
Durchblick 4+ – Von Fabelwesen und anderen Tieren – Christina Schindler

Christina Schindler an der Kamera für „Rinnsteinpiraten“
Christina Schindler, Jahrgang 1962, studierte Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel, u.a. bei Prof. Jan Lenica. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete sie als selbstständige Regisseurin und Produzentin, seit 1992 lehrt sie zudem Animationsfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in Potsdam-Babelsberg. Inzwischen leitet sie als Professorin und Prodekanin den Studiengang „Animation“ der HFF.
„Christina Schindlers Filme atmen keine Hektik, besitzen keine unnötige und künstlich inszenierte Spannung. Sie laden den Betrachter zum genauen Hinsehen ein, sie machen Spaß sie nicht nur einmal, sondern mehrfach anzusehen und immer wieder Neues zu entdecken. In allen ihren Filmen spielt das „Augenzwinkern“, das „Doppelbödige“ eine Rolle, die Umkehrung von Festgelegtem, das charmant Umstürzlerische und auch das kleine Chaos.“
Friedemann Schuchardt
Circus (1984), Flaschenpost (1986), Aus-Flug (1988), Rabengeschichten (1988), Nachts sind alle Katzen bunt (1990), Rinnsteinpiraten (1993), Zugvögel (1996), Anders-Artig (2002), sowie Auftragsarbeiten für das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland: Brief an die Mutter, Scharade.
Wann begann die Lust am Gestalten und Zeichnen?
Das Zeichnen war für mich schon immer eine ganz wichtige Beschäftigung. In meiner Freizeit hab ich einfach gebastelt und gezeichnet, und es war auch ein Stück Flucht, wenn ich mich in mein Zimmer zurück gezogen habe und hab meine Farben und meinen Block ausgepackt, dann war ich in meiner Welt, ich konnte da ein Stück Rückzug erleben, der mich in meiner Fantasie einfach mit auf eine Reise genommen hat; dort ging’s mir gut, es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht, Bilder entstehen zu lassen und zu merken, dass etwas unter meinen Händen entsteht, das nur mir gehört. Damals konnte man noch draußen im Wald spielen, und ich hab sehr viel mit Materialien gearbeitet, Steine zusammen gesetzt und mir dort imaginäre Bewohner vorgestellt, die dann in meinen Steinhäusern wohnen würden und war am nächsten Tag ganz enttäuscht, wenn dort niemand eingezogen war über Nacht. Ich war mir ganz sicher, wenn ich am nächsten Tag wieder an diese Stelle in den Wald komme, dann ist dieser Ort mit Sicherheit bewohnt.
Wann entstand ihr erster Animationsfilm?
Ich würde sagen, die ersten Animationsfilme sind in meinem Mathehefter entstanden. Wenn ich mich im Unterricht langweilte malte ich kleine Daumenkinos. Da mir aber die technischen Möglichkeiten und auch das Wissen fehlten, hatte ich das Filmemachen nicht beruflich verfolgt. Ich wollte eigentlich Illustratorin werden und hatte an der Hochschule Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt freie Grafik und Illustration belegt. Im Studium bin ich dann durch Zufall in der Animationsfilmklasse von Professor Jan Lenica gelandet. Dort haben sich wenige Studenten in einem Raum eingeigelt und an Dingen gearbeitet, die mehr waren als eine statische Grafik. Als ich dann meine ersten Proben von bewegten Bildern gemacht habe, war ich begeistert. Ich war in Flamme gesetzt und habe gespürt, das ist mein Medium. Es hat nur auf mich gewartet, entdeckt zu werden, das war wie eine Sucht, und ich wusste, ich musste das machen. Der erste wirkliche Film hieß Zirkus. Das war eine Geschichte von einem Zauberer, der in einer Zirkusarena alle Nummern der Artisten scheitern lässt, und der am Schluss das Zirkuszelt in seiner Hand zerdrückt zu einem winzigen Spielball, mein Thema, war, dass es eine übermächtige Kraft gibt, der wir ausgeliefert sind, und in dessen Hand wir uns befinden. Ich denke, das war so eine Ansammlung von Gefühlen, von Bildern und Bewegungen, von fliegenden Vögeln und Artisten; ich entdeckte einfach Spaß an gezeichneter Bewegung, aber auch Spaß am Erzählen, am Fabulieren von Geschichten.
