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Misa Mi: Hintergrundinformation
Die Sami – Urvolk im Norden Europas

 

Rentierschlitten, Menschen in bunten Trachten und Fellschuhen mit gebogenen Spitzen, Mitternachtssonne und die Weite der Tundra – das sind Bilder, die gängige Vorstellungen von den „Lappen“, wie die Sami genannt wurden, geprägt haben. Folkloristische Impressio­nen, die nur Bruchteile ihrer vielfältigen Kultur transportieren und nichts erzählen von ihrer wechselvollen und oft von Unterdrückung geprägten Geschichte. Beginnen wir mit dem Namen. „Lap“ oder „Lapp“ stammt aus dem Schwedischen und Finnischen und wurde in viele europäische Sprachen übernommen (Englisch: Lapps, Französisch: Lapons, Spanisch: Lapones, Deutsch: Lappen). Eine der etymologischen Erklärungen geht auf das finnische Wort „lape“ zurück, das „Randgebiet“ (ländliche, zurückgebliebene Gegend) bedeutet. Im Skandinavischen bezeichnet „lapp“, ähnlich dem deutschen Wort „Lappen“, auch einen Stoff­lappen. Eine weitere Erklärung für die Bezeichnung der Sami als „Lappen“ wird darin gese­hen, dass sie aufgrund ihrer Armut vielfach geflickte Kleidung trugen. Die so abgeleitete Bezeichnung des Volkes der Sami wird als abwertend empfunden und die Bezeichnung „Lappe“ von den Sami deshalb abgelehnt. Sie selbst nennen sich in ihrer eigenen Sprache sábme. International hat sich in den vergangenen Jahren „Sami“ etabliert. Im Deutschen finden sich daneben die Varianten: Samen, Saami, Sámi.

Die Sami blicken auf mehrere Tausend Jahre Kultur zurück und zählen zu einem der größten indigenen Völker, die in Europa überlebt haben. Das Gebiet der Sami – die traditionell als Nomaden lebten und denen die Vorstellung von Landbesitz fremd war – erstreckt sich heute über die nördlichen Regionen vier moderner Staaten hinweg: Norwegens, Schwedens, Finn­lands und der russischen Halbinsel Kola. Oder vielleicht muss man richtiger sagen: Das Gebiet der Sami wurde im Zuge der geschichtlichen Entwicklung von diesen Nationalstaaten vereinnahmt. Vereinfachend wird es oft mit Lappland gleichgesetzt, geht aber weit über die Grenzen der historischen schwedischen Provinz Lappland hinaus und wird von den Sami selbst Sápmi genannt.

Heute befinden sich die Sami in ihrem Siedlungsgebiet fast überall in der Minderheit. Schät­zungen gehen von ca. 70.000 Sami aus – davon leben ca. 40.000 in Norwegen, ca. 20.000 in Schweden, etwa 6.500 in Finnland und rund 2.000 auf Kola. Eine offizielle Zählung gab es jedoch nicht und eine solche Erhebung brächte auch einige methodische Schwierigkeiten mit sich. Nach welchen Kriterien wird die Zugehörigkeit bestimmt? Unterdrückung, Diskriminie­rung und Zwangsassimilierung haben Spuren hinterlassen oder korrekter: Spuren, Traditio­nen und Identitäten verwischt und ausgelöscht. In Schweden wurden lange Zeit nur die der traditionellen Rentierzucht nachgehenden Sami als solche betrachtet. Sie stellen jedoch nicht mehr als 10% der samischen Bevölkerung. Von den insgesamt 70.000 Sami beherr­schen heute nur noch etwa 20.000 einen der samischen Dialekte bzw. Sprachen. Nord­samisch wird am häufigsten gesprochen und setzte sich in der traditionell oral geprägten Kultur auch als Schriftsprache durch, deren Rechtschreibregelungen erst in den 1970er Jahren festgelegt wurden. In einer Gesetzesinitiative, mit der Schweden Anfang der 1990er Jahre hinter Norwegen und Finnland nachzog und die Grundlagen für ein samisches Parla­ment schuf, wurden auch die Kriterien für die Zugehörigkeit definiert: Eine Person gilt dem­nach als Sami, wenn sie sich selbst so bezeichnet und wenn sie nachweisen kann, dass im eigenen Elternhaus oder dem der Eltern oder Großeltern Samisch gesprochen wurde.

Die Sami verstehen sich selbst als ein Volk, das durch gemeinsame Herkunft, Geschichte und kulturelle Wurzeln verbunden ist. Aber natürlich gibt es, ebenso wenig wie in Deutsch­land oder anderen Ländern, nicht die eine gleichartige samische Kultur, sondern viele regionale Ausprägungen. Auch sind die historische und die aktuelle Situation der Sami in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Der folgende Text kann deshalb nicht mehr als ein erster Überblick sein, der dennoch übergreifende Entwicklungen darstellt.

