
Durchblick 4+ – Von Fabelwesen und anderen Tieren – Christina Schindler
Die Figuren von Christina Schindler sind ein Plädoyer für die Kraft der Fantasie. Sie sind fantastische Figuren, die große Ähnlichkeit mit Tieren haben – vor allem den Kleinen – und die aus der Vorstellungswelt von Kindern geboren werden, die im Gegensatz zu den Erwachsenen in der Lage sind, das Fantastische in der Realität zu erkennen und zum Leben zu erwecken.
In „Nachts sind alle Katzen bunt“ wird der Spruch „Nachts sind alle Katzen grau“ auf den Kopf gestellt. Die bunten Linien um das geheimnisvolle Dunkle bilden kraft des Vorstellungsvermöges des Kindes im Traum immer wieder neue Figuren. Eine Ölsardine mit knallpinker Sonnenbrille, die im Mondschein angelt; ein Vampir der vor Knoblauch zurückweicht und eine Kuh auf dem Baum. Die Assoziationen beziehen sich auf die Welt des Kinderzimmers und des Spielens im Freien. Die Umkehrung der Realität – die Kuh, die Spaghetti frisst – entspricht auch der surreal anmutenden Aufnahmetechnik Negativ/Positiv und regt die Fantasie an: die bunte Umrandung schafft Kontraste und macht das Dunkle lebendig.
In „Aus-Flug“ sind es die Raben, eine Vogelart, die traditionell eine wichtige Rolle in Mythen und Sagen spielt. Ob bei den „Rinnsteinpiraten“ Kanaltiere wie Ratten Pate gestanden haben, ist nicht so klar. Gemeinsam sind ihnen zumindest der Schwanz und das Fell. Die „Zugvögel“ sind unverkennbar Federtiere mit Flügeln, auch wenn sie sich im Film meist auf ihren Füßen fortbewegen.
Doch ob Raben, Piraten oder Zugvögel, ihre Gestalten scheinen durch den gemeinsamen Charakter von Christina Schindlers Fantasie geprägt, neugierige Knopfaugen und ein buntes lebend schimmerndes Fell oder Federkleid. Alle haben zumindest ein Paar dem Menschen ähnliche Gliedmaßen. Die Chamäleons in „Anders-Artig“ entsprechen nicht mehr diesem verspielten Fantasiecharakter. Ihre Körper sind glatt und auf das natürliche Vorbild abgestimmt. Ihre Farbe ist gleichzeitig Thema des Films und spezifisches Merkmal des realen Tieres. Über die Augen werden ihre Gefühle deutlich.
Die Fantasiefiguren sind allerdings mit Problemen konfrontiert, die nicht von einer fernen magischen Welt erzählen, sondern aus dem menschlichen Alltag gegriffen sind. Durch die neue, ungewohnte Sicht auf Gewohntes entwickelt sich eine besondere Poesie, die den Alltag verwandelt. So geben die Figuren als „fabelhafte Wesen“ ihren Zuschauern wertvolle Anregungen und Erfahrungen für ihr eigenes Leben und Miteinander auf den Weg.
Die Charaktere ihrer Figuren sind auch Symbole für das Leitmotiv, das alle Filme von Christina Schindler miteinander gemeinsam haben. Ihr geht es um „den Widerspruch zwischen Fantasie und Realität“. Wesentliche Botschaft ihrer Filme ist, dass die Fantasie die Realität nur befruchten kann und „die Menschen vor ganz bestimmten, vernichtenden Dingen schützt, uns ein Überleben und eine Möglichkeit sichert, mit Schwierigkeiten fertig zu werden.“ In der Ästhetik ihrer Fabelwesen drückt sich auch die Schaffensfreude und Kreativität der Regisseurin aus: Ihre Liebe zum Filmemachen, befruchtet von der Fantasie der Künstlerin. Dabei erzählen die Geschichten von ihren Lebens- und Alltagserfahrungen: vom „Aufspüren und Entdecken der Eigenkräfte“, vom Leben in der Großstadt, vom alljährlichen Urlaubsereignis, und von der Erinnerung an das Gruseln im nächtlichen Dunkel des Kinderzimmers. Nicht zuletzt liegt der Zauber von Christina Schindlers Filmen in der kindlichen Fantasie, die sich die Regisseurin bewahren konnte, und der die Figuren ihre Lebendigkeit verdanken.
