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Durchblick 6+ – Das tapfere Schneiderlein – Christian Theede – D 2008 – 59 min.

2.5 Themen und Deutungsversuche

Das Schneiderlein hat Hunger – aber nach was?

Gelöst und gelassen, heiter und voller Zuversicht verrichtet der junge Schneider seine Arbeit und scheint erfolgreich in seinem Handwerk zu sein. Er ist jung an Jahren und lebt allein. Er ist ein lustiger und listiger Geselle, an ihm könnten seine Eltern ihre Freude haben, doch von ihnen ist in diesem Familienroman niemals die Rede.

Der junge Schneider hat Hunger, und da kommt ihm gerade die Bauersfrau zurecht, die ihm Mus anbietet, also etwas Nährendes. Sie müsste ihn eigentlich an seine Mutter erinnern, doch sie kommt ihm nicht in den Sinn. Frauen scheint er nicht besonders zu achten, denn er veräppelt die Bauersfrau:

Er „braucht sie, gebraucht sie und missbraucht sie“, denn „er hält sein Maß für das Maß aller Dinge, er mag sich nicht in Frauen einfühlen“ (Kast 1989, S. 56).

Mit dem Mus könnte er jetzt seinen Hunger stillen und sich nähren, aber er tut es nicht, denn er gebraucht das Mus für etwas anderes: er erschlägt sieben Fliegen auf einen Streich und ernennt sich zum „Helden“. Er überspielt seinen Hunger, der sich nicht nur auf Nahrung bezieht, und bricht auf, um der Welt zu zeigen, wer er wirklich ist – auf jeden Fall kein Schneider. Er hat einen Hunger nach Anerkennung, und (was ihm noch nicht bewusst ist) nach Nähe, Beziehung und Geborgenheit. Er lässt die Menschen nicht an sich heran und er versteht es meisterhaft, die Menschen zu manipulieren. Wo aber hat er das gelernt?

Die Zunft der Schneider, oder die Kunst der Umdeutung

Schneider müssen sich die Menschen genau ansehen, damit sie ihnen die entsprechende Kleidung verpassen können. Schneider kennen das Gesetz „Kleider machen Leute“. Schneider müssen sich in eine Person einfühlen können, was ihnen eine geheime Macht verleiht. Sie sind es, die Menschen anziehen und salopp für ihr öffentliches Auftreten machen. Beim Anprobieren kommen sie den Menschen sehr nahe und dabei bleibt ihnen nichts verborgen an Eigenschaften, Schwächen und Marotten.

Schneider ziehen die Menschen an, im doppelten Sinn: die Menschen kommen gerne zu ihnen und sie selbst können mit dem Schnitt der Kleider auch Mängel und Fehler der Menschen kaschieren.

Schneider „sind zuständig für unsere ‚Persona’“ (Kast 1989, S. 57), also für unser Aussehen und für unsere Erscheinung, denn wie wir uns in den Kleidern fühlen, so treten wir auch auf, treten in der Öffentlichkeit an – und durch unsere Kleider wird allen ersichtlich, was uns steht und was uns zusteht. Mit Kleidern tritt das Innere nach außen.

Eine solche empathische Kompetenz kommt dem jungen Schneider zugute: Er manipuliert die Bauersfrau, die Riesen, die Tiere im Wald und auch den König mitsamt seiner Tochter und seinem Heer. Man muss nicht stark sein, aber man muss es im Köpfchen haben – das ist die Devise des jungen Schneiders. Mit diesen Fähigkeiten verbindet sich bei ihm auch die Kunst der Umdeutung. Wer etwas gut kennt und Bescheid weiß, kann Menschen und Dinge für sich benutzen:
Die sieben Fliegen werden zur Heldentat, der Vogel und der Käse werden zu Steinen, die Riesen kann er tanzen lassen bis sie tot umfallen, das Einhorn lässt er mit seiner Kraft ins Leere laufen und den König trickst er mitsamt seiner Tochter nach Strich und Faden aus.

Alles hat für den jungen Schneider immer noch eine andere Bedeutung, die sich zum eigenen Vorteil nutzen lässt:
„Das Schneiderlein in uns wäre demnach eine schwache, aber eine listenreiche, trickreiche Seite, die unbedingt eine Rolle im Leben spielen will. ... In uns allen kann ein durchschlagendes Erlebnis, dass wir etwas besonders gut gemacht haben, über alle Erwartung und unverhofft gut gemacht haben, einen Schub von Selbstvertrauen auslösen, der uns von da an mehr Mut und Hoffnung zur Bewältigung des Lebens gibt als je bisher“ (Kast 1989, S. 57).

