
Durchblick 4+ – Von Fabelwesen und anderen Tieren – Christina Schindler
Christina Schindler erzählt über die Entstehungsgeschichte ihres Zeichentrickfilms „Nachts sind alle Katzen bunt“. In ihrem Tagebuch und in Briefen an eine Freundin. In den 12 Monaten, die es brauchte, um „ihr Kind auf die Welt zu bringen“, erlebte sie alle Höhen und Tiefen, mit denen man in diesem Beruf rechnen muss. Von „Ich werde mein zukünftiges Leben ohne Trickfilm gestalten!“ bis „Es war ein berauschendes Gefühl im Kino zu sitzen.“ Auf alle Fälle braucht eine Filmemacherin gute Nerven!
Liebe Renate,
hab' Dank für Deinen Brief. Du schreibst, dass Dein Urlaubsjob Dich anödet und erkundigst Dich bei mir, ob nicht Trickfilm eine sinnvolle Alternative für Dich sei. Weißt Du, Renate, Trickfilm ist ein tolles Medium. Da kannst Du Deiner Fantasie freien Lauf lassen und Ideen ausspinnen, die die Grenzen der Realität völlig überschreiten. Alles ist möglich im Trickfilm. Dieser Freiraum beflügelt Deine Gedanken. Ideen für eine Geschichte bekommt man nicht an einem Tag, zu einer bestimmten Zeit, auch nicht in der Badewanne oder beim Zähneputzen. Also in meinem Fall sind es kleine Puzzleteile, die erst zufällig gesammelt nach und nach ein Bild ergeben.
4. Oktober 1988
Ich befinde mich im so genannten „Loch". Dieses Loch tut sich immer dann auf, wenn lange harte Arbeit mich total ausfüllte und nun nicht mehr da ist, weil das vorhergehende Projekt abgeschlossen ist. Ich bin in Selbstzweifeln. Ist der Weg, den ich eingeschlagen habe, der richtige? Ich schlafe fast ununterbrochen in letzter Zeit, kaue auf Fingernägeln rum und suche und brüte in meinen Gedanken...
Liebe Renate,
stell Dir vor, ich habe eine wirklich gute Idee für meinen neuen Trickfilm. Es soll ein Film über Träume werden: verrückt, lustig, ernst und ein wenig gruselig. Der Film wird mit einem realen Kinderzimmer beginnen, in dem ein Kind im Bett liegt und sich kurz vor dem Einschlafen befindet. Gegenstände, die man in dem Zimmer ahnt, spielen in den Träumen dann eine Rolle. Du, ich habe schon ein Drehbuch gezeichnet, das brauch ich ohnehin, denn Filmförderungen und Fernsehredakteure müssen von meiner Idee überzeugt werden.
6. November 1988
Es beginnt ein Gang durch die Instanzen. Es ist nicht leicht, mögliche Geldgeber von meiner Idee zu überzeugen. Mit jedem Förderantrag geht ein Stück Hoffnung von mir auf den Weg. Bis die Gremien entscheiden und mich evtl. ablehnen, ziehen viele Wochen ins Land.
17. Dezember 1988
Heut war ich beim Fernsehen. Ich bin auf nette Leute gestoßen. Sie waren regelrecht begeistert von der Geschichte. Nicht begeistert waren allerdings andere, die mit der Finanzierung der Kosten beschäftigt sind. Sie haben mit den Augen gerollt, den Mund verzogen, haben gelächelt, aber eher hämisch, und erklärten mir, dass ich von allen guten Geistern verlassen sei. Sie waren gnädig und unterstellten mir kein böswilliges Handeln, sondern rechneten es meinem Frausein, meiner Jugend und Unerfahrenheit an, dass ich so fern von Realitäten meine zukünftigen Kosten kalkuliert habe. Ich war deprimiert und gleichermaßen gebügelt. Habe mich von den „Realitäten" überzeugen lassen und sitze nun in meinem Atelier und bekomme einen Schweißausbruch nach dem nächsten bei dem Gedanken, wie ich mit so wenig all das finanzieren soll, was ich doch brauche, um meinem Film ein anständiges Gesicht zu geben.
Renate, liebe Freundin,
Stell Dir vor, letzte Woche habe ich mit dem Fernsehen einen Vertrag unterzeichnet. Das in Aussicht gestellte Budget kann und wird mich 8 Monate finanzieren - 8 Monate Zeichnen, das ist genau das, was ich immer als Berufstraum wollte. Die ersten Zeichnungen sind schon entstanden und Bewegungsproben ermutigen mich, treiben mich vorwärts. Wie kann ich Dir nur meinen Tag beschreiben? Na ja, tagsüber bin ich so gut wie unbrauchbar. Es liegt wohl an dem zu niedrigen Blutdruck und überhaupt, weil ich ein Nachtmensch bin. Also den Abend nutz' ich. Da sind die besten und intensivsten Momente. Du kannst mich ja mal anrufen - versuch es im Atelier, auch am Wochenende bin ich dort zu erreichen.
26. Mai 1989
Jetzt weiß ich, dass meine Schweißausbrüche ein sicheres Zeichen meines 7. Sinns waren. Ich arbeite gegen die Zeit, laut Vertrag soll ich im August abgeben. Wie schnell hatte ich nach dem letzten Projekt vergessen, dass erst 12 gut gezeichnete Bilder 1 sec. Trickfilm ergeben, und oft tummeln sich mehr auf dem Bild als nur ein Protagonist. 12 mal 60 sec. ergibt 1Min. 720 gezeichnete Bilder, bei 6 Minuten sind es 4.320. Noch dazu kommen meine Selbstzweifel: ich meine das Bild, das ich bislang ja nur vor meinem geistigen Auge gesehen habe, nicht zu treffen. Ich radiere, korrigiere, wiederhole, radiere, korrigiere, wiederhole... Dazwischen Anrufe, Erledigungen, Post, Rechnungen, Mahnungen. Erst wenn die Tageshektik sich legt, bin ich froh, den Abend zu nutzen. Heute allerdings habe ich richtig wehmütig in das Wohnzimmerfenster von gegenüber geguckt. Dort spielt sich wenigstens die Lindenstraße ab. Heute wie immer ein schnelles Brot und todmüde ins Bett. Ach herrje, schon wieder halb zwei. Tagebuch, Du musst warten, denn ich bin immer mit einem schlechten Gewissen unterwegs und mein Zeitplan tickt.
