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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Die Filmkapitel: Inhalt, Bilder und Kommentar

1. Prolog – Annäherung
Länge: ca. 3 Min.

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„Auch ruhiges Land, auch ein Feld mit ein paar Raben drüber, mit Getreidehaufen und Erntefeuern, auch eine Straße für Fuhrwerke, Bauern und Liebespaare, auch ein kleiner Ferienort mit Jahrmarkt und Kirchturm kann zu einem Konzentrationslager hinführen“. Der Kommentar nähert sich mit den Bildern der Kamera dem ehemaligen Gelände des Konzentrationslagers Auschwitz: Verfallene Baracken, Reste von Stacheldraht, verlassenes Gebiet, das untrennbar mit dem Ort des Nazi-Terrors verbunden sein wird.

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Es ist eine Annäherung an die Grauen, die den Menschen in allen nationalsozialistischen Konzentrationslagern angetan wurden: „Das Blut ist geronnen, die Münder sind verstummt, es ist nur eine Kamera, die jetzt diese Blocks besichtigen kommt.“ Bergen-Belsen, Dachau, Neuengamme, Ravensbrück lauten nur einige der Orte, die vorher einmal „Namen wie andere“ waren.

 

2. Der Weg in die Konzentrationslager
Länge: ca. 4 Min.

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Alles begann im Jahr 1933: Wie im Zeitraffer ziehen Bilder des einst mächtigen NS-Regimes vorbei. Die Aufmärsche von Wehrmachtsoldaten, SS-Männern und NSDAP-Mitgliedern sind ausgerichtet auf die politischen und geistigen Wegbereiter der Konzentrationslager: auf Adolf Hitler, den Führer; auf Heinrich Himmler, den Befehlshaber der SS und Architekten der KZ-Lager, auf Julius Streicher, den Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Die Musik, im Rhythmus der Eisenbahnräder, konterkariert die Einheit von Volk und Führer, wie sie die NS-Propaganda suggeriert: „Man braucht ein Volk ohne falsche Töne, ohne inneren Zwist, man geht an die Arbeit.“ Dazu gehört die Indoktrination der Jugend ebenso wie der Aufbau der Konzentrationslager. Die Orte des NS-Terrors sind für diejenigen gedacht, die nach der nationalsozialistischen Ideologie nicht dazu gehörten: politische Gegner, Menschen jüdischer Herkunft und andere „Volksfeinde“ nicht nur im Deutschen Reich. Bald sollten sich die Lagerbaracken auch mit denjenigen füllen, die nicht in die mit Krieg und Terror zu schaffende Neuordnung der Welt passen sollten: die sich widersetzende Zivilbevölkerung der überfallenen Gebiete, die Bürger der als „rassisch minderwertig“ angesehenen Nationen, die Juden Europas.

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Die Ausdehnung des KZ-Systems von 1933 bis 1945 wird symbolisch verkürzt auf die sich ausbreitende „Lagerarchitektur der Entrechtung“ auf dem Boden des Deutschen Reiches, in Österreich, Polen, Frankreich und andernorts: „Der Arbeiter aus Berlin, der jüdische Student aus Amsterdam, der Kaufmann aus Krakau, die Lyzealschülerin aus Bordeaux: sie alle ahnen nicht, dass ihnen in einer Entfernung von 1000 Kilometern bereits ein Platz zugewiesen ist. Und dann kommt der Tag, an dem ihre Blocks fertig sind.“ Auch wenn sich die Gründe und Umstände der Verhaftungen und Verschleppungen unterschieden, für jeden Einzelnen aus der „Masse der Festgenommen, Mitgenommenen, Mitgekommenen“ war es eine Ankunft bei „Nacht und Nebel“. Keiner von ihnen konnte einen Schutz beanspruchen, weder auf sein Recht auf Freiheit noch auf sein Leben.

 

