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Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Über den Regisseur Alain Resnais

Alain Resnais. Zum Vergrößern bitte anklicken!Alain Resnais, geboren am 3. Juni 1922 in Vannes (Frankreich) als Sohn eines Apothekers, entdeckte während des Zweiten Weltkrieges den Film. Da er wegen seiner schwachen Gesundheit vom Militärdienst befreit worden war, konnte er in Paris am Institute des Hautes Etudes Cinématographiques eine Ausbildung als Cutter absolvieren. Später nahm er Schauspielunterricht und schloss sich der klassischen Theatergruppe „Les Arlequins“ an.

Nach Kriegsende arbeitete er als Schnitt-, Montage- und Regieassistent bei Nicole Védrès' Film „Paris 1900“ (1947-1948). Danach bekam er die Gelegenheit selbst Filme zu machen. Im Jahr 1948 drehte er mit Unterstützung des Produzenten Pierre Braunberger sein erstes Künstlerportrait über Van Gogh. In der Folge entstanden verschiedene Dokumentarfilme hintereinander, „Gauguin“ (1950) und „Guernica“ (1950), ferner eine antikolonialistische Studie über den Verfall der afrikanischen Kunst („Les statues meurent aussi“ (1951). Dann erhielt er den Auftrag für „Nacht und Nebel“, eine der wohl bekanntesten KZ-Dokumentationen. Sein erster Spielfilm folgte 1959 mit „Hiroshima mon amour“. In den folgenden Jahren wurde Resnais zu einem der wichtigsten Vertreter der Nouvelle Vague, des jungen intellektuellen Autorenkinos in Frankreich.

Alain ResnaisEin zeitgenössisches Rundfunk-Porträt aus dem Jahr 1966 über Alain Resnais' Bedeutung für das junge französische Kino der 1960er Jahre ist als Audio auf der DVD-Video-Ebene abzurufen.

 

 

 

Fotos:
© Francois Guillot, Getty Images
© Roger Viollet, Getty Images

Alain Resnais starb am 1. März 2014 im Alter von 91 Jahren

Wenigen Wochen zuvor feierte sein Film "Aimer, boire et chanter" ("Life of Riley") bei der Berlinale Premiere und wurde mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Bis zuletzt war dieser große französische Cineast, der bereits mit seinem ersten Spielfilm "Hiroshima mon amour" (1959) weltberühmt wurde, agil und kreativ. Beim BJF verdanken wir ihm den noch vor "Hiroshima ..." entstandenen Dokumentarfilm "Nacht und Nebel" (1955) über den Massenmord der Nazis in deren Vernichtungslagern.

Alain Resnais war ein begnadeter Filmregisseur, der gerade in seinen letzten Filmen mit Witz und stilistischer Eleganz nach originellen Erzählweisen suchte. Der Silberne Bär, mit dem Resnais kürzlich in Berlin ausgezeichnet wurde, war übrigens der Preis für den Film, der „neue Perspektiven der Filmkunst“ eröffnet. Chapeau!

 

Filmografie (Auswahl)

1947 Paris 1900 (Dokumentarfilm, nur Drehbuch)
1954 Les statues meurent aussi (Kurzfilm)
1955 Nuit et brouillard (Nacht und Nebel)
1959 Hiroshima, mon amour (mit Emmanuelle Riva)
1961 L'année dernière à Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad)
1963 Muriel (Muriel oder die Zeit der Wiederkehr)
1966 La guerre est finie (Der Krieg ist vorbei) (mit Yves Montand und Ingrid
          Thulin, nach der Romanvorlage von Jorge Semprún)
1968 Je t'aime, je t'aime (Ich liebe dich, ich liebe dich)
1974 Stavisky
1977 Providence (erster englisch-sprachiger Film)
1980 Mon oncle d'Amérique (Mein Onkel aus Amerika)
1983 La vie est un roman (Das Leben ist ein Roman)
1984 L'amour à mort (L'Amour à mort – Liebe bis zum Tod)
1986 Mélo
1989 I want to go home
1992 Gershwin (Dokumentarfilm über George Gershwin)
1993 Smoking / No Smoking (nach Alan Ayckbourn)
1997 On connaît la chanson (Das Leben ist ein Chanson)
2003 Pas sur la bouche
2006 Cœurs (Herzen, nach Alan Ayckbourn)
2009 Les herbes folles (Vorsicht Sehnsucht)
2012 Vous n’avez encore rien vu (Ihr werdet euch noch wundern)
2014 Aimer, Boire et Chanter (Life of Riley, nach Alan Ayckbourn)

