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Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.

Arbeitsvorschlag „Die Würde des Menschen“

Religion / Ethik; Sozialkunde

Der Film „Nacht und Nebel“ zeigt in Worten und Bildern, in welcher Weise das Postulat „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ im nationalsozialistischen „Lagerkosmos“ auf grausamste Weise missachtet und gebrochen wurde. Am Ende des Films warnt der Kommentar vor der Brüchigkeit gegenwärtiger Verhältnisse: „(…) als glaubten wir wirklich, dass all das nur einer Zeit und nur einem Land angehört, uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt.“

Diese Erfahrungen mit der absoluten Verletzung humanistischer Werte und der bereits in der Weimarer Verfassung verankerten Menschen- und Bürgerrechte führten zu Artikel 1 des Grundgesetzes der BRD: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Die im Grundgesetz festgeschriebene normative ethische Regel fußt auf Grundaussagen der Aufklärung.

In den folgenden drei Textausschnitten beschäftigen sich die Autoren mit der Bedeutung der „Würde des Menschen“ als Postulat der Aufklärung und als normative Grundlage für das Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft. Die sehr unterschiedlichen Texte sind zu verschiedenen Zeiten entstanden. Aus diesem zeithistorischen Kontext erklärt sich auch das jeweilige Anliegen der Autoren.

 

Anregungen für die Arbeit mit den Textauszügen:

Suchen Sie sich einen Text heraus. Lassen Sie sich dabei nicht von abstrakten und auf den ersten Blick unverständlichen Formulierungen abschrecken. Diskutieren Sie gemeinsam die Begriffe, die Sie nicht verstehen. Gehen Sie dabei zuerst von der Bedeutung aus, die Ihnen naheliegend erscheint oder die Sie von den anderen Aussagen im Text ableiten können. Sie können auch ein Lexikon (auch Internetrecherche) zur Hand nehmen, um die Bedeutung des Begriffes nachzuschlagen.

Fassen Sie die Grundaussagen des Textes hinsichtlich der „Würde des Menschen“ zusammen: Was versteht der Autor unter der „Würde des Menschen“ und wie begründet er, dass es diese gibt, bzw. diese geachtet werden soll? Inwiefern argumentiert der Autor normativ und/oder historisch?

Diskutieren Sie in Gruppen: In welcher Weise besteht ihrer Meinung nach ein Zusammenhang zwischen den Texten? Recherchieren Sie gemeinsam die Autoren und Werke aus denen die Auszüge stammen.

Tipp:

Die drei Texte markieren die zeitliche Spanne zwischen dem Aufbruch der Aufklärung (Text 1) und deren Erschütterung, den „Zivilisationsbruch durch Auschwitz“ (Text 2 und 3).

Zwei Autoren sind Philosophen und waren mit ihren Reflexionen über die Aufklärung jeweils wegweisend für ihre Epoche. Der dritte Autor war ein Überlebender des Holocaust. Er wurde Schriftsteller aus dem Bedürfnis heraus, über den „Lagerkosmos“ zu schreiben. Die Erfahrung mit der absoluten Verletzung seiner Menschenwürde war letztlich auch der Grund seines Selbstmordes in den 80er Jahren.

Auf dem ersten Text fußt die im Artikel 1 des GG formulierte Aussage über die „Würde des Menschen“, auf den dritten Text beziehen sich in vielfacher Weise Bemühungen um eine historisch-politische Bildung über die NS-Verbrechen nach 1945. Der zweite Text zeugt von den Erfahrungen, wie schwierig es nach Kriegsende war, über das Leben in den Lagern zu sprechen und daraus Lehren auf der Grundlage humanistischer, zivilgesellschaftlicher Werte zu ziehen.

