
Durchblick 8+ - Paulas Geheimnis - Deutschland 2006 - 95 min.
Die Idee zum Drehbuch entstand, als der Tochter des Regisseurs – sie war damals in Paulas Alter – von Taschendieben der Rucksack aufgeschlitzt wurde. „Ich erlebte hautnah mit, wie schwer es einen Menschen, vor allem einen jungen Menschen, trifft, wenn er beklaut wird“, erinnert sich Krää. „Meine Tochter hat damals nichts Unersetzliches verloren, also vor allem Geld, den Schlüssel und den Ausweis. Aber ich habe gespürt, wie erschüttert sie war.“
Als Drehbuchautor sorgte Gernot Krää dafür, dass Paulas Unglück ungleich größer ist: Ihr wird ein persönlicher Besitz von großem ideellen Wert gestohlen, und das stellt sie vor ein sehr emotionales Problem. Ihre Geheimnisse könnten von Fremden entdeckt werden – ein Gedanke, der sie in eine Krise stürzt.
Gernot Krää wollte schon lange wieder einen Kinderfilm drehen („Die Distel“, ebenfalls ein Kinderkrimi, entstand bereits 1992). „Für mich ist ,Paulas Geheimnis‘ auch eine klassische Detektivgeschichte in der Tradition der Kinderbücher von Erich Kästner – er diente beim Schreiben aber nicht als bewusstes Vorbild, doch ich kenne natürlich seine Geschichten, bin selbst mit ihnen aufgewachsen – sie stecken tief in mir drin. Auf einer weniger vorsätzlichen Ebene bin ich sicher von ihnen beeinflusst worden.“
„Paulas Geheimnis“ spielt in Hamburg und die meisten Aufnahmen entstanden an Originalschauplätzen in Hamburg und Umgebung.
Für Gernot Krää „…erfordert die Geschichte eindeutig das Ambiente einer Großstadt, von denen es in Deutschland nicht viele gibt. Ich wohne in München, aber die Stadt kam für mich nicht infrage. München war mir zu idyllisch und hübsch. Wichtig für ,Paulas Geheimnis‘ sind die urbane Atmosphäre und die harte, schnörkellose Realität der Metropole an der Elbe. Im Vergleich zu der anderen möglichen Großstadt Berlin finde ich Hamburg fotogener und interessanter, weil wir dort auch den Hafen mit einbeziehen, der besonders im Finale mit dem Ablegen der Englandfähre eine wichtige Funktion bekommt. Heute verkehrt die Fähre nach Großbritannien nicht mehr. Aber wir drehten an dem Original Fähren-Terminal, der inzwischen verwaist ist und den wir für die Aufnahmen wieder zum Leben erweckten. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten fuhren die Englandfähren nur noch von Cuxhaven an der Elbmündung ab. Die eigentlichen Schiffsszenen drehten wir also nicht in Hamburg, sondern in Cuxhaven.“
Paula wohnt mit ihren gut situierten Eltern in einem teuren Haus im Nobelviertel an der Hamburger Elbchaussee. Krää gestaltet die Atmosphäre in dieser Umgebung in hellen, betont kühlen Farben, die Paulas Verhältnis zu ihren eher geschäftsmäßigen Eltern entspricht: „Nachdem alle Figuren im Film etwas dazugelernt haben, bleibt zu hoffen, dass auch die nüchterne Atmosphäre in Paulas Elternhaus etwas wärmer und herzlicher wird!“
Das weiträumige Haus ist deutlich luftiger und heller als die Hochhauswohnung der Pröllingers, in der Tobi mit seinen Eltern und seiner Schwester Jenny lebt. „Alle Wohnungsszenen drehten wir komplett im Studio – einfach aus dem Grund, weil sie sehr klein ist – die Pröllingers sind keine reichen Leute“, berichtet Krää. „Dreharbeiten in realen kleinen Wohnungen ist für das Filmteam die Hölle – deshalb entschlossen wir uns zum Bau des Studiosets: Dort kann man die Wände verschieben – das Team hat genug Platz für seine Arbeit.“
Das einzige weitere Studioset ist das Dach-Nachbau des realen Altonaer Hochhauses, auf dem die Kinder nachts sitzen, während Tobi Paula unter dem strahlenden Sternenzelt erklärt, was ihn an den astronomischen Geheimnissen des Universums fasziniert.
