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Bundesverband Jugend und Film e.V.   –   Durchblick 6+   –   Thema Märchen

1.2 Märchen kommen (wieder) an

Die Märchen der Gebrüder Grimm erfahren derzeit eine Renaissance und kommen bei Kindern und Erwachsenen gut an. Dafür muss es Gründe geben:

Märchen machen einen vertraut mit den Grundsituationen des Lebens. Märchen als ein Jahrhunderte lang geronnener Schatz an Lebenserfahrung vieler Generationen enthalten Modelle der Bewältigung des Lebens. Märchen sind Protokolle des Handelns, wie man Probleme lösen, schwierige Situationen bewältigen und gute Wege ins Leben finden kann. Ihre Geschichten und Motive zeigen auf vielfältige Weise Muster der Lebensführung und der Lebenskunst – auch wenn sie aus alten Zeiten stammen. Die multimedialen Welten mit ihren vielfältigen Angeboten konnten die Märchen nicht aus dem Alltag heutiger Kinder vertreiben.

Die Geschichten von Märchen bieten nicht nur Inhalte an, über die nachzudenken und nachzuspüren sich lohnt, sie schaffen auch eine besondere und beliebte Stimmung, gleichgültig ob man ein Märchen allein für sich liest, hört oder filmisch sieht, oder ob man sich an die Person, die ein Märchen einem vorliest oder erzählt, anlehnen kann. Märchen sind immer anregende, aufregende und berührende Geschichten, verbunden mit einem besonderen Gefühl der Geborgenheit – kurzum: Märchen schaffen Wohlbefinden für Leib und Seele.

 

1. Was können Märchen uns heute (noch) bieten?

Auf den ersten Blick denken wir „Märchen sind doch alte Geschichten“, „Erzähl mir keine Märchen“. Beim zweiten Blick aber erkennt man, dass viele Märchen menschliche Problemsituationen verschlüsselt darstellen sowie wichtige Themen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ansprechen:

Märchen sind Modelle der Lebensführung: sie zeigen Verhaltensweisen der Menschen sowie deren Folgen auf und fassen vielfältige Alltagserfahrungen der Menschen zusammen. Dabei gehören das Fantastische, das Wunderbare, das Grausame, das Leidvolle, aber auch der Schwank und der Unsinn selbstverständlich dazu.

Märchen sprechen in besonderem Maße unser ganzheitliches und weniger unser logisches Denken an, denn Märchen erzählen in klaren Bildern und regen somit unsere rechtshemisphärische Seite des Gehirns an, was die Fähigkeit fördert, größere Zusammenhänge sehen und erkennen zu können.

In der heutigen Zeit ist eine breite Diskussion um Werte ausgebrochen. Diese Diskussion betrifft in besonderem Maße auch die Familie bzw. die Fragen der Erziehung. Derzeit gibt es eine allgemeine Verwirrung darüber, was in Erziehung und Gesellschaft eigentlich „richtig“ und was „falsch“ ist (Juul 2009).

Die Märchen zeigen ein Weltbild, in dem die Heldinnen und Helden wussten, was jeweils zu tun ist. Dieses Weltbild mag manchem veraltet erscheinen, dennoch steckt in ihnen eine allgemeingültige Lebensweisheit.

Märchen geben Orientierung und vermitteln Erfahrungen, über die nachzudenken sich allemal lohnt. Märchen können demnach die Debatte über Werte neu entzünden, sie können aber auch zu Fragen der eigenen Existenz sowie der persönlichen Entwicklung anregen.

 

2. Warum brauchen Kinder Märchen? Oder:
    Was zeichnet den Wert der Märchen aus

Wenn Kinder in ihrem Alltag Märchen erzählt und vorgelesen bekommen bzw. hören oder als Verfilmung sehen, dann entwickeln sie dafür erfahrungsgemäß ein starkes Interesse. Diese Vorliebe kommt nicht von ungefähr.

Märchen fordern die Gedanken der Kinder heraus
Erfahrungsgemäß wollen (Klein-)Kinder nicht unbedingt etwas von Kindern hören, sondern eher etwas von Riesen und wilden Tieren, von tiefen Wäldern und prachtvollen Schlössern, von Hexen und seltsamen Verwandlungen, von Geheimnissen sowie von der Kunst des Wünschens.

Kinder möchten etwas über die Welt und das Leben erfahren
Unser Wissen über die Welt und die Vergangenheit haben wir am wenigsten aus eigener Anschauung und realer Erfahrung. Die Gestalt des berichtenden Boten (im antiken Theater entstanden) ist auch heute noch aktuell: Nachrichten, Reportagen, Informationssendungen sind nichts anderes als medial aufbereitete Botenberichte.

Das Erzählen von Märchen hatte und hat eine ähnliche Funktion – es dient(e) der Vermittlung von Informationen aus aller Welt, von tradierten Erfahrungen und geronnenem (Alltags)Wissen sowie von Anregungen für die Bewältigung der inneren seelischen Welt sowie des eigenen Lebens.

Märchen sind Geschichten des Erwachsenwerdens
Märchen sind entsprechend der Tradition insbesondere für jüngere und ältere Kinder gedacht („Kinder- und Hausmärchen“). Die Protagonistinnen und Protagonisten der Märchen sind aber meist Jugendliche bzw. junge Erwachsene und haben zum Thema das Erwachsenwerden und die damit verbundene Reifung ihrer Persönlichkeit. Demnach müsste man die Märchengeschichten eher den jungen Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren erzählen, sozusagen als „Entwicklungs- und Bildungsromane“, denn in vielen Märchen geht es vor allem darum,

Warum aber mögen gerade Kinder solche Geschichten? – Weil die Tagträume und die brennende Sehnsucht der Kinder sich insbesondere um den Wunsch drehen, möglichst schnell groß und erwachsen zu werden, es sei denn man hält es mit Peter Pan, der bitte schön nicht erwachsen werden möchte. Die Vorstellungen der Kinder vom möglichst schnellen Großwerden füllen die Märchengeschichten reichhaltig und befriedigend aus.

Kinder identifizieren sich mit den Heldinnen und Helden der Märchen
Man erzählt den Kindern Märchen, um sie zu unterhalten und ihnen die kollektiven Erfahrungen der Menschheit mitzuteilen, denn in den Märchen geht es grundsätzlich um eine Unterweisung für das Leben. Die Kinder nehmen in ihren Tagträumen und Fantasien die Geschichten der Märchen und deren Personen als Beispiel. In den Märchen-Geschichten können die Kinder ihre eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Deutungen wiedererkennen. Sie können ihre Ängste, Zweifel, erlittenen Kränkungen und Abwertungen nochmals ausleben und anhand der Märchengestalten, die jeweils bestimmte Gefühle und Verhaltensmuster zum Ausdruck bringen, können sie mitleben, mitbangen, mitleiden, mithoffen und sich über den guten Ausgang mitfreuen. Somit können Märchen zum „inneren Wachstum“ der Kinder beitragen.

