
Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.
Die DVD „Nacht und Nebel“ eignet sich in vielerlei Hinsicht für die historisch-politische Bildungsarbeit über den Nationalsozialismus:
Im Fach Geschichte wie auch den betreffenden Fächerverbünden (Gemeinschaftskunde/ Sachkunde, Geschichte, Erdkunde) mit den sachthematischen Bezügen zum Nationalsozialismus (NS-Verbrechen, NS-Terrorapparat, einzelne Verfolgtengruppen) wie auch zur Nachkriegsgeschichte (Nachkriegsprozesse/juristische Ahndung, Gedenken an NS-Opfer, Zweiten Weltkrieg und Holocaust). Hier bietet sich auch die Auseinandersetzung mit dem Medium Film als „Mittler von Geschichte“ an.
Im Fach Gemeinschaftskunde/Sozialkunde wie auch den betreffenden Fächerverbünden mit den sachthematischen Bezügen zum Themenbereich „Menschenrechte“, v.a. hinsichtlich der Institutionalisierung der Menschenrechte als Folge der Erfahrung mit dem NS-Terrorapparat, Zweiter Weltkrieg und Holocaust (UNO, Europarat, GG).
Im Fach Religion/Ethik zur Thematisierung des Bruches mit ethisch/religiösen Norm- und Wertvorstellungen angesichts der Dimension der Menschheitsverbrechen wie auch des Umgangs mit Schuld und Verantwortung.
Im Fach Deutsch bieten sich zu den Fächern Geschichte/Sozialkunde wie auch zu Ethik/Religion interdisziplinäre Bezüge, bei denen die Analyse des Films und des literarischen Kommentars im Mittelpunkt stehen können. Hier empfiehlt sich auch die Auseinandersetzung mit der Biographie Paul Celans und der Bedeutung seines Werks innerhalb der deutschsprachigen Auseinandersetzung mit Widerstand, Emigration, Zweitem Weltkrieg und Holocaust.
Zu Beispielen für Einsatzmöglichkeiten nach Lehrplanbezug, s. „Filminfos und Einsatzbereiche“ .
Filmpräsentation und Gruppenarbeit
Die DVD „Nacht und Nebel“ kann als Film im gesamten oder in einzelnen Kapiteln präsentiert werden. Zudem werden als Bonusmaterial noch einzelne Filmausschnitte, Bilder und Hörbeiträge angeboten, die zur Vertiefung der im Film angesprochenen Themen anregen. Hilfestellungen dazu finden sich auf der DVD-ROM-Ebene. Die dort vorgeschlagenen Themen und Herangehensweisen eignen sich für die Gruppen- und Einzelarbeit. Dazu werden Arbeitsvorschläge (s. Arbeitsblätter) angeboten, die von den Lehrenden verändert und ergänzt werden können.
Verwendung als Lernstation
Wenn die Ausstattung es erlaubt, eignet sich die DVD für die Verwendung als Lernstation. Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler den Umgang mit dem Computer beherrschen. Die Anleitung zu der Lernstation sollte klar und genau formuliert sein. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten dabei in der Regel ein Kapitel des Films sowie die zugehörigen thematischen Fragestellungen. Die Arbeitsblätter und Standbilder (s. Bildergalerie) können schon vorab ausgedruckt werden.
Vorschlag 1: Das nationalsozialistische KZ-System in Europa 1933-1945 und seine Opfer (Geschichte)
Angebote dazu auf der DVD-Video-Ebene: einzelne Filmkapitel; „Zeitzeugnis Abba Naor“; Texte auf der DVD-ROM-Ebene : „Das System der Konzentrationslager“; „Häftlingskategorien und Feindbilder“; AB Zeitstrahl – Das KZ-System; AB Lernen von der Erfahrung der Überlebenden: Abba Naor
Es werden zwei Aufträge für die Schülerinnen formuliert. In der einen Aufgabe geht es darum, die Geschichte des Aufbaus und Ausbaus des Systems der Konzentrationslager zu recherchieren. Der andere Auftrag besteht darin, die Geschichte der Häftlinge darzustellen: die einzelnen Häftlingsgruppen, den Grund ihrer Verfolgung, die Maßnahmen, die damit verbunden waren, und, was die Haft in einem Konzentrationslager bedeutete. Die beiden Aufträge können in Arbeitsgruppen oder in Einzelarbeit recherchiert werden. Am Ende sollen die Ergebnisse präsentiert und in einen Zeitstrahl integriert werden. Dadurch kann die Entwicklung des KZ-Systems und seine politischen wie auch ideologischen Hintergründe veranschaulicht werden. Hilfestellungen dafür bieten obige Angebote der DVD.