2. Oktober 1989
Die Terminplanung hat sich um Monate verschoben. Meine Nerven sind angekratzt. Ich plane aufzugeben, ich muss mich befreien von diesem Klotz am Bein. „Ich werf´ alles hin", sag ich mindestens zweimal am Tag. Freunde, Familie, Bekannte haben mich monatelang nicht zu Gesicht bekommen. Kollegen blicken mitleidig zu mir rüber. Heute Morgen schaute mir aus dem Spiegel ein total fremdes Gesicht entgegen. Mangels Geld ist an eine Zeichenhilfe nicht zu denken. Meine liebste Schwester hat angerufen. Sie versprach, ihren Jahresurlaub zu nehmen und mir beim Zeichnen helfen zu kommen - so stehe ich in ihrer Schuld. Weiß nicht, wie ich das je wieder gut machen kann. Ich arbeite wie eine aufgezogene Spieluhr, funktioniere und will nur noch das Licht im Tunnel sehen.
Liebe Renate,
Ich habe wenig Zeit und schreibe nur kurz. Meine Terminplanung hat sich verschoben. Es ist ziemlich hektisch im Atelier. Nach und nach kommt das Material aus dem Kopierwerk. Voller Spannung saß ich heute am Schneidetisch. Meine Gedankenbilder sind Teil eines Zelluloidstreifens, der sich in Windeseile durchspult und kleine flackernde Bildchen in den Monitor wirft. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie mein Herz klopfte. Es war ein tolles, eindrucksvolles Erlebnis. Nächste Woche werde ich Cutter, Musiker, Toningenieur beschäftigen, die der Sache den letzten Schliff geben sollen. Bis bald.
28. November 1989
Gestern hab ich meinen Stift fallen lassen. Heute lieg ich im Bett und bin krank. Es ist wahrscheinlich eine Grippe. Ich werde mein zukünftiges Leben ohne Trickfilm gestalten!!!
Liebste Freundin,
Nach 12 Monaten ist das Kind geboren, mein „Nachtfilm" fertig. Bei der ersten internen Aufführung hat mich eine Art Lampenfieber überfallen. Weißt Du, ich kann nicht mehr wie die anderen Zuschauer diesen Film sehen. Das Verhältnis, das ich zu diesem 6-Minuten- Film habe, lässt mich nicht entspannen. Ich freue mich riesig, dass der Film im Rahmen der Berlinale gezeigt wird. Ich schreibe Dir dann, wie der große Tag war.
13. Januar 1990
Der Film ist fertig - hol ihn der Teufel. Er hat mich zuviel gekostet an Kraft und überhaupt. Freizeit ist ein Fremdwort und Urlaub muss ein komischer Begriff sein, hab´ nie etwas davon gehört. Wird er projiziert, dreht sich mein Magen um. Dort ist ein Zeichenfehler, hier stimmt die Vertonung nicht und dort ist ein Kopienkratzer. Ich weiß überhaupt nichts mehr: ob der Film funktioniert und gefällt, die Atmosphäre ausstrahlt, die ich ihm so gerne eingehaucht hätte. Immer öfter erinnere ich mich an die Worte meiner Eltern, etwas Vernünftiges zu studieren. Selbst wenn ich mich mit dem Gedanken beruhige, dass der Film halt grade so gut ist, wie ich es im Moment bin, erschrecke ich mich doch, dass sich ein Jahr meines Lebens, und zwar nicht nur meines Berufslebens, sich in 6 Minuten abspult.
Liebe Renate,
Es war ein berauschendes Gefühl, im Kino zu sitzen und zu hören, wie das Publikum reagiert. Geflüster, Kommentare, Gekicher, Applaus. Ich hatte sogar schon ein Gespräch mit einem Verleiher, der den Film in sein Programm nehmen möchte. Kannst Du Dir das vorstellen: er wird rauskommen, Leute, die was von dem Geschäft verstehen, geben ihn weiter in gute Hände, die Hände vervielfältigen sich, und Kinder, Jugendliche, Klassen, Gruppen werden ihn sehen, darüber sprechen, lachen, protestieren oder nachdenken. Sie werden vielleicht die Atmosphäre dieses kleinen Films mit nach Hause nehmen oder erinnern sich ihrer Träume der letzten Nacht.
20. Februar 1990
Ich habe aus aller Welt Zusagen bekommen, dass dieser Film auf verschiedenen Festivals gezeigt wird. Er hat sogar schon einen Verleih.
Ein Angebot, das seriös ist und wo ich spüre, dass die Leute, die sich kümmern, ihre Sache mit Engagement und Freude tun. Nicht so ein Angebot, das ich letztes Mal bei einem anderen Film bekam, wo man mir 100 DM die Minute zahlen wollte. Gut, dass ich auch damals noch ein anderes Angebot bekam und meine Arbeit nicht unter Preis verkaufen musste.
Apropos Geld, ich muss meine Mutter davon abbringen, mir noch unter die Arme greifen zu wollen. Sie hat wie immer Sorge, dass ich zu wenig esse...
Christina Schindler