Die Märchenheldinnen und Märchenhelden stehen dabei als innere Begleiter im Besonderen auf der Seite der Kinder mit ihren Gefühlen und Erfahrungen der Schwäche, Ohnmacht, Erniedrigung, Entwertung, Angst und Furcht. Insofern haben Kinder auch eine Vorliebe für die unterschätzten Schwächlinge und Dummköpfe, die sich mit List und Tücke doch durchsetzen können und am Schluss oft als die eigentlichen Gewinner dastehen.

Märchen haben demnach Wirkung, aber sie rufen bei Kindern nicht Angst hervor, bewirken keine Gewalt, legen keine Furcht in die kindliche Seele, im Gegenteil: Märchen sprechen im Kind seelische Erfahrungen aus ihrem Alltag an, dabei eben auch die Erfahrung mit Angst, Gewalt, Kränkung und Grausamkeit.

Märchen regen das Gehirn der Kinder an
Märchen geben dem Kind Orientierungshilfe durch den Wirrwarr von Anforderungen, Angeboten und Erwartungen, und diese Stimulierungen werden im Gehirnbereich zu einem Gesamtbild zusammengefügt, indem das Frontalhirn zukunftsorientierte Handlungskonzepte und innere Orientierung entwickelt. Ohne Märchen fehlen diese Orientierungen. Kinder laufen dann Gefahr, zu selbstbezogenen, trotzigen, tyrannischen Erwachsenen mit einem ausgeprägten zwischenmenschlichen Beziehungsdefizit zu werden (Hüther 2006).

Entsprechend den Ergebnissen der Gehirnforschung verläuft die aktivste Zeit der Ausbildung des menschlichen Gehirns im „Zeitfenster“ vom zweiten Monat bis zum sechsten bzw. 12. Lebensjahr. Dabei regt die Sprache der Märchen die Fantasie der Kinder an, sich vorzustellen, wie etwas aussieht, auch wenn es nicht unmittelbar gesehen oder angefasst bzw. erfasst werden kann.

Märchen zeigen Kindern Beispiele der Resilienz
Resilienz steht für Widerstandsfähigkeit und Widerstandskraft (das lateinische Wort „resilire“ bedeutet: zurückspringen, abprallen).

Eine große Anzahl von Kindern wird heute mit Unsicherheiten, Belastungen und schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert. Und dennoch wachsen viele Kinder trotz erhöhter Entwicklungsrisiken in ihrer Biografie zu erstaunlich kompetenten, leistungsfähigen und stabilen Persönlichkeiten heran“ (Wustmann 2009).

Resiliente Kinder verfügen über Schutzfaktoren, die negative Auswirkungen widriger Umstände abprallen lassen. Diese Beschreibung gilt aber auch für die Märchenheldinnen und Märchenhelden. Kernpunkte der Umsetzung von Resilienz sind: „Suche dir einen Freund, und sei anderen ein Freund. Fühle dich für dein Verhalten verantwortlich. Glaube an dich selbst.“ (Nuber 2005, S. 23).

Bessere Ratschläge kann man auch den Märchenheldinnen und Märchenhelden nicht mit auf den Weg geben. Wichtig bei Resilienz ist, dem Kind Vertrauen in die eigene Kraft und in die eigenen Fähigkeiten zu geben. Märchen bieten in 99% der Fälle positive Lösungen an. Nur wenige Märchen tun dies nicht, beispielsweise Die kluge Else.

Der Prozess der Trennung von der Mutter oder das Verlassenwerden von den Eltern können sich im Märchen zwar bis zur Unerträglichkeit steigern, doch das Ergebnis, bzw. der nächste Schritt in der Entwicklung ist, dass die Märchenheldin/der Märchenheld die Schwierigkeiten aushält und besteht.

Die kleinen, schwachen, erniedrigten, gedemütigten Heldinnen/Helden, denen niemand etwas zugetraut hat (am wenigsten die eigenen Eltern), lösen die ihnen gestellten Probleme und bewältigen die auferlegten Schwierigkeiten. Der positive Verlauf eines Märchens wird daher beim hörenden, sehenden oder lesenden Kind immer eine anregende und wohlbefindliche Grundstimmung erzeugen.

Wir haben alle unser Lieblingsmärchen
Viele unserer ersten in der Erinnerung noch haftenden Geschichten der Kindheit sind Märchen. Wir haben sie uns immer wieder erzählen lassen. Sie haben uns berührt und manche sind zu unserem „Lieblingsmärchen“ geworden, weil sie uns heute noch als Erwachsene bewegen. Märchen sprechen Themenaspekte an, die in der Kindheit bedeutsam waren und immer wieder aktuell werden können.

Das Erinnern solcher Märchenmotive,
„bringt eine diagnostische Möglichkeit, indem Grundthemen, die schon immer unser Leben bestimmten, sichtbar werden. Im Verbinden dieser Motive zu einem neuen, eigenen Märchen wird deutlich, wie diese Themen im Laufe des Lebens gestaltet werden konnten, oder noch gestaltet werden können, wie mit diesen Grundthemen umgegangen werden kann“ (Kast 2008, S. 75).

Jeder von uns hat ein solches Lieblingsmärchen, bzw. solche Lieblingsmotive. Auch wenn es uns nicht bewusst ist, handeln und verhalten wir uns häufig wie die Personen in den Märchen-Geschichten. Märchenmotive werden dann oftmals zu bildhaften Erklärungen für Lebenspläne, Lebensthemen, Lebensskripte, und über manchem Lebens(ver)lauf von uns könnte der Titel stehen Aschenputtel, Dornröschen, Froschkönig, König Drosselbart oder Das tapfere Schneiderlein.

Märchen sind eine Sammlung an Lebenserfahrungen (vieler Generationen) – Märchen sind „Ratgeber“ für die Lebensführung und Lebenskunst
Die Botschaft der Märchen ist: Das Leben kann auch unter schwierigen Bedingungen bewältigt werden. Es kommt nicht auf Macht, Reichtum, Schönheit an, es geht viel mehr um das Gute, um die Entwicklung und Reifung der menschlichen Persönlichkeit. Jedes Märchen enthält Ausschnitte sowie Aspekte aus dem weiten Erfahrungshorizont der Menschen mit sich selbst und mit den anderen.