Der Größenwahn treibt ihn aus dem Haus

Der junge Schneider war bislang noch nicht draußen in der Welt, doch jetzt soll die ganze Welt von ihm und seiner Heldentat „Sieben auf einen Streich“ erfahren.

„Mir gehört die ganze Welt“ – dies ist ein häufiger Ausspruch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Größenwahn, Größenideen, Selbstvergrößerung, Selbstüberschätzung, Omnipotenzvorstellungen sind zum einen Ausdrucksformen von Energie und Einfallsreichtum, zum anderen typische Muster infantiler sowie adoleszenter Fehleinschätzungen. Wir kennen diese Typen aus Kindergarten, Schule und Beruf: Angeber, Aufschneider, Hochstapler, Prahler, Trickser, notorische Lügner. Wir bewundern, beneiden und verachten diese schillernden Figuren. Sie sprechen meist eine ungelebte Seite in uns an, denn gerne würden wir öfters auch mal die anderen über den Tisch ziehen. Doch wie oft fehlt uns dann im richtigen Moment ein Stück Selbstvertrauen – der junge Schneider jedenfalls ist mit dieser Fähigkeit gesegnet, doch List und Tücke können auch umschlagen.

Der junge Schneider hat seine Schwächen und Minderwertigkeitskomplexe, die ihm aber nicht bewusst sind, und so muss „seine Schwäche kompensiert werden, und kompensiert wird sie eben durch Bewunderung und Macht“ (Kast 1989, S. 58).

Mit seinem Blick für das Realistische, kann er all die kniffligen und auch gefährlichen Situationen auf seiner „Heldenreise“ durch die Welt zu seinen Gunsten einschätzen und nutzen. So weiß er beispielsweise genau, dass er es körperlich und kräftemäßig mit einem Riesen niemals aufnehmen kann, und aus dieser Minderwertigkeit heraus („Du Lump! Du miserabler Kerl!“) verlässt er sich auf seine Schlauheit und List. Sein „Riesenanspruch“ an sich selbst zeigt (s)eine narzisstische Problematik:

Wem muss er eigentlich seine Überlegenheit, seine Schlauheit, seine Listigkeit beweisen? Hatte er möglicherweise Eltern, die alles von ihm forderten und abforderten, so dass er sich selbst immer wieder zwanghaft unter Beweis stellen muss, um die „inneren Stimmen“ des Vaters und der Mutter zufrieden zu stellen?

Den Spieß einfach umdrehen

Der Entwicklungsprozess eines jungen Menschen hat unter anderem zum Ziel, Selbstständigkeit bzw. persönliche Autonomie zu erwerben sowie unabhängig zu werden von inneren oder äußeren Zwängen, die sich meist aus dem Aufwachsen in der jeweiligen Familie ergeben haben. Ist es aber mit dem Anlegen eines Gürtels (versehen mit Medaillen, Schärpen und Verdienstkreuzen) allein schon getan?

Ein Gürtel ist ein Kreis und somit ein Symbol für Kraft. Ein Gürtel versinnbildlicht eine moralische und geistige Bindung, er steht für Anstand und Sittlichkeit. Einen Gürtel sich anlegen, bedeutet ferner, sich auf die Reise zu machen.

„Sieben auf einen Streich“: Die Zahl Sieben steht für Vollkommenheit, Ganzheit, Vollendung. Indem der junge Schneider diesen Heldengürtel anlegt, dreht er den Spieß des Entwicklungsprozesses einfach um: Er postuliert sich schon vorher als Held, bevor er überhaupt die Heldenreise angetreten und die Bewährungsproben bestanden hat.

Das narzisstische Muster des Größenwahns und der Selbstüberschätzung birgt jedoch die Falle, dass man sich selbst belügt, nur um andere zu beeindrucken. Die Bewunderer aber können schnell zu Feinden werden. Andererseits, wer sich selbst etwas zutraut, stärkt sein Selbstvertrauen – und dies ist ja auch ein Ziel der persönlichen Reife.

