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Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Der Kommentar und seine literarische Übersetzung

Anmerkungen zum Kommentartext von Jean Cayrol, übersetzt von Paul Celan

Die Übersetzung von Paul Celan hat ihren eigenen sprachlichen, ausdrucksstarken Charakter. Als der Film seine Verbreitung in Deutschland fand, wurde dem Text ein hoher Einfluss auf die Wirkung des Films beim Publikum zugesprochen. Veröffentlicht wurde die Übersetzung erst im Jahr 1970, im Todesjahr von Paul Celan. Der Kommentar zu „Nacht und Nebel“ war nicht die erste Übersetzung von Celan für Jean Cayrol. Sie lernten sich erst im Jahr 1954 kennen, im Produktionsjahr des Filmes. Paul Celan sollte aber erst den Roman von Cayrol „L’espace d’une nuit“ (1954) ins Deutsche übersetzen. Im September/Oktober 1956 übersetzte Celan dann den Kommentar zu „Nacht und Nebel.“ Was beide Schriftsteller miteinander verband, war die Verfolgungserfahrung durch das nationalsozialistische Regime. Beide Texte, das Original und die Übersetzung, sind immer wieder miteinander verglichen worden. Celans Fassung entspricht keiner wortwörtlichen, ist aber auch keine „freie Übersetzung“. Sie kann eher als eine wörtliche Entsprechung der Kommunikation mit dem Zuhörer/Zuschauer bezeichnet werden.

An einigen Stellen weicht Celan direkt vom Original ab, was auch der Synchronisation von Bild und Ton geschuldet sein mag, wie etwa zu Beginn des Films bei der Rede über das Gras, das das Gelände bedeckt. Hier kürzt Celan an mehreren Stellen innerhalb des Satzes: „Ein eigentümliches Grün bedeckt die müdegetretene Erde“. Bei der Antwort auf die Frage, wonach man im Gelände sucht, kürzt Celan in der Übersetzung „Nach einer Spur der Leichen?“ um eine konkrete Information. Denn im französischen Original geht der Satz noch weiter, und zwar um die grausame Ergänzung: „… die beim Öffnen der Waggontüren herausfielen“. Ein ähnliches Beispiel für die Entscheidung des Übersetzers, die detailliert bildliche Beschreibung weg- und die Assoziation offen zu lassen, ist die Passage, in der es um misshandelte Frauen geht. „Es sind Frauen darunter, die fürs Leben gezeichnet bleiben“. In einer vorherigen Fassung übersetzte er noch wortgetreuer: „Darunter sind solche, deren Fleisch gezeichnet ist fürs Leben, auch nach ihrer Rückkehr.“ Bei der Aufzählung der „unwissenden“ Opfer, die im Original „Burger“, „Stern“, „Schmulzki“ und „Annette“ genannt werden, streicht Celan deren Namen. So entscheidet er sich dafür, ihre Identität offen zu lassen und gegen das Aufzeigen der Beispielhaftigkeit und Diversität ihrer Herkunft. Andere Änderungen in der Übersetzung lassen sich mit Celans Vorliebe für eine deutliche Zeitbestimmung erklären, wie etwa die Hinzufügung des Wortes „einmal“ in dem Satz: „Struthof, Oranienburg, Auschwitz, Ravensbrück, Dachau, Neuengamme, Bergen-Belsen, das waren einmal Namen wie andre.“

