
Erinnert euch an die Szene im Film, in der Misa Gustav kennen lernt. Misa steht vor dem Laden, aus ihrem Kopfhörer klingt fetzige Musik, sie setzt ihre coole Sonnenbrille auf und betrachtet sich im Fenster eines Autos. Gustav muss lachen, als er sie sieht. Misa reißt ihre Sonnenbrille und den Kopfhörer runter und fragt verärgert:
Misa: Was lachst du so blöd!?
Gustav: Na ja, wie du aussiehst.
Misa: Und was ist daran so komisch?
Gustav: So läuft hier keiner rum.
Misa: Und wieso nicht? Was bist du denn für einer?
Gustav: Keiner von euch. Ich bin Same.
Gustav sagt das voller Stolz. Aber was ist das, ein Same?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, stürzen wir uns in ein historisches Abenteuer und reisen einige Tausend Jahre in der Menschheitsgeschichte zurück. Und wir bleiben nicht in Deutschland. Am besten nehmt ihr euch jetzt einen Atlas oder eine Weltkarte zu Hilfe und sucht im Norden Europas mal die Länder: Norwegen, Schweden, Finnland und die russische Halbinsel Kola.
Gefunden? Dann kann es jetzt weitergehen. Wir befinden uns in einer Zeit vor ungefähr 10.000 Jahren. Die Länder, die du dir eben auf der Karte angeschaut hast, gab es damals natürlich noch nicht. Es war ein weites, wildes und kaltes Land. Dann kamen die ersten Menschen dorthin. Manche Forscher sagen: Das waren die Vorfahren der Samen. Andere Forscher sagen: Nein, nein, die Samen kamen erst ein bisschen später. Hier gibt es also etwas, was man einen wissenschaftlichen Disput nennt. Aber das stört uns nicht, denn Tatsache ist: Die Samen gehören zu den ersten Menschen in diesem riesigen Gebiet, das sie selbst Sápmi nannten. Sie sind die Urbevölkerung im Norden Europas. Gustav ist also ein Nachfahre des Urvolks von Sápmi.
An Anfang waren die Samen Jäger, Fischer und Beerensammler. Sie wohnten in Großfamilien zusammen. Als Unterkunft diente ihnen im Sommer ein Zelt, Kote genannt, im Winter hatten sie festere Hütten. Diese Behausungen konnte man relativ einfach auf- und abbauen. Das war wichtig, denn die Samen lebten als Nomaden. Das bedeutet, dass sie nicht fest an einem Ort blieben, sondern umherzogen. Warum taten sie das? Weil sie den Wanderungen des Wildes folgten, das sie jagten und von dem sie lebten. Vor allem Elche und Rentiere. Die Rentiere wandern zwischen Sommer und Winter Hunderte von Kilometern zu ihren Weidegründen. Ihr müsst euch vorstellen, das Klima in Sápmi ist relativ kalt. Im Norden liegt bis zu 9 Monate lang Schnee. Da ist die Futtersuche nicht so einfach. Die Winterweiden der Rentiere sind südlich, da gibt es Wälder und nicht so viel Schnee. Die Rene finden hier Flechten als Nahrung. Die enthalten aber nicht so viele Nährstoffe. Deshalb ziehen sie im Frühjahr nach Norden in die weite Steppe oder Tundra. Gerade da, wo im Winter besonderes viel Schnee liegt, finden sie im Sommer die besten, nährstoffreichsten Pflanzen.
Irgendwann begannen einige Samen, die Rentiere nicht mehr nur zu jagen, sondern sie zähmten sie und fassten sie in Herden zusammen. Diese Samen wurden Hirten und Züchter. Sie begleiteten nun ihre Rentier-Herden auf ihren weiten Wanderungen. Das taten sie zu Fuß oder auf Skiern. Sie passten ihr Leben völlig dem Rhythmus der Tiere an. So lebten die Samen ein bestimmt oft hartes, aber friedliches Leben im Einklang mit der Natur. Wie wichtig ihre Rentiere für die Samen waren, das zeigt sich auch daran, dass es in ihrer Sprache – dem Samischen – Hunderte von Wörtern für das Ren gibt. Je nachdem, ob es ein männliches oder ein weibliches Tier ist, wie alt es ist, welche Farbe oder Geweihform oder sogar Charaktereigenschaften es hat, wird ein Rentier anders genannt.