3. Der Lagerkosmos – Entrechtung und Erniedrigung
Länge: ca. 7 Min.

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„Bei Tageslicht und Sonne“ sind die Bahngleise heute das Ziel der Touristen. „Langsam schreitet man sie ab – auf der Suche wonach?“ Nur wenige Bilder zeugen von der Grausamkeit des Lagers. Das Gesicht einer Frau mit vor Schreck aufgerissenen Augen ist gleich des Blickes, dem sich die Grausamkeit des Lagerkosmos eröffnet. Bereits die Einlieferung war für jeden Häftling ein Akt der Erniedrigung: „Unter dem Vorwand der Hygiene liefert die Nacktheit einen bereits Entwürdigten ein. Kahlgeschoren, tätowiert, nummeriert, eingestuft in eine zunächst unverständliche Rangordnung, in die blaugestreifte Lagertracht gesteckt.“ In allen Konzentrationslagen galt die Lagerordnung der SS, nach der die Persönlichkeit der Häftlinge mit der Kennzeichnung durch Nummer und Farbe der Einweisungskategorie ausgetauscht wurde. Das System der Kategorisierung schuf ein zusätzliches System der Ungleichheit und der Entsolidarisierung. „Weiter oben: der SS-Mann, der Unberührbare. Drei Schritte Abstand, wenn man mit ihm spricht. Ganz oben: der Kommandant. Er waltet den Bräuchen vor. Er tut, als ob er vom Lager nichts wüsste.“

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Anhand von Zeugnissen der Überlebenden wird der Alltag des Lagers als „Ordnung des Terrors“ lebendig: Wecken, Appell, Arbeit, oft Schwerstarbeit wie in den Baukommandos oder im Steinbruch, ungeschützt vor jeglicher Witterung, ausgesetzt ständiger Kontrolle, Schlägen und Verhöhnung, gehalten in einem Zustand des Mangels an Ernährung und Hygiene. Auch wenn die „andere Welt“ oft nur wenige Blicke entfernt hinter dem Stacheldraht lag, die Häftlinge waren für sie vergessen: „Die Wirklichkeit der Lager: die sie geschaffen haben, ignorieren sie, und die sie erleiden, können sie nicht fassen. Und wir, die wir nun zu sehen versuchen, was übrig blieb…“

 

4. Terror in den KZ-Lagern
Länge: ca. 6 Min.

Nach außen sichern Wachtürme, Stacheldraht und Wachmänner mit Gewehr im Anschlag den Lagerkosmos, der beinahe wie eine richtige Stadt von der SS geplant wurde, mit Häftlingslager und SS-Lager, mit Baracken, Lagergefängnis und Krematorium, aber auch mit Villen für die Kommandanten. Bürgerliches Familienleben und Ausflüge in den angelegten Wildparks existieren neben Folter, Bunker und Hinrichtungen: „Ein Appell kann Stunden dauern. Ein schlecht gebautes Bett: zwanzig Stockhiebe. Nur nicht den Göttern auffallen! Sie haben ihren Galgen, ihr Tötungsterrain.“ Die Häftlinge, die draußen als „Volksschädlinge“ verfolgt werden, gelten drinnen im Lager weniger als Menschen. In den Krankenrevieren wird nicht geheilt, im Gegenteil. Ärzte quälen und foltern die Häftlinge bei medizinischen Experimenten. Wer nicht mehr arbeiten kann, wird in die Gaskammern der Euthanasie-Mordanstalten geschickt: Schloss Hartheim bei Linz war eine dieser schrecklichen Stationen, deren eigentliche Bestimmung den Betroffenen bei Reisebeginn nicht verraten wurde: „Das Hartheimer Schloss, das man in Reiseautobussen mit Mattglasscheiben besichtigen fährt – man kommt nicht mehr zurück.“ Zu jeder Stunde allgegenwärtig ist den Häftlingen ihre letztmögliche Station im Lager, das Krematorium.

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Doch die letzte Kontrolle und Auslöschung des Menschen ist den Tätern nicht gelungen. Es gibt viele Spuren des Überlebenswillens, der Solidarität und der Versuche sich zu organisieren. „Man schnitzt Marionetten, Scheusale, man macht Schachteln. Man bringt es fertig zu schreiben, mit seinem Gedächtnis zu spielen… Man kann an Gott denken… Es gelingt sogar, sich politisch zu organisieren. Man kümmert sich um die am schwersten betroffenen Kameraden. Man gibt etwas von seiner Ration ab. Man gründet Hilfefonds.“ Dabei wurde jede heimlich geschriebene Tagebuchnotiz, jeder herausgeschmuggelte Brief, jede Form von Solidargemeinschaft und Widerstand schwerst bestraft. In jedem Konzentrationslager gab es den Bunker, das Lagergefängnis. Eine spezielle Form der Folter waren die Stehzellen. „Was hier vorgeht bedarf keiner Beschreibung. Die Zellen sind so berechnet, dass man weder stehen noch liegen kann; tagelang werden hier Männer und Frauen gewissenhaft gefoltert. Die Lüftungslöcher halten die Schreie nicht zurück.“

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5. Die Gaskammer
Länge: ca. 6 Min.