Herkunft

Die genaue Herkunft der Sami, die nicht ursprünglich mit den Skandinaviern verwandt sind, liegt noch im Dunkel der Geschichte. Kulturelle Verwandtschaft besteht mit einigen Völkern Nordeurasiens. Sprachlich haben die Sami in Europa – das Samische zählt zu den finno-ugrischen Sprachen – gemeinsame Wurzeln nur mit den Finnen, Esten und den Ungarn. Wann genau die Sami Fennoskandinavien besiedelten, ist ebenfalls umstritten. Manche Forschungshypothesen schreiben archäologische Funde, datiert auf das Ende der Eiszeit um 10.000 vor Christus, den Vorfahren der Sami zu. Andere gehen von späteren Zeiträumen aus. Als gesichert gilt, dass die Sami vor mehr als 2000 Jahren ein riesiges Gebiet besiedel­ten, das vom Weißen Meer im heutigen Russland bis zur Küste Norwegens, vom hohen Norden bis weit in den Süden Skandinaviens reichte und auch das ganze heutige Finnland umfasste.

Lebensweise

Die Sami lebten in so genannten siidat zusammen – sippenartigen Zusammenschlüssen mehrerer Familien. Als Jäger, Sammler und Fischer führten sie ein nomadisches Dasein, bestimmt durch die Wanderungen des Wilds. Rentiere und Elche wurden mit Speeren und Fanggruben gejagt – bei Ausgrabungen wurden ganze Fanggrubensysteme entdeckt. Das Rentier lieferte nicht nur Nahrung und Grundstoffe – Felle, Häute, Sehnen, Knochen – für die Herstellung von Kleidung und Alltagsgegenständen, sondern domestizierte Rene wurden auch als Lasttiere und Locktiere bei der Jagd eingesetzt, bevor sich die Rentierzucht als Existenzform entwickelte. Die Kote, ein Zelt, dem Indianer-Tipi nicht unähnlich, diente im Sommer, festere Hütten im Winter als Behausung. Die Kote ist heute, auch bei Rentierzüch­tern, fast verschwunden, dient nur noch in seltenen Fällen in den Sommermonaten als Unter­kunft. Die Führungsaufgaben einer siida wurden von einem Ältestenrat wahrgenommen. Eine weitergehende Organisations- oder Herrschaftsform kannten die als unkriegerisch beschriebenen Sami nicht. Wie bei anderen indigenen Völkern stand im Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns die Natur, als deren integraler Bestandteil sie sich verstanden. Die Natur war in ihrer Wahrnehmung belebt, in einem Stein konnte ein Geist wohnen, es gab heilige Orte, an denen Opfergaben dargebracht wurden. Die religiösen Führer waren Scha­manen, noaidi genannt. Mit ihren heiligen Trommeln trommelten und tanzten sie sich in Trance, traten in diesem erweiterten Bewusstseinszustand mit Göttern, Geistern oder den Ahnen in Verbindung und brachten Erkenntnisse oder Rat von diesen spirituellen Reisen mit. Trotz der extrem harten Lebensbedingungen, insbesondere nördlich des Polarkreises voll­brachten die Sami die Kunst, unter diesen unwirtlichen Bedingungen eine überlebensfähige Kultur im Einklang mit ihrer Umwelt aufzubauen.

Geschichte

Die Sami lebten so lange Zeit relativ ungestört. Erste Konflikte entstanden im Mittelalter mit den Wikingern, den germanischen seefahrenden Völkern des Nord- und Ostseeraums, mit denen sie später aber Handel trieben. So wurde ein kultureller Entwicklungssprung bewirkt, der beispielsweise zur Entstehung eines eigenen Währungssystems führte. Doch mit dem ausgehenden Mittelalter begann die Besiedlung der samischen Gebiete durch die sie umge­benden Völker bzw. Staaten, die bestrebt waren, ihre territorialen Ansprüche auszuweiten. Sie war verbunden mit einer oftmals rücksichtslos durchgesetzten Christianisierung, bei der etwa traditionelle heilige Stätten verwüstet und die noaiddit verfolgt und zur Herausgabe ihrer heiligen Trommeln gezwungen wurden. Die nomadisierenden Sami mussten zeitweise Steu­ern an mehrere Staaten zahlen. In der frühen Neuzeit, zwischen etwa 1500 und 1800 ange­setzt, manifestierten sich Ausdifferenzierungen der Lebensweise von nun sesshaften Sami, die entweder überwiegend von Landwirtschaft oder Fischfang lebten, und weiterhin nomadi­sierenden Sami. Die Rentierzucht im größerem Umfang entstand erst Anfang des 17. Jahr­hunderts, als aufgrund dezimierter Wildbestände einige Sami begannen, größere Anzahlen von Rentieren zu domestizieren und in Herden zu halten. Der wachsende Druck der Koloni­sierung durch die skandinavischen Staaten trieb viele Sami in den Norden, den die Skandi­navier aufgrund der extremen klimatischen Lebensverhältnisse mieden.

