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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Zeitgenössische Reaktionen – Vom Zensurskandal zum Einsatz als „pädagogische Allzweckwaffe“

„Nacht und Nebel“ erhielt innerhalb kürzester Zeit eine große internationale Aufmerksamkeit. Zum ersten Mal wurde die Realität der nationalsozialistischen Lager einem großen Publikum bekannt. Denn die Filme der Alliierten (wie „Todesmühlen“) kurz nach der Befreiung waren sehr schnell wieder abgesetzt worden, um in den Archiven zu verschwinden. Wenige Monate nach seiner Uraufführung in Cannes kam der Film auch nach Deutschland. In der deutschen Öffentlichkeit wurde er bereits schon vorher aufgrund eines Zensurskandals bekannt. Die bundesrepublikanische Regierung hatte erfolgreich seine Teilnahme am Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Cannes im Jahr 1956 verhindert. Auf eine Anfrage der SPD-Bundestagsabgeordneten Annemarie Renger im Deutschen Bundestag am 18. April 1956 gab dazu der Vertreter des Bundesinnenministeriums als Begründung an, dass die Aufführung des Films in Cannes dazu beitragen könne, den durch die nationalsozialistischen Verbrechen „erzeugten Hass gegen das Deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder zu beleben“. (Braese, S. 77).

In Frankreich stieß der Ausschluss des Films aus dem Wettbewerb auf große Kritik, die auch von prominenten Überlebenden getragen wurde. Anfang April 1956 kam es zu einer parlamentarischen Anfrage durch den Senator und ehemaligen Deportierten Edmond Michelet an den für die Absetzung verantwortlichen Staatssekretär für Industrie und den Handel. Dabei verwies Michelet insbesondere auf den Widerspruch zwischen der Bonner Démarche und den zahllosen Verlautbarungen der Bundesregierung, sich der Verantwortung der NS Vergangenheit stellen zu wollen. Auch Jean Cayrol meldete sich zu Wort. Der renommierte Schriftsteller und Verfasser des Textes zu Resnais’ Film empörte sich darüber, dass sich die französischen Behörden mit dieser Entscheidung nicht auf die Seite der Deportierten stellte, sondern auf die Seite des Frankreichs der Kollaboration. In der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschien daraufhin ein Artikel von Karl Korn unter der Überschrift `Nacht und Nebel. Etwas über Filmdiplomatie´ (13.4.56), indem er das Vorgehen der Regierung kritisierte. Der Film sei „vollkommen sauber, ohne Grenzüberschreitungen gemacht“. Der deutsche Protest widerspreche „den kategorischen Erklärungen, das offizielle West-Deutschland wolle nichts mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu tun haben“. Zudem würde der Film nicht, wie unterstellt, das gesamte deutsche Volk mit den KZ-Verbrechen identifizieren. Allerdings ging Korn nicht auf die besondere Bedeutung von „Nacht und Nebel“ ein, die der Film im Sinne eines Gebots der Selbstaufklärung für Deutschland als ehemaliges Land der Täter hatte. So betonte Korn, wie auch weitere Kritiker aus der „Gruppe 47“ – einer Gruppe von Schriftstellern, die sich nach dem Krieg unter der Leitung von Hans-Werner Richter regelmäßig traf – , dass es dem Film um eine universalistische Interpretation der Lager gehe und nicht um die Verurteilung des deutschen Volkes. Auch diese Haltung entsprach durchaus der Atmosphäre des Schweigens über Schuld und Verantwortung wie auch dem Hang, sich selbst als Opfer des NS Regimes zu stilisieren. Hannah Arendt, die in der NS-Zeit emigrieren musste, beschrieb diese Atmosphäre des Schweigens in den 1950er Jahren in Deutschland. „Gerade das Spezifische und Partikulare“ sei „in der Sauce des Allgemeinen untergegangen“. Die Folge bestand regelmäßig im „spurlosen Verschwinden der Tätersubjekte“.

