
Durchblick 8+ - Paulas Geheimnis - Deutschland 2006 - 95 min.
Gleich zu Beginn des Filmes lernt der Zuschauer die handelnden Personen kennen. Während Paula und Tobi in der Schule sitzen, werden rumänische Kinder von ihren Bandenchefs auf die Straße geschickt, um Geld zu beschaffen.
In kurzen Szenen sieht man, wie Paula von ihrem Märchenprinzen träumt, wie Tobi vom Englischlehrer auf die Nachprüfung angesprochen wird, wie er Paula nachläuft, weil er sie offenbar gern hat, und wie Radu und Ioana Paula bestehlen.
Die anschließenden Szenen thematisieren die Umgebung der Kinder. Paulas Eltern nehmen den Diebstahl nicht schwer und machen stattdessen Ferienpläne für sie. Tobis Schwester macht sich über ihn lustig, sein Vater versteht nicht, dass er auf dem Gymnasium bleiben will. Nachdem Tobi Radu und Ioana vergeblich verfolgt hat, sieht man die beiden in ihrem sozialen Umfeld: in einer heruntergekommenen Wohnung geben sie ihr Diebesgut bei den Bandenchefs ab und bekommen Pizza zu essen.
Die Gegensätze der Lebensumstände durchziehen den gesamten Film. Krää gelingt es, in jedem sozialen Milieu den Finger auf die Wunden zu legen. Sowohl Paulas als auch Tobis Eltern sind dabei als durchaus freundliche Menschen gezeichnet, die jedoch so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie ihre Kinder nicht wirklich wahrnehmen.
Während sich die Geschichte des Filmes, die Verfolgung der Diebe und schließlich die Hilfe für Radu und Ioana, entwickelt, stehen die sozialen Gegensätze immer wieder im Zentrum der Handlung. Paula kommt mit Tobi und seiner Lebensweise nicht zurecht. Tobi wiederum gehen ihre Zurechtweisungen und ihre Besserwisserei bald auf die Nerven. Jenny ist mit ihrer Sprache und ihren Verhaltensweisen den Mädchen im Feriencamp suspekt.
Bei Radu und Ioana regieren Misstrauen und Angst vor Strafe, die Krää durchaus thematisiert. Radu hat Brandwunden von Zigaretten auf der Brust und als er das Tagebuch wieder an sich nimmt, wird schnell deutlich, in welche Gefahr er sich für Paula begibt.
Eingebettet in die erzählte Krimihandlung wird so ein Blick auf soziale Unterschiede und menschliche Schicksale geworfen, die den eigentlichen Gegenstand des Filmes bilden.
Die größte Entwicklung macht dabei Paula durch, denn sie muss ihre Vorurteile ebenso überdenken wie ihre Haltung zu Freundschaft und sozialem Miteinander. Zu Beginn des Filmes teilt sie ihrem Tagebuch mit, dass sie nicht noch einmal den Fehler machen wird, sich einer Freundin anzuvertrauen, und dass sie nur ihrem Liebsten vertrauen kann. Im Verlauf der Handlung wird es für sie notwendig, Menschen wie Tobi, Jenny, Radu und Ioana zu trauen, Menschen, mit denen sie sich zuvor noch niemals abgegeben hat.
Tobi schwankt zwischen Selbstbewusstsein und Minderwertigkeitsgefühlen. Trotz seiner großen Pläne ist er der Realität mehr verhaftet als Paula. Seine Unsicherheit, ob er die Schule schaffen wird, verdrängt er, indem er ständig isst oder vor dem Fernseher hockt. Mit der bevorstehenden Nachprüfung befasst er sich nur sehr ungern.
Radu und Ioana haben einen starken Zusammenhalt und vertrauen einander. Sie fühlen sich bei dem, was sie tun, nicht wohl, sind jedoch auf Hilfe angewiesen, um aus ihrer Situation herauszukommen. Krää macht deutlich, dass er den Kindern keine Schuld daran gibt, dass sie stehlen. Und er betont die gesellschaftliche Verantwortung, die im Film von Paula und Tobi wahrgenommen werden.
Ein wichtiger Punkt ist die Rolle der Erwachsenen in diesem Film. Während sie in anderen Kinderkrimis oft nur Beiwerk sind, sind sie in „Paulas Geheimnis“ durchaus präsent. Sie sind, abgesehen von den Chefs der Bande, durchweg sympathisch gezeichnet, jedoch gedankenlos. Die Gefühlswelt der Kinder ist ihnen deshalb fremd, selbst wenn sie mit bester Absicht handeln.
Tobis Englischlehrer und die Pädagoginnen im Feriencamp sind, verglichen mit den Eltern, sehr viel aufmerksamer. Sie bieten Hilfe an und unterstützen die persönlichen Eigenarten der Kinder. Gerade in den Situationen im Feriencamp, in denen die Animositäten der übrigen Mädchen Jenny fast zur Verzweiflung treiben, wird das Potential hilfreicher Betreuer positiv dargestellt.
Das Happy End des Filmes schlägt hier noch einmal den Bogen: Tobis Eltern haben ihre Kinder schmerzlich vermisst, während diese gut ohne sie ausgekommen sind. Genau wie Paulas Eltern müssen sie erkennen, dass in ihren Kindern sehr viel steckt, was sie bislang übersehen haben. So lernen auch sie durch diese Ferien dazu.
Fragestellungen zum Inhalt des Films