An manchen Stellen verstärkt Celan die Aussage durch die Änderung der Wortfolge, wie in dem Satz „Die Züge sind vollgepfercht, verriegelt, hundert Verschleppte pro Waggon, kein Tag, keine Nacht, Hunger, Durst, Wahnsinn, Ersticken.“ Im französischen Original lautet die Abfolge dagegen „Ersticken, Wahnsinn“. „Ersticken“ ans Ende gesetzt, bedeutet die finale Steigerung der Schikanen und existenziellen Bedrohung. Celan nimmt aber auch Änderungen vor, die eine verallgemeinernde und damit auch abschwächende Wirkung zeigen, wie die Übersetzung „Großfahndung in Paris“. Der konkrete Ort des Lagers „Raflés du Vel-d’Hiv“ wird für das deutsche Publikum nicht mehr genannt, wie auch die im Originaltext vorgenommene Zuschreibung „französische Opfer“ und „deutsche Täter“. So umgeht Celan, ob bewusst oder nicht, die historische Umdeutung der konkreten Ereignisse des französischen Textes. In diesem fehlt, dass die Inhaftierung der Juden aus Paris mit Unterstützung von 300 bis 400 jungen französische Faschisten (Parti Popular Francois) erfolgt war. Bei den Razzien am 16. Juli 1942 wurden im Pariser Radsportstadion Vélodrome d’hiver, das auf dem Bild zu sehen ist, 12884 Juden zusammengetrieben. Celan verallgemeinert den Ort der Verfolgung auf die Situation der gesamten Juden in Paris.

In einigen Abweichungen kann allerdings auch auf Celans eigene Erfahrungen und Haltungen geschlossen werden: So übersetzt er „la vieux monstrieu…“ mit „Rassenwahn“ und nicht mit „das alte Ungeheuer der Konzentrationslager“ wie noch in der ersten Fassung. Er nimmt so klar Stellung gegen die rassistische Ideologie. An anderer Stelle übersetzt er „Herbsthimmel“ mit „Oktoberhimmel“. Dieses Wort setzt er erst in der letzten Textfassung vom 21.Oktober 1956 ein und damit übersetzt er auch die Gleichgültigkeit seiner Zeitgenossen gegenüber dem Holocaust in die historische Zeit.

In der DDR wurde die Übersetzung von Paul Celan abgelehnt. Dort entstanden drei weitere Sprachfassungen, zwei der DEFA und eine des DDR-Fernsehens.

Literatur:
Knaap, Ewout van der: Übersetztes Gedächtnis – Celans Fassung, in: ders., „Nacht und Nebel“. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte, Göttingen 2008, S. 189-208.

 

 

Der Text des Filmkommentars zu „Nacht und Nebel“ von Jean Cayrol / deutsche, literarische Übersetzung von Paul Celan

„Auch ruhiges Land, auch ein Feld mit ein paar Raben drüber, mit Getreidehaufen und Erntefeuern, auch eine Straße für Fuhrwerke, Bauern und Liebespaare, auch ein kleiner Ferienort mit Jahrmarkt und Kirchturm kann zu einem Konzentrationslager hinführen.
Struthof, Oranienburg, Auschwitz, Ravensbrück, Dachau, Neuengamme, Bergen-Belsen:
Das waren einmal Namen wie andere, Namen auf Landkarten und in Reiseführern.
Das Blut ist geronnen, die Münder sind verstummt, es ist nur eine Kamera, die jetzt diese Blocks besichtigen kommt. Ein eigentliches Grün bedeckt die müde getretene Erde.
Die Drähte sind nicht mehr elektrisch geladen. Kein Schritt mehr, nur der unsre.

1933, die Maschine setzt sich in Bewegung. Man braucht ein Volk ohne falsche Töne, ohne inneren Zwist.
Man geht an die Arbeit.
Ein Konzentrationslager, das wird gebaut wie ein Stadion oder ein großes Hotel; dazu gehören Unternehmer, Kostenvoranschläge, Konkurrenz, sicher auch Bestechungsgelder.
Kein vorgeschriebener Baustil,
Alpenhüttenstil,
Garagenstil,
Pagodenstil,
ohne Stil.

Architekten erfinden in aller Ruhe diese Tore, durch die man nur einmal hindurch kommt.
Inzwischen geht das Leben seinen Gang; der Arbeiter aus Berlin, der jüdische Student aus Amsterdam, der Kaufmann aus Krakau, die Lyzealschülerin aus Bordeaux: sie alle ahnen nicht, dass ihnen in Entfernung von tausend Kilometern bereits ein Platz zugewiesen ist. Und dann kommt der Tag, an dem ihre Blocks fertig sind
Und nur sie noch fehlen.
Aushebungen in Warschau,
Aussiedlungen nach Lodsch,
aus Prag, Brüssel, Wien, Athen,
aus Budapest und Rom,
Razzia in der französischen Provinz,
Großfahndung in Paris,
Deportierung von Widerstandskämpfern:
Die Masse der Festgenommenen, Mitgenommenen, Mitgekommenen tritt den Weg in die Lager an.

