Durchblick 14+ – Nacht und Nebel – Alain Resnais – Frankreich 1955 – 30 min.
Projektvorschlag – „Zeitzeugnisse“
In Verbindung mit den Texten „Lernen von der Zeugenschaft der Überlebenden Abba Naor“ und „Gedenkprojekt Lebenslinien“ auf der DVD-ROM-Ebene sowie den Rubriken „Zeitzeugnis Abba Naor“, „Gedenkprojekt Lebenslinien“ auf der DVD-Video-Ebene.
Begegnungen mit Zeitzeugen, die über ihre Verfolgung des NS-Regimes oder ihr Überleben des Holocaust berichten können, sollten gut vorbereitet sein. Denn es geht um einen Dialog, der nicht einfach ist. Der Graben, der zwischen den Erfahrungen der Gesprächspartner liegt, ist sehr groß. Und oft vergegenwärtigen die Überlebenden Ereignisse, die mit eigenen traumatischen Gewalterfahrungen, mit Schmerz und Verlust verbunden sind.
So kann ein Zeitzeugengespräch nicht auf eine rein illustrative oder emotionale Ebene reduziert werden. Es ist wichtig, dass die Zuhörer eines Zeitzeugen dessen Erinnerungen mit den damaligen gesellschaftlichen Ereignissen in Beziehung setzen können. Hierzu bedarf es eines entsprechenden historischen Wissens über die herrschenden politischen und sozialen Verhältnisse, das ein Zeitzeugengespräch allein nicht vermitteln kann. Ein Überlebender kann nur ausgehend von seiner persönlichen Erfahrung erzählen. Er kann uns einen Eindruck dessen vermitteln, was es für einen Menschen bedeuten konnte, Unrecht und Terror ausgesetzt zu sein. Seine Erzählung ist geprägt von der persönlichen Sicht. Im Mittelpunkt stehen konkrete Erlebnisse wie auch die Gefühle, Gedanken und Handlungen einer Person. Wir erfahren darüber hinaus, welchen Grenzen und Einschränkungen das eigene Handeln plötzlich unterlag, aber auch, welche Handlungsspielräume dem Einzelnen noch blieben, um zu überleben oder sich zu widersetzen. Zeitzeugnisse zeugen vor allem von der Persönlichkeit der Verfolgten und sind ein lebendiger Kontrapunkt gegenüber der medialen Darstellung der Opfer als stumme und willenslose Objekte des NS-Terrors.
Wichtig ist auch zu verstehen, dass die Überlebenden nicht auf ihre Erlebnisse zwischen 1933 und 1945 „reduziert“ werden können. Nach 1945 waren sie zwar befreit, aber nicht frei von den Nachwirkungen der Verfolgungserfahrung. Die Nachfolgegesellschaften, ob in einem neuen Land oder in der alten Heimat, zeigten wenig Verständnis. In Deutschland wurde über die Verbrechen geschwiegen und die Anerkennung, dass den Verfolgten Unrecht geschehen war, wurde ihnen verweigert. Erst sehr spät begann man die Fragen nach Schuld und Verantwortung öffentlich zu stellen.
Zeitzeugengespräch und Umgang mit Zeitzeugnissen
Um diese Aspekte berücksichtigen zu können, sollte ein Zeitzeugengespräch mit einem Überlebenden inhaltlich gut eingebettet werden. Dies gilt auch für den Einsatz von medialen Zeugnissen, die inzwischen vielfach zur Verfügung stehen. Wenn die Möglichkeit besteht, kann dies im Rahmen eines (interdisziplinären) Projektes und/oder Gedenkstättenbesuches erfolgen.
- Vor der Begegnung mit dem Zeitzeugen erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit den genauen Umständen seiner Verfolgung auseinander zu setzen: Informationen über seinen/ihren Heimatort (ob im Deutschen Reich oder in einem der von den Deutschen besetzten Gebiete), die dort herrschenden Umstände seiner/ihrer Verfolgung (Verfolgungsgründe, Ideologie, Repressionen etc.), die verschiedenen Orte der Repression, über die an der Verfolgung Beteiligten (Personen, Organisationen), die Grundkoordinaten der Familiengeschichte bzw. des Lebensweges (auch nach 1945). Die Jugendlichen können sich abschließend Fragen an den Zeitzeugen überlegen.
