
Durchblick 8+ - Paulas Geheimnis - Deutschland 2006 - 95 min.
„Paulas Geheimnis“ eignet sich in vielfältiger Weise sehr gut zur Erarbeitung von Erzählstrukturen im Film und zur Analyse der Möglichkeiten von Filmgestaltung. Im Rahmen der Fächer Deutsch oder Kunst sowie in Projekten zur Medienkompetenz können die Bereiche Dramaturgie, Kameraperspektiven und Tongestaltung im Unterricht auf ganz unterschiedliche Weise erarbeitet werden.
Mit Hilfe der Filmausschnitte auf der Videoebene der DVD lassen sich in Einzel- und Gruppenarbeit Gestaltungselemente gut herausarbeiten. In Verbindung mit den Fotos aus dem Film können sich Schülerinnen und Schüler in Einzel- oder Gruppenarbeit mit einem der Themen auseinandersetzen und die Ergebnisse im Plenum der Klasse später zusammentragen.
„Paulas Geheimnis“ vernetzt und verbindet verschiedene Persönlichkeiten, Schicksale, Ansichten und Lebensweisen im Rahmen einer Krimihandlung. Dabei liegt der Schwerpunkt der Handlung nicht auf den besonderen detektivischen Fähigkeiten der Kinder, wie bei vielen anderen Kinderkrimis, sondern auf dem Alltäglichen, das für ihr Leben die wichtigere Rolle spielt.
Im Zentrum des Geschehens steht die Entwicklung der Hauptfiguren und ihrer Freundschaft. Ihre persönlichen Geschichten verlaufen zunächst nebeneinander und werden durch die Begegnungen verknüpft. Welche erzählerische Form der Film dabei wählt, lässt sich gerade am Anfang gut analysieren. Hierzu können die ersten beiden Kapitel des Filmes von den Schülerinnen und Schülern, die diesen Bereich bearbeiten, wiederholt angeschaut und – Szene für Szene – erarbeitet werden.
Die einzelnen Szenen der Anfangssequenz sind:
Die einzelnen Szenen können von den Schülerinnen und Schülern in Form eines Comics skizziert werden – daraus ergibt sich ein Storyboard für die Anfangssequenz. Möglich ist es auch, mit Hilfe der Pausentaste Bilder aus dem Film abzufotografieren und zu einem Storyboard zusammenzustellen.
Im Gespräch lässt sich die Erzählstruktur des Anfangs anhand dieser Szenen gut erarbeiten:
Ein zweiter dramaturgisch wichtiger Aspekt ist die Beziehung der Kinder zu ihrer Umgebung. Krää stellt die unterschiedlichen Wohnverhältnisse vor, die Beziehungen zur Familie und charakterisiert auch hier mit kurzen Szenen, wie die Lebensumstände der Hauptfiguren sind. Im Unterricht können diese Familienverhältnisse beschrieben und bewertet werden. Außerdem sollte die Frage behandelt werden, weshalb sie für die Geschichte selbst wichtig sind.
Jüngere Schülerinnen und Schüler können Bilder von den Wohnungen malen, in denen die Kinder leben. Anschließend erzählen sie, welche Bedeutung diese unterschiedlichen Umgebungen für die Handlung des Filmes haben.
Bei der Darstellung der Krimihandlung greift der Film dramaturgisch auf klassische Muster zu: Verfolgungsjagden zu Fuß, per Fahrrad und Taxi; verstecken, beobachten, erwischt werden und sich wehren; schließlich das finale Showdown. Dennoch wirken die Szenen in „Paulas Geheimnis“ immer der Wirklichkeit verhaftet.
Um diesen Aspekt im Unterricht zu vertiefen, können einzelne Elemente dieser klassischen Muster näher untersucht werden. Das Material für Lehrerinnen und Lehrer zum Thema „Detektivgeschichten“ kann hierzu erweiternd verwendet werden.
Auch mit Hilfe des Arbeitsblattes 5 (Das Telefonat) und des Arbeitsblattes 6 (Die Flucht von Ioana und Radu) können dramaturgische Aspekte der Filmhandlung erarbeitet werden.
In höheren Jahrgangsstufen lässt sich die Gesamtdramaturgie abschließend anhand eines Fragenkatalogs erarbeiten:
Die Fragen können auch in Gruppenarbeit einzeln bearbeitet werden, die Ergebnisse werden anschließend in der Klasse nacheinander vorgestellt.
Der Film erzählt seine Geschichte überwiegend in sehr klaren Bildern. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben die Emotionen der Figuren bei den Schauspielern. Die Kamera nimmt meistens eine beobachtende Haltung ein, sie begleitet die Figuren, aber sie lenkt sie nicht. Dabei bleibt ihr Standpunkt in Augenhöhe und nimmt die Zuschauer in die Bilder mit.
Die Traumsequenzen von Paula sind überbeleuchtet und erstrahlen dadurch in einem besonderen Licht. Auf diese Weise werden sie überhöht und von der Realität abgespalten. Anders als in den nächtlichen Träumen wird deutlich, dass Paula auf die Tagträume Einfluss hat. Nachts holt sie die Realität wieder ein und lässt sie besorgt aus dem Traum erwachen.
Paulas Verzweiflung, als sie den Verlust des Tagebuchs bemerkt, und ihre schwere Entscheidung, den Märchenprinzen aufzugeben, werden filmisch besonders betont. Die Kamera ist sehr dicht an der Schauspielerin und verdeutlicht ihren inneren Konflikt.