In einer Nachtsequenz lässt Tobi Paula in einen Supermarkt-Einkaufswagen steigen und schiebt sie in wilder Fahrt über die dicht bevölkerte Reeperbahn auf St. Pauli. „Wir haben tatsächlich nachts gedreht – da war alles echt, auch die Passanten – in dieser Szene gibt es keine Komparsen“, erinnert sich Vincent Paul. „Die Kamera filmte aus dem fahrenden Auto, und ich rannte über den Fußweg, schob Thelma auf einem Slalomkurs vor mir her und rief den unvorbereiteten Fußgängern zu, dass sie mir aus dem Weg gehen sollten. Die Passanten fanden es schon merkwürdig, Kindern nachts auf der Reeperbahn zu begegnen, aber wir waren auf Reaktionen vorbereitet und haben sie einfach nicht beachtet!“
Für die in der Story sehr wichtigen U-Bahn-Szenen, in denen Paula bestohlen wird, mietete das Team einen Zug vom Hamburger Verkehrsverbund HVV. Er fuhr während den Aufnahmen auf einem Sondergleis, die Wagen bevölkerte man mit Statisten. „Weil die U-Bahn gemietet war, funktionierte alles ohne Probleme“, sagt Vincent Paul. „Wenn ich in die sich schließende Waggontür springen musste, kam es nur auf das richtige Timing an. Das war einfach.“
Das Feriencamp, in dem Tobis Schwester Jenny unter Paulas Namen ihren Sommer verbringt, spielt im Schlossgut Groß Schwansee an der Lübecker Bucht.
Oft wird gesagt, dass das Casting (die Besetzung der Rollen) 80 Prozent der Filmarbeit ausmacht. Die Filmemacher suchen dabei nämlich nicht nur Darsteller, die den Helden des Drehbuchs möglichst exakt entsprechen – sie müssen auch ständig im Auge behalten, ob die Schauspieler vor der Kamera ein überzeugendes Ensemble ergeben. „Es nützt nichts, die richtige Paula und den geeigneten Tobi zu finden, wenn die beiden dann nicht zusammenpassen. So etwas lässt sich nur durch viele Tests herausfinden.“
„Die beiden Hauptfiguren Paula und Tobi leben durch ihre Gegensätze“, beschreibt Krää sein Konzept. „Paula stammt aus einem reichen Elternhaus, sie ist wohl behütet, sehr intelligent, andererseits auch sehr introvertiert – das grenzt schon fast ans Pathologische. Sie macht eine Krise durch, ohne dass ihr das bewusst ist.“
Thelma Heinzelmann brachte zwar schon langjährige Erfahrungen auf der Theaterbühne mit, hatte aber noch nie vor der Kamera gestanden. „Ich bekam von der Agentur eine Personenbeschreibung der Paula und sollte mir daraufhin selbst überlegen, wie ich sie darstellen würde – wie sie auftritt, wie sie sich bewegt.“
„Wir haben Hunderte von Mädchen vorsprechen lassen. Ich suchte ja ganz spezifische Eigenschaften: eine gewisse Verschlossenheit, die durchaus auch schon einmal arrogant, aber trotzdem sympathisch wirkt – und später soll Paula aufblühen. Die schauspielerischen Fähigkeiten sind ja nur der eine Aspekt. Unsere Hauptdarstellerin musste 40 Drehtage lang konzentriert arbeiten können. Manche Mädchen, die ich beim Casting kennen lernte, hätten die Paula vom Typ her möglicherweise spielen können, aber bei denen hatte ich gleich das Gefühl: Die halten diese Strapazen nicht aus. Thelma bringt beides mit: Sie kann spielen, und sie ruht sehr in sich selbst, sogar unter ausgesprochen stressigen Bedingungen knickt sie nicht ein.“
Auch Paulas Klassenkamerad Tobi hat Probleme mit sich und der Welt, aber unter ganz anderen Umständen. Krää beschreibt ihn: „Tobi wächst im Arbeitermilieu auf, er ist etwas korpulent, unsicher, und durch seine mangelnden Schulleistungen gerät sein Selbstbewusstsein in eine schwere Krise, denn er möchte weiterkommen, weiß aber nicht recht, wie er das anstellen soll. Er steckt scheinbar in einer Sackgasse.“
Die Suche nach dem perfekten Tobi war ebenfalls langwierig. „Wir begannen mit dem Casting schon ein Jahr vor Drehbeginn“, berichtet der Regisseur. „Ich kannte Vincent Paul bereits von einem Video seiner Agentur und wusste sofort, dass er zur engeren Auswahl gehören musste. Ein Jahr später luden wir ihn dann persönlich ein, und mein Eindruck bestätigte sich: Vincent Paul ist Tobi!“
Die Dreharbeiten zu „Paulas Geheimnis“ dauerten acht Wochen lang. Genutzt wurde die Zeit der Sommerferien, damit die jungen Schauspieler in der Schule nicht zu viel versäumten.