Vorschlag 2: Umgang mit Zeitzeugenberichten (Geschichte, Sozialkunde, Deutsch, Religion/Ethik)
Angebote dazu auf der DVD-Video-Ebene: „Zeitzeugnis Abba Naor“; „Gedenkprojekt Lebenslinien“ Texte auf der DVD-ROM-Ebene: „Lernen von der Zeugenschaft der Überlebenden“; „Gedenkprojekt Lebenslinien“; „Häftlingskategorien und Feindbilder“; „AB Zeitzeugnis Abba Naor“
Der Film „Nacht und Nebel“ vermittelt die Erfahrungen der Häftlinge, als die eines Häftlingskollektivs, unabhängig von den Gründen ihrer Verfolgung und der Zugehörigkeit zu einzelnen Häftlingsgruppen. Ihre Realität erscheint ohne Verbindung zur Außenwelt, wie die eines anderen Planeten, dem „Lagerkosmos“. Diese Sicht der Häftlingsrealität war die der 1950er Jahre. Man stand noch am Beginn der historischen Aufarbeitung. Inzwischen sind vielfach Zeugnisse von Überlebenden veröffentlicht. Die Auseinandersetzung mit dem Unrecht, das den Häftlingen widerfahren ist, bezieht sich dank der historischen Erkenntnisse auf die konkreten politischen und ideologischen Gründe der Verfolgung. Wichtig ist auch, dass die Frage der Beteiligung der deutschen Gesellschaft an der Entrechtung der Verfolgten stärker in den Blick rückte. Neben der Häftlingsgruppe der politisch Verfolgten erfuhren die Juden als Opfer des Holocaust zunehmend öffentliche Anerkennung. Die heute noch lebenden Zeitzeugen des „Lagerkosmos“ stehen für die Gruppe der Kinder und Jugendlichen, die im Film nur am Rande vorkommen. So ergänzen die Zusatzangebote auf der DVD-Video-Ebene, die zur Auseinandersetzung mit Zeitzeugnissen anregen, den Film hinsichtlich dieser beiden Themen:
Das Zeugnis eines Holocaust-Überlebenden: Abba Naor erzählt von seiner Verfolgung als jüdischer Jungen aus Kaunas/Litauen, der das Ghetto und die Haft in verschiedenen Konzentrationslagern überlebte und nach der Befreiung nach Israel auswanderte. Heute ist Abba Naor ein wichtiger Gesprächspartner für Jugendliche. Die Jugendlichen erhalten die Aufgabe (mit Unterstützung des Arbeitsblattes „Abba Naor“) sich die Hörausschnitte genau anzuhören und die einzelnen Stationen der Verfolgung, Haft und des Weiterlebens nach 1945 festzuhalten. In einem zweiten Schritt vergleichen sie die Erzählung mit der Aussage des Films über den Lageralltag im Konzentrationslager. Bei der Präsentation der Ergebnisse sollte darauf eingegangen werden, welche Einblicke die persönliche Sicht von Abba Naor in Ergänzung und im Unterschied zum Film und anderen historischen Darstellungen geben können. Mit Hilfe des Arbeitsblattes können folgende Fragen diskutiert werden: Was erzählt Abba Naor über das Leben im Ghetto? Wie schildert er den Alltag in den Konzentrationslagern? Was geschah mit den anderen Familienmitgliedern? Was half ihm zu überleben? Was erfährt man im Film über die Situation in den Konzentrationslagern und was erzählt Abba Naor über die Lager Stuthof und Dachau. Was erfahren wir über den Terror in den Lagern? Was erfahren wir über die Situation der Häftlinge? Worin unterschieden sich die Aussagen und worin ergänzen sie sich?
