
Durchblick 10+ – Blöde Mütze! – J. Schmid – D 2006 – 91 min.
Als Literaturverfilmung bezeichnet man einen auf einem literarischen Werk basierenden Film. Die Grundlage für eine filmische Adaption bildet meist ein Roman, aber es gibt auch Verfilmungen aus Erzählungen, Kurzgeschichten oder Comics. Das Drehbuch für die Literaturverfilmung weicht von der Buchvorlage ab. Da ein Film kürzer und knapper erzählt werden muss, als es beispielsweise ein Roman zulässt, werden oft Handlungsstränge weggelassen oder vereinfacht. Genauso ist es üblich, dass manche der Personen und ihre Dialoge, die in einem Buch vorkommen, in der Drehbuchversion erst gar nicht erscheinen. Auch ist es häufig so, dass nur bestimmte Teilaspekte eines Romans umgesetzt werden, entweder weil andere Aspekte sich filmisch nicht realisieren lassen oder aus dramaturgischen Gründen. Denn Filme funktionieren nach anderen Gesetzmäßigkeiten als Romane. Zudem hat jeder Regisseur seine eigenen künstlerischen Ansprüche und lässt individuelle Ideen oder Interpretationsansätze in ein filmisches Werk mit einfließen.
Regisseur und Drehbuchautor Johannes Schmid hat den Plot des Romans Blöde Mütze! von Thomas Schmid weitgehend beibehalten. Nebenfiguren wie Olivers Oma tauchen im Film nicht auf und auch die Klassenkameraden der drei Kids, die Martin auf Geheiß seiner Mutter zum Kennenlernen einladen soll, spielen im Film keine größere Rolle als die von Komparsen in den zwei Klassenzimmer-Szenen. Die familiären Konstellationen aus dem Buch wurden übernommen, nur haben fast alle Elternteile andere Berufe erhalten. Silkes Mutter etwa arbeitet im Roman als Apothekerin und verhält sich nicht so quirlig-jugendlich wie im Film sondern wie eine ganz normale sympathische Mutter. In Martins Familie ziehen die Eltern nach Bellbach, weil sein Vater als „Computerfritze“ hierher versetzt wurde, während die Mutter auf der Suche nach einer neuen Arbeit als Archivarin ist. Das Verhältnis von Martin zu seinen Eltern erscheint noch inniger als im Film, oder besser gesagt, es ist noch weniger vom Ablöseprozess geprägt. Obwohl Martin auch hier fühlt, dass er sich verändert. Im Kontext der Baseballmütze wird das gleich am Anfang sehr hübsch vermittelt: „’Na, mein Champignon’, sagte Papa manchmal im Spaß und zog Martin den Mützenschild ins Gesicht. Das fand Martin ziemlich kindisch. Eltern halten ihre Kinder immer für Kleinkinder. Zumindest immer für kleiner, als sie eigentlich sind. Wahrscheinlich, weil sie ihre Babys nicht gegen komplizierte Menschen eintauschen wollen.“1
Martin ist hier übrigens ein guter Schwimmer, er schlägt Silke vor, ein Floß zu bauen und bringt praktische technische Ideen ein. Im Film erklärt sich für die Zuschauer die lange stabile Freundschaft zwischen Silke und Oliver unter anderem darüber, dass sie im Jahr zuvor hier gemeinsam ein Floß gebastelt haben, was Silke Martin gegenüber erwähnt.
Olivers Vater ist hier ebenfalls ein Trinker, überdies schlägt er den Jungen manchmal. Sein Schicksal erscheint fast noch trostloser als im Film. Zwar kann er als Pförtner beim TÜV arbeiten, doch hat er durch einen Unfall ein Bein verloren und humpelt auf Krücken. Das erscheint im Buch härter und dramatischer, andererseits gibt es hier keinen Herzinfarkt, ein dramatisches Moment, das eher filmtypisch ist, zumal durch einen solchen Einschnitt der - in Film und Buch jeweils nur angedeutete - Weg zurück ins normale Leben plausibler erscheint.
Das Buch erzählt Kapitel für Kapitel, die übrigens immer mit witzigen Überschriften aus den Dialogen versehen sind, abwechselnd einmal aus der Perspektive von Martin, dann wieder aus der von Oliver. Ein Stück weit greift der Film diese Sichtweise mit den gelegentlichen Parallelmontagen zwischen den beiden Jungen auf.
Im direkten Vergleich zwischen Buch und Film fällt die stärkere Konzentration auf die drei Protagonisten im Film auf. Man könnte sagen, der Film sei „zugespitzter“, was natürlich mit den Herausforderungen des anderen Mediums zu tun hat. Gedanken der Jungen im Buch müssen reduziert oder visualisiert werden. Nichts ist langweiliger als eine dröge Off-Erzählung im Film, weil die Umsetzung nicht anders gelingen mag. Umso spannender erscheint es, dass eine Szene im Buch auch mal viel kürzer sein kann als im Film, wie in Arbeitsblatt 8 ersichtlich. Entscheidend dafür ist natürlich der beschreibende, knappe Satz im Buch „Martin erklärte Papa alles.“2
Aber auch darüber hinaus lässt sich hier erspüren, wie wichtig es im Film ist, Dinge dramatischer zu transportieren.
Nachdem der Film zusammen angeschaut wurde, könnte in der Klasse gemeinsam das erste und das letzte Kapitel des Buchs gelesen und dann gemeinsam überlegt werden, was davon im Film aufgenommen wurde und auf welche Art.
Arbeitsblatt 8: Roman und Drehbuch – ein Szenenvergleich
Arbeitsblatt 9: Fragen an den Kinderbuchautor Thomas Schmid
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1 Thomas Schmid: Blöde Mütze! Sonderausgabe mit Filmbildern. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2008, S. 8. © Friedrich Oetinger 1999.
2 Ebd., S. 72