Gernot Krää: „Ich habe mit den Kindern Einzelgespräche geführt, um ihnen die Rollen zu erklären. Vor Drehstart verbrachten wir ein gemeinsames Wochenende auf einem Bauernhof bei Hamburg, damit sich die Kinder kennen lernten. Dabei wurde ich von Assistenten unterstützt, die die Kinder auch beraten und während der Dreharbeiten in den Pausen betreut haben. Vor jedem konkreten Dreh der Szenen gingen diese Assistenten den Text mit den Kindern durch. – Generell halte ich nichts von zu intensiver Vorbereitung. Natürlich müssen die Akteure die Dialoge prinzipiell kennen, aber gerade bei Kindern bin ich durchaus einverstanden, wenn sie Kleinigkeiten ändern.“
„Ich fand, dass Gernot mir sehr viel Freiraum ließ“, meint Thelma. „Er forderte mich auf: ,Mach das erstmal, wie du willst.‘ Und wenn es ihm nicht gefiel, sagte er dann: ,Probier’s mal etwas anders.‘ Jedenfalls hat er uns nie von vornherein vorgeschrieben, wie wir zu spielen haben.“ Auch Vincent Paul de Wall fand, dass es ihm leicht gemacht wurde: „Gernot hat sich sehr auf mich eingestellt. Manchmal war mir nicht klar, wie ich bestimmte Szenen spielen sollte. Wir haben dann darüber gesprochen, und er erklärte mir nicht nur die Sprechweise der Dialoge, sondern auch die Mimik. In der Regel haben wir uns vor dem Dreh etwa zehn Minuten auf solche Szenen eingestimmt – das hing natürlich immer davon ab, wie kompliziert sie im Einzelnen sind.“
„Wenn er uns zu einer Wiederholung auffordert, darf man das nicht persönlich nehmen – denn es heißt ja nicht, dass man schlecht spielt“, sagt Thelma. „Immer geht es nur darum, den Film so gut wie möglich zu machen. Es kann auch an meiner persönlichen Tagesform liegen. Wenn man schlechte Laune hat, muss man trotzdem weitermachen und sich zusammenreißen.“
Vincent Paul de Wall hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Ich war zur Zeit der Dreharbeiten 13 Jahre alt. Natürlich ist man sehr aufgeregt, wenn man eine so wichtige Rolle übernimmt. Aber spätestens nach einer Woche Dreharbeiten hat man sich voll daran gewöhnt. Die Dreharbeiten dauerten viele Wochen, und wenn dann am Abend eines langen Drehtags eine Szene nicht klappen wollte, dann ist es schon anstrengend, sich immer wieder neu zu konzentrieren. Gerade wenn ich vor der Kamera gute Laune spielen soll, mich aber im Augenblick gar nicht so fühle, muss ich mich sehr zusammennehmen. Dabei hilft es natürlich, dass wir von Gernot aufgebaut wurden, denn er hat unsere Leistung immer wieder gelobt. Auch das Filmteam war ausgesprochen nett – ich habe mich mit allen wunderbar verstanden.“
Dazu Regisseur Gernot Krää: „Mir lag besonders daran, die Darsteller für die konkrete Aufnahme richtig in Fahrt zu bringen. Bei Vincent Paul und Thelma hieß das: Sie mussten vor dem Take erst einmal eine Runde laufen. Oft bin ich selbst mit ihnen gejoggt, wir liefen dreimal um den Block, um innerlich in Fahrt zu kommen. Denn die Dreharbeiten bestehen ja zu 90 Prozent aus Warten. Dabei rutscht der gesamte Energiehaushalt in den Keller. Die Kinder kennen zwar ihren Text, sagen ihn dann aber im Schneckentempo auf. Also: Laufen ist immer gut – das kitzelt die Energie heraus!“
Auffällig sind die düsteren Szenen im Milieu der Diebesbande, die so gar nichts mit dem üblicherweise fröhlichen und strahlenden Ambiente herkömmlicher Kinderfilme zu tun haben. Dazu Krää: „Ich hatte nie die Absicht, einen Heile-Welt-Film zu machen. ,Bunte‘ Bilder liegen mir nicht. Mir ging es darum, die im Film gezeigten unterschiedlichen Milieus deutlich voneinander abzusetzen. Im Gegensatz zu dem Diebesbanden-Ambiente wirken die Szenen bei Paula zu Hause, in der Schule und im Feriencamp klar, hell und sonnig (wenn auch nie bunt).“