Das Jahr 1942: Die Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie erfasste den Lagerkosmos. Der Terror in den Konzentrationslagern diente dazu, den Massenmord noch effizienter durchzuführen. Die noch verbliebenen Kräfte der Häftlinge sollten bis zur letzten Lebensminute der Kriegsproduktion zugute kommen. Zugleich wurde der Lagerkosmos finale Station der geplanten Auslöschung jüdischen Lebens in Europa. In den Lagern, in den Gaskammern, sollte der Völkermord vollzogen werden. Die Vorbereitungen der Spezialisten unter der Führung von Reinhard Heydrich begannen im Jahr 1941. Exakte Pläne der Vernichtungsmaschinerie wurden aufgestellt und umgesetzt. Das System der Lager wurde um die Stätten der Vernichtung erweitert. Der Transport aller Juden in Deutschland und den besetzten Gebieten, derer man noch habhaft werden konnte, musste organisiert werden. „Man muss sich beeilen. Die Deportationen erfassen ganz Europa. Die Transporte verirren sich, halten, fahren weiter, werden bombardiert, kommen an.“

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Die Gaskammer, zu deren Bau die Häftlinge gezwungen werden, wird zum effizienten Mordinstrument: „Nichts unterscheidet eine Gaskammer von einem gewöhnlichen Block. Der Neuangekommene betritt einen Raum, den er für einen Duschraum hält. Man schließt die Türen. Man beobachtet. Das einzige Zeichen, aber das muss man ja wissen, ist die von Fingernägeln gepflügte Decke. Beton lässt sich erweichen.“ Die Produktivität hörte beim Töten noch lange nicht auf. Die neuen Krematoriumsöfen erreichten Tagesleistungen von mehreren tausend Leichen. „Alles wird verwertet. Ein Blick in die Vorratskammern, die Speicher der Kriegführenden. All das ist Frauenhaar, fünfzehn Pfennig das Kilo, man macht Stoff draus. Aus den Knochen wird Dünger gewonnen. Aus den Körpern, man bringt es nicht über die Lippen, aus den Körpern stellt man Seife her.“

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6. Die Befreiung
Länge: ca. 2,5 Min.

1945: „Die Lager dehnen sich aus, füllen sich, es sind Städte von 100.000 Einwohnern. Voll belegt.“ Auch das mörderisch genutzte Arbeitskräftereservoir der Häftlinge kann die Niederlage nicht verhindern, allenfalls hinauszögern. Die Opfer unter den Häftlingen sind groß: „Es mangelt an Kohlen für die Krematorien, an Brot für die Menschen. Auf den Lagerstraßen türmen sich die Leichen. Typhus.“

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Dann endlich nahen die Befreier. Sie bereiten der Tortur ein Ende, können die Überlebenden aber von dem grausamen Schaden, der ihnen bereitet wurde, nicht befreien. „Als die Alliierten die Tore öffnen, alle Tore, sehen die Überlebenden zu, ohne zu begreifen. Sind sie befreit? Wird das Leben, wird der Alltag sie wieder erkennen? Die Schuld der Täter bleibt weitgehend ungeklärt: „Ich bin nicht schuld, sagt der Kapo, Ich bin nicht schuld, sagt der Offizier. Ich bin nicht schuld. Wer also ist schuld?“

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7. Epilog – Wir, die wir vorbeisehen und nicht hören
Länge: ca. 1,5 Min.

An den damaligen Orten des Terrors ist das Vergangene noch gegenwärtig: „Während ich zu Euch spreche, dringt das Wasser in die Totenkammern; es ist das Wasser der Sümpfe und Ruinen, es ist kalt und trübe, wie unser schlechtes Gedächtnis. Auf den Appellplätzen rings um die Blocks hat sich wieder das Gras angesiedelt. Das Krematorium ist außer Gebrauch, die Nazimethoden sind aus der Mode.“ Der Ort vergegenwärtigt, dass das Vergangene wieder geschehen könnte, dass viele der Verantwortlichen nicht zur Verantwortung gezogen wurden, dass die damaligen Begleitumstände und Ideologien in anderer Form weiter existieren.

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Was bedeutet die Auseinandersetzug mit dem Vergangenen: mit den Verbrechen und dem Leid, mit der Schuld und Verantwortung? „Und es gibt uns, die wir beim Anblick dieser Trümmer aufrichtig glauben, der Rassenwahn sei für immer darunter begraben, uns, die wir dieses Bild entschwinden sehen und tun, als schöpften wir neue Hoffnung, als glaubten wir wirklich, dass all das nur einer Zeit und nur einem Lande angehört, uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt.“

 

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