Die Samen fühlten sie als Teil der Natur, die für sie beseelt war. In einem Stein konnte ein Geist wohnen. Es gab Stätten, zum Beispiel bestimmte Felsen, die sie als heilig betrachteten und wo Opfer dargebracht wurden – Rentiergeweihe oder Münzen. Ihre religiösen Führer waren Schamanen. Das waren Menschen mit besonderen geistigen Fähigkeiten. War die Gemeinschaft in Not und wurde der Rat der Götter oder Ahnen gebraucht, so wandte man sich an den Schamanen. Auf seiner heiligen Trommel spielte er sich selbst in Trance, eine Art Wachtraum. In diesem Zustand konnte er mit den Göttern in Verbindung treten oder in die Welt der Ahnen reisen – denn die Samen glaubten, dass die Toten in einer Parallelwelt weiterlebten.
Machen wir den Sprung zurück in die Gegenwart. Nehmt das Wort Sápmi mit – den Namen der Samen für „ihr“ Land. Aber dieses Land findest du nicht in deinem Atlas. Dort sind heute die Länder, die du vorhin gesucht hast: Norwegen, Schweden, Finnland und Kola als Teil Russlands. In diesen Ländern sind die Samen heute nur noch eine kleine Minderheit. Was ist passiert? Die Samen kannten keinen Landbesitz. Die Natur durften alle nutzen, aber niemand war ihr Besitzer. Die Samen kamen nicht auf den Gedanken, Zäune zu errichten oder Grenzen zu ziehen. Das aber taten andere. Die Nationen um sie herum begannen sich auszudehnen. Sie wollten ihre Gebiete und damit ihre Macht vergrößern und nahmen das Land der Samen allmählich in Besitz. Die Samen wurden immer weiter an den Rand gedrängt und ihre Lebensweise, Religion und Sprache unterdrückt. In Norwegen gab es beispielsweise eine Zeit, da durften die samischen Kinder in der Schule bei strengen Strafen ihre Muttersprache nicht sprechen. Viele Samen können heute kein Samisch mehr. Aber seit einigen Jahrzehnten ist das Selbstbewusstsein der Samen wieder erwacht. Sie besinnen sich auf ihre reichen kulturellen Wurzeln und kämpfen um ihre Anerkennung und ihre angestammten Rechte. (Karte Sápmi)
Die Rentier-Samen, die nie mit der traditionellen Rentierzucht aufhörten, konnten am besten einiges von der ursprünglichen Lebensweise bewahren. Aber auch sie arbeiten heute mit modernen Methoden. Einen kleinen Einblick gibt dir der Film „Misa Mi“. Da werden die Herden beispielsweise mit dem Helikopter zusammengetrieben. Die seit Urzeiten erfolgten Wanderungen der Rentiere zwischen Winter- und Sommerweiden gibt es aber noch immer. Die Züchter haben heute aber meistens feste Häuser bei den Sommer- und den Winterweiden. Das Zelt kommt nur noch selten zum Einsatz. Ein Höhepunkt ist jedes Jahr im Sommer die Markierung der Kälber – davon ist auch im Film die Rede. Dann werden die Rentiere, die auf den Weideflächen verstreut sind, zusammengetrieben. Jeder Züchter hat sein eigenes Zeichen, das seinen Kälbern ins Ohr geschnitten wird. Ihre Trachten tragen die Samen in der Regel nur noch bei besonderen Anlässen. Im Film trägt nur Akku traditionelle Kleidung. Aber diese Filmfigur scheint ja auch in besonderer Weise verbunden mit der uralten Kultur und überlieferten Weisheit der Samen.