In Paulas schwärmerischen Tagträumen sehen wir ihren Märchenprinzen in einem sonnendurchfluteten Fantasy-Ambiente, das passenderweise an die intensiv emotionale Bebilderung von Liebesliedern in Bollywood-Filmen erinnert. „Ich hatte dabei stilistisch kein konkretes Vorbild, aber alles lief für mich unter dem Stichwort ,Kitsch‘“, erzählt Krää. „Zunächst hatte ich ,Probleme‘, dem Team meine Ambitionen verständlich zu machen, denn die Mitarbeiter haben automatisch eine Kitschhemmung. Ich erklärte also: Nein, es geht ja gerade darum, die fast peinliche Gegenwelt der Paula deutlich zu machen, von der sie nie etwas erzählen würde. Es kann also gar nicht kitschig genug sein – es regnet sogar Rosenblütenblätter.“
Auf andere Weise hyper-real sind die Bilder auf dem nächtlichen Hochhaus, wo Tobi von seinem Astro-Hobby berichtet – über ihm erstrahlt dabei ein so funkelnder Sternenhimmel, wie man ihn über Hamburg nie erleben könnte. „Wenn man genau hinschaut, sieht man, wie die Brillanz der Sterne im Lauf der Sequenz zunimmt. Je näher sich Paula und Tobi kommen, desto mehr Sterne erscheinen am Himmelszelt“, sagt der Regisseur.
Thelma Heintzelmann war während der Dreharbeiten zwölf Jahre alt. Sie wohnt in der Nähe von Hamburg und ist neben der Schule festes Mitglied eines Theater-Ensembles. Sie spielt Klarinette im Orchester und singt in einem Erwachsenen-Chor. Außerdem begeistert sie sich für Tennis und Segeln. Die Paula ist Thelmas erste Rolle in einem Kinofilm.
„Dass Paula sich gern und bewusst von den anderen absondert, das spüre ich in mir selbst nicht so“, sagt Paula-Darstellerin Thelma Heintzelmann über die Parallelen zwischen sich selbst und ihrer Rolle. „Aber im Rahmen meiner Schulklasse merke ich genau wie Paula, dass es soziale Unterschiede gibt, dass wir aus verschiedenen Milieus kommen. Ich war noch in keiner Situation, in der das eine Rolle spielt, aber ich könnte mir vorstellen, dass ich auf einen Jungen wie Tobi zunächst ähnlich wie Paula reagieren würde.“
Der zur Zeit der Dreharbeiten 13-jährige Vincent Paul de Wall kommt aus Hamburg und steht ebenfalls zum ersten Mal für einen Kinofilm vor der Kamera. Paul mag Fußball und Basketball, er fährt Inline-Skates und Skateboard.
„Manchmal habe ich mich in Tobi wieder erkannt, in vielen Dingen aber auch nicht“, sagt Vincent Paul de Wall, der die Rolle des Tobi übernommen hat. „Im Gegensatz zu Tobi komme ich in der Schule recht gut zurecht, gerade in Englisch bin ich gar nicht so schlecht! Tobi wirkt etwas tollpatschig – so sehe ich mich persönlich nicht! Ich verstehe mich wunderbar mit meinen Mitschülern. Ich weiß nicht, ob ich so Detektiv spielen könnte wie er, aber wie er das anpackt, ist schon sehr beeindruckend. Natürlich ist er besonders motiviert, weil er heimlich in Paula verliebt ist und ihr unbedingt helfen will.“
Gernot Krää, 1952 geboren, wuchs in München auf und verbrachte prägende Jahre in London, wo er u.a. für das ARD-Studio tätig war. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitete als Kamera- und Regieassistent. 1992 führte er Regie bei dem Kinderfilm DIE DISTEL (16mm: BJF-Clubfilmothek; 35mm: Progress Verleih), mit dem er unter anderem für den Goldenen Spatz nominiert wurde und den Augsburger Kinderfilm-Drachen gewann. Gernot Krää schrieb zahlreiche Drehbücher für Fernsehspiele, Krimi-Serien und für Unterhaltungsprogramme wie EVELYN HAMANNS GESCHICHTEN AUS DEM LEBEN oder ZWEI MÄNNER AM HERD. Gernot Krää ist Autor im Verlag der Autoren und lebt in München.