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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Gedenkprojekt „Lebenslinien. Deutsch-jüdische Familiengeschichten. Der Weg der Familie Kraus “ des Jüdischen Museums Augsburg

Filmausschnitte des Projekts „Lebenslinien“ sind als Zusatzmaterial auf der DVD-Videoebene zu sehen.

Die Gestaltung von Gedenktagen ist zu einer wichtigen Aufgabe der gedenkpädagogischen Arbeit an Gedenkstätten und Museen geworden. Die Herausforderung dabei ist, zu vermeiden, dass bei öffentlichen Gedenkritualen die Jugendlichen das Gefühl bekommen, die Erinnerung an die Opfer werde ihnen „öffentlich verordnet“. Hier sind gedenkpädagogische Angebote wichtig, die das Interesse an den historischen Ereignissen wecken und ein Nachdenken über ihre Bedeutung in der Gegenwart anregen. Das Projekt „Lebenslinien. Deutsch-Jüdische Familiengeschichten“ wurde vom Jüdischen Museum Augsburg (Leitung: Dr. Benigna Schönhagen) gemeinsam mit dem S’ensemble Theater als Veranstaltungsreihe anlässlich des jährlichen Gedenkens an das Novemberpogrom 1938 entwickelt. Jeweils zum 9. November wird das Leben von Augsburger und anderen deutschen Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt und in die Emigration getrieben wurden, nachgezeichnet. Erinnert werden soll an die verschiedenen Stationen von Ausgrenzung, Verfolgung, Widerstand und Flucht, die zwischen dem einstigen Leben als anerkannte Bürger und dem Status als geächtete „Volksfeinde“, deren Leben in Deutschland bedroht wurde, lagen.

Im Jahr 2008 wurde Liora Se’ewi vom Jüdischen Kulturmuseum in Augsburg eingeladen. Sie kam gemeinsam mit ihrer Tochter. Zur Vorbereitung des Zeitzeugengespräches wurde ein Workshop durchgeführt, in dem sich die Jugendlichen mit den einzelnen Stationen der „Lebenslinien“ der Familie Kraus beschäftigten. Sie setzten sich mit der Verfolgung der Juden in Augsburg zwischen 1933 und 1945 auseinander, informierten sich über die konkreten Hintergründe und Begleitumstände der wachsenden Isolation und Vertreibung bis zur Deportation in die Ghettos und Vernichtungslager. Am Beispiel der Familie Kraus beschäftigten sie sich aber auch mit den Auswirkungen dieser Erfahrungen auf die einzelnen Lebenswege nach 1945.

Während des Projektes wurden möglichst viele Interessierte und unterschiedliche Gruppen mit der Lebensgeschichte der Familie Kraus bekannt gemacht:

  1. Zuerst wurde die Zeitzeugin im Rahmen einer Matinee der interessierten Öffentlichkeit in Augsburg vorgestellt.
  2. Dann wurden Schülerworkshops mit der Zeitzeugin im Jüdischen Kulturmuseum durchgeführt: Die Schüler/innen erhielten Informationen über die Situation in Augsburg zwischen 1933 und 1945, über die Verfolgung der jüdischen Gemeinde sowie Dokumente zur Familiengeschichte. Bei dem Workshop war auch die Tochter der Zeitzeugin anwesend. Sie erzählte, welchen Einfluss die Verfolgungsgeschichte ihrer Familie auf ihren Lebensweg genommen hat.
  3. Die Matinee und die Workshops wurden gefilmt. Daraus entstand eine DVD, die in der Bildungsarbeit eingesetzt werden kann. Ausschnitte daraus sind auch auf dieser DVD in der Rubrik „Lebenslinien“ zu finden.
  4. Begleitend dazu entstand eine Broschüre mit der ausführlichen Familiengeschichte und einem Interview mit Liora Se’ewi.

 