Was genau erzählt Abba Naor (individuelle Erfahrungen, Situationen, Gefühle) und was erzählt er nicht? Welche Informationen kann nur ein Überlebender vermitteln und welche Aussagen sollten überprüft werden? Welche Gefühle und Gedanken habe ich beim Zuhören?
Abschließend können sich die Jugendlichen Fragen überlegen, die sie an Abba Naor oder einen anderen Zeitzeugen stellen möchten. Diese Einheit könnte zur Vorbereitung eines Zeitzeugengesprächs dienen.
„Mitten aus der Gesellschaft“ – das Gedenkprojekt „Lebenslinien“: Das Beispiel des Gedenkprojektes des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg soll dazu anregen, sich mit der Haltung der deutschen Gesellschaft auseinanderzusetzen und konkret mit der Frage, wie Ausgrenzung und Verfolgung inmitten von Nachbarn, Schulkameraden, Verwandten und Arbeitskollegen beginnen konnte. Das Gedenkprojekt zeigt beispielhaft auf, wie ein Zeitzeugengespräch sinnvoll vor- und nachbereitet werden kann: die Einladung eines Zeitzeugen als Projekt in Zusammenarbeit mit anderen Bildungs- und Kulturträgern in der eigenen Stadt, die Durchführung von Workshops, in denen die Jugendlichen die Möglichkeit erhalten, sich fachkundig über die Geschichte des Zeitzeugen und die genauen Umstände seiner Verfolgung zu machen; die Möglichkeiten der medialen Dokumentation.
Vorschlag 3: Filmanalyse – Ikonografie der „Bilder des Verbrechens“, Kommentar und Filmmusik (Geschichte, Deutsch)
Angebote dazu auf der DVD-Video-Ebene: „Kommentar ohne Bild“; „Fotogalerie“; Texte auf der DVD-ROM-Ebene: „Die Filmkapitel“; „Filmanalyse“; „Der Kommentar“; „AB Filmanalyse“; „AB Bilder der Verbrechen“
Die beiden Arbeitsblätter „AB Filmanalyse“ und „AB Bilder des Verbrechens“ geben Anregung zur Analyse der drei wichtigen Gestaltungsebenen: die Fotografien und Filmaufnahmen, der Kommentar und die Musik.
Bildebene: Der Film musste auf dokumentarisches Bildmaterial zurückgreifen, das die Realität der Lager meist nicht direkt zeigte. Das Filmen oder Fotografieren in den Konzentrationslagern unterlag einer strengen Zensur. Die Fotos, die als Auftragsarbeiten der SS entstanden, waren Propagandadarstellungen und geschönt. So galt ein strenges Bilderverbot, was den Terror und die alltägliche Gewalt betraf. Nur wenige und meist geheime Aufnahmen gelangten aus den Lagern hinaus. Die Aufnahmen der Befreier waren die ersten, die den NS-Terror filmisch dokumentierten. Diese prägen in der Bevölkerung bis heute die Vorstellung von den Konzentrationslagern.
Als Einstieg eignet sich die „Bilder im Kopf“-Methode: Hier geht es um die Vorprägung von Bildern und den Zusammenhang von Geschichtsbildern und inhaltlichen Vorstellungen über die NS-Zeit. Aus der Fotogalerie soll sich jeder ein Bild heraussuchen, das ihn besonders anspricht. Dann stellt jeder sein Bild vor und erklärt die besondere Aussage, die das ausgewählte Bild für ihn hat. Im Vergleich mit der tatsächlichen Bildaussage kann der Zusammenhang zwischen Aussage- und Gestaltungsebene und symbolischer Bildbedeutung herausgearbeitet werden: Was ist auf dem Bild zu sehen? Wie ist das Bild gestaltet? Welche Gefühle und Assoziationen kann das Bild aufgrund der Machart erwecken? Inwiefern ist das Bild typisch oder nicht für die Darstellung der NS-Zeit in den Medien?
