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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Lernen von der Zeugenschaft der Überlebenden - Abba Naor

Abba Naor mit 17 Jahren, kurz nach der Befreiung in München.Abba Naor, der in den Audioausschnitten, die auf der DVD-Videoebene als Zusatzmaterial vorhanden sind, zu hören ist, berichtet wie er im Gegensatz zu vielen seiner Familienmitglieder und Freunde, das KZ-System überlebte, und wie ihn diese Erfahrungen Zeit seines Lebens prägten. Heute lebt er in Israel, seiner zweiten Heimat, doch kommt er mehrere Wochen im Jahr nach Dachau und Kaufering, um über die einzelnen Stationen seiner Verfolgung zu erzählen: von der Ghettoisierung als 13 jähriger jüdisch-litauischer Jugendlicher in Kaunas im Sommer 1941, über die Deportationen nach Stutthof und Dachau im Sommer 1944, bis hin zu seiner Emigration nach Palästina im Jahr 1946. Die Diskussionen mit den Jugendlichen bezogen sich auch auf die „Gegenwart der Erinnerung“ und die Möglichkeiten einer internationalen Verständigung. Abba Naor vertritt seit 2001 die Gemeinschaft der ehemaligen Landsberg-Häftlinge im Vorstand des Internationalen Dachau-Komitees und engagiert sich als Zeitzeuge an den Stätten seiner Verfolgung für das Gedenken an die KZ-Häftlinge. Maßgeblich war er an der Errichtung des Denkmals für die Opfer des Außenlagers Utting beteiligt. Für die KZ-Gedenkstätte Dachau und die Initiative zum Gedenken an den Todesmarsch ist er ein unverzichtbarer Ansprechpartner geworden, der sich oft mehrere Wochen im Jahr in Dachau, München, Landsberg und Umgebung aufhält, um in Schulen zu sprechen und Fragen zu beantworten.

Abba Naor, Jahrgang 1928, überbrückt den Graben, den Terrorerfahrung und Lebenszeit zwischen heutigen Jugendlichen und ihm geschaffen haben, mit Leitbildern, die ein Verständnis für die menschliche Dimension des Erlittenen erleichtern und auch helfen sollen, die Verfolgung, eingebettet in eine Vor- und Nachgeschichte als Teil seiner Lebensgeschichte zu verstehen. So befördert er mit dem Bild der eigenen Veränderung „vom Kind zum Greis“ das Verständnis für die schier unfassbaren Grenz- und Gewalterfahrungen, denen er als Jugendlicher ausgesetzt war. Diesem Gleichnis über die Zerstörung der kindlichen Seele und des „Durchlebens des Terrors“ hat der russische Regisseur Elem Klimov mit seinem Spielfilm „Komm und sieh“ bereits ein unvergessliches Denkmal gesetzt. Abba Naor berührt dieses Trauma in jedem seiner Gespräche: „Was ich euch heute erzähle, wird für mich beim Sprechen immer wieder lebendig“, sagt er den Jugendlichen gleich zu Beginn. An anderer Stelle führt er später fort, wie er erst lernen musste, dass das Sprechen für ihn eine Art Selbsttherapie ist, um mit den Wunden leben zu können.

Abba Naor mit 17 Jahren, kurz nach der Befreiung in München.
Hochzeitsgesellschaft in Kaunas. Abba Naors große Familie, aufgenommen auf einer Hochzeit in Kaunas im Jahr 1939. Das Foto hat Abba Naors Vater aufgenommen. Es ist das einzige Foto, das er noch von seiner Mutter hat (zweite v. links, letzte Reihe). Abba Naor ist nicht auf dem Bild. Nur vier der Personen auf dem Bild haben überlebt.

Abba beginnt mit seinen Kindheitserinnerungen an Kaunas, an das behütete und gesicherte Leben als Sohn wohlhabender und angesehener jüdischer Bürger. Sie hätten zwar ab den 1930er Jahren von der Verfolgung der Juden erfahren, aber an eine ernsthafte Bedrohung habe niemand geglaubt. Der Vater hatte lange am positiven Bild von den Deutschen als „anständigen Besatzern“ im Ersten Weltkrieg, die keine Übergriffe gegenüber den Juden zuließen, festgehalten. Der erste Einbruch kam mit der Besetzung durch die Rote Armee im Juni 1940, die er als 11 jähriges Kind nicht als bedrohlich erlebte. In Erinnerung blieben ihm die Enteignungen und die ideologische Unterweisung in den Schulen. Der beispiellose Schrecken, der das Kindheitsgefühl von Sicherheit und Geborgenheit unwiederbringlich erschüttern sollte, kam mit der deutschen Besatzung im Sommer 1941. Die Familie versuchte vergebens den antisemitischen Terroraktionen, auch seitens der Litauer, zu entkommen. Das Zuhause war verloren, die Familie musste sich verstecken, die Nachbarn wurden zu bedrohlichen, mordenden Feinden.

