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Bundesverband Jugend und Film e.V. - DVD-Edition - Durchblick Filme - www.durchblick-filme.de

Durchblick 12+ – Kurzfilm-Satiren gegen Rechtsradikalismus – 4 Filme, 48 min.

4. Kurzfilm: „Mehmet“

Deutschland 2002, 6:30 Min., Farbe

Regie Philipp Fleischmann
Drehbuch Beatrice Russo, Philipp Fleischmann
Kamera Bernd Gareis
Szenenbild Sylvia Lazar
Schnitt Andreas Fennel
Ton Tobias Poppe, Thomas Lüdemann, Martin Hertel
Musik Eckart Gadow, Ralf Nußbaum
Darsteller Marcus Calvin (Jochen), Gerhard Polacek (Thomas), Tom Schilling (Rico), Hilmi Sözer (Stimme Mehmet), Joachim Hermann-Luger (Bürger) u. a.
Produktion Film+TV-Pool Medienproduktion GmbH Ludwigsburg, in Koproduktion mit dem SWR und Arte
Produzent Gerhard Stahl (Redaktion: Brigitte Dithard)
Preise & Auszeichnungen 1. Platz, Filmschau Stuttgart 2002; 1. Platz, www.shorts-welcome.de, 2002; 2. Platz, Kinofest Lünen 2002, 2. Platz, Open Eyes Filmfest Marburg 2002; 3. Platz, Internationales Filmfest Emden 2002; Best Debut, NY Expo Filmfestival, New York 2002; Special Jury Price, Internationales Filmfest Sankt Petersburg 2002

Inhalt

Mehmet ist ein Boxerhund aus der Türkei, der von einem Hundefänger auf der Straße eingefangen wurde und nun in Deutschland gelandet ist. Mehmet sehnt sich nach der warmen, sonnigen Türkei zurück, hat aber zumindest ein paar Freunde in der neuen Heimat gefunden. Thomas, Rico und ihr Anführer Jochen sind Neonazis, die den Boxer „Siegfried“ nennen und sich jeden Abend auf die Suche nach Mehmets türkischen Freunden aus seiner alten Heimat machen. Der anhängliche Hund versteht allerdings nicht, warum Jochen die Türken immer Kanaken nennt und er diese offenbar reichlich beschenken möchte, beispiels­weise mit Molotowcocktails oder Handgranaten. Da seine neuen Freunde aber nicht besonders helle im Kopf sind, geht bei der Geschenkübergabe meistens etwas schief oder andere Leute sind ihnen zuvorgekommen. Als ihnen dann aber ein älterer deutscher Bürger mit Schäferhund einen wertvollen Tipp gibt, stehen sie mit Mehmet endlich vor einem Ausländerwohnheim und kurz vor der Erfüllung ihrer Wünsche. Schade nur, dass die Türken fluchtartig die Wohnung verlassen, als ihnen eine scharfe Handgranate durch das Fenster fliegt. Mehmet überlegt noch, was er mit dem Geschenk machen soll, als er Jochens Stimme hört, der „Siegfried bei Fuß“ befiehlt.

Hintergrund

Seit den 1980er-Jahren gab es in Deutschland eine starke Zunahme rechtsextremistischer Tendenzen und Straftaten, deren Motivation in Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Hass gegen gesellschaftliche Minderheiten und Randgruppen besteht. Neonazistische Gruppierungen richteten ihre Angriffe vorzugsweise gegen Ausländer, Asylsuchende, politisch anders Denkende sowie deren Einrichtungen, etwa Ausländer­wohnheime. Traurige Berühmtheit erlangten vor allem die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen im August 1992, die zu den massivsten ausländerfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte gehören. Während der Ausschreitungen wurden mehrere hundert rechtsextreme Randalierer von einer Menge von zeitweise bis zu 3.000 teilweise sogar applaudierenden Schaulustigen beobachtet. Wenige Monate später kam es in der Nacht zum 23. November 1992 in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Mölln zu einem Brandanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser. Die Anschläge wurden von zwei mit Molotowcocktails bewaffneten Neonazis verübt. Im ersten Haus gab es neun zum Teil schwer Verletzte, im zweiten Haus kamen zwei Mädchen und ihre Großmutter in den Flammen um. Bei einem weiteren Brandanschlag in Solingen am 29. Mai 1993 starben zwei Frauen und drei Mädchen ebenfalls türkischer Abstammung – drei Tage nachdem der Bundestag am 26. Mai 1993 den Artikel 16 des Grundgesetzes, das Recht auf Asyl, geändert hatte. Diese und weitere Straftaten mit rechtsextremem und neonazistischem Hintergrund bilden die gesellschaftliche Folie des Films „Mehmet“ aus dem Jahr 2002, der allerdings keinen direkten Bezug auf die historischen Ereignisse selbst nimmt.