- Nachdem die Informationen arbeitsteilig in Gruppen zusammengetragen wurden, empfiehlt es sich, die einzelnen Ergebnisse zusammenhängend darzustellen (Website, Plakat etc.). Dies kann auch als Einstieg für ein Zeitzeugengespräch dienen. Der Gast erhält so auch einen Einblick über den Wissenstand der Jugendlichen und darüber, was sie besonders interessiert.
- Das Zeitzeugengespräch kann auch medial aufgenommen werden, wenn alle Beteiligten damit einverstanden ist. Mit dem Zeitzeugen sollte aber dann auch vereinbart werden, für welche Zwecke die Aufnahmen verwendet und ob sie auch veröffentlicht werden können (Sichtung in der Schule, Verwendung von Filmausschnitten für ein Webportal o.ä.).
- Nach dem Zeitzeugengespräch empfiehlt sich eine Nachbereitung bei der atmosphärische und inhaltliche Fragen diskutiert werden sollten: Wie war die Atmosphäre des Gespräches? Was erzählte der Zeitzeuge? Gab es Fragen, die ich gerne gestellt hätte, mich aber nicht getraut habe? Was habe ich verstanden und was nicht?
- In Anlehnung an den Arbeitsvorschlag „Zeitzeugnis Abba Naor“ (s. DVD-Video-Ebene und DVD-ROM-Ebene) und dem Gedenkprojekt „Lebenslinien“ (s. DVD-ROM-Ebene) kann die Erzählung des Zeitzeugen anhand der einzelnen Stationen seiner Verfolgungsgeschichte rekapituliert werden: Ab wann hat sich sein/ihr Leben verändert? Warum wurde er/sie isoliert und schikaniert, verfolgt, vertrieben oder verhaftet? Welcher Repression war er/sie ausgesetzt – im Gefängnis, im Ghetto, im Lager? Was geschah mit den anderen Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten? Wie haben sich die Nachbarn verhalten? Wie wirkte sich die Verfolgungserfahrung auf sein/ihr Leben nach 1945 aus? Konnte er /sie in der Familie oder in der Öffentlichkeit Gehör finden? War er/sie in der Lage darüber zu sprechen? Warum spricht er/sie heute darüber?
- Die Ergebnisse des Gespräches können (gemeinsam mit den Aufzeichnungen) abschließend in unterschiedlicher Form festgehalten werden: als Collage aus Fotos, Interviewauszügen und historischen Dokumenten; als „Lebenslinie“ anhand der einzelnen Stationen der Verfolgung und des Lebens nach 1945, als Zusammenstellung einzelner, persönlicher Eindrücke der Jugendlichen etc.
- Eine weitere Möglichkeit ist, das Zeitzeugengespräch in einen Gedenkstättenbesuch zu integrieren. Die persönliche Erfahrung des Zeitzeugen kann in direkte Beziehung zu einem Gedenkort gesetzt und so besser verstanden werden. Mit der dort dargestellten Geschichte des Ortes und seinen Bezügen zu Widerstand, Verfolgung und Holocaust, können die Erzählungen historisch und örtlich eingebettet werden. Auch finden die Jugendlichen an diesen Orten Anregungen des Gedenkens, um ihren Gefühlen und Gedanken angesichts des menschlichen Leides und der Unvorstellbarkeit des Terrors Ausdruck geben zu können. Der konkrete örtliche Bezug der Verfolgungs- und Lagererfahrung des Überlebenden sollte allerdings klar gemacht werden. Wenn er nicht am besuchten Ort inhaftiert war, sollte die Verbindung seiner Haftstätte(n) zu diesem Ort thematisiert werden.