Abba Naor mit 17 Jahren, kurz nach der Befreiung in München.
Das Ghetto Kaunas
Quelle: Solly Ganor: Das andere Leben. Die Jüdischen Kinder von Kovno 1941-1945, Dachau/München 2008.

Die jüdischen Bewohner büßten ihre Freiheit im Ghetto ein. Abbas Familie, die als einzige Zuflucht das Überleben sichern konnte, wurde immer kleiner. Kurz vor Schließung des Ghettos verschwand der Bruder. Bis zuletzt hoffte man vergebens, dass er nicht in der Gruppe war, die noch vor Schließung des Ghettos willkürlich erschossen wurde. Abba sagt: „Das war meine erste frontale Begegnung mit dem Tod“. Diese Begegnungen häuften sich auf grausamste Weise. Das Krankenhaus wurde angezündet, Ärzte und Patienten verbrannten elendig. Bei einer der vielen Selektionen im Ghetto – auf dem „Platz der Demokratie“ - verschwanden Onkel, Tante und weitere Verwandte. Auch sie wurden Opfer der Massenerschießungen. Von den zwei Ghettos blieb schließlich nur noch eines, das auf diese gewaltsame Weise immer weniger Bewohner hatte. Wer nicht erschossen wurde, starb an den katastrophalen Lebensbedingungen, an Hunger, Auszehrung, Krankheiten oder an Verzweiflung. Die Umwandlung des Ghettos im Jahr 1943 in das KZ Kaunas wurde mit einer Mordaktion gegen die noch lebenden Kinder begleitet. Abba erinnert sich: „Für Kinder gab es keinen Platz im Konzentrationslager. Das war einer der schlimmsten Tage im Ghetto Kaunas, als eine der Mütter zurückkam und ihr Kind verschwunden war.“ Doch er erlebte auch Gegenwehr. Der Familie gelang es, den jüngeren Bruder vor der Kinderaktion in Sicherheit zu bringen. Innerhalb des Ghettos kam es auch zu verzweifelten Diskussionen über mögliche Widerstandsaktionen. Letztlich entschied man sich dafür, junge Männer zu den Partisanen zu schicken, und gegen einen als aussichtslos eingeschätzten Aufstand. Sehr viel später, in Israel, war es für Abba schwierig, den Vorwürfen entgegenzutreten, warum die Holocaustüberlebenden nicht gekämpft hätten. Er sagt dazu: „Damals war es noch nicht bekannt, unter welchen Bedingungen dort die Leute leben mussten. Und ich konnte nicht beweisen, was sich dort abgespielt hat.“

Abba Naor mit 17 Jahren, kurz nach der Befreiung in München.
Todesmarsch und Befreiung
Quelle: Solly Ganor: Das andere Leben. Die Jüdischen Kinder von Kovno 1941-1945, Dachau/München 2008.