Die Züge sind vollgepfercht, verriegelt,
hundert Verschleppte pro Waggon,
kein Tag, keine Nacht, Hunger, Durst, Wahnsinn, Ersticken.
Eine Botschaft – manchmal wird sie aufgelesen. Der Tod hält seine erste Auslese.
Eine zweite folgt am Bestimmungsort, bei Nacht und Nebel.

Dieselbe Bahnstrecke heute: Tageslicht und Sonne. Langsam schreitet man sie ab – auf der Suche wonach?
Nach einer Spur der Leichen?
Oder nach den Fußstapfen der Auswaggonierten, die man mit Kolbenstößen in die Lager trieb, unter Hundegebell, von Scheinwerfern angestrahlt, im Hintergrund den Flammenschein der Krematorien – in einer jener Inszenierungen, wie sie die SS so liebte…

Ein erster Blick auf das Lager: ein anderer Planet.
Unter dem Vorwand der Hygiene liefert die Nacktheit einen bereits Entwürdigten ein.
Kahlgeschoren,
tätowiert,
nummeriert,
eingestuft in eine zunächst unverständliche Rangordnung,
in die blaugestreifte Lagertracht gesteckt,
der Kategorie „Nacht und Nebel“ zugeteilt,
mit dem roten Winkel der Politischen kenntlichgemacht,
stoßen die Deportierten zuerst auf die „Grünen“: die Berufsverbrecher, die Herren unter den Untermenschen.
Über ihnen: der Kapo,
fast immer: ein Krimineller.
Weiter oben: der SS-Mann, der Unberührbare. Drei Schritte Abstand, wenn man mit ihm spricht.
Ganz oben: der Kommandant. Er waltet den Bräuchen vor.
Er tut, als ob er vom Lager nichts wüsste…
Wer übrigens weiß schon etwas davon…?
Die Wirklichkeit der Lager: die sie geschaffen haben, ignorieren sie, und die sie erleiden, können sie nicht fassen. Und wir, die wir nun zu sehen versuchen, was übrig blieb…

Diese Holzblocks, diese dreistöckigen Baugestelle, diese Schlupflöcher, wo man Bissen herunterwürgte, wo selbst schlafen sich in Gefahr begeben hieß: kein Bild, keine Beschreibung gibt ihnen ihre wahre Dimension wieder: die ununterbrochene Angst.

Dazu gehört der Strohsack, der als Speisekammer und Tresor diente, die Decke, um die man sich schlug; dazu gehören die Denunziationen, die Flüche, die in sämtlichen Sprachen weitergegebenen Befehle. Die hereinplatzenden, plötzlich zu Schikanen aufgelegten SS-Männer.

Von Gefahren umlauerter backsteinfarbener Schlaf…

Der Dekor: Gebäude, die Ställe sein könnten, Scheunen, Werkstätten; ein verödetes Stück Land, ein gleichgültiger Oktoberhimmel:
Das ist alles, was uns bleibt,
um uns die Nacht hier vorzustellen, diese von Appellen und Läusekontrollen zerrissene, diese zähneklapppernde Nacht.
Es muss schnell geschlafen werden.
Man wird wachgeknüppelt, man sucht seine verschwundenen Sachen. Fünf Uhr früh. Appell. Die Rechnung stimmt nicht, die Nacht gibt die Toten nicht her.