Eine weitere einschneidende Veränderung brachte die Industrialisierung in der zweiten Hälf­te des 19. Jahrhunderts und die Entdeckung und Ausbeutung der Rohstoffe in den Sami-Gebieten – Erze, Holz, Wasserkraft. Die Nationalstaaten verstärkten nun auch ihre Anstren­gungen, die Sami in die Gesellschaft einzugliedern, wobei unterschiedliche Strategien ge­wählt wurden, die von einer bisweilen diskriminierenden Segregationspolitik in Schweden bis zu Assimilierungsversuchen in Norwegen reichten. Schulbildung und Sprache waren wichti­ge Aspekte in der Assimilierungspolitik. In Norwegen war es beispielsweise von 1888 bis zum 2. Weltkrieg sogar bei Strafe verboten, in der Schule Samisch zu sprechen. Die Unter­drückung der Muttersprache hatte einen ganz wesentlichen Anteil am Verlust kultureller Identität und der damit einhergehenden Entstehung von Minderwertigkeitsgefühlen. Nur weil genügend Sami innerhalb ihrer Gemeinschaften und Familien an ihrer Sprache festhielten, konnte dieses Fundament ihrer Kultur überleben. Allerdings sprechen heute viele Sami der mittleren, aber auch der jüngeren Generation kein Samisch mehr. Deshalb ist die Bewahrung ihrer Sprache eines der zentralen kulturpolitischen Anliegen der samischen Bewegung. Mittlerweile erhalten samische Kinder Unterricht in ihrer Muttersprache, aber das wird nicht ausreichen, die Sprache lebendig zu erhalten, wenn sie im öffentlichen und kulturellen Leben außerhalb von Schule und Elternhaus und in den Medien kaum eine Rolle spielt.

Die Emanzipationsbewegung der Sami begann Anfang des 20. Jahrhunderts und schlug sich in der Gründung vor allem kultureller Vereinigungen nieder. Sie gewann jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg und unter dem Einfluss sich wandelnder Weltpolitik (z.B. Charta der Vereinten Nationen) an politischer Kraft, auch als Ausdruck eines gewachsenen samisches Selbstbewusstseins. 1956 gründeten Sami aus Finnland, Norwegen und Schweden den Samischen Rat (www.saamicouncil.net), um gemeinschaftlich die Vertretung ihrer Interessen voranzubringen. Ab den 1960er/70er Jahren zeichnete sich in den einzelnen Staaten Norwe­gen, Finnland und Schweden ein Politikwandel ab, indem das Recht der Sami auf ihre eige­ne Kultur anerkannt wurde. In allen drei Ländern entstanden Samiparlamente, das erste 1973 in Finnland, gefolgt von Norwegen (1989) und Schweden (1993), die jedoch vor allem beratende Funktion haben. Ein wichtiger Punkt auf der politischen Agenda der Sami bleibt jedoch die Festschreibung der angestammten Landrechte der Urbevölkerung, die beispiels­weise bis in die jüngste Vergangenheit miterleben musste, wie über ihre Köpfe hinweg über militärische, industrielle oder touristische Nutzung ihres Lebensraumes entschieden wurde. Noch Anfang der 1990er Jahre schränkte beispielsweise die schwedische Regierung per Gesetz die Land- und Wasserrechte der Sami ein und gestattete allen schwedischen Staats­bürgern das Jagen und Fischen in ihrem Gebiet, was verhinderte, dass die Sami gegen Überjagen oder -fischen oder die Beeinträchtigung der empfindlichen Rentierweiden durch Sportjäger vorgehen konnten. Hier sind in der Zwischenzeit Fortschritte gemacht worden und es wurden zumindest administrative Rechte an das Sami-Parlament übergeben. Ende der 1990er Jahre kam es in Schweden zu Konflikten zwischen Sami und Grundbesitzern um das Gewohnheitsrecht der Sami, im Winter ihre Rentiere in privaten und staatlichen Wäldern grasen zu lassen. Ein Konflikt um Landrechte, der auch in Finnland mit einer einflussreichen Forstwirtschaft geführt wird.