 


Text 1:

„Der Mensch im System der Natur (homo phaenomenon, animal rationale) ist ein Wesen von geringer Bedeutung und hat mit den übrigen Tieren, als Erzeugnissen des Bodens, einen gemeinen Wert. […] Allein der Mensch als Person betrachtet, d.i. als Subjekt einer moralisch –praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo numenon) ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst einen eigenen Zweck, sondern als Zweck als sich selbst zu schätzen, d.i. er besitzt eine Würde (einen absoluten inneren Wert), wodurch er allen anderen vernünftigen Weltwesen Achtung für ihn abnötigt, sich mit jedem anderen dieser Art messen und auf den Fuß der Gleichheit schätzen kann.

Die Menschheit in seiner Person ist das Objekt der Achtung, die er von jedem anderen Menschen fordern kann; deren er aber auch sich nicht verlustig machen muß. Er kann und soll sich also, nach einem kleinen so wohl als großen Maßstabe, schätzen, nachdem er sich als Sinneswesen (seiner tierischen Natur nach), oder als intelligibles Wesen (seiner moralischen Anlagen nach) betrachtet. Da er sich aber nicht bloß als Person überhaupt, sondern auch als Mensch, d.i. als eine Person, die Pflichten auf sich hat, die ihm seine eigene Vernunft auferlegt, betrachten muß, so kann seine Geringfähigkeit als Tiermensch dem Bewußtsein seiner Würde als Vernunftmensch nicht Abbruch tun, und er soll die moralische Selbstschätzung in Betracht der letzteren nicht verleugnen, d.i. er soll sich um seinen Zweck, der an sich selbst Pflicht ist, nicht kriechend, nicht knechtisch (animo servili), gleich als sich um Gunst bewerbend, bewerben, nicht seine Würde verleugnen, sondern immer mit dem Bewußtsein der Erhabenheit seiner moralischen Anlage (das im Begriff der Tugend schon enthalten ist); und diese Selbstschätzung ist Pflicht des Menschen gegen sich selbst […]“

 


Text 2:

Ist das ein Mensch?
Ihr, die ihr gesichert lebet
In behaglicher Wohnung;
Ihr, die ihr abends beim Heimkehren
Warme Speisen findet und vertraute Gesichter:
Denket, ob dies ein Mann sei,
Der schuftet im Schlamm,
Der Frieden nicht kennt,
Der kämpft um ein halbes Brot,
Der stirbt auf ein Ja oder Nein.
Denket, ob dies eine Frau sei,
Die kein Haar mehr hat und keinen Namen,
Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat,
Leer die Augen und kalt ihr Schoß
Wie im Winter die Kröte.
Denket, dass solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

 


Text 3:

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.

Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, dass die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole.

Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte. (…) Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren.

Die Besinnung darauf, wie die Wiederkehr von Auschwitz zu verhindern sei, wird verdüstert davon, dass man dieses Desperaten sich bewusst sein muss, wenn man nicht der idealistischen Phrase verfallen will. Trotzdem ist es zu versuchen, auch angesichts dessen, dass die Grundstruktur der Gesellschaft und damit ihre Angehörigen, die es dahin gebracht haben, heute die gleichen sind wie vor 25 Jahren. Millionen schuldloser Menschen – die Zahlen zu nennen oder gar darüber zu feilschen, ist bereits menschenunwürdig – wurden planvoll ermordet. Das ist von keinem Lebendigen als Oberflächenphänomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenüber der großen Tendenz des Fortschritts, der Aufklärung, der vermeintlich zunehmenden Humanität nicht in Betracht käme. Dass es sich ereignete, ist selbst Ausdruck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz.“

 

 

 

 

Auflösung:

Text 1: Immanuel Kant: Metaphysik der Sitten, Erste Ausgabe Königsberg 1797, A 93.

Text 2: Primo Levi: Ist das ein Mensch?, München/Wien 1988, S. 27.

Text 3: Theodor W. Adorno: „Erziehung nach Auschwitz“, in: ders. Erziehung zur Mündigkeit. Vorträge und Gespräche mit Helmut Becker 1959-1969, hrsg. v. Gerd Kadelbach, Frankfurt a. M. 1970, S. 88-104.

 

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