Eine Musikkapelle spielt fröhliche Weisen, während es in die Fabriken und Steinbrüche geht.
Arbeit im Schnee, der sich rasch in eisigen Schlamm verwandelt. Der Frost wühlt in den Wunden. Arbeit in der Augusthitze bei Durst und Ruhr.
Mauthausen, die Treppe zum Steinbruch; sie hat dreitausend Spaniern das Leben gekostet.
Arbeit in den unterirdischen Betrieben.
Von Monat zu Monat graben sie sich tiefer in die Erde; sie töten. Sie tragen Frauennamen: Dora, Laura.

Aber diesen Arbeitern mit einem Körpergewicht von dreißig Kilo ist nicht zu trauen.
Die SS behält sie im Auge,
überwacht ihre Bewegungen,
durchsucht sie vor dem Rückmarsch ins Lager.
Ländliche Wegweiser zeigen jedem den Weg nach Hause an.
Der Kapo braucht nur noch seine heutigen Opfer zusammenzuzählen. Der KZ-Häftling hat jetzt nur einen Gedanken; denselben, der ihn bis in seine Träume verfolgt: essen.

Jeder Löffel Suppe ist unschätzbar.
Zwei, ja drei Zigaretten werden gegen eine Suppe getauscht.
Viele sind zu schwach, um ihre Ration zu verteidigen.
Sie warten, dass Schnee und Schlamm sich ihrer annehmen.
Endlich irgendwo liegen und ungestört sterben dürfen.

Die Abortanlage.
Diese Gerippe mit Kinderbäuchen – siebenmal, achtmal in einer Nacht müssen sie hierher. Die Suppe ist harntreibend. Wehe dem, der im Mondschein einem betrunkenen Kapo begegnet.
Hier behorcht und beäugt man sich, beobachtet man die bekannten Symptome; blutiger Stuhl bedeutet den Tod.
Hier wird heimlich gekauft, verkauft, getötet. Hier besucht man einander; tauscht man Nachrichten aus, wahre und falsche; bildet man Widerstandsgruppen.
Eine Gesellschaft nimmt hier Gestalt an. Sie ist vom Schrecken geprägt, aber immerhin etwas normaler als die Ordnung der SS, die in Sinnsprüchen wie diesen zum Ausdruck kommt:
„Reinlichkeit ist Gesundheit“
„Arbeit macht Frei“
„Jedem das Seine“
„Eine Laus dein Tod“.
Und ein SS-Mann?

Jedes Lager hat seine Überraschungen: ein Symphonieorchester, einen Zoo,
Treibhäuser, in denen Himmler zarte Gewächse zieht,
die Goethe-Eiche in Buchenwald. Man baut ein KZ, man respektiert die Eiche.
Ein Eintags-Waisenhaus, das ununterbrochen Nachschub erhält, ein Invalidenblock.
Worauf denn auch die eigentliche Welt, die der stillen Landschaften, die der Zeit vorher erscheinen kann – ganz nah sogar.
Für den KZ-Häftling besitzt sie keine Wirklichkeit.
Er gehört nur dieser einen, endlichen, angeschlossenen Welt an, deren Grenzen die Wachtürme bilden, wo die Posten stehen und unausgesetzt die Lagerinsassen beobachten – und gelegentlich den einen oder anderen abschießen, aus Langeweile.
Alles ist Vorwand zu Schikanen, Späßen,
Demütigungen.
Ein Appell kann Stunden dauern.
Ein „schlecht gebautes“ Bett: zwanzig Stockhiebe.
Nur nicht den Göttern auffallen!
Sie haben ihren Galgen, ihr Tötungsterrain.
Der den Blicken verborgene, für Erschießungen eingerichtete Hof von Block elf; die Mauer mit Kugelfang.
Das Hartheimer Schloss, das man in Reiseautobussen mit Mattglasscheiben besichtigen fährt – man kommt nicht zurück.
Die „Dunkeltransporte“ – ihr Ziel sind die Krematorien.