Am 26. Juli 1944 sah er zum letzten Mal seine Mutter und seinen Bruder. Es war ein Blick über den Zaun im KZ Stutthof. Die Familie war nach Auflösung des KZ Kaunas dorthin deportiert und getrennt worden. Mutter und Bruder wurden kurz danach in Auschwitz ermordet. Abba kam, ohne zu wissen, dass sein Vater einige Wochen vor ihm denselben Weg genommen hatte, im August 1944 auf Transport ins KZ-Dachau, nach Utting. Das Lager war Teil des Außenlagerkomplexes Landsberg/Kaufering. Abba erinnert sich: „Es war leicht dort zu sterben, wegen der Arbeit und wegen des Essens, das wir dort bekamen.“ Es gelang ihm zu überleben. Wichtig war die Hilfe seiner Freunde David und Solly. In der Hoffnung, seinen Vater dort zu finden, meldete er sich freiwillig für ein Arbeitskommando im Lager Kaufering, in dem er noch katastrophalere Bedingungen vorfand. Den Vater, der noch im Lager Allach war, traf er nicht, dafür seinen Onkel und Cousin. Mit beiden überstand er die Evakuierung, bei der die Häftlinge am 24. April 1945 zu Fuß neun Tage und neun Nächte in Richtung Bad Tölz getrieben wurden. Er musste mit ansehen, wie die Evakuierung für Tausende von Häftlingen zum Todesmarsch wurde. Erst nach der Befreiung fand ihn sein Vater. Abba war 17 Jahre alt und das Verhältnis zu ihm hatte sich verändert. Er hatte sich daran gewöhnt, allein für sich selbst Verantwortung zu tragen: „Ich war ein alter Mann und wurde mit jedem Jahr jünger.“ Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück nach Litauen, durch all die Länder, die in den Kriegsjahren, ausgehend von Orten wie dem KZ-Dachau, von den Stätten des NS-Terrors und des Holocaust durchsetzt waren. Für Abba und seinen Vater war es eine Reise, in der sie Gewissheit über das Ausmaß des Mordes an der eigenen Familie erhielten. In Lodz trafen sie wie durch ein Wunder noch eine Schwester seines Vaters. Dann kehrten sie aufgrund vieler entmutigender Berichte über die Situation in Litauen wieder um. Wenig später traf Abba gegen den Wunsch seines Vaters die Entscheidung nach Palästina auszuwandern. Sein Vater wollte noch eine Stabilisierung der Verhältnisse dort abwarten. Doch für Abba war die Entscheidung gefallen, nicht zuletzt wegen eines Zusammentreffens mit einem ehemaligen Peiniger aus Kaunas in der Polizeidirektion München. „Dann habe ich mich dazu entschlossen, ich bleibe nicht mehr hier. Wenn diese Polizisten, die uns Wasserflaschen auf den Kopf gestellt haben, um sie abzuschießen, und die nicht immer getroffen haben, wieder hier Polizisten sind, ist das für mich kein Platz mehr.“ Doch die Auswanderung nach Palästina scheiterte beim ersten Versuch. Die Engländer internierten ihn mit allen anderen auf dem Schiff aufgegriffenen Auswanderern zwei Monate lang in einem Lager in Zypern. Später in Palästina engagierte er sich bei der Hagana (zionistische, paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina). Im November 1947, zu Beginn des Krieges, meldete er sich freiwillig. Dazu sagt er: „Als wir befreit wurden, wollten wir uns wie Menschen benehmen. Wir wollten als Menschen anerkannt und normal sein. Ich wollte auch als Mensch sterben können.“ Nach dem Krieg gründete er eine Familie.

Die Fragen der Jugendlichen zu seinen Berichten über Verfolgung und Befreiung drehen sich vor allem um die Realität des Unmenschlichen und wie Abba Naor das Leid und die Gewalterfahrung verkraften konnte. Sie wollen wissen, ob Abba im Ghetto auch so ausgesehen hat, wie die ausgemergelten, geschundenen Häftlinge der ihnen bekannten Holocaust-Ikonografie. Sie fragen nach seinen Angehörigen, danach, wie es genau passiert war, dass er Mutter und Geschwister verloren hat, und wie ihn sein Vater dann doch wieder finden konnte. Sie versuchen sich vorzustellen, was es bedeutet, der Kindheit durch die Schrecken von Ghetto und Lager beraubt zu werden, und was es bedeutet, mit diesem Schrecken bis heute leben zu müssen. Einige von ihnen versuchen, den NS-Terror mit heutigem Geschehen in Verbindung zu bringen. Sie fragen Abba nach seiner Einschätzung über aktuelle Erscheinungen des Antisemitismus, nach den Motiven der Holocaustleugner, und, je nach nationalem Hintergrund und gesellschaftspolitischer Wachheit nach dem Umgang mit den Menschenrechtsverletzungen in Srebrenica, nach der Brisanz des Genozids an den Armeniern oder nach dem Nahostkonflikt.

Abba beantwortet Fragen, die das „Lernen aus der Geschichte“ berühren, nicht mit Appellen, sondern konkret und persönlich. Er bezieht sich auf einfach vermittelbare Einsichten, die er im Umgang mit den Folgen des Schreckens gewonnen hat: „Zuerst habe ich die Deutschen gehasst. Dann wollte ich 1946 nach Palästina gehen. Wir durften nicht, so haben wir es illegal versucht. Dann haben uns die Engländer gefangen genommen und in ein Lager in Zypern gesperrt. Dann habe ich die Engländer gehasst. 1947 bin ich in die Hagana gegangen, um gegen die Engländer zu kämpfen. Dann habe ich mich als Soldat freiwillig gemeldet, um gegen die Araber zu kämpfen. Erst Jahre später habe ich dann gelernt, was der Hass angerichtet hat. Ich habe gelernt, ohne Hass zu leben.“ Von seiner schwierigen Annäherung an das Land der einstigen Täter erzählt er im Dialog mit Jugendlichen wenig, doch er stellt klar: „Wenn ich nicht daran glauben würde, dass sich die Menschen verändert haben, würde ich nicht kommen.“ Gespräche sind für ihn das einzig wirkliche Mittel der Verständigung.

 

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