Die Heldenreise beginnt mit einem Riesen-Kampf

Der junge Schneider fühlt sich immer als etwas Besonderes:
„Unsere Größenideen sind meistens riesengroß, riesendumm usw. Trotzdem will ich die Größenideen nicht schlecht machen; die Größenideen haben die Tendenz, unser Lebensprogramm zu schreiben, und damit setzen wir uns dann besser oder schlechter auseinander“ (Kast 1989/2008, S. 61).

Die Heldenreise des jungen Schneiders steht unter Beweisnot und Beweiszwang. Der lebenserfahrene König misstraut dem jungen Kerl und stellt ihn immer wieder vor neue Aufgaben, die scheinbar unlösbar sind. Der König ist wie die innere Stimme des Vaters im jungen Schneider: „Das genügt noch nicht“ – ein Satz, den Kinder und Jugendliche von (perfektionistischen) Eltern zur Genüge kennen.

Mit seiner Methode der List sowie mit seinem (vom Größenwahn geprägten) Selbstvertrauen kann der junge Schneider zwar auf seine „schlauen Kräfte“ bauen, doch was ist letztlich mit dem Besiegen der Riesen, des Einhornes oder der Wildsau für ihn gewonnen – bedenkt man die Ziele des seelischen Entwicklungsprozesses?

Die Kunst der List – ein kindliches Vergnügen

Es ist faszinierend zu sehen (und insbesondere für Kinder), wie der junge Schneider das Böse in Gestalt der Riesen besiegen und diese mittels List überrumpeln kann: Macht man sich die Absichten des Gegners selbst zu eigen und versetzt man sich in ihre Verhaltensweisen, dann kann man es auch mit Riesen aufnehmen. Der junge Schneider weiß um deren Dummheit und Begriffsstutzigkeit, und so beobachtet er erst einmal die Riesen vom Geäst des Baumes aus (Vogelperspektive). Nachdem er die Lage erfasst hat, wirft er Steine auf die Brust der starken Männer und löst somit einen Streit dieser Kerle untereinander aus, der bis zur Selbstvernichtung der starken Männer führt.

Riesen aufeinander hetzen, bis sie sich gegenseitig umbringen, ist „eine List, die man beispielsweise im Familiensystem oft findet. Hat ein Kind etwas ausgefressen, wirft es ganz schnell irgendein Streitthema der Eltern ins Gespräch, oder sagt etwa: ‚Der Vater hat gesagt, dass du gesagt hast ...’ Und dann beginnen die beiden meistens zu kämpfen, und das Kind kann – bildlich gesprochen – oben auf dem Baum genüsslich zusehen“ (Kast 1989, S. 63).

Kinder haben ihre Freude an dem tapferen Schneiderlein, denn sie fühlen sich bestätigt, dass man gegen die Riesen, sprich Erwachsenen auch ankommen kann, und zwar mit List und Tücke, mit Mut und Selbstgewissheit. Das Schneiderlein ist ein mit der Kraft an Resilienz gesegneter Bursche, der scheinbar jeder Situation gewachsen ist und schon gar nicht an Hilflosigkeit denkt. Aber kann das wirklich genügen?

Der junge Schneider: ein egoistischer Typ und in der Entwicklung stecken geblieben

Der junge Schneider lässt das Einhorn einfach in den Baum und damit ins Leere rennen. Das Einhorn ist bei Kindern ein beliebtes Tier und es muss ihnen weh tun, wie er mit diesem Tier umgeht. In der Mythologie ist das Einhorn ein wildes Pferd, das nur Jungfrauen fangen können. Unter seinem Horn wächst ein Karfunkelstein, der Wunden heilen kann. In Anwesenheit einer Jungfrau ist es sanftmütig und gütig. Symbolisch steht es auch für Fruchtbarkeit.

Das Bewältigen von Aufgaben zusammen mit anderen kommt dem jungen Schneider nicht in den Sinn. Warum hat er für die Lösung der Aufgabe, das Einhorn einzufangen, nicht die Königstochter mit einbezogen, zumal ein Einhorn sich von einer Jungfrau fangen lässt? Gut, der König wollte den Beweis von ihm haben und hätte ihm dafür seine Tochter wohl nicht überlassen. Aber (subjektstufig gefragt) das weibliche Element interessiert den Schneider nicht und das Einhorn als Kraft, als „Stoßkraft sexueller und spiritueller Natur“ (Kast) lässt er für sich auflaufen; er kann die Qualität dieses Tieres bzw. dieser Aufgabe nicht für sich annehmen. Er lässt Beziehung, Erotik und Sexualität verpuffen, das Horn und damit das Heilmittel, das vielleicht seine innere Wunde heilen könnte, steckt im Baumstamm (der für die „Große Mutter“ steht).