Aber ein Mensch – unglaublich, wie viel Widerstand darin steckt!
Der Körper ist erschöpft, aber der Geist ist rege, die Hände sind rege.
Man schnitzt Marionetten, Scheusale.
Man macht Schachteln.
Man bringt es fertig zu schreiben,
mit seinem Gedächtnis zu spielen…
Man kann an Gott denken…
Es gelingt sogar, sich politisch zu organisieren, den Kriminellen die innere Kontrolle im Lager streitig zu machen.
Man kümmert sich um die am schwersten betroffenen Kameraden…
Man gibt etwas von seiner Ration ab.
Man gründet Hilfsfonds.
Die Bedrohtesten schafft man, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg gibt, klopfenden Herzens in den Krankenbau, ins „Revier“.
Sich diesen Türen nähern, das bedeutet die Illusion einer wirklichen Krankheit, die Hoffnung auf ein Bett. Es bedeutet auch das Risiko eines Todes mit der Spritze.
Beachtung so gut wie keine.
Medikamente in lächerlichen Mengen, der Verband ist aus Papier.
Ein und dieselbe Salbe für alle Krankheiten, alle Wunden.
Es kommt vor, dass die Kranken vor Hunger ihren Verband essen.

Zuletzt haben alle das gleiche Gesicht. Es sind alterslose Wesen, die mit offenen Augen sterben.
Es gibt auch einen chirurgischen Block. Fast wie eine wirkliche Klinik.
Der SS-Arzt,
die Krankenschwester…
Die Kulisse ist da – aber dahinter?
Willkürliche Operationen, Amputationen und Verstümmelungen zu Versuchszwecken.
Kapos und SS-Chirurgen können hier üben.
Von großen chemischen Werken kommen Proben ihrer gifthaltigen Präparate.
Oder sie erhalten einen Schub KZ-Häftlinge für ihre Experimente zugewiesen.
Einige dieser Versuchstiere überleben es:
Kastriert,
mit Phosphorverbrennungen.
Es sind Frauen darunter, die fürs Leben gezeichnet bleiben, auch wenn sie heimkehren. Fürs Leben.

Verwaltungsstellen bewahren die mit dem Betreten des Lagers abgelegten Gesichter all dieser Menschen auf.

Abgelegt sind auch die Namen. Die Namen der Angehörigen von zweiundzwanzig Nationen. Ihre Zahl geht ins Unermessliche, sie füllen Hunderte von Verzeichnissen, Tausende von Karteien. Durchgestrichen heißt tot.

Es sind Häftlinge, die diese wahnsinnige, immer falsche Buchführung besorgen müssen; SS und Kapos beaufsichtigen sie dabei.
Der Kapo gehört zu den „Prominenten“, zur Lager-Hautevolee.
Er hat ein eigenes Zimmer, wo er Vorräte speichern und abends seine jungen Günstlinge empfangen kann.
In unmittelbarer Nähe des Lagers ist die Villa des Kommandanten, die seine Frau zum trauten Heim zu gestalten weiß; auch seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen kommt man hier nach, wie in irgendeiner Garnison; nur dass die Zeit hier langsamer vergeht…
Die Kapos sind da besser dran, sie haben ein Bordell. Besser genährte Gefangene, aber dem Tod geweiht, wie die anderen Frauen.
Unter diesen Fenstern wird manchmal ein Stück Brot aufgelesen.
Beinahe wie eine richtiggehende Stadt, was die SS hier erstehen lässt, eine Stadt mit Krankenhaus, mit Sonderbauten und Villenviertel und – tatsächlich – einem Gefängnis.

Was hier vorgeht, bedarf keiner Beschreibung.
Die Zellen sind so berechnet, dass man weder stehen noch liegen kann; tagelang werden hier Männer und Frauen gewissenhaft gefoltert.
Diese Lüftungslöcher halten die Schreie nicht zurück.

Neunzehnhundertzweiundvierzig. Himmler begibt sich an Ort und Stelle. Vernichten, gewiss, aber produktiv.

Die Produktivität wird den Sachverständigen überlassen,
das Problem der Vernichtung verdient eigenes Nachdenken.
Man studiert Entwürfe,
Modelle.
Man bringt sie zur Ausführung und die KZ-Häftlinge selbst müssen Hand anlegen.