 

Alain Resnais über „Nacht und Nebel“

Resnais äußerte sich in den Jahren nach der Produktion kaum über „Nacht und Nebel.“ Nachfolgend eine seiner wenigen Stellungnahmen zu diesem Film.

„Die Idee einen solchen Film zusammenzustellen, kam nicht plötzlich, über zehn Jahre nach den Ereignissen. Die Idee entstand vielmehr innerhalb des ‚Komitees für die Geschichte des zweiten Weltkrieges’, einer offiziellen französischen Organisation, die dem Büro des Ministerpräsidenten untersteht und eine eigene Kommission hat, die sich ausschließlich mit der Geschichte der Deportationen befasst. Sie steht mit allen Organisationen ähnlicher Art in der ganzen Welt in Verbindung. Dem Hersteller des Films stand durch die Hilfe dieses Komitees eine offizielle Dokumentation zur Verfügung, die folgenden Quellen entnommen war: den Archiven des eigenen Komitees, den Archiven der Deportiertenorganisationen, den Filmarchiven des Geschichtsdienstes der französischen und der alliierten Armee, den belgischen, holländischen, deutschen kriegsgeschichtlichen Instituten, den polnischen Archiven des Justizministeriums und dem Museum von Auschwitz und Majdanek.

Als Beispiel sei angeführt, dass das Register mit den durch die Totenschreiber des Lagers durchgestrichenen Namen der toten Häftlinge jederzeit im Amt für ‚Anciens Combattants’ in Paris eingesehen werden kann. In Auschwitz können – heute noch – nicht nur Tonnen von Menschenhaaren besichtigt werden, sondern auch die offiziellen Korrespondenzen der SS-Kommandanten mit den Firmen, die diese Haare verarbeiteten. In diesen polnischen Archiven und auch in den Akten des Nürnberger Prozesses sind jederzeit auch die offiziellen Schriftwechsel über den Bau der Krematorien und ihre Versorgung mit Zyklongas einzusehen.

Wer nicht daran glaubt, dass in den KZ-Lagern Experimente mit Menschen angestellt wurden, mag an das Bild des Arztes in dem Film ‚Nacht und Nebel’ erinnert werden. Es ist Dr. Clausberg. In seiner Korrespondenz mit Himmler bot er an, seine Kenntnisse auf gynäkologischen Gebiet im Sinne einer ‚negativen Demographie’ zu verwerten. Er hat sich erboten, jeden Tag mehrere tausend jüdische Frauen zu sterilisieren. Wer nicht daran glaubt, dass in den Konzentrationslagern das Gesetz der Massentötung durch Arbeit galt, dem sei geraten, nicht nur die amtlichen Unterlagen der Prozesse gegen verschiedene Industrielle kurz nach dem Kriege, sondern auch die Formulierungen aus den Akten eines neueren Prozesses – Wollheim / IG Farben – einzusehen, eines Prozesses, an dessen Ende IG Farben bereit war, 30 Millionen Mark an die Überlebenden zu zahlen. Um es noch einmal zu wiederholen: Wir können für alle Bilder und Passagen des Films Unterlagen beibringen. Nicht ein einziges Bild, kein einziges Dokument und keine Filmszene wurde nachträglich ‚gestellt’…

Es mag schwer fallen, daran zu glauben, dass das Unglaubliche wahr gewesen sein könnte, dass es über Jahre hinaus Wirklichkeit war. Aber die Weigerung, es anzuerkennen, allein vermag nicht nachträglich den unbeschreiblichen Schrecken zu zerstören oder aus der Welt zu schaffen.“

Quelle: Europäische Zeitung v. 25.6.1957, S. 8.; zitiert nach: Moltmann, Günter, Der Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“. Erläuterungen und Hinweise für seine Auswertung, Hamburg 1957.

 

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