Die „Lebenslinien“ der deutsch-jüdischen Familie Kraus als Familiengeschichte

Liora Se’ewi, geboren in Augsburg, stammt aus einer jüdisch-katholischen Mischehe. Aufgrund ihrer Erfahrungen während des Nationalsozialismus emigrierte sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im Jahr 1947 in die Vereinigten Staaten. Ihr Mädchenname lautete Lore Kraus. Als ihre Eltern Frieda und Willi Kraus im Jahr 1919 heirateten, ahnten sie noch nichts von den erheblichen Schwierigkeiten und Gefahren, die zwischen 1933 und 1945 auf sie und ihre Kinder zukommen sollten. Konfessionell gemischte Ehen zwischen Juden und Christen zeugten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher von der mittlerweile gesellschaftlichen Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Bürger in Deutschland. Die Mutter Frieda Heymann stammte aus einer jüdischen Landfamilie, der Vater Willi Kraus war katholisch. Die gemeinsamen drei Kinder wurden katholisch erzogen. Der Familienvater starb früh, im Februar 1938. Danach trat Frieda Kraus zum katholischen Glauben über, was sie allerdings nicht vor der antisemitisch motivierten Verfolgung im Deutschen Reich schützte. So wurde sie im Jahr 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort blieb sie bis zu ihrer Befreiung am 8. Mai 1945 durch die sowjetische Armee. Dem ältesten Sohn Max gelang die Emigration. Die beiden jüngeren Kinder Lore und Willy, inzwischen 16 und 20 Jahre alt, blieben als „Mischlinge“ und „Halbjuden“ in Augsburg. Ihre Rechte waren eingeschränkt und sie erlitten im Alltag vielerlei Demütigungen. Als am 25.2.1944 ihre Wohnung bei einem Fliegerangriff zerstört wurde, fanden sie Unterschlupf bei Freunden und Verwandten außerhalb Augsburgs. Nach Kriegsende und der Befreiung kamen die drei Geschwister und ihre Mutter im Juli 1945 wieder zusammen. Die weiteren Lebenswege der einzelnen Familienmitglieder führten über Deutschland nach Amerika und Israel.

Die Erfahrungen mit dem Projekt „Lebenslinien“ waren durchweg positiv. Die Jugendlichen hatten die Möglichkeit, sich in Workshops ausführlicher mit den historischen Begleitumständen und der besonderen Situation der einzelnen Familienmitglieder zu beschäftigen, und konnten so die Begegnung mit der Zeitzeugin besser nutzen. Die Erarbeitung dieser wichtigen Aspekte im Vorfeld führte zu einer besseren Verständigung zwischen den Jugendlichen und der Zeitzeugin während des Gespräches. Die Zeitzeugin Liora Se’ewi war sehr beeindruckt von dem Interesse und den Fragen der Jugendlichen. Ihr wurde es dadurch auch leichter gemacht, die eigenen Erfahrungen als Teil ihrer Familiengeschichte vorzustellen.

 

Alle konnten es sehen – der Holocaust begann inmitten der deutsch-jüdischen Gesellschaft

Die für die Jugendlichen nicht leicht nachzuvollziehende antisemitische Ideologie und Rassenpolitik konnte so am Beispiel der Familie Kraus nachvollzogen werden. Wichtig war auch aufzuzeigen, dass die Verfolgung mitten in der deutschen Gesellschaft begann und Juden vorher ein wichtiger Teil dieser Gesellschaft waren. So erfuhren die Jugendlichen, dass bereits damals, innerhalb des Deutschen Reiches, verschiedene religiöse und kulturelle Zugehörigkeiten ihren Platz hatten. Auch wenn dies nicht ohne Konflikte vor sich ging, erst mit der NS-Rassenpolitik wurde die Familie Kraus, die auf einer jüdisch-christlichen Mischehe beruhte, getrennt. Denn das „Jüdische“ in der NS-Zeit galt als etwas „Fremdes“, „Gefährliches“ und „Minderwertiges“. Die einzelnen Familienmitglieder wurden als „Juden“, „Halbjuden“ und „Arier“ kategorisiert. Je nach Zuschreibung als „Halbjude“ oder „Jude“ erlitten die Familienmitglieder die einzelnen Stationen der antisemitischen Hetze und Verfolgung: Diffamierung und gesellschaftliche Isolation, Raub der wirtschaftlichen Lebensgrundlage, Verweigerung der Ausbildung, Entrechtung, Vertreibung, Inhaftierung und Vernichtung.

Aus der Erzählung der Zeitzeugin wurde aber auch die Sicht der Betroffenen deutlich. Für sie war das „Jüdische“ eine religiöse und kulturelle Zugehörigkeit, die aber nicht die nationale Identität als Deutsche in Frage stellte. So entschied sich die Mutter aus religiöser Überzeugung für den katholischen Glauben, der ihr als verfolgte Jüdin im Ghetto Theresienstadt wichtigen Halt gegeben hat. Ihr katholischer Mann fühlte sich plötzlich fremd und isoliert im eigenen Land. Er verstand die feindliche Haltung seiner Landsleute nicht. Die Tochter konvertierte später aufgrund der Verfolgungserfahrung wieder zum jüdischen Glauben und wählte später auch die jüdische Zugehörigkeit als nationale Identität. Als sie in den Ruhestand ging hatte sie die Möglichkeit, sich für Israel als Heimatland zu entscheiden und zog zu ihren Töchtern.

 

Medientipp: Schönhagen, Benigna: „Getrennt von allem, was uns geblieben.“ Der Weg der Familie Kraus aus Augsburg, Augsburg 2008 + gleichnamige CD.

 

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