Ein Krematorium: das nimmt sich gelegentlich ganz nett aus.
Später – heute – lassen Touristen sich davor fotografieren.

Die Deportationen erfassen ganz Europa.
Die Transporte verirren sich, halten, fahren weiter, werden bombardiert, kommen an.
In einigen ist die Auslese bereits erfolgt.
Bei den anderen schreitet man sofort zur Selektion. Die links zur Arbeit.
Die rechts…
Wenige Augenblicke vor einer Liquidierung…
Mit der Hand töten ist zeitraubend. Man bestellt Giftgas, in Büchsen, Zyklon B.

Nichts unterscheidet eine Gaskammer von einem gewöhnlichen Block. Der Neuangekommene betritt einen Raum, den er für einen Duschraum hält.
Man schließt die Türen.
Man beobachtet.
Das einzige Zeichen – aber das muss man ja wissen – ist die von Fingernägeln gepflügte Decke. Beton lässt sich erweichen.
Wenn die Krematorien es nicht schaffen, errichtet man Scheiterhaufen. Dabei erreichen die neuen Öfen Tagesleistungen von mehreren Tausend.

Alles wird verwertet.
Ein Blick in die Vorratskammern,
die Speicher der Kriegführenden.
All das ist Frauenhaar…
Fünfzehn Pfennig das Kilo,
man macht Stoff daraus.
Aus den Knochen
Wird Dünger gewonnen. Man stellt Versuche an.
Aus den Körpern… man bringt es nicht über die Lippen… aus den Körpern
Stellt man Seife her.
Aus der Haut…

1945. Die Lager dehnen sich aus, füllen sich.
Es sind Städte von hunderttausend Einwohnern. Voll belegt.
Die Industrie-Planung zeigt Interesse für dieses unerschöpfliche Arbeitskräfte-Reservoir. Manche Werke haben ihre eigenen, der SS unzugänglichen Lager.
Bei Steyr, Krupp, Heinkel, IG Farben, Siemens, Hermann Göring und anderen werden auf diese Weise die Lücken geschlossen.
Die Nazis können ja den Krieg gewinnen, und diese neuen Städte sind ein Teil ihres Wirtschaftsgefüges.
Aber sie verlieren den Krieg.
Es mangelt an Kohle für die Krematorien, an Brot für die Menschen. Auf den Lagerstraßen türmen sich die Leichen.
Typhus…
Als die Alliierten die Tore öffnen…

alle Tore…

sehen die Überlebenden zu, ohne zu begreifen. Sind sie befreit? Wird das Leben, wird der Alltag sie wiedererkennen?

„Ich bin nicht schuld“, sagt der Kapo.
„Ich bin nicht schuld“, sagt der Offizier.
„Ich bin nicht schuld.“
Wer also ist schuld?

Während ich zu euch spreche, dringt das Wasser in die Totenkammern; es ist das Wasser der Sümpfe und Ruinen, es ist kalt und trübe – wie unser schlechtes Gedächtnis.
Der Krieg schlummert nur.
Auf den Appellplätzen und rings um die Blocks hat sich wieder das Gras angesiedelt.
Ein verlassenes Dorf – noch unheilschwanger.
Das Krematorium ist außer Gebrauch,
die Nazimethoden sind aus der Mode.
Diese Landschaft, die Landschaft von neun Millionen Toten.
Wer von uns wacht hier und warnt uns, wenn die neuen Henker kommen? Haben sie wirklich ein anderes Gesicht als wir?
Irgendwo gibt es noch Kapos, die Glück hatten, Prominente, für die sich wieder Verwendung fand, Denunzianten, die unbekannt blieben; gibt es noch all jene, die nie daran glauben wollten – oder nur von Zeit zu Zeit.
Und es gibt uns, die wir beim Anblick dieser Trümmer aufrichtig glauben, der Rassenwahn sei für immer darunter begraben,
uns, die wir tun, als schöpften wir neue Hoffnung,

als glaubten wir wirklich, dass all das nur
einer Zeit und nur einem Land angehört,
uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns
und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt.“

 

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