Am 9. November 1989 unterläuft dem SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in einer internationalen Pressekonferenz ein folgenschwerer Versprecher, mittlerweile wird sogar vermutet, es könnte Absicht gewesen sein: Die neu formierte SED-Regierung hatte einen ersten Entwurf zur Lockerung des Reisegesetzes vorgelegt, um damit den Bedürfnissen der ausreisewilligen Menschen entgegenzukommen. Das Schreiben war von der Regierung noch nicht offiziell bestätigt worden, es handelte sich also nur um einen Vorschlag. Günter Schabowski war dies anscheinend nicht bewusst. So kündigte er eine neue Reiseregelung an, bei der Visa kurzfristig und ohne Voraussetzungen erteilt würden. „Versehentlich“ teilte er dadurch mit, dass die Mauer mit „sofortiger Wirkung“ für alle DDR-Bürger geöffnet war. Nun gab es keine Möglichkeit mehr, die Erklärung zurückzuziehen. Umgehend hieß es in den Medien, dass die Mauer mit „sofortiger Wirkung“ für alle DDR-Bürger geöffnet sei. Die Sätze führten am selben Abend zur Maueröffnung, da sie tausende Ost-Berliner veranlasste, zu den Grenzübergangsstellen zu ziehen und massiv deren Öffnung zu verlangen. Die Grenzbeamten wurden von den herbeieilenden Menschen überwältigt – und die Mauer war nach 28 Jahren gefallen.
Für die meisten Deutschen war der Fall der Mauer eine riesige Überraschung. Doch West-Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Walter Momper soll bereits am 29. Oktober 1989 von Politbüromitglied Günter Schabowski bei einem Geheimtreffen in Ost-Berlin erfahren haben, dass die DDR Reiseerleichterungen für alle plane. Berlin (West) sollte mit dieser Vorab-Information die Möglichkeit eingeräumt werden, sich auf den eventuellen Ansturm von DDR-Bürgern vorzubereiten.
Die Menschenmassen feiern diesen großen Tag mit Erleichterung. „Wahnsinn“ war das in allen Tonlagen meistgebrauchte Wort. Von nun an konnten die DDR-Bürger ohne Einschränkungen in den westlichen Teil Deutschlands und in andere Länder reisen.
Nach der Maueröffnung
Begrüßungsgeld
Schlüsselszene [TC 0:33:33]
»Schon lange vor acht Uhr standen die Gäste aus dem ‚anderen’ Deutschland Schlange, um das sog. ‚Begrüßungsgeld‘ in Empfang zu nehmen. Einzige Voraussetzung, um die 100 Mark zu bekommen, ist die Vorlage eines gültigen Personalausweises oder Reisepasses der DDR. Die Mitarbeiter in den Ämtern, Sparkassen und Bankfilialen schrieben sich fast die Finger wund, denn schließlich musste auch alles schriftlich festgehalten werden, damit kein Manko auftritt. [O-Ton einer Frau am Bankschalter:] „Dass ich das noch erleben kann! Wir sind och janz überrascht. Hier ist alles so großzügig!“«
Hintergrund
Das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 D-Mark war ein unterstützendes Gastgeschenk, das in der Bundesrepublik Deutschland jedem einreisenden Bürger der DDR aus Mitteln des Bundeshaushalts überreicht wurde. Nach Maueröffnung kam es zu erheblichen logistischen Problemen und chaotischen Szenen, als jeweils bis zu 10.000 Bürger der DDR gleichzeitig vor den Auszahlungsstellen Schlange standen. Viele der bundesdeutschen Grenzstädte waren dem Massenansturm der DDR-Bürger nicht gewachsen, und so begann für Hunderttausende Menschen der lang ersehnte Besuch im Westen mit Schlangestehen für das Begrüßungsgeld.
31.12.1989
Silvesterfeier am Brandenburger Tor 1989
Schlüsselszene [TC 1:23:33]
Silvesterfeier am Brandenburger Tor.
Ost- und West-Berliner feiern rund um das Brandenburger Tor den ersten gemeinsamen Jahreswechsel.
Hintergrund
Am 31.12. 1989 feiern Ost- und West-Berliner rund um das gerade am 22. Dezember wieder-eröffnete Brandenburger Tor ihren ersten gemeinsamen Jahreswechsel mit einer großen Jahrhundert-Party. Hunderttausende liegen sich dort in den Armen. Zu diesem Zeitpunkt war zwar die Mauer bereits gefallen und durch Mauerspechte löchrig geworden, allerdings bedeutete dies noch nicht, dass Ost- und Westdeutschland wiedervereinigt waren. Noch bestand die DDR, doch es war abzusehen, dass das System nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Die politischen Verhandlungen für eine endgültige Wiedervereinigung Deutschlands wurden bereits fortgesetzt. In den sogenannten Zwei-plus-Vier-Gesprächen (DDR, BRD, Sowjetunion, USA, Frankreich, Großbritannien) wurden die außenpolitischen Aspekte der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wie Grenzfragen, Bündniszugehörigkeit und Truppenstärke diskutiert. Unter dem Titel „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ verzichteten die Vier Mächte, die Hauptalliierten im Zweiten Weltkrieg, auf ihr Vorbehaltsrecht. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag, auch als Souveränitätsvertrag bezeichnet, wurde erst 1991 durch alle Vertragsstaaten – zuletzt am 4. März 1991 durch den Obersten Sowjet der UdSSR – ratifiziert. Bereits am 3. Oktober 1990 war zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik die offizielle (Wieder-)Vereinigung Deutschlands erfolgt, seitdem ist der Tag Nationalfeiertag.