zum Anfang des Inhalts
Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

NS-Gedenkstätten – kulturelle Einrichtungen des Opfergedenkens, der historischen Dokumentation und des historisch-politischen Lernens

Hätte Alain Resnais im Jahr 1954 vorgehabt, neben Auschwitz und Majdanek weitere Orte der einstigen Konzentrationslager aufzusuchen, deren historische Aufnahmen über ihre Befreiung mit zu den erschütterndsten in seinem Film „Nacht und Nebel“ zählen, hätte er damals nur wenige gestaltete Gedenkorte vorgefunden. In Dachau wäre er sogar auf neue Bewohner der einstigen Häftlingsbaracken gestoßen. Von 1949 bis kurz vor der Eröffnung der KZ-Gedenkstätte Dachau im Jahr 1965 waren dort Flüchtlinge aus dem ehemaligen Sudetengau untergebracht. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausendd, sind in Deutschland alle historischen Orte der großen Konzentrationslager in Gestalt von Gedenkstätten kenntlich gemacht. Sie gelten als besondere kulturelle Einrichtungen, um innerhalb der Nachfolgegesellschaft der Täter den Opfern des NS-Terrorregimes zu gedenken.

Resnais' Aufnahmen von Auschwitz und Majdanek zeugen von der Suche nach den Spuren des erlittenen Leides in der Gegenwart. Die Bilder zeigen das verlassene Lagergelände und den Verfall der Gebäude. Im Film werden aber auch Schwarzweiß-Aufnahmen verwendet, die der Ausstellung der Gedenkstätten in Auschwitz und Majdanek entlehnt sind. So übernimmt der Film die Aufgabe eines Gedenkortes. Er rekonstruiert das Geschehene mit den Mitteln historischer Dokumentation, er nimmt eindeutig die Position des Gedenkens an die Opfer ein, er sucht und reflektiert die Spuren des Vergangenen in der Gegenwart, um letztlich die Frage nach der Verantwortung für das Geschehen und seine Folgen zu stellen.

Heute nimmt an vielen Gedenkstätten das Nachdenken darüber, was ein „Lernen aus der Geschichte“ bedeuten kann, einen wichtigen Raum ein. So werden die Besucher der historischen Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Dachau mit dem Satz empfangen: „Wir alle bilden die Vorgeschichte von morgen“. Der Ausspruch soll sie daran erinnern, dass ein jeder in seinem Handeln und Denken eine moralische und historisch-politisch begründete Verantwortung für die Zukunft trägt. So bietet dieser Satz die Richtung und die Möglichkeiten eines „Lernen aus der Geschichte“ an. Es bedeutet von den Spuren auszugehen, die davon zeugen, dass historische Ereignisse bis in die Gegenwart nachwirken. Das Bewusstsein um die Konsequenz des eigenen Handelns für die Zukunft bedeutet allerdings auch, dass eine zukunftsorientierte Reflexion der Geschichte und ihrer Nachwirkungen einem gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein für die Gegenwart entspricht.

Die Tradition des Opfergedenkens an NS-Gedenkstätten bildete sich in den beiden deutschen Staaten sehr unterschiedlich heraus. In der DDR hatte es von Beginn an einen wichtigen Stellenwert, allerdings nur als Gedenken an die antifaschistischen Opfer oder Helden. Die zwischen Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre errichteten NS-Gedenkstätten bezogen sich ausschließlich auf die historischen Orte der ehemaligen Konzentrationslager in Buchenwald, Ravensbrück, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora. Sie wurden von Beginn an politisch instrumentalisiert.

In der Bundesrepublik gab es erhebliche Widerstände gegen die Aufarbeitung der NS-Verbrechen aufgrund des damals herrschenden Klimas der Verdrängung. So entstanden die ersten Gedenkstätten an den Orten ehemaliger Konzentrationslager vor allem auch aufgrund des Betreibens der internationalen Überlebendengruppen. In den 1950er Jahren gab es nur die Gedenkstätte an der Hinrichtungsstelle Plötzensee (1952), in den 1960er Jahren wurden die KZ Gedenkstätten Dachau (1965) und Bergen-Belsen (1966) errichtet wie auch die Gedenkstätte des Deutschen Widerstandes in der Haftstätte des ehemaligen Bendlerblocks in Berlin (1969, seit 1952 Mahnmal). Im Mittelpunkt von Ausstellungen und Gestaltung der ersten Gedenkstätten stand das Anliegen topographischer Konkretion wie auch die Konfrontation der Besucher mit der Unmenschlichkeit des Terrors. Das Opferbild hob in dieser Zeit des Beginns der Aufarbeitung ebenso wie im Film den internationalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus hervor.