Darauf aufbauend können mit dem AB „Bilder der Verbrechen“ die drei unterschiedlichen Perspektiven „Bilder der Täter – Bilder vom Feind – Bilder über die Opfer“ analysiert werden. Die Jugendlichen sollen dazu angeregt werden, die Wirkung der „Bilder im Kopf“ kritisch mittels der Analyse der Bildgestaltung und Möglichkeiten der Kontextualisierung zu hinterfragen.
Tonebene / Der Kommentar: Die Analyse des Kommentars könnte direkt an die der Bildebene anschließen. In einem ersten Schritt sollen die Jugendlichen sich den Kommentar (mit geschlossenen Augen) anhören und gleich danach aufschreiben, welche „Bilder im Kopf“ ihnen beim Zuhören vor ihrem inneren Auge erschienen. In einem zweiten Schritt sollen dann mit Hilfe des Arbeitsblattes die möglichen Inhaltsebenen des Kommentars „Rekonstruktion des Tathergangs“; „Ausdruck des Nichtdarstellbaren“, „Perspektive der Häftlinge“; „Appell an den Zuschauer“ analysiert und mit konkreten Bildern in Verbindung gebracht werden.
Tonebene / Die Musik: Mithilfe des Arbeitsblattes sollen die Jugendlichen die verschiedenen Motive der Musik heraushören und ihre Funktion für die Aussage benennen. Inwieweit unterstreicht oder konterkariert die Musik die Aussage von Ton und Bild? Welche Assoziationen und Gefühle ruft die Musik in mir hervor? Abschließend können die Jugendlichen mittels einer Bildabfolge („Fotogalerie“) und eines selbst verfassten persönlichen Kommentars die Wirkung, die die Musik in ihnen auslöst, zum Ausdruck bringen.
Vorschlag 4: Lernen aus der Geschichte? (Geschichte, Sozialkunde, Religion/Ethik)
Angebote dazu auf der DVD-Video-Ebene: „Filmausschnitte – Gedenkorte“; Texte auf der DVD-ROM-Ebene : „NS-Gedenkorte“; „AB NS-Gedenkorte“; „AB Die Würde des Menschen“ .
Bei diesem Vorschlag geht es um die Frage, was „Lernen aus der Geschichte“ hinsichtlich der Erfahrungen mit dem NS-Terror und Holocaust bedeuten kann.
„Die Spuren der Vergangenheit – historische Orte der NS-Verbrechen“: Der erste Vorschlag des „AB NS-Gedenkorte“ setzt an der wichtigen Funktion der Aufnahmen des ehemaligen Lagergeländes von Auschwitz und Majdanek an. Als Zusatzmaterial werden diese als Filmausschnitte auf der DVD zur Verfügung gestellt. Die Jugendlichen gehen der Frage nach, in welcher Weise diese historischen Orte die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit darstellen und inwiefern sie heute für das Erinnern und Gedenken wichtig sind.
Besuch einer KZ-Gedenkstätte: Der Besuch von Gedenkstätten an Orten ehemaliger Konzentrationslager im Nationalsozialismus ist in vielen Regionen/Schulen schon obligatorisch. Doch oft ist es schwierig, an diesen Orten die Geschichte so lebendig werden zu lassen, wie man sich dies erwartet oder erhofft. Die Orte haben sich stark verändert, oft sind nur noch wenige originale Bauten zu sehen. Zudem erschließen sie nicht direkt die Geschichte der Menschen, die dort inhaftiert waren. Es empfiehlt sich ein pädagogisches Angebot der Gedenkstätten wahrzunehmen und für den Aufenthalt dort ausreichend Zeit einzuplanen (mindestens ein halber Tag). Anregungen zur Vor- und Nachbereitung gibt das „AB NS-Gedenkorte/Vorschlag 2“.
„Die Würde des Menschen“: Der Arbeitsvorschlag „Die Würde des Menschen“ geht der Frage nach, auf welche ethisch-philosophische Tradition das im Artikel 3 unseres Grundgesetzes verankerte Postulat „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ zurückgeht, und welche Konsequenzen der Bruch mit dieser Tradition durch den NS-Terror für ein „Lernen aus der Geschichte“ bedeuten muss/kann.