Gerade über die Charaktere ihrer Figuren und die Herausforderungen, die sie bewältigen müssen, lassen sich Christina Schindlers Filme auch als moderne Fabeln verstehen, die zur Auseinandersetzung anregen, und das selbständige Denken wie auch den Glauben an die eigenen Kräfte befördern. Das Wort Fabel geht auf das lateinische Wort „fabula“, das verwandt ist mit fari „sprechen" oder fateri „bekennen". Über das altfranzösische fable im Sinne von „Märchen, Erzählung, unwahre Geschichte" gelangt das Wort zu Beginn des 13. Jahrhunderts ins Mittelhochdeutsche. Fabulieren bedeutet auch im wörtlichen Sinne „phantasiereich erzählen". Erst im Zuge der Aufklärung bezeichnete man mit „Fabel“ eine Erzählung, in der Tiere, Pflanzen oder Dinge im metaphorischen Sinne eine Rolle spielen, und in der eine bestimmte Lehre verdeutlicht werden soll. In modernen Fabeln des 20. Jahrhunderts geht es vor allem um die „Verbindung zwischen Tradition und Ironisierung und Infragestellung dieser Tradition" (wie bei Helmut Arntzen, Rudolf Kirsten, Wolfdietrich Schnurre oder James Thurber).
Wie auch in den Filmgeschichten von Christina Schindler geht es in einer Fabel nicht darum, fantastische Illusionen zu erzeugen. Dagegen wird die Realität durch irreale Situationen verfremdet und damit zugespitzt. Der Rabe ist eine traditionelle Tierfigur der Fabel. In „Aus-Flug“ ist es das Rabenkind Abra, das „die Wirklichkeit“ darstellt. Die Lehre, die es zu ziehen gilt, ist das Plädoyer für die persönliche Freiheit, die es auch im Widerstand zu absurden Normen durchzusetzen gilt. In den „Rinnsteinpiraten“ symbolisieren die kleinen Fantasiefiguren den Gegenpol zu den Gefahren der Großstadt und zeigen uns, wie Abfall, der im Rinnstein landet auch zum Überleben nutzbar gemacht werden können. In „Anders-Artig“ steht das rote Chamäleon für die persönliche Freiheit derjenigen, die sich von der Mehrheit unterscheiden. Die Konflikte, die es in der Auseinandersetzung mit den anderen Chamäleons, aber auch mit dem natürlichen Feind, dem Adler bestehen muss, bringen dem Zuschauer die Mechanismen der Ausgrenzung von Anders-Artigen nahe, die jeder schon einmal erlebt hat.
Die Zuspitzung auf einen Grundkonflikt, der sich beispielhaft auf moralische oder gesellschaftliche Probleme bezieht, ist ein wesentliches Merkmal der Fabel: „Das Grundprinzip der Handlungsfolge der Fabel ist die Entgegensetzung konträrer Standpunkte oder Verhaltensweisen. (...) Die pointenhafte Zuspitzung auf den Konflikt der gegensätzlichen Standpunkte und dessen Lösung bildet den eigentlichen Kern des Handlungsgeschehens.“
Quelle: „Kurzfilmkiste. Trickfilme von Christina Schindler. Materialsammlung„ des Bundesverbandes Jugend und Film (BJF); „Ohne Zeigefinger. Fabeln im Deutschunterricht Sekundarstufe 1“, aus: Deutschmagazin 3 (2004).