Wie entstehen Ihre Film-Figuren? Wie kommen Sie zu Ihren Themen?
Wenn man Filme macht, dann weiß man nicht warum. Im Moment des Erfindens weiß man nicht, was diese Geschichten mit einem zu tun haben. Ich habe erst im Nachhinein festgestellt, dass ich mit meinen Filmen eigene Lebensabschnitte und Erfahrungen verarbeitet habe. Der erste Film Aus-Flug, den ich als Abschlussfilm im Studium gemacht hatte, steht für die Verarbeitung von Dingen, die ich als junge Erwachsene erlebt habe, für die Zeit, in der ich einen eigenen Standpunkt zum Leben entwickeln wollte. Der Film Rinnsteinpiraten hatte damit zu tun, dass ich in eine Großstadt kam, und mit den ersten Eindrücken und dem Leben in einer Großstadt wirklich überfordert war. Und so fügen sich diese Themen zu einem bestimmten persönlichen Lebensumstand, der seine Umsetzung in Form einer Tiergeschichte erfährt und inhaltlich dann doch genau passt. Dabei habe ich bei der Entwicklung meiner Filme nie eine Kinderzielgruppe vor Augen gehabt.Es sind Themen, die mich interessieren und sie erfahren auch eine Umsetzung, wie ich sie für richtig halte. Die Kinder haben mich entdeckt, nicht ich die Kinder. Aber ich hab auch ein gewisses Publikum an Erwachsenen, die diese Filme sehr gerne mit anschauen.
Was geben Sie heute Ihren Studenten/innen von Ihren eigenen Erfahrungen als Filmemacherin auf den Weg?
Ich habe unglaublich Glück gehabt, dass ich für meine Arbeit immer die richtigen Leute zur richtigen Zeit gefunden habe. Im Studium wurde natürlich alles ausprobiert, ohne zu wissen, ob das nachher finanzierbar ist, was man da im Kopf hat, und nach dem Studium hatte ich das große Glück, auf eine Redaktion zu treffen, die genau solche Filme suchte. Das war die Redaktion Siebenstein vom ZDF. Die Redakteurin hat meine Filme mitfinanziert. Ich hatte auch das große Glück, nicht nur Fernsehgelder sondern auch Filmförderung für die Produktionen zu bekommen. Allerdings muss man auch sagen, dass diese Filme über Jahre hinweg entstanden sind. Man kann sich oft schwer vorstellen, wie viele tausende Zeichnungen für einen kurzen Film notwendig sind und wie viele Menschen daran beteiligt sind. Man muss mit seiner Unterschrift unter einem Fernsehvertrag auch knallharte Bedingungen erfüllen. Das waren auch sehr belastende Situationen, die ich als sehr existenzbedrohend empfunden habe.
Gerade aufgrund dieser Erfahrungen ist es meiner Meinung nach das Wichtigste, dass man als junger Mensch die eigenen Kräfte aufspürt und mobilisiert. Ich selbst habe erfahren, dass ich einen gewissen Schonraum brauchte, um mich selbst zu entwickeln. Es haben mir immer wieder Leute vertraut und dieses Vertrauen konnte ich in meine eigene Arbeit setzen. Das ist gar nicht so einfach. Man hat vielleicht eine ganz zarte Idee und traut sich kaum, die vor anderen auszuformulieren. Dann ist es wichtig, dass man jemand findet, mit dem man sich austauschen kann, und der diese Ideen vielleicht auch noch befruchtet. Ich hoffe, ich kann dort hilfreich sein. Ich glaube, man macht gute Dinge, wenn man,den eigenen Schwerpunkt, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck herausfindet. Dann wird man gut. An der Hochschule bieten wir Studierenden alle Möglichkeiten, ihre Produkte zu optimieren. Ich bemühe mich, Mentorin und Begleiterin zu sein. Ich vertraue auf ihre Ideen und ihre Kraft, und dieses Vertrauen hilft ihnen, unglaubliche Berge zu überwinden und durch tiefe dunkle Tunnel zu laufen. Ich habe da auch genug Geduld und die Zeit sie zu begleiten.
Das Interview führte Friedemann Schuchardt am 03. Mai 2008 in Stuttgart.