
Durchblick 12+ – Kurzfilm-Satiren gegen Rechtsradikalismus – 4 Filme, 48 min.
Als das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) im März 2009 seinen Forschungsbericht „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“ (siehe Literaturhinweise Hauptteil 7 und PDF auf der DVD, online: www.kfn.de) der Öffentlichkeit vorstellte, zeigten sich die Medien und mit ihnen die Politiker mindestens zwei Tage lang stark besorgt. Denn die Auswertung einer 2007/2008 durchgeführten bundesweiten Befragung mit 20.604 Schülerinnen und Schülern aller Schulzweige kam zu dem erschreckenden Befund eines hohen ausländerfeindlichen, rechtsextremistischen und antisemitischen Bodensatzes unter jungen Menschen in Deutschland. So zeigen sich etwa zwei Drittel der deutschen Jugendlichen skeptisch gegenüber der Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer. 19,6 Prozent aller männlichen Befragten sowie 9,6 Prozent der weiblichen Befragten (S. 116) müssen sogar als „sehr ausländerfeindlich“ bezeichnet werden. Geht es nicht gleich um umfassende Einstellungsprofile, sondern erst nur um „niedrigschwelliges rechtsextremes Verhalten“ wie das häufige Hören bestimmter Musikgruppen aus der rechtsextremen Szene oder das Tragen entsprechender Sticker und Kleidung, lässt sich sogar „bei jedem vierten Schüler ... mindestens schon eines dieser Merkmale rechtsextremer Gesinnung beobachten“ (S. 118).
Auf der anderen Seite stellt die gleiche Studie positiv fest, dass 48,9 Prozent aller Jugendlichen weder ausländerfeindlich sind noch rechtsextremes Verhalten aufweisen. Zieht man eine weitere Studie zum Vergleich hinzu, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) im Mai 2008 unter dem Titel „Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen“ herausgebracht wurde, sind die genannten Prozentzahlen des KFN-Berichts sogar fast noch ermutigend, zeigen sie doch auch, dass längst nicht alle Jugendlichen die rechtsextremen Einstellungen ihrer Eltern kritiklos übernommen haben. Denn diese FES-Studie kommt unter Einbeziehung früherer Studien zu dem Ergebnis, dass die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen in der Bevölkerung in Deutschland relativ stabil auf hohem Niveau bei einem Sockelwert zwischen 25 und 30 Prozent geblieben ist, „unabhängig von Geschlecht, Bildungsgrad oder Parteipräferenz“ (FES, S. 12). Rechtsextreme Einstellungen, die zwar in Zusammenhang mit entsprechend motivierten Handlungen stehen, aber längst nicht dasselbe sind, wurden in allen gesellschaftlichen Gruppen und in allen Bundesländern gefunden, weswegen die Studie konstatiert „dass der Begriff ‘Rechtsextremismus’ irreführend ist, weil er das Problem als ein Randphänomen beschreibt. Vielmehr handelt es sich bei Rechtsextremismus um ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft“ (FES, S. 11). Rechtsextreme Einstellungen werden hier übrigens unter Bezugnahme auf sechs Bereiche definiert (in Klammern stehen die Gesamtprozentzahlen, sie fallen für Ost- und Westdeutschland unterschiedlich aus): Befürwortung Diktatur (4,8 %), Chauvinismus (19,3 %), Ausländerfeindlichkeit (26,7 %), Antisemitismus (8,4 %), Sozialdarwinismus (4,5 %) und Verharmlosung des Nationalsozialismus (4,1 %).
Die vorliegende DVD-Durchblick trägt diesen Ergebnissen sowohl in der Auswahl der Filme wie im Aufbau der Begleitmaterialien insofern Rechnung, als jede Herangehensweise an die Thematik, die von klaren Feindbildern und Abschreckungsszenarien ausgeht, mit großer Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt ist. Der „harte Kern“ der Jugendlichen, die bereits ins rechtsextreme Lager abgedriftet sind, ist allein mit Argumenten ohnehin kaum zu erreichen. So klar ihnen Grenzen bei konkretem deviantem , d.h. abweichendem Verhalten, zu setzen sind, erfordert die dringend erforderliche und wiederholte Behandlung der Thematik im Unterricht eine andere Vorgehensweise, die nicht gleich „mit der Tür ins Haus fällt“. Sie beginnt stattdessen mit dem Vergnügen beim Sehen der Filme, geht auf die filmsprachlichen Mittel – auch im Sinn des Erwerbs von Medienkompetenz – ein und berücksichtigt persönliches Vorwissen oder eigene Erfahrungen der Jugendlichen, ohne sie sofort zu werten. Rechtsextremes Verhalten, das haben beide Studien gezeigt, geht meistens auch mit mangelndem Vertrauen in demokratische Strukturen einher. Ein autoritär geführter Umgang mit den Filmen und den darin aufgegriffenen Themen oder ihr Einsatz als aktionistische „Sanktion“ gegen konkretes deviantes Verhalten wird demnach eher das Gegenteil dessen bewirken, was mit der vorliegenden DVD-Durchblick beabsichtigt ist. Zumindest der Vollständigkeit halber sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es neben rechtsextremen Verhaltensweisen auch ein quantitativ zurzeit wesentlich kleineres linksextremes Spektrum bei den Jugendlichen gibt.