Das Lebendige ist festgefahren, das bedeutet, „dass hier seine Aggression – im weitesten Sinn – eher im Mutterkomplex steckenbleibt, als dass damit wirklich etwas Produktives, Veränderndes vollzogen würde. Die wilde, konzentrierte Triebhaftigkeit ist gefangen, sie ist unter Kontrolle, sie bewirkt nichts mehr“ (Kast 1989/2008, S. 66).

Das Einhorn und das Wildschwein scheinen für seine verbotenen Wünsche und vitalen Wünsche zu stehen. Warum versagt er sich eine andere Art der Beziehung mit den Menschen sowie mit den vierbeinigen Lebewesen? Was unterdrückt er, was lässt er nicht raus, was verleugnet er? Was gesteht er sich nicht zu – trotz seines Größenwahns?

Die Wildsau erinnert ihn nicht an seine Triebe, an seine Bedürfnisse, nein, auch dieses starke Wesen (Symbol der Fruchtbarkeit und Opfertier der Muttergöttin Demeter) lässt er in die Kapelle rennen. Lust und Leidenschaft, Körperlichkeit und Sinnlichkeit sowie das „Sich sauwohl Fühlen“ sind nun sicher verwahrt, verdrängt und von seiner Persona abgespalten.

Wie steht es mit dem persönlichen Gewinn des jungen Schneiders

„Die Sau habe ich gefangen und die Königstochter damit auch“, er spricht von Menschen und Lebewesen wie von Trophäen. Die Bewährungsproben hat er zwar bestanden, aber hat er sich über diese Aufgaben wirklich weiter entwickelt?

Sein persönlicher Gewinn besteht doch lediglich darin, von den Menschen bestaunt und bewundert zu werden, doch dies kann leicht umschlagen in Neid, Misstrauen und Hass. Seine Grandiosität macht den Leuten Angst und selbst dem großmächtigen König erscheint er nicht geheuer.

Sein Riesenanspruch an sich selbst macht ihn einsam und es ist bei ihm einfach keine Wandlung festzustellen. Er macht immer nur weiter wie gehabt. Er hat für sich selbst nichts entwickelt, er hat nur zwanghaft seine Grandiosität perfektioniert. Obgleich er die Kunst der List und der Umdeutung beherrscht, ist er eben „nur das alte Schneiderlein“ geblieben: Er ist nach wie vor nicht fähig, sich auf eine Frau einzulassen, geschweige denn um sie zu werben mit Worten und anderen Taten (als nur mit Aufschneiderei).

Beziehung und Liebe sind für ihn Fremdwörter geblieben. Er stellt sich stets nur selbst ins Licht, er kennt nur das Prinzip, alles haben zu wollen und besitzen zu müssen. Welche Frau aber möchte einen solchen Mann zum Lebens- und Liebespartner?

Das Gefühl der Minderwertigkeit steigt zwar aus seinem Unbewussten auf, indem er die Wahrheit im Schlaf redend benennt. Doch diese erkennt nur die Königstochter, er jedoch nicht. Mit dem Prinzip List und Macht kann keine Beziehung gestaltet werden, dafür sind andere Qualitäten gefragt. Der junge Schneider ist nicht aufrichtig, ist nicht authentisch:

„Wenn man diese Tochter als unbewussten weiblichen Aspekt des Schneiderleins verstehen will, als Anima-Aspekt, dann müsste man sagen, dass dieser Anima-Aspekt im Vaterkomplex gefangen ist; das ‚Vaterkomplexige’, das sich hier als Macht, als Habenwollen, als Kontrolle usw. ausdrückt, dominiert absolut. Die List ist letztlich diesem Habenwollen verpflichtet. Das listige Verhalten hätte irgendwann abgelöst werden müssen durch ein liebevoll einfühlendes Verhalten. Spätestens am Hof des Königs hätte sich das Schneiderlein neu und anders verhalten müssen“ (Kast 1989, S. 67/68).

 

Dr. Jürgen Barthelmes

 


Literatur

Kast, Verena (1989): Das tapfere Schneiderlein. Die Identifikation mit einem Märchenhelden. In: Kast, Verena: Märchen als Therapie. München (11. Auflage 2008), S. 46–71

 

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