Die Lieblingsmärchen der Kindheit sind gleichsam „Spiegel“ der eigenen Person sowie „Schlüssel“ der Herkunftsfamilie und der eigenen Biografie; sie können dann zu einem „Motto“ der eigenen Lebensführung werden. Märchen sind somit Muntermacher und Mutmacher – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

 

3. Der dramaturgische Bauplan von Märchen

3.1. Märchen sind Familienromane

Die Familie als Ausgangspunkt
Die meisten Märchen beschäftigen sich mit Familie und gehen von einer bestimmten Familienkonstellation aus. Die Familie liefert die grundsätzliche Konfiguration der Märchenfiguren: Vater, Mutter, Kind (selten Großeltern und Verwandte). In jeder Familie gibt es Konflikte ganz eigener Art, in ihrer Struktur aber ähneln sie sich.

In den meisten Märchen ist die Familie kein Ort der Stabilität und Sicherheit, eher eine Behausung von Feindseligkeit, Unheil, Unterdrückung, Qual, Mangel, Armut, Zwist, Unglück, finanzieller Belastung sowie mütterlicher oder väterlicher Wut, was das Leben für Kinder unerträglich macht. Das dominante Verhalten der Eltern ist in den Märchen meist Vernachlässigung, strenge Bestrafung oder das Aussetzen der Kinder.

Solche Familienverhältnisse sind der Ausgangspunkt dafür, dass die jungen Menschen die Familie verlassen und sich auf den Weg machen müssen. Dieser Weg der Märchenheldinnen/Märchenhelden kann modellhaft gesehen werden

als Entwicklungsprozess aus bestimmten krisenhaften Konstellationen heraus, in dessen Verlauf die Entwicklungschancen entbunden werden. Es geht im Märchen weniger um die Problematik innerhalb einer Familie als vielmehr um den Weg, der von einer Familie – der Ursprungsfamilie – zur neuen Familie führt, die man selbst gründet“ (Kast 2004, S. 8).

Was in der Herkunftsfamilie fehlt, wird draußen in der Welt gesucht
Der Grund für den Aufbruch und Ausbruch aus der Familie ist meist etwas, das im ursprünglichen Familiensystem als unerwünscht galt und somit den „Schatten“ der Familie anspricht.

Am Anfang der meisten Märchen steht ein Mangel oder eine Krise, d.h. ein unbefriedigender Zustand,
„der psychologisch als Leiden zu deuten ist. Bekanntlich kann Leiden zwar eine äußerst lähmende Wirkung haben, doch zugleich ist ohne das Leiden an Konflikten und Krisen Bewusstseinsentwicklung und Reifung nicht denkbar. Das Leiden ist also eine der wichtigsten Energiequellen, um den Prozess der Bewusstwerdung in Gang zu bringen“ (Jakoby 1994, S. 176).

Märchen zeigen Wege der Entwicklung und Reifung
Märchen als „Familienromane“ haben folgende Strukturen:

Märchen entlasten Kinder bei ihren Gefühlen
Nach Sigmund Freud nimmt der „Familienroman“ zum ersten Mal Gestalt an, wenn das Kind beginnt, sich von der Autorität der Eltern zu befreien. Das Kind sucht Trost in jener Situation, in der es mit seinen Eltern unzufrieden ist, bzw. sich zurückgesetzt oder vernachlässigt fühlt. Tagträume und Fantasien dienen Kindern und Jugendlichen zur „Erfüllung von Wünschen“ oder zur „Korrektur des Lebens“ – und dies kann so weit gehen, dass die eigenen Eltern nicht für die eigentlich richtigen Eltern angesehen werden: Das Kind bildet sich ein, das Kind einer Person zu sein, die genau jene Eigenschaften besitzt, die seinen eigenen Eltern am meisten fehlen. Sie glauben, in Wirklichkeit, das Kind anderer Eltern zu sein bzw. sie wünschen sich die Erfüllung dieser Sehnsucht.

Die schwierigen Anteile des Mutterseins werden im Märchen auf Stiefmütter, Schwiegermütter, Köchinnen und Hexen (wie in Hänsel und Gretel) verlagert. Dies erleichtert es dem Kind, aggressive Fantasien auf die eigene leibliche Mutter auszuleben, indem diese mittels Projektion auf personalisierte Erscheinungsformen mütterlicher Bosheiten in den Märchen geworfen werden.

Märchen als Familienromane dienen Kindern dazu, die Strukturen der Familie mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren guten und schlechten Zeiten verstehen zu lernen. Märchen zeigen,

dass in ihrem Erzählverlauf aus der Krise heraus immer auch ein Entwicklungsweg gezeigt wird; sie sind getragen von der Hoffnung auf Veränderung, auf die Wandelbarkeit des Lebens, getragen aber auch von dem Bewusstsein, dass genügend Kräfte vorhanden sind, um die Situation jeweils zum Besseren zu wenden – man muss die Kräfte nur suchen und finden“ (Kast 1988, S. 9).

 

3.2. Die Reise der Heldin, die Reise des Helden

Der Weg des Individuums – die Dramaturgie der Kindheit und Jugend korrespondiert mit der Dramaturgie der Märchen

Kinder, Jugendliche, Erwachsene, ältere Menschen haben im Laufe ihres Lebens zu verschiedenen Zeiten und Phasen immer wieder spezifische Aufgaben der Entwicklung zu erfüllen. Diese Aufgaben sind mit den jeweiligen Themen des Lebens verbunden. Entsprechend den Mythen, Märchen und tradierten Geschichten in verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen gibt es für das Leben als solches einen „alten Bauplan“: das Strukturprinzip des „Monomythos“, oder poetisch ausgedrückt die „Reise des Helden“ bzw. die „Reise der Heldin“ (Campell 1989, 1978; Murdock 1994; Vogler 1998):
Der Held, die Heldin müssen eines Tages die vertraute Welt verlassen (Alltag, Familie, Heimat) und sich auf eine Reise machen. Dort erleben sie Abenteuer, die mit Aufgaben und Prüfungen verbunden sind. Die Aufgaben müssen erfüllt und die Prüfungen bestanden werden. Mit den gemachten neuen Erfahrungen können die Helden und Heldinnen dann wieder zurückkehren und ihren Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen an andere weitergeben.

Strukturprinzip des Märchens ist die Abfolge von „Trennung – Prüfung/Initiation – Rückkehr“. Der Held und die Heldin müssen vom Unerträglichen weggehen und das Zuhause verlassen, hinaus in die Welt und hinein in den Wald. Sie kommen an Orte und in Situationen, in denen sie Anfechtungen ausgeliefert sind, Prüfungen bestehen sowie Kämpfe ausfechten müssen gegen Widersacher, übernatürliche Kräfte, mächtige Gegner und widrige Umstände.