Satire

„Mehmet“ entspricht in besonderer Weise der klassischen Form einer Satire (siehe Hauptabschnitt 2). Sie lässt sich auf ihre gesellschaftlichen Bezüge hin interpretieren und diskutieren.

Einige satirische Elemente des Films:

Filmsprachliche Mittel

Der Film arbeitet bewusst mit Klischeevorstellungen, um ihren Wahrheitsgehalt dann über Analogien, also ähnliche Strukturen und Zusammenhänge, sowie über Szenenvergleiche und Bildmetaphern in Frage zu stellen oder ad absurdum zu führen. Die Erzählstruktur besteht aus zwei Teilen, die den beiden versuchten Anschlägen auf ein überwiegend von Türken bewohntes Ausländerwohnheim entsprechen. Bildelemente aus dem ersten Teil finden sich leicht variiert und verändert im zweiten Teil wieder, stehen dann jedoch in einem veränderten Kontext. Einige Beispiele, die auch im Arbeitsblatt 3 zu finden sind, sollen das verdeutlichen. Diese Analogien werden bei der Rezeption des Films eher intuitiv als analytisch wahrgenommen und sind daher auch jüngeren Altersstufen zugänglich:

Einsatzmöglichkeiten im Unterricht

Im Rahmen etwa des Deutschunterrichts lässt sich exemplarisch die literarische (und filmische) Form einer Satire erläutern, aber auch darüber diskutieren, welche gesellschaft­liche Funktion Satiren überhaupt haben. Und auch darüber, ob beziehungsweise unter welchen Voraussetzungen sie ihre Absicht erreichen, mit den angeprangerten Missständen durch Überzeichnung und Preisgabe der Lächerlichkeit (hier Neonazis und Übergriffe gegen Ausländer) einen Prozess des Umdenkens in Gang zu setzen.


Methodische Anregungen

Im Folgenden werden einige methodische Vorschläge unterbreitet, die SchülerInnen aktiv in die Aufarbeitung einbeziehen sollen:

Die amerikanische Debatte

Die „amerikanische Debatte“, bei der sich zwei Gruppen gegenübersitzen und jeweils wechselnd ein Vertreter einer Gruppe zu Wort kommt. Jeder Redner muss zunächst zu den Aussagen des Vorredners aus der anderen Gruppe Stellung nehmen, bevor er seine Gedanken äußert. Dann ist ein Vertreter der gegenübersitzenden Gruppe an der Reihe. Unterschiedliche Positionen und Kritik können so vorgetragen werden, ohne dass es zu individuellen Streitgesprächen kommt.

Was wäre Wenn Geschichten

„Was wäre, wenn“-Geschichten zum Film erfinden lassen. Was wäre, wenn Mehmet wieder in die Türkei zurückgekommen wäre und anderen Hunden von seinen Erlebnissen mit seinen deutschen Freunden erzählt.

Rolleninterpretationen

„Wenn ich der/die Darsteller/in wäre“, dann würde ich... . Die Schülerinnen und Schüler versetzen sich in die Rolle der Schauspieler und müssen so eigene Vorstellungen zum Spiel und Thema formulieren.

Filmgespräch: das offene Ende

Es bietet sich an, den Film abzubrechen, als die Handgranate durch das Fenster fliegt. Was könnte jetzt geschehen? – Im Anschluss an die Vorschläge für das Filmende wird der Schluss gezeigt

Friedemann Schuchardt


Philipp Fleischmann, Regisseur

Philipp Fleischmann wurde 1974 geboren. Er begann als Praktikant in der Werbebranche, arbeitete dann als Assistent und Avid-Cutter u. a. für BBDO Düsseldorf, Sprint Film und R.E.M. Filmproduktion. Danach Studium der Werbefilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg; Abschluss 2002 mit drei mehrfach preisgekrönten Werbespots. Über 30 Kinotrailer u. a. für „Gegen die Wand“, „Die Spielwütigen“ und „Kebab Connection“. Regisseur und Autor von Musikvideos und Kurzfilmen, darunter „Mehmet“ und „Der Brand“, der das Prädikat „wertvoll" erhielt. Sein Kurzfilm „Lauf“ wurde 2006 mehrfach ausgezeichnet. Seit 2003 arbeitet Fleischmann auch als freier Dozent für Schnitt und Filmregie u. a. bei der Media GmbH Stuttgart und dem SAE Institut Berlin und Hamburg.


Literaturhinweise und Links

Siehe Hauptabschnitt 7.

Zum Ausdrucken:

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