Die samische Musikerin Mari Boine zur Situation der Sami

Mari Boine, samische Musikerin aus Norwegen ist eine populäre „Botschafterin“ ihres Vol­kes. In ihrer Musik verbindet sie auch den jahrhundertealten traditionellen Joik-Gesang der Sami mit modernen Richtungen. In einem Interview äußert sie sich zur Situation der Sami (Quelle: Mari Boine – Mahnende Stimme mit Schamanentrommel und Powerbook. Ein Interview von Peter Bickel, 2006, www.nordische-musik.de/artikel/mari-boine.php):

(...) Deine Texte gehen oft über die Zerstörung der Natur in Deiner Heimat oder die
Diskriminierung der Sami. Hat sich die Situation in den letzten Jahren verbessert?

Was sich verbessert hat: Unsere Leute haben mehr Stolz entwickelt. Wir sind noch nicht so weit wie in Kanada oder in Alaska, aber in Norwegen gehen viele Dinge nun in die richtige Richtung. In Finnland dagegen gibt es noch massive Probleme. Finnland startet in dieser Beziehung auf dem Niveau, wo Norwegen vor 20 Jahren war. Die Situation in Schweden kann ich nicht vollständig beurteilen, aber sie wird etwa in der Mitte zwischen Norwegen und Finnland sein.

(Anmerkung des Autors: Kurz vor dem Interview lese ich, dass die schwedischen Südsami bislang bei den Nutzungsrechten alter Weidegebiete alle Gerichtsverhandlungen gegen die jetzigen Waldbesitzer verloren haben und neben den Gerichtskosten von zwei Millionen Euro Schadensersatz in Höhe von vier Millionen Euro zahlen müssen sowie 400.000 Euro für jedes Jahr, in dem sie die Weidegebiete nutzen.)

In Russland ändern sich einige Dinge, aber das Problem der Landrechte ist noch immer un­gelöst. Insgesamt entwickelt sich alles in die richtige Richtung, aber das Wichtigste ist wie gesagt, dass unsere Leute stärker und selbstbewusster werden und offener darüber spre­chen, wie man sich als kolonialisiertes Volk fühlt. (…)

Habe ich den Song »Reindeer Of Diamond« so richtig verstanden, dass eine Gesellschaft in Nordskandinavien Diamanten suchen wollte und die Rentiere deshalb vertrieben werden sollten?

Es ist jetzt etwa acht Jahre her: Eine Gesellschaft kam, um dieses Projekt zu realisieren; sie hatte die Rechte dazu. Sie kamen da mit ihren, ihren ... (sie sucht nach dem englischen Wort für Bagger) Gerippen aus Stahl, aber der samische Präsident und viele samische Politiker stoppten das Projekt. Natürlich sind da eine Menge Mineralien, Diamanten, und wenn wir nicht aufpassen ... Diese Gesellschaften gibt es auf der ganzen Welt; sie sind nur auf Geld aus, und um zu graben, müssen sie riesige Landschafts-Areale der Sami ruinieren. Der Song ist natürlich auch eine Metapher für andere Dimensionen: Wenn Du etwas hast, einen »Diamanten«, musst Du ihn hüten und auf ihn aufpassen. (...)

Aber über diese Probleme Deines eigenen Volkes singst Du kaum?

Das stimmt, aber in einigen Texten sind versteckte Hinweise. Und ich habe Songs über den Alkoholismus und die hohe Selbstmordrate. Aber ich bin lange Zeit nach außen gegangen und habe über globale Probleme gesungen – in der Hoffnung, dass andere das auch tun und wiederum über uns singen.

Und es war für mich wichtig, spirituelle Musik zu machen über eher mystische Zusammen­hänge. Wenn man immer über Probleme und Dunkelheit und Schmerz singt, dreht man sich nur noch im Kreis. Natürlich ist das auch wichtig, aber ab einem bestimmten Punkt kommt man nicht weiter und wird davon nur wie in einer Spirale nach unten gezogen. Mit meiner Musik wollte ich die Zuhörer jedoch nach oben tragen. Doch ich denke, jetzt bin ich reif genug, über die realen Probleme meiner Gesellschaft zu singen.

Wie könnte eine Botschaft der Sami an die modernen Zivilisationen lauten?

Nicht zu vergessen, dass wir mit der Natur verbunden sind und dass das, was wir der Natur heute antun, die Zukunft unserer Kinder beeinträchtigt. Dass es ist die Hautaufgabe ist, unsere Gesellschaft lebenswert zu machen, und dass Materialismus nicht die Haupt-Religion ist. (...)

 

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