Wenig später wurde „Nacht und Nebel“ für die Bildungsarbeit entdeckt. Der Film erfuhr eine weitreichendere Verbreitung als vergleichbare Produktionen wie „Himmel ohne Sterne“ oder „Ernst Reuter“. Die universelle Ausrichtung des Films könnte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben, wie auch das Bedürfnis der Kriegsgeneration nach Aufklärung über die NS-Verbrechen. Nicht nur die Schulbücher schwiegen darüber. Die vorherrschenden Altersgruppen der Besucher waren Jugendliche ab 16 Jahre und junge Erwachsene unter 30 Jahren. Die Vorführungen wurden vor allem für Jugendgruppen, für politische Arbeitsgemeinschaften an Gymnasien, Berufsschulen und in der Erwachsenenbildung sowie im Rahmen der ‚Woche der Brüderlichkeit’ organisiert. Initialzündung war die Filmtournee, die die Europäische Jugendbewegung am 30. Juni 1956 in Berlin, München und Bonn organisierte. Eine gleichzeitig durchgeführte Besucherbefragung ergab eine breite Zustimmung des Publikums, die sich drei unterschiedlichen Standpunkten zuschreiben ließen. Die erste Gruppe vertrat die Notwendigkeit einer „Selbstreinigung“. Die zweite Gruppe würdigte den Wert des Filmes verwies aber dabei vor allem auf die entlastenden Aspekte für Wehrmacht und SS. Die dritte Gruppe hob den universell ethischen Aspekt des Films für die politische Bildung hervor, allerdings im Sinne des bereits herrschenden Kalten Kriegs. Der Film solle dazu beitragen „den Nacht und den Nebel jenseits der Elbe, der Oder, der Weichsel, der Wolga nicht vergessen zu lassen.“ (Knaap, S. 94-97). Doch es gab auch Widerspruch. In Baden-Württemberg und in Bayern wurden die Filmvorführungen vor Schülern untersagt, da für den Film „eine gewisse Reife vorausgesetzt werden müsste“. Für Mädchen blieb der Film in allen Bundesländern im Geschichtsunterricht bis zu Beginn der 1960er Jahre verboten.

Insgesamt begleitete „Nacht und Nebel“ die gesamte Kriegsgeneration. Die Entdeckung der pädagogischen Wirkung des Films war auch eine Reaktion auf das allgemein politische Klima. So lieferten immer wieder auftretende neonazistische und antisemitische Übergriffe auch gewisse Zwänge, sich der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu stellen. Einen weiteren Schub bekam die Verbreitung des Films mit zwei wichtigen Prozessen zur Ahndung von NS-Verbrechen. Im Jahr 1961 wurde in Presse und Fernsehen über den Eichmann Prozess in Jerusalem berichtet. Eine größere Öffentlichkeit erreichte dann der Auschwitz-Prozess in Frankfurt 1964.

Folgende Erinnerung von Anne Duden kann als beispielhaft für die vielfach – schon damals – erfolgte Pflichtkonfrontation mit dem Film in einer „pädagogischen Umgebung“ verstanden werden: „Ich habe als Dreizehnjährige den Film `Nacht und Nebel´ gesehen, in dem gezeigt wird, wie Leichenberge in Bergen-Belsen weggebaggert werden. Wir mussten den Film in der Schule ansehen, aber es wurde uns nichts dazu erklärt. Zu dieser Zeit gab es auch jene Gerüchte von Vergasungen, Konzentrationslagern. Es wurde immer irgendwie darüber geredet, und gleichzeitig wurde überhaupt nicht darüber geredet. Dann sieht man als Kind diesen Film. Das ist ein Wendepunkt im Leben. Was man sieht, ist der schiere Wahnsinn. Diese Leichenberge sind von dem Moment an für mich der Maßstab des menschlichen Körpers geworden. Immer wenn ich danach einen nackten Körper sah, dachte ich erst an diese Körper. Dieser Wahnsinn hat mich immer verfolgt, bis ich im `Judasschaf´ versucht habe, mich damit auseinanderzusetzen.“ (Auszug aus einem Gespräch mit Martin Lengwiler „Das Gedächtnis des Körpers ist die Kunst“, Neue Züricher Zeitung, 29.10.1996)

Bis heute mischt sich der Film in der Bundesrepublik ein in die Diskussion um den Umgang mit der Vergangenheit und in die Auseinandersetzung der so genannten ’68er- mit der Elterngeneration, wie ihn das Kino selbst thematisierte: In Margarethe von Trottas an die Biografien der Ensslin-Schwestern angelehnten Film „Die bleierne Zeit“ (1981) wird „Nacht und Nebel“ für die jugendlichen Protagonistinnen zum Schockerlebnis. Resnais’ Film steht hier für das Beschweigen der Vergangenheit, das den RAF-Terrorismus motiviert habe. Ein diesbezüglich ironisch gebrochener Kommentar findet sich in „Die innere Sicherheit“ (2000) von Christian Petzold, in dem die Tochter eines sich auf der Flucht befindenden Terroristenpaares „Nacht und Nebel“ in der Schule sieht, allerdings ohne dass der Film bei den Kindern eine sichtbare Reaktion hervorruft.

 

Literatur:

Braese, Stephan, Das deutsche Objektiv. Der Holocaust im Film und der deutsche Literaturbetrieb 1945 – 1956, in: Kramer, Sven (Hrsg.), Die Shoah im Bild, München 2003, S. 77 – 85.

Knaap, Ewout van der, „Nacht und Nebel“. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsforschung, Göttingen 2008.

 

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