Im Unterricht können die einzelnen Filmausschnitte der Videoebene von den Schülerinnen und Schülern in Einzel- oder Gruppenarbeit auf die Kameragestaltung hin untersucht werden. Die Hauptfrage sollte in diesem Zusammenhang sein, worauf sich der Bildausschnitt konzentriert und wie er auf die Zuschauer wirkt. Hierzu können eigene Bilder gestaltet werden, die darstellen, wie ein Bildausschnitt das Auge des Betrachters lenken kann.
Eine Übersicht über Einstellungsgrößen der Kamera mit Bildbeispielen wurde im Arbeitsblatt 8 (Einstellungsgrößen und Perspektiven) für den Unterricht zusammengestellt. Das Arbeitsblatt 7 (Kamera auf Augenhöhe) dient zusätzlich als Anregung, über den emotionalen Aspekt der Bildgestaltung nachzudenken. Ähnlich kann mit anderen Fotos aus dem Film verfahren werden.
Der Filmschnitt ist klassisch und arbeitet mit bekannten Mitteln, um Spannung zu erzeugen. Kapitel 7 kann hierzu als Beispiel im Unterricht herangezogen werden:
Mit dieser Parallelmontage erzählt der Film, wie es den drei Kindern geht und mit welchen möglichen Schwierigkeiten sie rechnen müssen. Jenny verplappert sich fast bei der Vorstellungsrunde, Paula muss ihren Vater anlügen. Die Spannung entsteht durch die Gefahr, dass alles auffliegt. Eine klassische „Lügensituation“.
Wie Kamera und Schnitt den Zuschauer im Unklaren lassen können, was in einer Situation tatsächlich geschieht, zeigt die Szene deutlich, in der Radu erwischt wird, wie er sich im Zimmer der Chefs zu schaffen macht. Der Zuschauer hat gesehen, dass der Chef nicht davor zurückschreckt, die Kinder mit Zigaretten zu quälen. Als er sich überdeutlich eine Zigarette ansteckt, ahnt man, dass es für Radu schlimm ausgehen wird, ohne dass es explizit gezeigt werden muss. Ein Beispiel für die Effizienz von Schnitten, die davon ausgehen, dass fehlende Bilder vom Zuschauer „ergänzt“ werden. Im Unterricht kann diese Szene aus Kapitel 12 noch einmal angeschaut werden – die Schülerinnen und Schüler erzählen dazu, was sie gesehen haben und was sie sich vorstellen.
Eine sehr typische Schnittfolge ist die Verfolgungsjagd auf dem Schiff. Anhand des Filmausschnitts „Verfolgungsjagd“ auf der Videoebene kann die Schnitttechnik gut erkannt und wiedergegeben werden. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, die Bildgestaltung einer solchen Verfolgungsjagd als Comic in ein Storyboard zeichnen zu lassen.
Paulas Off-Stimme begleitet sie zunächst häufiger, sie erzählt von ihrer Fantasie. Im Unterricht kann thematisiert werden, wie im Film auf diese Weise Gedanken und Gefühle ausgedrückt werden.
Die Eltern werden unter anderem dadurch charakterisiert, dass ständig ihre Handys klingeln. Die Kontakt- und Kommunikationslosigkeit in ihrer Familie wird auf diese Weise akustisch noch verstärkt.
Gernot Krää verzichtet weitestgehend auf plötzliche Geräusche, die die Spannung erhöhen könnten. Sie sind auch nicht nötig, denn die Geschichte spricht für sich.
Die rumänische und die italienische Sprache werden an verschiedenen Stellen im Original belassen und erhalten den Figuren ihre nationale Identität. Die Situationen sind dabei so gefilmt, dass man auch ohne Übersetzung versteht, was gemeint ist.
Die Sprechweise der Hauptfiguren spielt für ihre Charakterisierung eine wichtige Rolle. Entsprechend sind auch die Dialoge auf die Figuren zugeschnitten. Sie unterstreichen den Charakter der jeweiligen Person. Tobi und Paula streiten sich häufig. Ein wesentlicher Grund dafür ist unterschiedliche soziale Herkunft, die auch in den Dialogen ihren Widerklang findet. Im Unterricht können hierfür (zum Beispiel in einem kurzen Rollenspiel) Beispiele gefunden und ausprobiert werden. Ein Vergleich mit der eigenen Sprechweise bietet sich außerdem an.
Auf der Videoebene finden sich Filmausschnitte, die auch nur als Ton abgespielt werden können. Hier können die Schülerinnen und Schüler konzentriert und genau hinhören, wie die Dialoge gestaltet sind.
Die Filmausschnitte „Paula träumt“, „Paula wird beklaut“ und „Verfolgungsjagd“ arbeiten überwiegend mit Geräuschen und Musik. Die Rolle des Tones kann anhand dieser Sequenzen von den Schülerinnen und Schülern gut erarbeitet werden. Auch hier ist es möglich, nur den Ton ohne Bild abzuspielen und dadurch konzentrierter wahrzunehmen.
Eine gute Variante ist es auch, das Bild ohne Ton abzuspielen und von den Schülerinnen und Schülern selbst dazu Geräusche machen zu lassen. Hier lässt sich auch schon mit jüngeren Kindern sehr sinnlich Filmgestaltung im Bereich Ton erfahren. Bei einer intensiveren Bearbeitung dieses Bereichs können die Schülerinnen und Schüler ihre Töne auch aufnehmen und später in einer Präsentation zu den Bildern abspielen. Dies erfordert allerdings bereits ein gutes Gefühl für Timing und Technik.
Folgende Fragestellungen können im Unterricht zur Rolle des Tons außerdem besprochen werden: