
Durchblick 6+ – Das tapfere Schneiderlein – Christian Theede – D 2008 – 59 min.
Als Literaturverfilmung bezeichnet man einen auf einem literarischen Werk basierenden Film. Die Grundlage für eine filmische Adaption bietet meist ein Roman. Es gibt aber auch Verfilmungen aus Erzählungen, Kurzgeschichten, Comics oder wie in diesem Fall aus einem Märchen. Das Drehbuch weicht in der Regel von der Literaturvorlage ab. Da eine Geschichte im Film kürzer und knapper erzählt werden muss, als beispielsweise in einem Roman, kommt es häufig vor, dass Handlungsstränge fehlen oder vereinfacht dargestellt werden. Auch kommt es vor, dass manche Dialoge und Personen gar nicht erscheinen oder nur bestimmte Textteile der Vorlage umgesetzt werden, entweder weil sich andere Textteile besser filmisch umsetzen lassen oder aus dramaturgischen Gründen. Denn ein Film funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Buch. Zudem hat jeder Regisseur seine eigenen künstlerischen Ansprüche und individuellen Ideen und Interpretationsansätze. Märchenverfilmungen sind dahingehend etwas Besonderes. Im Gegensatz zum Roman, ist die Literaturvorlage sehr kurz und knapp. Die Figuren werden nur oberflächlich beschrieben, Ort und Zeit sind nicht festgelegt. Märchen vermitteln ihre Botschaften sehr direkt. Dazwischen gibt es sehr viel Raum für Phantasie und Interpretation. Über Motive und Gefühle der Märchenfiguren, warum sie so und nicht anders handeln, erfährt man in den Überlieferungen oft wenig. So ergeben sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, was sich in der Vielfältigkeit an Märchenverfilmungen deutlich widerspiegelt. Während bei Romanverfilmungen Handlungsstränge verkürzt werden, werden bei Märchenfilmen Handlungsstränge ausgedehnt oder oft neue dazu erfunden. Neue Figuren und Dialoge werden eingeführt und die Sprache im Märchenfilm wird oft modernisiert.
Diese Interpretation des Märchens orientiert sich weitestgehend an der Vorlage. Der Film folgt dem Erzählstrang des Märchens, nimmt sich aber an einigen Stellen erzählerische Freiheiten heraus.
Im Gegensatz zum Märchen besitzen die Hauptcharaktere alle Namen. Das Schneiderlein heißt David, die Prinzessin Paula, des Königs intriganter Minister Klaus und sogar der erste Riese bekommt einen Namen und heißt Lothar. Somit bekommen die Figuren mehr Persönlichkeit und werden damit einzigartig in ihren ganz eigenen Charaktereigenschaften, die sich teilweise deutlich von der Vorlage unterscheiden.
Schneider David z. B. wird im Film weniger als Lügner und Aufschneider dargestellt. Ihm fehlt jede Arroganz. Vielmehr betont der Film die Schlauheit des kleinen Mannes und den Traum, alles schaffen zu können, wenn man es nur will. Er will sich auch nicht das Königreich unter den Nagel reißen und die Hochzeit mit der Prinzessin dafür in Kauf nehmen. Er bekommt sie, weil beide ineinander verliebt sind. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Paula deutlich von der Prinzessin aus dem Märchentext. Sie liebt David, auch als sie erfährt, dass er nur ein Schneider ist. Sie verzeiht ihm die Lüge und warnt ihn sogar vor dem Angriff von Klaus, was im Märchentext ein Waffenträger des Königs übernimmt. In diesem Sinne ist der Film deutlich romantischer als seine Vorlage und verzaubert sein Publikum in einigen wahrhaftig magischen Momenten, wenn z. B. Paula und David gemeinsam in ihrem Zimmer ein Lied singen. Auch das Ende des Films ist überaus romantisch.
Die Figur des Königs, wie man sie im Film erlebt, gibt es so im Märchen nicht. Er sorgt für die meisten Lacher, verwechselt ständig Sprichwörter, hat chronische Kopfschmerzen und ist vom Königsein eigentlich genervt. Im Film wird der König zum Freund des Schneiders, der sich nur widerwillig von seinem Minister zu den gefährlichen Aufgaben überreden lässt. Er will ihn auch nicht loswerden, als er erfährt, dass David nur ein einfacher Schneider ist, lässt sich jedoch erneut dazu überreden. Im Märchen aber sind es gerade der König und die Prinzessin, die den Schneider eigentlich loswerden wollen.
Für diese Abneigung wurde eine neue Figur erfunden. Klaus mag David nicht und will ihn loswerden, damit er die Prinzessin heiraten und König werden kann. Und dafür ist ihm jedes Mittel recht.
Für die vielen Soldaten des Reiches, die Reiter und Jäger, die den Schneider zu seinen Aufgaben begleiten, werden im Film immer die gleichen drei Personen eingesetzt. Sie stehen symbolisch für die Gefolgschaft und die Armee des Königs.
Trotz einiger Veränderungen, die vor allem die Hauptfiguren betreffen, sind der Kern der Geschichte und ganz zentrale Merkmale des Märchens erhalten geblieben.
Die Dreizahl:
Wie auch im Märchen muss der Schneider dem Riesen dreimal beweisen, wie stark er ist. Er quetscht einen Käse aus, wirft den Vogel in die Luft und überlistet den Riesen beim Schleppen des Baumes. Weiterhin muss er drei gefährliche Aufgaben erfüllen, bevor er die Prinzessin heiraten darf. Er tötet die Riesen, zähmt das Einhorn und fängt das Wildschwein.
Die Sieben:
Wie auch der in Vorlage erschlägt der Schneider sieben Fliegen auf einmal und stickt sich die Zahl groß auf einen Gürtel.
Der Held ist ein Verlierertyp:
Der Märchenheld ist zu Beginn ein armer Schneider, der allein in seiner Kammer sitzt und tagtäglich arbeiten muss.
Ablauf der Märchenhandlung/Die Reise des Helden:
Der Film greift den typischen Ablauf einer Märchenhandlung auf. Der Märchenheld empfindet einen Mangel und begibt sich auf eine Reise. David ist ein armer Schneider und mit seiner Lage unzufrieden. Er will in die Welt hinaus und allen zeigen, was er für ein Kerl ist. So verlässt er sein Haus und sein Dorf und begibt sich auf eine Reise in die große weite Welt. Er erlebt Abenteuer, muss gefährliche Aufgaben bewältigen und steht gefürchteten Gegnern gegenüber. Ist er zu Beginn arm und allein, kommt er am Ende des Films zu großem Reichtum und heiratet eine wunderschöne Prinzessin.
Böse Gegenspieler:
Davids böser Gegenspieler ist Klaus. Dieser will ihn loswerden und überzeugt den König, David drei gefährliche Aufgaben erfüllen zu lassen.
Wiederholungen:
Wie in der literarischen Vorlage wiederholen sich die Handlungsabläufe der Szenen, in denen er die drei Aufgaben bewältigen muss. David erhält vom König den Auftrag, geht zusammen mit drei Soldaten/Jägern des Königs bis zum Rand der Wälder und geht dann allein weiter. Er erfüllt die Aufgabe erfolgreich und kehrt zum Schloss zurück.
Raum und Zeit:
Er werden auch im Film keine genauen Orts- und Zeitangaben gemacht. Der Zuschauer sieht zwar ein Schloss, den Wald oder die Kammer des Schneiders, kann diese aber keinem bestimmten Ort und keiner bestimmten Zeit zuordnen.