Ein Blick auf die Produktionsjahre der für diese DVD ausgewählten Filme zeigt, dass sie ausnahmslos schon einige Jahre alt sind. Thematisch und filmisch sind sie dennoch aktuell geblieben. Allerdings hat sich die rechtsextreme Szene in den letzten Jahren stark verändert, ausdifferenziert und zum Teil auch Merkmale aus anderen Jugendkulturen übernommen, die eine eindeutige Zuordnung erschweren. In allen vier Kurzfilmen haben Skinheads eine handlungstragende Funktion. Dabei darf nicht übersehen werden, dass sich unter dem Sammelbegriff „Skinhead“ politisch und sozial ganz verschiedene Gruppierungen verstecken. Historisch betrachtet waren die ersten Skinheads zu Beginn der 1970er-Jahre in Großbritannien weiße Arbeiterkinder, die zusammen mit den Kindern schwarzer Einwanderer aufwuchsen und insofern von rassistischen Vorurteilen oder dem Hass auf Menschen mit anderer Hautfarbe weit entfernt waren. Sie hatten vielmehr ein gemeinsames Interesse an Schwarzer Musik und grenzten sich von der damals vorherrschenden Langhaarmode der Beatlemania durch einen Kurzhaarschnitt ab. Nicht zufällig greift der Kurzfilm „Leroy räumt auf“ die Ideale und musikalischen Vorlieben jener Zeit wieder auf. Erst im weiteren Verlauf der 1970er-Jahre begann sich die englische Skinhead-Szene aufzuspalten und zu internationalisieren. Ein Teil wurde dann von der rechten Szene vereinnahmt.
Da es in den Filmen auch ausführlich um Vorurteile und ihre Überwindung geht, macht es Sinn, gleich bei den Skinheads anzufangen und aufzuzeigen, dass ihnen gegenüber ein Schubladendenken vollkommen unangebracht ist, zumal sich ein großer Teil der Skinheads politisch nicht einmal klar zuordnen lässt. Einigen ist die Vollglatze geradezu verpönt, andere kleiden sich nicht provokativ sondern eher smart, andere treten offen gegen rassistische Vorurteile ein, wieder andere wenden sich gegen die verbreitete Homophobie in der Szene und treten für die Gleichberechtigung homosexueller Skinheads ein, während die ursprünglich aus der Punkszene hervorgegangenen „Oi!“-Skins häufig durch ihren exzessiven Alkoholkonsum auffallen. Es gibt linksradikale Skins genauso wie rechtsradikale, die wegen ihres meistens vollkommen kahl rasierten Schädels auch „Boneheads“ genannt werden und ihre rechtsextreme Gesinnung häufig schon im Namen erkennen lassen. Aber auch darauf kann man sich nicht mehr verlassen und nicht jeder Neonazi trägt klassische Bomberjacke, Springerstiefel und eine schwarz-weiß-rote Fahne aus dem Deutschen Reich. Die rechte Szene hat inzwischen – zum Teil auch, um in andere Subkulturen besser eindringen zu können – Kleidung und Symbole anderer Jugendkulturen übernommen und sogar die des politischen Gegners sind längst kein Tabu mehr.
Nicht alle vier Kurzspielfilme wirken in gleicher Weise und in gleichem Umfang als Satiren. Sie weisen aber alle zumindest satirische Elemente auf. Die Satire als (literarische) Gattung hat es sich zur Aufgabe gemacht, vor der Folie der jeweiligen Zeitumstände gesellschaftliche Missstände, Unsitten, Anschauungen, Ereignisse oder Personen zu verspotten oder auch allgemein die schlechten Seiten im Menschen mit Verachtung zu strafen beziehungsweise ins Lächerliche zu ziehen. Gerade weil es in den Filmen um Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit geht, müssen sie sich der kritischen Frage stellen, ob eine Satire in solchen Fällen noch greifen kann oder ob sie möglicherweise zur Verharmlosung des Problems beiträgt. Ein spannender Einstieg in die Diskussion, die bereits erste Hinweise über die vorherrschenden Tendenzen unter den Jugendlichen gibt – und manchmal wollen sie auch ganz bewusst etwas „missverstehen“.
Satiren bergen immer die Gefahr in sich, nicht als solche oder insgesamt falsch verstanden zu werden. Zum Teil ist das eine Frage des Alters, denn ganz junge Menschen haben noch wenig Sinn für Ironie und Satire, weil sie noch alles unmittelbar und direkt nehmen. Mit zwölf Jahren sollte diese Unterscheidungsfähigkeit allerdings hinreichend ausgebildet sein. Ihrer geringen Länge wegen bieten die Kurzspielfilme zudem noch hinreichend Gestaltungsspielraum binnen einer Unterrichtsstunde, um dieser Gefahr genügend vorzubeugen, zumal auch die Arbeitsblätter ganz unterschiedliche Ansatzpunkte zur Auseinandersetzung ermöglichen. Die Themen selbst sind so umfassend und wichtig, dass sie auch fächerübergreifend behandelt werden, sich zumindest nicht allein auf den Deutsch- und Sozialkundeunterricht beschränken sollten. Anknüpfungspunkte für den Unterricht sind der Aufstellung unter Hauptabschnitt 2.1 zu entnehmen.
Holger Twele