Der Kampf gegen die heftigen Schwierigkeiten des Lebens ist unvermeidlich und gehört untrennbar zur menschlichen Existenz; wenn man aber nicht davor zurückschreckt, sondern den unerwarteten und oft ungerechten Bedrängnissen standhaft gegenübertritt, überwindet man alle Hindernisse und geht schließlich als Sieger aus dem Kampf hervor.“ (Bettelheim 1976, S. 85)

Die Heldinnen und Helden der Märchen drängt es gleichsam in die Welt hinaus, sie wollen wissen, wie es jenseits der Berge aussieht. Darüber hinaus möchten sie auch die Angst entdecken (Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen).

Das Elternhaus wird zu eng und es kann der Sehnsucht nach dem fernen Horizont nicht genügen. Wer das Haus der Herkunft nicht verlässt, wird nie erfahren und wissen, was Angst ist. Wer zuhause verbleibt, kennt auch kein Heimweh und hat somit auch keine Erkenntnis darüber gewonnen, was es einmal heißen wird, „zurückgekehrt, erwachsen und gereift“ ein eigenes Heim zu gründen.

Die Welt zu bereisen birgt jedoch Risiken und Gefahren. Man kann dabei verloren gehen, vom Weg abkommen, sich verirren, sich täuschen und auch vor die Hunde gehen. Aber diese Erfahrungen machen stark und wissend, und vermitteln eine Art „Vor-Sicht“ (d.h. vorher hinschauen und dann handeln).

Die Heldinnen und Helden der Märchen zeigen,
„dass es nicht genügt, einfach nur Erbe zu sein. Jedes Vermächtnis muss von neuem gewonnen werden; es muss verloren gehen, um wieder siegreich erworben zu werden. Es ist die Achtung vor der Mühe der Eltern, die zum Widerstand gegen sie führt: sich verselbständigen, ja sogar sich auflehnen heißt verstanden haben, wie viel menschlicher Wille der Ordnung zugrunde liegt, die nicht nur ertragen oder geduldet wird, sondern frei gewählt ist“ (Savater 1982, S. 50).

 

3.3. Die Reise durch die Adoleszenz – Entwicklungsaufgaben der Töchter und Söhne sowie der Märchenheldinnen und Märchenhelden

Im Folgenden werden die „Stationen der Heldenreise“ durch die Adoleszenz (ab dem 13. Lebensjahr) in Verbindung mit den entsprechenden Themen und Aufgaben der Entwicklung skizziert.

 

Erster Akt: Aufbruch und Ausbruch

Die Kinderjahre sind vorbei und es gilt Abschied von der Kindheit zu nehmen.

Das ist mit Trauer und Wehmut über das Vergangene sowie mit Sehnsucht nach der zukünftigen Zeit verbunden. Das Groß- und Erwachsenwerden ist nicht mehr nur ein Traum oder eine Sehnsucht, sondern wird jetzt zur entscheidenden Aufgabe, vor der sich niemand mehr drücken kann.

Eine innere Stimme drängt: „Ich möchte ein Erwachsener sein, ich muss erwachsen werden“; diese Stimme hat aber auch noch eine andere Melodie: „Ich will nicht erwachsen werden“. Die goldene Kugel der Kindheit muss dann (mehr oder weniger absichtsvoll) in den Brunnen fallen – soll das Kind nicht in den Brunnen fallen.

Der Ruf nach dem Abenteuer des Aufbruchs kann jedoch zu einer Verwirrung der Gefühle führen: Verlust, Trauer, Angst, Zweifel („Werde ich bestehen?“).

Die gewohnte Welt der Familie hat zwei Seiten, zum einen die (symbiotische) Geborgenheit, zum anderen Momente der Überbehütung, Einengung und erzwungenen Häuslichkeit, gegen die es sich zu wehren gilt:

„Die Eltern lassen nicht los“, die Eltern werden verstärkt zu „Torwächtern“ und „Torhütern“.

 

Die Jugendlichen bzw. Märchenheldinnen und Märchenhelden können dem Ruf nach Erwachsenwerden nicht ausweichen und müssen eine erste Schwelle überschreiten und damit steht die Aufgabe der Abnabelung von der Familie an:

Mit der Abnabelung von der Familie ist auch das Rebellieren gegenüber Autoritäten verbunden:

Ausdrucksformen einer Weigerung, die erste Schwelle zum Aufbruch zu überschreiten, können sich in Leistungsverweigerung, Krankheiten oder durch Unfälle zeigen, ferner in Gefühlen des Alleinseins sowie der Einsamkeit.

Ferner entstehen in dieser Verwirrung zum einen Vorstellungen der Selbstvergrößerung (Das tapfere Schneiderlein sowie die drei Brüder aus Tischlein deck dich) sowie der Selbsterniedrigung, Selbstentwertung und des Selbsthasses (insbesondere bei den Königstöchtern aus Der Froschkönig und König Drosselbart). Die Lösung liegt dann im Willen zum Ausbruch aus der Familie mit ihren Werten und Normen bzw. zum Aufbruch in die Welt hinaus, um leibhaftig und geistig neue und andere Erfahrungen zu machen. Das handlungsleitende Motto heißt: Weg von der Lenkung durch die Eltern, und hin zur eigenständigen Entwicklung und Lenkung des Selbst.

Eine wichtige Rolle in diesen Jahren spielt das Entdecken des eigenen und plötzlich anders empfundenen Körpers, das oft mit dem Gefühl verbunden ist, ein Fremder im eigenen Körper zu sein. Hierbei quälen einen insbesondere Mängel und Unzulänglichkeiten, die aber oft unter dem Druck von Äußerungen und Bemerkungen anderer Personen (Eltern, andere Erwachsene, Gleichaltrige) oder durch medial vermittelte Normvorstellungen hervorgerufen werden. Das Entdecken des eigenen Körpers ist vor allem die Aufgabe der Königstochter Dornröschen sowie der Königstochter aus Der Froschkönig.

Um den Weg der Selbstentwicklung gehen und bestehen zu können, brauchen die jungen Menschen im realen Leben die Begleitung und Begegnung von Mentoren: Das sind dann die „besten Freunde, „die besten Freundinnen“, aber auch Lehrerinnen/Lehrer, Trainerinnen/Trainer; ferner werden als innere Begleiter „Lieblingsstars“ in den Medien oder Vorbilder im öffentlichen Leben gesucht.