Erst über 20 Jahre später kam es dann zur Errichtung weiterer Gedenkstätten. Als eines der wichtigsten Signale wird hier die vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum Gedenken an das Kriegsende als „Tag der Befreiung“ gewertet.

Die in den 1980er Jahren entstandenen Gedenkstätten machten nicht nur ehemalige Konzentrationslager öffentlich kenntlich, wie die KZ-Gedenkstätte Neuengamme (1981), sondern auch andere wichtige historischen Orte, die an NS-Verfolgung und Terror erinnern, wie die Alte Synagoge Essen (1980) oder die Gedenkstätte Hadamar (1983) als Stätte der ehemaligen Euthanasie-Mordanstalt. Die Erweiterung der historischen Orte verweist auf eine Erweiterung der Sichtweise in der historischen Aufarbeitung von NS-Terror, Verfolgung und Widerstand. So gewann die Thematisierung der jüdischen Opfer ab den 80er Jahren eine zentrale Bedeutung. Etwas später geriet auch durch engagierte Forscher die Verfolgung so genannter „vergessener“ Opfergruppen der Psychiatrie, der „Asozialen“ oder Homosexuellen ins Blickfeld. In der DDR entstand noch im September 1989 in den Räumen der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Bernburg erstmals eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Euthanasie und der „Aktion 14 f 13“ (Die „Aktion 14 f 13“ bezeichnet die Tötung von KZ-Häftlingen an den Stätten der Euthanasiemordaktion T4). Neue Gedenkstätten zur Erinnerung an den politischen Widerstand, wie die „Denkstätte Weiße Rose“ in München (1997) waren dagegen die Ausnahme.

Nach der deutschen Vereinigung 1989 ging es um die Integration der DDR-Gedenkstätten und damit um die Zusammenführung zweier unterschiedlicher politischer Gedenk-Perspektiven, die allerdings auch die Verurteilung der NS-Ideologie und NS-Verbrechen teilten. Angesichts der Nachnutzungen der ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen als Internierungslager unter sowjetischer Besatzung oder anderer Haftorte mit NS- und DDR-Geschichte entbrannte eine Debatte darüber, wie ein angemessenes Gedenken an die Opfer der stalinistischen Verbrechen oder politischer Verfolgung in der DDR aussehen könnte, ohne die Erinnerung an die NS-Verbrechen an diesen Orten zu überlagern und damit umzudeuten. Die im Jahr 1993 vom Bundestag verabschiedete „Gedenkstättenkonzeption des Bundes“ schrieb endgültig die Bedeutung und Aufgaben der NS-Gedenkstätten als Institutionen einer nationalen demokratischen Gedenkkultur fest, die fortan auf staatliche Unterstützung zählen können.

Parallel zum Ausbau der großen Gedenkstätten gewannen aber auch andere Erinnerungsstätten, Mahnmale und Museen in der öffentlichen Thematisierung und historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus an Bedeutung. So entstanden an ehemaligen so genannten „Täterorten“ historische Dokumentationen und Bildungsangebote, etwa mit der Errichtung des „Hauses der Wannseekonferenz“ (1992), der „Dokumentation Obersalzberg“ (1999) und des „Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände“ in Nürnberg (2001). Die „Topographie des Terrors“ an Stelle des ehemaligen Sitzes des Reichssicherheitshauptamtes kann als Vorreiter dieser Entwicklung angesehen werden.

Ab Mitte der 1990er Jahre fand die Auseinandersetzung mit der antisemitischen Verfolgung und Vernichtung zunehmend Eingang in die historischen Darstellungen jüdischer Museen. Die Shoa wurde in den Gesamtkontext der jüdischen (Kultur)Geschichte in Deutschland bzw. Europa gestellt. Als erste zentrale Einrichtung wurde das Jüdische Museum in Berlin (2000) errichtet. Als eine neue Form öffentlicher Gedenkkultur und gleichzeitig partikulare Gedenkform wurde das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin errichtet (2005), das auf eine nicht-jüdische deutsche Initiative zurückging. Neu war, dass es als ein für Deutschland zentrales Denkmal an den Holocaust gilt und sich seine symbolische Botschaft nicht auf einen historischen Ort bezieht, sondern auf seinen symbolischen Standort nahe dem Brandenburger Tor, in der Mitte Deutschlands und am ehemaligen Standort der Mauer. Ein ergänzender Dokumentationsbereich erfüllt den Anspruch des Lernortes.

 

Zum Ausdrucken:

Download dieser Seite im PDF-Format - Rechte Maustaste: Ziel speichern ... PDF-Dokument