Auch in den Märchen begegnen die Heldinnen und Helden wichtigen Mentoren, die sich jedoch in ihrer Bedeutung unterscheiden:

Zweiter Akt: Der „Weg der Prüfungen“

Die Töchter und Söhne müssen sich (innerlich wie äußerlich) von den Eltern ablösen, müssen sich von der Familie trennen. Diese Ablösung (auf welche Weise auch immer) ist gekennzeichnet durch Auseinandersetzungen, die sich insbesondere auf die Erwartungen von außen beziehen: dies beginnt mit den Vorstellungen der Eltern mit Blick auf Bildung und zukünftigem Beruf, setzt sich fort mit den Leistungsansprüchen der Schule und Ausbildung sowie mit dem Gruppendruck durch Gleichaltrige.

Ferner müssen die Heranwachsenden den jeweils angemessenen Umgang in den Realwelten, Medienwelten sowie Konsumwelten lernen. Die stärkste Herausforderung aber ist das Wahrnehmen und Bewusstwerden der eigenen Gefühle und hier im Besonderen der eigenen Ängste – die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor der Zukunft, die Angst vor Versagen, Bedrohung und Gewalt.

 

Diese Zeit der Auseinandersetzung ist auch die Phase, sich der eigenen Komplexe gewahr zu werden: Es ist die Zeit, die Idealisierung der Elternfiguren aufzugeben und die Zeit sich der Mutter- und Vaterkomplexe bewusst zu werden:

Wer während der Kindheit viel Zuwendung, Aufmerksamkeit, Interesse an allen Äußerungen, Umhüllung durch mütterliche Liebe erlebt hat, wird von einem ‚ursprünglich positiven Mutterkomplex’ geprägt sein. Dieser wird die Erwartungen an die anderen Menschen, an das Leben, an die Welt prägen, aber auch weitgehend die Interessen bestimmen.

Wessen größtes Problem in der Kindheit die Auseinandersetzung mit einer Mutter war, die – aus welchem Grund auch immer – Schwierigkeiten hatte, sich auf die Bedürfnisse dieses Kindes einzustellen, und wer auch durch andere Menschen keine tragende mütterliche Zuwendung erleben konnte, wird von einem ‚ursprünglich negativen Mutterkomplex’ geprägt sein.

Wer die ersten bedeutsamen Erfahrungen oder schmerzhaften Zusammenstöße eher mit dem Vater hatte, wird je nachdem, ob die Erfahrungen zunächst als fordernd oder hemmend erlebt worden sind, von einem ‚positiven oder negativen Vaterkomplex’ geprägt sein“ (Kast 2005, S. 45).

Die Auseinandersetzung mit sich selbst bezieht sich zu einem beherrschenden Teil auf den eigenen Körper: Die Heranwachsenden erfahren einschneidende körperliche Veränderungen. Sie müssen für sich lernen, den eigenen Körper anzunehmen, zu bewohnen und anzufassen (bevor ihn andere anfassen).

Zu diesen Berührungen gesellen sich dann die erotisch-sexuellen Erkundungen, Begegnungen („Prinzen-Suche“, „Suche nach der Traumfrau“), Erfahrungen und damit auch Täuschungen („gebrochene Herzen“) sowie Enttäuschungen („Liebeskummer“).

Diese „erotische Wendung“ von Freundschaftsbeziehungen zu intimen Paarbeziehungen muss aufgebaut und gestaltet werden; sie umfasst das Erproben der Dauer und Stärke solcher Beziehungen und enthält eine weite Skala an Gefühlen (himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt) und Fragen an sich selbst:

Wen erträume ich mir als Freund/Freundin, als Partner/in?

Mit wem möchte ich zusammen sein, zusammen leben?

Was spiegelt die andere Person in mir wider?

Die Erprobung der Beziehungsfähigkeit umfasst ferner die Auseinandersetzung mit den Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit sowie mit der Frage nach den eigenen Wünschen erotisch-sexueller Art sowie die Vorstellung, einmal selbst eigene Kinder haben zu wollen oder nicht.

Der Weg der Prüfungen beginnt mit dem Antreten der (symbolischen oder realen) Reise sowie mit den damit verbundenen Bewährungsproben.

Reale Reisen fordern heraus und ermöglichen neue Erfahrungen: in der Fremde bestehen müssen, das Fürchten lernen, die Angst besiegen.

Symbolische Reisen zeigen sich zum einen in Fantasien, Illusionen und Visionen zum anderen in Grenzüberschreitungen und Grenz-Verletzungen der Heranwachsenden: Riskantes Verhalten im Straßenverkehr, Diebstahl, Sachbeschädigung, körperliche Gewalt, Randale, Auto-Aggression, Ess-Störung, Ritzen, provokante Sexualität, extremes Medienverhalten, Komasaufen, Selbsttötungsversuche, ferner in Erfahrungen von Grenzsituationen wie Krankheiten (bei sich oder anderen), Verlusterlebnisse sowie Begegnungen mit dem Tod.

Die Helden und Heldinnen von Märchen geraten auf ihren Reisen beständig in Konflikte, werden in Kämpfe verwickelt und müssen sich in (inneren und äußeren) Gefechten mit bestimmten Gegenspieler/innen (Antagonisten) auseinandersetzen. Diese Personen repräsentieren dabei die „anderen“ Seiten und Eigenschaften einer Person (Schattenseiten, Projektionen).

 

Die entscheidende Prüfung ist dann der Blick in den Spiegel mit dem Aufruf „Erkenne Dich selbst“: Wer bin ich? Was will ich, Was halte ich von mir? Wer und wie möchte ich sein? Diese Arbeit am Selbstbild kann Krisen herauf beschwören, kann aber auch eine stolze Bilanz aufweisen – insbesondere dann, wenn die folgenden Fragen positiv ausfallen:

Kann man sich annehmen, so wie man ist mit allen guten und schwierigen Anteilen seines Selbst?

Kann man im Rückblick die Umwege, Irrwege und Enttäuschungen annehmen als Momente, die einen dennoch in der Entwicklung weitergebracht haben?

Ist man auf diesen inneren und äußeren Reisen über sich selbst im Bilde, ist man selbstständiger geworden?

Kann man Probleme lösen, eigene Entscheidungen treffen und immer mehr Verantwortung für sich und die anderen übernehmen?

Kann man sein Leben selbst in die Hand nehmen?

Hat man herausgefunden, für was man sich interessiert, was man werden möchte? Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten hat man zu beherrschen gelernt?

Hat man einen Lebensentwurf entwickeln können als Leitfaden für das weitere Leben?

Diese Fragen müssen sich nicht nur die Jugendlichen in der Zeit ihrer Adoleszenz stellen, sondern diese Fragen stellen sich auch die Heldinnen und Helden der Märchen, um im Geschehen ihrer jeweiligen „Fall-Geschichten“ weiterzukommen – die Belohnung lässt erfahrungsgemäß dann nicht lange auf sich warten.

 

Dritter Akt: Rückkehr, Versöhnung, Erkenntnis

Innerlich und äußerlich gewachsen, erwachsen und wiedererweckt kommen die Heldinnen und Helden von ihren (inneren und äußeren) Reisen zurück. Auf diesem Rückweg besteht die Aufgabe darin, den eigenen Platz zu finden: „Wo bin ich zu Hause?“ Dabei ist es wichtig, sich selbst zu ermuntern, fortan den eigenen Traum zu leben und nicht den der Eltern.

Hat man die Quellen seines Selbstwertes durch Selbsterkenntnis, Selbsterfahrung und Annahme der eigenen Person erkannt, dann kann man sich mit den Eltern wieder aussöhnen („von der Verhöhnung zur Versöhnung“); ferner ist ein versöhnlicher Rückblick auf die eigene Kindheit und Jugend möglich, und dies ist Voraussetzung dafür, die Treue zu sich selbst zu festigen.

Das Bewusstsein für den Selbstwert speist sich aus der Erfahrung, dass man zum Abenteuer der Reise aufgebrochen ist und die Prüfungen welcher Art auch immer gut bestanden hat. Dieser Erfahrungsschatz und dieser Erkenntnisgewinn bilden das Elixier (Heilmittel und Zaubertrank) für das weitere Leben. Der Blick in die Zukunft kann sich weiten, Visionen und Träume können umgesetzt werden, der Glaube an die Verwirklichung von Zielen ist gestärkt worden – ein hoher persönlicher Gewinn.

 

4. Die Deutung von Märchen

Die Märchen regen an, den Inhalt dieser Geschichten für sich zu deuten. Es gibt mittlerweile eine Fülle von Märcheninterpretationen, und entsprechend der jeweiligen Methoden ergeben sich verschiedenartige Deutungen (soziologisch, volkskundlich, germanistisch, tiefenpsychologisch). Eine „richtige“ Interpretation gibt es jedoch nicht – denn „jede Deutung bleibt An-Deutung“ (Kast 2004, 14).

Eine Vorreiterrolle in der tiefenpsychologischen Deutung von Märchen haben Begriffe und Methoden der Schule von C.G. Jung eingenommen. Die Märchen werden dabei als symbolische Darstellung von allgemeinmenschlichen Problemen sowie deren Lösung angesehen (Kast 1988).

 

4.1. Bausteine der tiefenpsychologischen Deutung von Märchen

Märchen sind ein symbolischer Spiegel
Märchen sind symbolische Übertragungen psychischer Prozesse, Märchen sind erzählte Träume. Sie zeichnen aber nicht einfach die Realität ab. Kein Märchen erhebt den Anspruch, Eins zu Eins die äußere Welt bzw. die Alltagswelt der Kinder widerzuspiegeln – und kein Kind würde dies auch glauben.

Märchen sind Spiegel der inneren Welt einer Person bzw. ein Spiegel für das, was Kinder bewegt, was sich in ihnen an Dramen abspielt, was sie durchleben und durchfühlen müssen.

Wenn die Heldinnen und Helden der Märchen das Zuhause verlassen, durchschreiten sie den Spiegel ihres inneren Seelenlebens, d.h. sie kommen in die Welt der inneren Realität. Märchen sind Geschichten, anhand derer man die verschiedenen Teile der eigenen Persönlichkeit erkennen kann.

Das Ausgangsproblem
Märchen gehen meist von einem Konflikt, von einer Krise oder einem Problem aus. Dabei ist zu fragen, welche Bedeutung dieser Ausgangssituation zukommt und welche Möglichkeiten der Lösung bzw. Erlösung phantasiert bzw. gefunden werden:
„Vielleicht ist es kränkend, dass wir immer noch die selben Probleme haben wie Menschen im Mittelalter, aber menschliche Probleme gleichen sich auch über Jahrhunderte hinweg, wir haben vielleicht nur die Möglichkeit, die Probleme auch anders zu sehen. Das können wir mit der Interpretation leisten“ (Kast 1988, S. 12/13).

 

Symbole
Märchen arbeiten mit Symbolen: Der Frosch bringt die goldene Kugel zurück, die zum einen die Kindheit der Königstochter symbolisiert, zum anderen die Ganzheit des Lebens und somit die Aufforderung an die Königstochter, den Weg der Selbstständigkeit zu beschreiten.

Bei den Symbolen spielt die Methode der Amplifikation eine Rolle, d.h. das Märchensymbol wird mit Bildern der Mythologie, Religion, Kunst, Literatur verglichen und dabei wird erkennbar, welche Bedeutung das jeweilige Symbol in der Menschheitsgeschichte hatte bzw. hat.

Märchensymbole korrespondieren mit allgemeingültigen Symbolen, so stehen beispielsweise Prinz/Prinzessin für das Ich, König und Königin für die Eltern; der Wald repräsentiert die dunklen, versteckten Tiefen der Seele sowie die Schattenseiten und das Wasser steht für Geburtsvorgang oder Neuanfang.

Archetypen
Der Begriff „Archetypus“ bezeichnet die im kollektiven Unbewussten angesiedelten Urbilder menschlicher Vorstellungen. Neben dem persönlichen Unbewussten gibt es das kollektive Unbewusste, das unabhängig vom individuellen Ich existiert und auch wirkt. Archetypen sind Vorstellungen, die durch lange Zeiträume bis heute vermittelt wurden bzw. werden (Jung 1993).

Die Heldinnen und Helden der Märchen sind archetypische Figuren und symbolische Gestalten, die wenig zu tun haben mit realen Menschen:

Der König steht als Symbol nicht nur für die Eltern, sondern auch für Krone, Herrschaft, Pracht, Rechtsprechung, Normen, Werte.

Die Königin wiederum ist das Urbild für Mutter, Stiefmutter aber auch entsprechend patriarchalischer Vorstellungen Repräsentantin von (meist negativen) Gefühlen, wie Eifersucht, Neid oder hexenhaftem Wesen (Diederichs 2006).

Archetypen sind Figuren des Unbewussten, Gestalten einer anderen Welt und sie stehen im Gegensatz zur bewussten Realität. Dies verdeutlicht, dass die Inhalte von Märchen Manifestationen der Seele sind und deren jeweilige Wesenszüge veranschaulichen. Märchen stehen demnach dem kollektiven Unbewussten näher, die Träume der Menschen hingegen sind stärker auf das Individuum bezogen.

Persona und Schatten
Unter „Persona“ wird die jeweilige soziale Rolle verstanden, die jeder Mensch für sich selbst gebildet hat; dabei spielt die Familie eine wichtige Rolle, denn in ihr werden wir auf eine jeweils bestimmte Haltung und Darstellung der Persona hin sozialisiert.

In der Adoleszenz spielen neben der Familie vor allem die Gruppen der Gleichaltrigen eine bildende Rolle.

Die Persona entspricht zum einen unserem Ich-Ideal, zum anderen unserer Vorstellung, wie die Menschen uns sehen wollen. Damit wir möglichst ansehnlich sind, verdrängen wir die Seiten, die nicht zu unserem ‚schönen’ Bild von uns gehören, und daraus wird dann der Schatten, verstanden als die Seiten, die wir in uns nicht akzeptieren können, zu denen wir nicht stehen können. Sie gehören aber dennoch zu unserer Persönlichkeit und zeigen sich, wie alles Verdrängte, auch gegen unseren Willen“ (Kast 2002, S. 12).

Wenn unser Verhalten nicht unserem Ich-Ideal entspricht, kommen wir seelisch in die Bredouille. Wir lösen diesen Konflikt, indem wir unsere Enttäuschung und Scham über uns selbst als Schattenaspekte auf andere Menschen projizieren. Was wir dann bei uns an Fehlern, Schwächen oder Täuschung nicht sehen und uns nicht eingestehen möchten, nehmen wir beim Anderen wahr, das heißt wir übertragen unseren Schatten auf einen anderen bestimmten Menschen und „befreien“ uns somit vermeintlich vom eigenen Schattenanteil.

Das Mütterliche und Weibliche in Tischlein deck dich wird in dieser Familie nicht akzeptiert und wahrgenommen, es ist nicht im Bewusstsein, aber die Ziege als Symbolfigur für das Nährende wird dafür zum Sündenbock gemacht und aus dem Haus gejagt, man will damit nichts mehr zu tun haben und somit hat die Verdrängung des Mütterlich-Weiblichen einen Kreis geschlossen und bei den Mitgliedern dieser Familie ist ein „Schattenkomplex“ entstanden, denn der Vater lebte fortan mit seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit – für die drei jungen Männer kann das aber doch nicht die Lösung sein, ohne Partnerin und ohne Beziehung zum Weiblichen?

In der Adoleszenz erfolgt die Trennung über die Schattenseiten der Eltern. Das heißt, die Jugendlichen beginnen das zu leben, was die Eltern als Schatten ausgespart haben, was verpönt ist zu Hause. Damit stellen sie sich in einen Gegensatz zu den Eltern“ (Kast 2002, S. 103).

Animus und Anima
Entsprechend dem „Konzept der seelischen Gegengeschlechtlichkeit“ (Jung) wirken in jedem Mann weibliche Seelenkräfte (Anima) sowie in jeder Frau männliche Seelenkräfte (Animus). Demnach wohnen geschlechtsspezifische Eigenschaften in unbewusster Form auch im Gegengeschlecht inne.

Anima ist dann die Summe aller Erfahrungen des Mannes mit der Frau bzw. dem Weiblichen, Mütterlichen und der Animus ist die Summe aller Erfahrungen der Frau mit dem Mann bzw. dem Männlichen, Väterlichen.

Was Männer und Frauen jeweils an Gegengeschlechtlichem erlebt und erfahren haben, bildet sich zu einer Imago, d.h. zu einer unbewussten Vorstellung und einem unbewussten Bild, wobei sich die geronnenen Bilder von Anima und Animus nicht auf reale Personen beziehen (müssen).

An diesem Konzept wird jedoch kritisiert, dass die Vorstellungen über die Frau nicht dem eigentlichen Wesen der Frau entliehen sind und somit Projektionen des Mannes darstellen. Die Anima wird aus dem unbewussten Anspruch des Mannes an das Weibliche abgeleitet, „eine Idealvorstellung, der keine lebende Frau in der Realität entsprechen kann“ (Baumgardt 1987, S. 84).

Komplexe und Episodengedächtnis
Beim Prozess der Individuation (im Gegensatz zur Sozialisation ist dies der Prozess der Selbstwerdung des Menschen) verfestigt sich das Bewusstsein der eigenen Individualität und damit verbunden das Bewusstwerden des Unterschieds zu anderen Menschen. Entwicklung und Reifung heißt: Ich selbst werden, wobei das „Selbst“ viel manifester ist als das „Ich“, denn das Selbst als ein Archetypus berührt die Ganzheit des Menschen und ein Teil des Selbst verbleibt immer im Unbewussten. Bei diesem Selbstwerdungsprozess spielen die Komplexe sowie das Episodengedächtnis eine Rolle:

Komplexe sind geronnene Erinnerungen bestimmter Erfahrungen und Vorstellungen, die jeweils mit erlebten Gefühlen verbunden sind. Komplexe sprechen Grundthemen des Lebens an. Kommen wir in bestimmte Situationen, dann können wir in unserem Erleben und Handeln dementsprechend „komplexhaft“ reagieren (Prinzip der Wiederholung), wir sind gleichsam „komplex-haft verhaftet“.

Komplexe sind gefühlsbetonte „Kerne der Persönlichkeit, hervorgerufen durch einen schmerzhaften oder einen bedeutungsvollen Zusammenstoß des Individuums mit einer Anforderung oder einem Ereignis in der Umwelt, dem es nicht gewachsen ist“ (Kast 2005, S. 36).

Alle Menschen haben Komplexe, und „die Komplexe haben uns“ (Jung). Komplexe werden durch das Episodengedächtnis gestützt, indem Handlungen, Gefühle, Wahrnehmungen, Erfahrungen erinnert werden können.

Bei Komplexen reagieren wir „unangemessen auf die aktuelle Situation, wir haben eine Überreaktion, wir reagieren nämlich nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern auf alle Situationen unseres Lebens, die dieser Situation so fatal gleichen“ (Kast 2005, S. 46).

Bei der tiefenpsychologischen Deutung von Märchen wird jeweils auf die (positiven und negativen) Mutter- und Vaterkomplexe hingewiesen. Dabei ist Folgendes zu berücksichtigen:

Es gibt nicht nur die Erfahrung mit der persönlichen Mutter und dem persönlichen Vater, sondern in jedem Menschen ist auch die Erwartung an archetypisch Mütterliches und archetypisch Väterliches angelegt; jeder Mensch erwartet ein gewisses Maß an Mütterlichem und Väterlichem“ (Kast 2005, S. 40).

 

4.2. Methoden der tiefenpsychologischen Deutung von Märchen

Subjektstufige Deutung
Jede Figur, die in einem Märchen auftritt, kann als Teil der Persönlichkeit der Märchenheldin/des Märchenhelden aufgefasst werden. Der Spielmann in König Drosselbart ist dann beispielsweise kein realer Mann, der die Königstochter auf die Probe stellt, sondern er kann einen Fächer an Figuren männlicher Vorstellungen und Bilder sein oder eine „innere Stimme“ verkörpern, die an die Königstochter appelliert, endlich das väterliche Schloss zu verlassen und sich auf den Weg hinaus in die Welt zu begeben.

Alle Personen, Gegenstände, Handlungen und Ereignisse eines Märchens stellen Teile, Kräfte und Vorgänge in ein und derselben Person dar. Märchen sind gleichsam der Spiegel für das „Theater in mir“. Die Inhalte und Verhaltensmuster der Märchen werden demnach zu Symbolen für Prozesse der Reifung, des Selbstständigwerdens sowie der Selbstverwirklichung.

Die Personen und Gestalten in den Märchen geben einem die Möglichkeit, etwas, was sich in einem abspielt, bildhaft sehen zu können. Märchen machen demnach psychische Vorgänge konkret und lassen sie figürlich werden.

Objektstufige Deutung
Bei dieser Methode der Deutung haben die Personen und Gegenstände einen Bezug zur äußeren Realität. Interpretiert man ein Märchen objektstufig, dann werden die Menschen als konkrete Personen der Realität angesehen.

Der Königsvater in König Drosselbart ist dann nicht der Archetyp „Vater“ bzw. ihr „Animus“ (als Sammelstelle ihrer Vorstellungen von Männlichem), sondern er ist der Vertreter eines gesellschaftlichen patriarchalen Systems mit allen Folgen der Unterwerfung der Tochter unter sein Normensystem.

In der subjektbezogenen Deutung wird das Ich mit den verschiedenen Aspekten ihrer Person konfrontiert, was zu einer Bewusstseinserweiterung führen kann, bei der objektstufigen Deutung dagegen sind Märchen Abbild äußerer Lebensumstände und werden dementsprechend auch so benannt und abgelöst von innerpsychischen Anteilen der Person aufgezeigt:

In der objektstufigen Sichtweise, wo Figuren und Reaktionen an sich zählen, kann zur Kenntnis genommen werden, wie die äußere Realität tatsächlich ist und wie sie sich auf das Einzelwesen Mensch auswirkt“ (Baumgardt 1987, S. 101)

Themen und Aufgaben der Entwicklung in der Adoleszenz
Märchen lassen sich immer auch anders interpretieren. In den tiefenpsychologischen Deutungen der nachfolgend aufgeführten Märchenverfilmungen werden die Geschichten und Motive vor dem Hintergrund der Entwicklungsthemen und Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz interpretiert, unter Einbezug der Symbole und Archetypen, sowie der Persona und des Schattens.

Da Märchen im besonderen Maße Familienromane sind, werden bei der Deutung auch Aspekte der Familienkommunikation berücksichtigt. Für Familie sowie Paarbeziehung sind (nach Juul 2008) folgende vier Werte von kulturübergreifender Bedeutung: Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität, Verantwortung. Die Frage nach diesen Qualitäten wird in den Deutungen der „Familienromane“ Dornröschen, König Drosselbart, Der Froschkönig, Das tapfere Schneiderlein sowie Tischlein deck dich jeweils manifest und aufgezeigt.

 

Dr. Jürgen Barthelmes

 

Literatur

Barthelmes, Jürgen/Sander, Ekkehard (2001): Erst die Freunde, dann die Medien. Medien als Begleiter in Pubertät und Adoleszenz. München

Baumgardt, Ursula (1987): König Drosselbart und C.G. Jungs Frauenbild. Kritische Gedanken zu Anima und Animus. Olten und Freiburg im Breisgau

Bettelheim, Bruno (1976): Kinder brauchen Märchen. Stuttgart

Campell, Joseph (1978): Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt am Main

Campell, Joseph (1989): Die Kraft der Mythen: Bilder der Seele im Leben der Menschen. Zürich und München

Diederichs, Ulf (2006): Who’s who im Märchen. Düsseldorf

Drewermann, Eugen (2005): Dornröschen. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Düsseldorf und Zürich

Feldmann, Christian (2009): Von Aschenputtel bis Rotkäppchen. Das Märchen-Entwirrbuch. Gütersloh

Fend, Helmut (2001): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Ein Lehrbuch für pädagogische und psychologische Berufe. Opladen

Flaake, Karin/King, Vera (Hrsg.) (1992): Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen, Frankfurt am Main/New York

Hüther, Gerald (2006) : Weshalb wir Märchen brauchen. Neurobiologische Argumente für den Erhalt der Märchenerzählkultur. In: Harlinda Lox/Werner Schmidt/ Thomas Bücksteeg (Hrsg.): Stimme des Nordens in Märchen und Mythen. Jahresband der Europäischen Märchengesellschaft. Krummwisch

Jakoby, Mario (1994) : Dornröschen und die böse Fee. Zum Problem des ausgesperrten Bösen. In: Jacoby, Mario/ Kast, Verena/ Riedel, Ingrid: Das Böse im Märchen. Freiburg, Basel, Wien, S. 175–193

Jellouschek, Hans (2006): Ich liebe Dich, weil ich dich brauche. Der Froschkönig. Stuttgart

Jung, Carl Gustav (1993): Archetypen. München

Juul, Jesper (2008): Was Familien trägt. Werte in Erziehung und Partnerschaft. Weinheim und Basel

Kast, Verena (1989): Märchen als Therapie. München (11. Auflage 2008)

Kast, Verena (1988): Familienkonflikte im Märchen. München (7. Auflage 2004)

Kast, Verena (1990): Die Dynamik der Symbole. Grundlagen der Jungschen Psychotherapie. Olten

Kast, Verena (2002): Der Schatten in uns. Die subversive Lebenskraft. München (5. Auflage 2008)

Kast, Verena (2005): Vater-Töchter, Mütter-Söhne. Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen. Stuttgart

Murdock, Maureen (1994): Der Weg der Heldin. Eine Reise zur inneren Einheit. München

Nuber, Ursula (2005): Resilienz: Immun gegen das Schicksal? In: Psychologie heute, 9/2005

Savater, Fernando (1982): Im Land der Märchen. In: UNESCO Kurier, H. 6/1982, S. 4–6

Scherf, Walter (1995): Das Märchenlexikon. 2 Bände. München

Vogler, Christopher (1998): Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos. Frankfurt am Main

Waiblinger, Angela (1988): Dornröschen. Auch des Vaters liebste Tochter wandelt sich zur Frau. Zürich

Wustmann, Corinna (2009): www.ifp.bayern.de/veroeffentlichungen/infodienst/wustmann-resilienz.html

 

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